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Niemand braucht Rock Bottom

von Mika

Der tragische Held allein in der Nacht, eine Flasche noch in der Hand, strauchelt er durch regnerische Gassen. Haus weg, Frau weg, Geld weg. Nur der Alkohol ist noch da. Er streitet mit den Schatten seiner Vergangenheit, taumelnd nimmt er einen weiteren Schluck, alles verschwimmt, dann wird es dunkel. Aufblende: Er erwacht im hell erleuchteten Krankenhauszimmer. »Sie hätten tot sein können«, sagt eine Krankenschwester mit fürsorgerischer Strenge. Er ist ganz unten angekommen: Rock Bottom. Der harte Felsboden der Realität ist das Fundament, auf dem er ein neues Leben aufbauen kann.

Rock Bottom (zu deutsch: »Fels« und »Boden«) meint den absoluten Tiefpunkt im Leben von Trinker:innen, das Ende der Fahnenstange, Punkt. Schluss. Finito. Erst dann, so die Idee, können Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen wirklich Motivation entwickeln, um abstinent zu werden. Es ist der Moment, der uns wachrüttelt, eine Situation die so schrecklich ist, dass sie unbedingt zur Einsicht führen muss. Rock Bottom begegnet uns in der Literatur der Anonymen Alkoholiker, in Serien und Filmen als Plot-Element und in der Popkultur. 

That′s rock bottom, 
When this life makes you mad enough to kill
That′s rock bottom
When you want something bad enough to steal. 

– Eminem, Rock Bottom, 1999

(Er ist jetzt 16 Jahre sober)

Bis heute geistert diese Idee  unhinterfragt durch die Gesellschaft. Und das ist ein Problem. 

Ich weiß, dass es Menschen mit Suchtgeschichte gibt, denen ihr »Rock Bottom Moment« sehr wichtig ist. Und wenn diese Menschen es schaffen, den Tiefpunkt zu einem Wendepunkt zu machen, dann bin ich natürlich absolut dafür. Mein Frust gilt der größeren Erzählung, dass es diesen Punkt braucht, bevor sich etwas ändern kann. 

Wann ist eigentlich »schlimm genug«?

Ich sage es immer wieder, aber ich sage es nochmal: Es geht immer noch schlimmer. Und wenn man den Leuten erzählt, sie müssten erst so richtig tief gefallen sein, bevor es für sie nach oben gehen kann, dann sagt man eigentlich: Meld dich, wenn du tot bist. Natürlich kann man argumentieren, dass Tiefpunkte immer individuell sind. Dass die persönliche Schmerzgrenze bei jedem Menschen woanders liegt, aber was heißt das im Umkehrschluss für jene, die auch nach Trennungen, Verletzungen, Job- und Hausverlust weitertrinken? In der Logik von Rock Bottom kann ihr Verhalten nur einen Grund haben: Es war ihnen eben nicht »wichtig genug«. Sie fanden das alles noch nicht »schlimm genug«. 

In »Das Leben des Brian« wird ein Mann gesteinigt, weil er den Namen des Herrn ausgesprochen hat. In diesem Fall kann man buchstäblich von »Rock Bottom« sprechen.

Wie absurd ist das eigentlich? Stell dir vor, wir würden zu Menschen mit Depressionen sagen, dass sich ihre Depression erst verbessern kann, wenn sie »ganz unten« waren? Oder, dass es ihnen einfach noch nicht schlecht genug ging, wenn sie weiterhin Symptome einer Depression zeigen? Zu behaupten, dass eine Dynamik, die sich aus Schmerz, Leid und Schuldgefühlen speist, noch mehr Schmerz, Leid und Schuldgefühle braucht, um sich positiv zu verändern, ist grotesk. Und doch erzählen wir Suchtgeschichten oft genau so.

Da ist die Moral schon wieder

Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass die Idee von Rock Bottom einer christlichen Ideologie entspringt, in der Sucht noch immer als moralische Verfehlung gesehen wird. Immerhin ist die Völlerei eine Todsünde, und wer zu viel trinkt (oder isst) macht sich ihrer schuldig. Herr, wir haben gesündigt, wenn wir hätten fromm sein sollen. Wir kannten kein Ende, wenn wir hätten maßvoll sein sollen. Wir waren schwach, wenn wir hätten stark sein sollen. Und wohin muss uns das konsequenterweise führen? Natürlich ins Verderben, in die Hölle. Dort an unserem persönlichen Tiefpunkt werden wir reingewaschen, leisten Abbitte und erkennen unsere Charakterfehler. Erst dann, abstinent und im weißen Sonntagshemd, kann uns die Gemeinde wieder in die Arme schließen. Ein bisschen Leid muss schon sein, damit wir nicht denken, dass wir einfach so mit unserer  Suchterkrankung davonkommen. Da könnte ja sonst jede:r kommen. 

Es ist eine perfide und grausame Idee, dass man seine Erkrankung bis zur letzten Konsequenz durchexerzieren muss, bevor man »einsichtig« und »reumütig« »zugeben« kann, dass man Hilfe braucht. 

Es ist schließlich genau diese Stigmatisierung, die Menschen davon abhält, sich Hilfe holen. Um der Abwertung durch andere zu umgehen, gibt es viele Strategien – zum Beispiel Geheimhaltung und Relativierung (die man uns praktischerweise wieder als Charakterfehler vorwerfen kann). Sicherlich funktioniert das für eine Zeit, aber es ist auch wahnsinniger Stress. Rock Bottom-Momente sind oft auch Situationen, in denen die Sucht öffentlich wird. Vielleicht geht es also manchmal weniger um den Tiefpunkt ansich, sondern um das Scheitern der Verheimlichungsstrategien. Nichts mehr verstecken zu müssen (oder zu können) kann durchaus sehr befreiend sein. Gleichwohl wäre diese Befreiung deutlich günstiger zu kriegen, wenn wir Menschen nicht solche Angst machen würden, sich jemandem anzuvertrauen. Man braucht nur zwei Sekunden nachzudenken, um auf die Idee zu kommen, dass Genesung leichter ist, wenn die Abhängigkeit noch nicht so weit fortgeschritten ist. Sie glückt eher, wenn jemand ein intaktes soziales Umfeld und ein gewisses Maß an materieller Sicherheit hat. Dann würde allerdings die ganze Nummer mit der Buße wegfallen, und die Gesellschaft hätte eine Quelle von Drama-Porn weniger.

Scham führt zu Scham führt zu Scham

"I don't believe in rock bottoms. I've had a lot of what I thought were rock bottoms, only to discover another rockier bottom underneath."

— BoJack Horseman

Meine Trinkgeschichte ist verhältnismäßig undramatisch. Aber auch ich hatte Momente, in denen ich mich über mich selbst erschreckt habe. Schon als Teenager erlebte ich Tiefpunkte, die mich hätten wachrütteln können. Doch egal, was mir passierte oder wie oft ich entgegen meiner Überzeugungen handelte, nichts davon führte mich auf die andere Seite. All die kleinen und großen Tiefpunkte verfestigten bloß meine Überzeugung, ein unmöglicher Mensch zu sein. Und wie soll so jemand genesen? Ich glaubte weder, dass ich krank war, noch glaubte ich dass ich es schaffen würde auf Alkohol zu verzichten. Ich hätte auch nicht so recht gewusst wofür. Ein Teil von mir dachte, ich hätte es nicht anders verdient. Ein anderer fand das Leben einfach richtig schwierig und war überzeugt, dass es ohne Alkohol nicht ginge. Manchmal tröstete ich mich sogar mit dem Gedanken an Rock Bottom. Die inneren Bilder, die ich vom Ende meines Trinkens hatte (Krankenhausbett, Neonlicht, Leberzirrhose) machten mir Angst, aber es lag auch eine gewisse Erleichterung in ihnen. Das wäre der Moment, in dem ich von allen Ansprüchen entlastet sein würde. Dann endlich gäbe es Klarheit; eine einfache Antwort auf die Frage, ob ich weitertrinken oder aufhören könnte. Es wäre das Ende der Fahnenstange. Die Sache wäre klar. Ich hätte zwar versagt, aber im Versagen wäre ich frei.

Ich bin ganz froh, dass es nicht dazu kam.

Tiefpunkt oder Wendepunkt?

Wenn jemand von seinem Tiefpunkt erzählt und sagt: »Das hat’s für mich gebraucht«, dann versteh ich das. Gleichzeitig will ich immer fragen: »Was war denn in diesem Moment noch da?« Nicht selten ist neben Schock, Scham oder Angst nämlich noch etwas anderes: Dankbarkeit, zum Beispiel, oder Erleichterung oder der Wille, etwas wiedergutzumachen. Ich bin davon überzeugt, dass es diese positiven Emotionen braucht, um aus einem Tiefpunkt einen Wendepunkt zu machen. Der Grund ist ganz einfach: Genesung braucht Mut, weil es immer Mut braucht, um etwas zu verändern. Sie braucht die Hoffnung, dass ein anderes Leben möglich ist. Sie braucht Vertrauen und Unterstützung. Sie braucht Stetigkeit und Zugewandtheit. Sie braucht den Glauben, dass wir es genesen dürfen.  

Das ist es, was die Erzählung vom Rock Bottom verdeckt: Die positiven Gefühle, die uns unsere Handlungsfähigkeit zurückgeben. Dafür braucht es keine Buße oder eine moralische Erziehungskur, es braucht Zutrauen und Ermutigung. Egal an welchem Punkt.

Tópico Bi-Weekly

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