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Weinmemes

Mia löscht ihren alten Facebook-Account und findet viele alte Trink-Memes

Nachdem ich meinen Facebook-Account jahrelang hatte veröden lassen, wie ein ungenutztes Fitnessstudioabo oder eine zu enge Jeans, die ich mir für etwaige, schlankere Zeiten behielt, löschte ich neulich endlich mal meinen Facebook-Account, hauptsächlich deswegen, weil ich es immer so deprimierend fand, dass darauf überhaupt nichts passierte, außer dass Leute, die ich mal vor zwölf Jahren in einer Bar kennengelernt und seitdem nie wieder gesprochen hatte, mir dort zum Geburtstag gratulierten.

Ich hatte schon noch ein paar nostalgische Gefühle zu meinem alten Facebook-Account. Das erste Status-Update war von 2009! und lautete: Erschöpft, zurück in Berlin. Es ist ein Fotoalbum, und ein Notiz- und Tagebuch über die Jahre zwischen 25 und 33. Ich finde alte Songs und verloren geglaubte Fotos von alten Liebschaften. Reiserinnerungen, an die ich lange nicht mehr gedacht hatte. Und: Viele Wein- und Cocktail-Memes.

»Vodka isn’t the answer. But it makes you forget the question.«

Schild: »Tagesgericht heute: Obstsalat! Mit vielen Trauben! ... eigentlich nur Trauben. Fermentierten Trauben. Okay, vielleicht ist es Wein. Es ist Wein.«

»Wenn du nicht trinkst, wir sollen deine Freunde um zwei Uhr morgens erfahren, dass du sie liebst?«

Schild: »If you don’t drink, how will your friends know you love them at 2am?

Das hier hatte ich nicht auf meinem Account, aber hätte ich es gekannt, es hätte mit mir resoniert:

Ein Mann und eine Frau beim Abendessen, sie trinkt Rotwein aus der Flasche, darunter steht: »Und von diesem Moment an wusste er, dass er sie heiraten wird.«

Wenn du ein ironischer, abgeklärter Millennial bist, dann kannst du das hier vielleicht fühlen:

Frau vor Weinregal: »Wenn du dir nicht sicher bist, welcher Wein besser zu einem globalen Zusammenbruch passen wird«

oder das hier, als coole Frau:

»Wine: It's like moisturizer for your stomach«

oder das hier, wenn du einen besonders harten Tag hattest:

Wie sehr ich heute den Wein brauche: Eine Frau schüttet sich den Inhalt eines übergroßen Weinglases ins Gesicht

okay, das oben hätte mich schon ein kleines bisschen verstört, als ich noch getrunken habe, aber bei dem nächsten hätte ich dann auch langsam die Linie gezogen:

Lächelnde Frau mit Weinglas: »Mommy needs a second glass of wine, because she didn’t have a second abortion.«

Es gibt so viele Trinkmemes, natürlich gibt es die, denn das Trinken ist schließlich ein KULTURGUT (Abre numa nova janela), also, eine ganze Kultur kreist um das Trinken, ganze gesellschaftliche Zusammenkünfte, soziale Events sind um das Trinken herum organisiert, und müssten wahrscheinlich ganz neu gedacht werden, wenn man den Alkohol aus der Rechnung rausnehmen würde. 

Jede, die Weinmemes lustig findet, welche an der Wand oder am Kühlschrank oder auf Kissenbezüge gestickt hat, hat schon die identitätsstiftende Wirkung von Alkohol gespürt. Wenn man sich einer gesellschaftlichen Gruppe zuordnet, denen bestimmte Attribute zugesprochen wird, dann hat die Industrie es geschafft. Das ultimative Ziel jeder Werbemaßnahme ist, Menschen zu einer Community zu machen, die sich mit dem Produkt identifiziert.

Im Designstudium haben wir quasi ein Seminar pro Semester gehabt, in dem ergründet werden sollte, wie Apple es geschafft hatte, das reichste Unternehmen der Geschichte zu werden und gleichzeitig ihre Kunden im unerschütterlichen Glauben zu lassen, sie seien kreative Rebellen, gutaussehende Außenseiter, wenn sie ein Apple Produkt benutzen. (Es ist ein unfassbarer Branding Erfolg, wenn deine Kunden glauben, dass sie Outlaws sind, während sie literally beim Establishment einkaufen.)

Das ist im Grunde alles, was uns im Designstudium je beigebracht wurde; du verkaufst kein Produkt, keine Funktionalität. Du verkaufst ein Lebensgefühl. Eine Identität und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Wenn man das schafft, dann hat man den Code geknackt, den alle Werber knacken wollen.

Wenn man eine Gruppenidentität geschaffen hat, dann fangen auch Privatpersonen ganz von allein und for free damit an, Promo zu machen, und wenn alles gut läuft, dann studieren diese Leute gerade irgendwas mit Medien und werden bald ZEIT oder SZ-Redakteur:innen und schreiben Getränkekolumnen darüber, wie Wein sie zu besseren Müttern macht oder dass Bars deswegen so toll sind, weil man in ihnen als Frau endlich mal Ja sagen kann (Abre numa nova janela). Niemand glaubt einer Werbung, die irgendwas verspricht, aber ein lustiges Meme hat einen emotionalen Impact. Es ist geradezu tröstlich, es lindert allen möglichen Schmerz, es ist eine solche Kraft, zu einer Subkultur zu gehören. Die Industrievertreter:innen wehren sich aus guten Gründen mit Klauen und Zähnen gegen die Kennzeichnung der Alkoholflaschen als Gift. Es wäre der Anfang vom Ende der Romantisierung.

Tafel mit der Aufschrift: »Beer (Pfeil nach Rechts), Reality (Pfeil nach Links)«

Auch wenn Kennzeichnungspflicht ansonsten nichts ändern würde: Es ist sehr schwer, ein Produkt zu romantisieren oder in lustigen Memes abzufeiern, auf dem fett gedruckt KREBSERREGEND steht. Es ist dabei noch immer einfach konsumierbar, aber es ist nicht mehr so viel Fun. Es ist nicht mehr rebellisch, sondern einfach nur noch dumm. Mir wäre es damals jedenfalls schon damals nicht eingefallen, Zigarettenmemes zu posten. Wir haben die Romantisierung der Zigaretten schon lange hinter uns gelassen. Das einzige Zigarettenmeme, das (zu Recht) ein integraler Bestandteil der Popkultur geworden ist, ist das mit Ben Affleck, der stressraucht, weil die Ehe mit JLo eine solche Zumutung ist. Sein Rauchen ist nichts, das man anstrebt.

Ben Affleck, gestresst rauchend vor der Tür: »When your publicist says you have to be with J.Lo for a couple of months«

Ich finde Weinmemes heute nur noch verstörend und infantil, was heißt, ich bin offenbar eine Evolutionsstufe weiter. Ich habe keine schlechten Gefühle zu der Person, die Weinmemes lustig fand, aber ich bin ihr eindeutig entwachsen. Eine schöne Erkenntnis.

Tópico Bi-Weekly

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