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Werd mal nicht hysterisch! – Eine Galerie

Liebe Supporter:innen,

gerade war der 8. März – also der internationale Frauenkampftag. Wenn ihr auch heute noch ein bisschen in Stimmung seid, schaut euch doch unser Interview mit Nathalie Stüben (Abre numa nova janela) an und lasst ein bisschen Liebe da.

Mika hat außerdem mal wieder eine kleine Tour durch’s Internet gemacht und Werbeanzeigen gesammelt, die uns Drogen als Mittel gegen die Schmerzen des Alltags verkaufen. Kein Wunder: Wer sich nur ordentlich zudröhnt, geht nicht auf die Barrikaden. Sie hat euch eine kleine Galerie mit den absurdesten Funden zusammengestellt (Anmerkung: Die Bilder zeigen Alkohol). Wenn dein Mailprogramm sie nicht richtig anzeigt, schau sie dir einfach direkt auf Steady im Browser an. Viel Spaß!

Love,

Mika und Mia

Die Ersten: Opium, Heroin, Meth

Laudanum war eine Opiumtinktur, die bis ins 20. Jahrhundert recht freigbiebig als Schmerzmittel und gegen Durchfall- und Hustenerkrankungen eingesetzt wurde. Es ist auch echtes Wundermittel – blöd nur, dass es abhängig macht. Ab 1929 regelte das Opiumgesetz die Abgabe und Nutzung im Deutschen Reich.

1898 bringt Bayer Heroin auf den Markt. Es hilft ganz ausgezeichnet gegen Husten, bis es 1931 vom Markt genommen wird, weil es überraschenderweise nicht nur positive Effekte hat. Kein Problem! Ein paar Jahre später wird Pervitin erfunden. Als Panzerschokolade (für die Männer) und Hausfrauenschokolade (für die Frauen) ist es ein toller Wachmacher, hält schlank und hebt die (Kriegs-)Stimmung. Der Wirkstoff? Methamphetamin.

Natürlich darf Frauengold nicht fehlen

Für alle, die Frauengold noch nicht kennen: Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Herz-Kreislauf-Tonikum, das ab 1953 an deutsche Frauen vermarktet wurde. Es bestand unter anderem aus Alkohol (16 %) und krebserregenden Aristolochiasäuren (deshalb wurde es schließlich vom Markt genommen). Frauengold sollte gegen Wut über fiese Chefs helfen, gegen Langeweile und sogar Menstruationsbeschwerden: »Frauengold schafft Wohlbehagen, wohlgemerkt an allen Tagen.«

https://www.youtube.com/watch?v=VhQ7j29Jd-4&ab_channel=JessicaMohn (Abre numa nova janela)

Aber nicht nur Frauengold vermarktete Alkohol an Frauen, um ihnen im Alltag zu »helfen«. Auch Doppelherz und Klosterfrau Melissengeist und Underberg machten das wirkungsorientierte Trinken für Frauen zugänglich. Bloß eben getarnt als Medizin.

Alkoholwerbung für Männer wirbt mit gefügigen Frauen. Alkoholwerbung für Frauen wirbt damit, Männer endlich besser aushalten zu können.

In den 70ern startet Jägermeister seine berühmte »Ich trinke Jägermeister, weil…« Kampagne. Man will ja auch mal Mensch sein…

Bist du die Frau, bist du der Drink!

Gleichzeitig wird Alkoholwerbung immer stärker sexuell aufgeladen. Immer wieder gibt es die Doppeldeutigkeit: Der Drink ist die Frau, die Frau ist der Drink. Der Mann trinkt die Frau, die Frau will getrunken werden. Mann kann sie kaufen und besitzen, sie will gekauft und besessen werden. Wie in dieser Anzeige für Martini. Man kann sich schon fragen, wer hier gemeint ist, wenn es heißt »well bred« also »gut gezüchtet«.

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Oder hier: Der Champagner ist sozusagen gleichbedeutend mit der französischen Frau.

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Bier ist sehr männlich, wow!

Bier dagegen ist ja bekanntlich vor allem eins: männlich. Wie in dieser Holsten Werbung, in der so eine naive Frau kommt und einen Gemüsespieß auf den Grill legen will. lol ist die blöd – Gut, dass die Männer zusammenhalten und auf ihr großes Steak anstoßen.

https://youtu.be/M2lWBtCR11s (Abre numa nova janela)

Warsteiner kommt sogar komplett ohne Menschen aus, um eine klare Botschaft zu senden: Saufen ist Orgasmus. Bier ist Ejakulat. Das Glas ist die Frau (oder so?). Den ganzen Clip mit dem Claim »die pure Freude« könnt ihr hier angucken (Abre numa nova janela).

Danke sagen

In Zeiten des Influencer-Marketings braucht es für die Alkoholindustrie eigentlich kaum noch große Anstrengung. Stars wie Cameron Diaz, Kylie Minogue und Jennifer Lopez haben ihre eigenen Getränkemarken. Natürlich darf man Til Schweiger nicht vergessen, auch wenn der vielleicht aktuell nicht der beste Werbeträger für seine Weinmarke ist. Aber auch andere Influencer machen Deals mit Alkoholmarken. Die Instagrammerin Angela Doe schreibt poetische Sinnsprüche auf Zettel und Wände und kommt damit bei ihren 157.000 Followern super an. Sie widmet allerdings ihre romantischen Liebeserklärungen auch… Rotkäppchen. Um genau zu sein, richtet sich das Voice Over offiziell an ihre Freundin, aber wie auch schon in den 70ern und 80ern verschmelzen Drink und Person zu einem romantischen Sehnsuchtsobjekt. Bloß geht es jetzt eben weniger ums Besitzen, als um Verbundenheit und Freundschaft.

Wir (also nicht wir, sondern die anderen) machen uns schließlich selbst zu Werbetafeln. Indem wir Weingläser in die Kamera halten, Urlaubsfotos mit Wein am Strand posten oder Witze darüber machen, dass Mama nun unbedingt Wein braucht, erscheint Alkohol als Retter, als Tröster, als Medizin. Über alte Plakate oder Werbeanzeigen kann man wunderbar lachen, denn es ist absurd, wenn Amphetamine und Zigaretten zum Abnehmen, Morphium gegen Nervosität, Codein bei kleineren Beschwerden oder Alkohol als Herz-Kreislauf-Tonikum beworben werden. Aber vorbei ist es eben nicht: Die Alkoholindustrie vermittelt uns Freiheit, Verbundenheit, Entspannung und Gemeinschaft. Trinken ist Gleichstellung, Emanzipation, die Auszeit, die jede gestresste Frau so dringend braucht.

Trinken ist aber vor allem eins: Betäubung.

Wer seine Wut nicht fühlen kann, hat keinen Grund, sich aufzulehnen. Wer den Schmerz nicht bemerkt, hält nicht an, um ihn zu versorgen. Wer die Hilflosigkeit nicht zulässt, verbündet sich nicht. Wer sein Leben nur mit Drink aushält, traut sich nicht von einer besseren Welt zu träumen. Und das nützt vor allem den bestehenden Strukturen. Alkohol ist nicht neutral. Er stützt den Status Quo, die Dominanzgesellschaft und alte Vorstellungen von Macht und Männlichkeit.

Sie verkaufen uns Abhängigkeit und nennen es Emanzipation. Sie stellen uns ruhig und nennen es Entspannung. Sie machen uns gefügig und nennen es Gemeinschaft.

Und wir sagen noch danke.

Kleine Zugabe:

Tópico Bi-Weekly

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