Bin ich mir meiner Nüchternheit zu sicher?
von Mia Gatow
Neulich hat mir jemand im Internet Arroganz unterstellt. Es ging darum, dass ich mir zu sicher bin. Dass ich mir anmaße, für alle zu sprechen. Ein Vorwurf, der autobiografisch arbeitenden Leuten regelmäßig passiert. Das passte irgendwie zu dem Kommentar, den jemand vor einigen Wochen unter eine SodaKlub Folge geschrieben hatte: Dass wir sober Hybris hätten.
Ich werde viel als arrogant wahrgenommen. Es ist vielleicht die Nummer eins Kritik an meinem Charakter. Manche Freunde sagten mir, auf den ersten Blick hätten sie meine Arroganz registriert, manchmal nennen sie mich später, wenn sie mich besser kennen, cocky. Im Arbeitskontext, wenn ich jemanden nicht so gut kenne, spüre ich manchmal das Fellsträuben, das jemanden überläuft, wenn er denkt: Wow, die nimmt sich aber ganz schön wichtig.
Ich kann damit sehr gut leben. Wenn mich Leute als arrogant wahrnehmen, dann heißt das, sie finden mich selbstsicher und wehrhaft. Sie werden kurzfristig vorsichtiger sein was das überschreiten meiner Grenzen angeht. Sie werden weniger wilde Forderungen an mich herantragen. Sie werden mir auf lange Sicht mehr Geld für meine Arbeit zahlen.
Mich persönlich stört Arroganz bei anderen Leuten nicht. Unaufrichtigkeit bringt mich auf die Palme, und falsche Freundlichkeit macht mich wahnsinnig, aber mit Arroganz habe ich kein Problem.
Als arrogant werde ich wahrgenommen, wenn ich sage, was ich will, ohne zu lächeln.
Wenn ich beispielsweise sage: »Lasst uns bitte zum Punkt kommen«, in diesen Meetings, die wir alle kennen, diese Labermeetings, die man durch eine kurze Email ersetzen könnte, in denen komplette sechzig Minuten anberaumt werden, um Informationen zu übermitteln, die in drei Minuten besprochen werden könnten.
Ich kenne keine Statistik dazu, aber ich würde wetten, Frauen verbringen mehr Zeit damit als Männer, freundlich lächelnde Emojis aus ihren professionellen Emails herauszustreichen, wenn sie Angebote ablehnen oder Forderungen stellen oder Nein sagen zu der Frage: »Könntest du bitte mal ganz kurz…?« (Es ist nie ganz kurz). Ich muss immer noch gelegentlich gegen den Impuls ankämpfen, 😊 und 😉 zu tippen, damit meine Ansagen nicht als unfreundlich, vermessen, anmaßend — arrogant wahrgenommen werden. Hihi, haha, ich bin so niedlich, und so freundlich, und harmlos, ich nehme dir nichts weg, ich mache alles aus Liebe. Alles was ich will, ist gemocht werden.
Aber Arroganz ist oft einfach Selbstsicherheit.
Selbstsicherheit kommt bei vielen Leuten, die selbst weniger selbstsicher sind, als Arroganz oder eben Hybris an. (Jedenfalls wenn es um eine Frau geht. Wenn es um einen Mann geht, nennt man es Autorität, Selbstbewusstsein oder Expertise).
Für mich ist meine Arroganz wie meine schwarze Felljacke, die mich in den Schultern verstärkt. Sie gibt meiner Haltung einen autoritären Touch und dient als Bullshitschutzschild. Gleichzeitig ist sie sehr flauschig, wenn man sie berührt, und sie wärmt und schützt meine zarte Haut.
Hybris ist allerdings noch ein bisschen mehr als Arroganz. Wikipedia bezeichnet Hybris als »eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts«, die mit »Realitätsverlust« einhergeht.
Sober Hybris ist also eine Nüchternheit, der man sich zu sicher ist. Eine, die man überschätzt.
Und ja, ich bin mir meiner Nüchternheit sehr sicher. Ich habe lange und hart für sie gearbeitet, ich habe sie lange über alles andere priorisiert, ich habe erhebliche Zeit aufgewendet, mich ihr auf viele unterschiedliche Arten zu widmen. Natürlich hatte ich jede Menge Hilfe und Ressourcen und Privilegien. Aber ich brauchte zum Nüchternwerden keine teuere Hollywood-Rehab mit Jacuzzi und Delfintherapie. Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ich habe getan, was in meiner Macht stand, um das Rückfallrisiko zu minimieren, und ich kann mit voller Selbstgewissheit—ja, geradezu Arroganz!—sagen: Ja, ich vertraue meiner Nüchternheit, Ja, ich bin mir ihrer sehr sicher, Ja, ich glaube, ich werde für immer nüchtern sein.
Natürlich ist nichts im Leben sicher (außer der Tod und die Steuer), aber: Unerschütterlich an meine Nüchternheit zu glauben, hilft mir nüchtern zu bleiben. Ich bin hier ganz bei Holly Whitaker, die schrieb, dass niemand, der süchtig ist, Demut lernen muss. Manche müssen auch Selbstvertrauen lernen.
Ich habe meine Vorbilder gerne fähiger und kompetenter als mich selbst. Wenn ich etwas will, das ich noch nicht habe — sei es Nüchternheit, ein positives Körperbild, besseres Zeitmanagement oder einen besseren Umgang mit meiner Arbeit — dann will ich mich an Leuten orientieren, die selbstsicherer sind als ich. Ich kann nichts mit spirituellen Anführerinnen anfangen, die am gleichen Level verzweifeln wie ich. Ich will, dass sie weiter sind als ich. Ich will, dass sie es besser wissen.
Und wenn ich irgendwann an meinen spirituellen Vorbildern sowas wie Arroganz oder Hybris feststelle, dann ist das vielleicht der perfekte Zeitpunkt, mich von ihnen zu emanzipieren. Vielleicht bin ich aus ihnen herausgewachsen. Vielleicht bin ich bereit, sie loszulassen. Der Sinn und Zweck von so einem Vorbild ist ja, dass es für eine Weile inspiriert, man die notwendigen Schritte geht, und dann selbst die Kompetenzen hat, die einem früher vielleicht unerreichbar erschienen.
Stellt man Hybris an ihnen fest, ist das vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass man von ihnen enttäuscht ist. Dass sie, obwohl man sie für weiser und besser sortiert als sich selbst gehalten hat, sich auch nur irgendwie so gut es geht durchwuschteln, genau wie man selbst. Der Leuchtturm geht aus, man ist allein auf hoher See, das Boot schwankt wie verrückt, und man muss sich wieder auf seinen eigenen kleinen Kompass verlassen.
Ich glaube, es ist gerade in der aktuellen Ära wichtig, Menschen nicht zu idealisieren. Wir sollten sie nicht auf Podeste stellen. Menschen sind fehlbar. Niemand hat es wirklich besser kapiert als du, jedenfalls nicht allumfassend und dauerhaft. Man kann sich Rat bei anderen suchen, die schon mehr erlebt haben, Strategien, wie sie mit bestimmten Problemen umgehen. Sich von Werken, die sie geschaffen haben, inspirieren lassen. Man kann Fan sein (und es ist sehr schön, Fan zu sein!)
Aber am Ende muss man es ja doch selbst machen.
Letzten Endes geht es ja darum, welche Energien jemand anders in uns wachruft. Zu was eine Person uns inspiriert. Und was wir selbst aus dieser Inspiration machen. Im besten Fall ist jemand anders ein Spiegel, der uns Dinge in uns selbst zeigt, die wir alleine nicht sehen können.
SodaKlub Live
27.09. — Leipzig | Recovery Walk (Abre numa nova janela)
Mia Gatow Live
21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00
25.09. — Alsdorf | Lesung Stadtbücherei, 19:30
13.11. — Lübeck | Talk Aktionstag Suchtberatung, Hansemuseum