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#2 Libyen,Serbien,Nazi-Tinder

Das Logo des Selbstlaut Kollektivs, eine zusammengerollte Zeitung als Schirm eines Megafons. (Abre numa nova janela)

Hallo,
ich heiße Paul Hildebrandt und in diesem Newsletter nehme ich euch mit hinter die Kulissen unserer Recherchen. Es geht um Verbrechen in Libyen und Proteste in Serbien. Außerdem erzähle ich von einer berührenden Veranstaltung, die wir erstmals organisiert haben. Wie immer freuen wir uns auf Feedback und Austausch - und natürlich über Recherche-Hinweise (dazu ganz am Ende des Newsletters mehr): Please, get in touch!

Hinter der Recherche: Europas Schuld in Libyen

In den letzten Wochen habe ich einen Prozess verfolgt, von dem ich finde, ganz Europa hätte zuschauen sollen.

In der niederländischen Kleinstadt Zwolle stand ein Mann vor Gericht, der in der libyschen Wüste tausende gefoltert haben soll. Aber es ist kein Einzelfall.

Geflüchtete, die Europa aus Libyen kommend erreichen, berichten schon seit vielen Jahren von diesen Foltercamps. Jedes Jahr wird es schlimmer. Mittlerweile frage ich mich: Wenn wir als Gesellschaft bereit sind, das zuzulassen, nur, um weniger Migrant:innen nach Europa zu lassen - wo führt uns das moralisch hin?

Der Prozess in den Niederlanden hat nun zum allerersten Mal einen der verantwortlichen Täter auf die Anklagebank gesetzt. Es ist ein historischer Prozess.

Der Mann, den man dort erleben konnte, wirkte nicht Besonders. Schmal, zurückgezogen. Ein bisschen wie bei Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen. Er war selbst mal Migrant, ist aus Eritrea geflohen, ein bitterarmes Land und eine brutale Diktatur. Er hat sich erst als Schmuggler verdingt, als das nicht mehr so gut lief, ist er wohl ins Foltergeschäft eingestiegen.

Beim Prozess in Zwolle ging es deshalb auch darum, wie systematisch in Libyen mittlerweile gefoltert wird. Längst gibt es offizielle UN-Berichte (Abre numa nova janela), wonach auch in den „offiziellen“ libyschen Camps Folter längst ein übliches Mittel ist, um noch mehr Geld aus den Migrant:innen zu erpressen. Für die WOZ (Abre numa nova janela)habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Lucia Heisterkamp über diesen Prozess geschrieben. Eine Interviewpartnerin aus der eritreischen Community sagte mir: „Jetzt steht wieder ein schwarzer Mann für das Übel in der Welt, dabei sitzen jene, die das erst möglich machen, doch ganz woanders.“ Sie meinte damit Europa, unsere Politiker, uns.

In diesem Prozess sprachen viele Betroffene, ohne sie hätte es diese Ermittlungen nicht gegeben. Viele von ihnen sind vermutlich traumatisiert, trotzdem wollten sie ihre Geschichte erzählen. Ich finde, wir sind es ihnen schuldig, zuzuhören.

Einer unserer Texte dazu, war gerade für den Deutschen Reporterpreis nominiert. Du kannst ihn hier (Abre numa nova janela) nachlesen.

Empfehlungen aus dem Kollektiv 

Serbien: Europas größte Protestbewegung
Seit mehr als einem Jahr protestieren in Serbien Menschen gegen die Regierung. Auslöser war der Einsturz eines Bahnhofsdachs in der Stadt Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Forderten die von Studierenden angeführten Demonstranten am Anfang vor allem Aufklärung und ein Ende der Korruption, wollen sie jetzt das Ende des Regimes von Aleksandar Vučić

Mein Kollege Bartholomäus Laffert lebt seit eineinhalb Jahren in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Seitdem berichtet er über die Entwicklungen. Er schreibt über die brutale Repression (Abre numa nova janela), die Leute, die die Regierung noch immer unterstütze (Abre numa nova janela)n und den zivilen Widerstand (Abre numa nova janela). Falls ihr Interesse an seiner Arbeit habt, nehmt gerne Kontakt (Abre numa nova janela) mit ihm auf.

Selbstlaut Live vom Chaos Computer Club Congress: The Heartbreak Machine - Nazis in the Echo Chamber
WhiteDate ist eine Dating-Plattform, die sich an weiße Rechtsextreme mit völkischem Denken richtet. Was die 8000 Mitglieder nicht wussten: Einige der Nazis flirteten dieses Jahr mit realistisch wirkenden Chatbots - und verliebten sich sogar in sie. Mit einer Kombination aus automatisierter Konversationsanalyse, Web-Scraping und klassischen OSINT-Methoden verfolgten Eva Hoffmann und ZEIT-Kollege Christian Fuchs mithilfe einer technisch versierten Quelle öffentliche Spuren und identifizierten die Personen hinter der Seite. In ihrem Talk beim CCC Congress (Abre numa nova janela) werden sie zeigen, wie KI-Personas und investigatives Denken extremistische Netzwerke aufdecken und wie Algorithmen gegen Extremismus eingesetzt werden können. Die Recherche liest du hier (Abre numa nova janela)und hier (Abre numa nova janela).

—> Und falls ihr beim CCC Congress in Hamburg seid: Kommt vorbei! Es wird auch einen Livestream geben, den findet ihr hier (Abre numa nova janela)

In Bildern

Ein junger Mann springt kopfüber in einen Fluss. Hinter ihm sieht man eine rostige Brücke. Ein paar Kinder schauen zu. (Abre numa nova janela)
Kurz nach dem Sturz Baschar al-Assads reiste meine Kollegin Laila Sieber nach Syrien und hielt fest, wie der 15-Jährige Abdallah in Rakka einen Sprung in den Euphrat wagte. Gemeinsam mit Bartholomäus Laffert berichtete sie über die Situation in der kurdisch dominierten Autonomen Selbst­verwaltung Nord- und Ostsyrien. Klickt aufs Foto für den ganzen Text

Wenn euch die Situation in Syrien interessiert, dann hört doch mal rein (Abre numa nova janela), was meine Kollegin Anna-Theresa Bachmann zu erzählen hat. Sie ist gerade vor Ort.

Was macht das Kollektiv?

In dieser Rubrik schauen wir sonst immer auf die Arbeit von Kolleg:innen. Im vergangenen Jahr haben wir als Kollektiv (Abre numa nova janela)intensiv zu Femiziden und Gewalt gegen Frauen recherchiert. Wir haben uns mit persönlichen Schicksalen beschäftigt und versucht, die strukturelle Ebene zu begreifen. Zum Ende dieser Recherche haben wir dann etwas Neues ausprobiert:

Wir haben euch eingeladen, mit uns über unsere Recherchen zu diskutieren. Wir wollten wissen: Welche Wege gibt es aus der Situation?

Dazu haben wir gemeinsam mit dem Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung eine Fachtagung zum Thema Femizide organisiert. Gemeinsam mit mehr als sechzig Besucher:innen haben wir uns einen Nachmittag lang mit den unterschiedlichen Aspekten dieser Recherche beschäftigt: Mit medialer Berichterstattung, mit dem persönlichen Umgang nach einem versuchten Femizid, mit der Frage: Was muss politisch passieren, damit sich die Lage verbessert? Dazu hatten wir tolle Panelistinnen geladen: Die Anwältin Christina Clemm, die ehemalige Ministerialdirektorin der Abteilung Gleichstellung im Ministerium Petra Follmer-Otto und die Überlebende eines Femizids Henriette Wunderlich, die bei uns ihr neu erschienenes Buch (Abre numa nova janela)vorstellte.

Unser letztes Panel könnt ihr hier (Abre numa nova janela)noch einmal anschauen.

Als Journalist:innen erleben wir selten, was aus unseren Recherchen wird. Dieses Mal haben wir es anders gemacht, es war eine gute Entscheidung. Wir werden das in Zukunft öfter machen!

CALL FOR SUPPORT:

Im kommenden Jahr planen wir wieder eine Jahres-Recherche. Dieses Mal soll es um Rüstungspolitik und Militarisierung gehen. Wir wollen herausfinden, was die “Zeitenwende” mit der Industrie macht und mit uns als Gesellschaft. Falls ihr zu diesem Thema Hinweise oder Ideen habt, schreibt uns gerne eine Nachricht an: info@selbstlautkollektiv.com (Abre numa nova janela)

Danke fürs Lesen. Dieser Newsletter ist und bleibt kostenlos - und werbefrei. Wenn du ihn weiter empfiehlst (Abre numa nova janela), freut uns das sehr.

Wir wünschen dir schöne Feiertage!

Paul und das Selbstlaut Kollektiv

Das Selbstlaut Kollektiv sind Ann Esswein, Karolina Kaltschnee, Olivia Samnick, Anina Ritscher, Alicia Prager, Paul J. Hildebrandt, Bartholomäus Laffert, Sandra Singh, Laila Sieber, Helena Manhartsberger, Eva Hoffmann, Tamara Keller, Nora Börding und Timo Stukenberg. Mehr Infos und Links zu unseren Veröffentlichungen findet Ihr auf unserer Website (Abre numa nova janela), auf Instagram (Abre numa nova janela), LinkedIn (Abre numa nova janela) und BlueSky (Abre numa nova janela).

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