Saltar para o conteúdo principal

Wie ich mich mit meiner Aufmerksamkeit angefreundet habe (Teil 1)

Mika hat einen Zweiteiler geschrieben, wie sie sich mit ihrer widerspenstigen Aufmerksamkeit angefreundet hat. Heute gibt es den ersten Teil – Für alle, die gerne nebenbei noch was anderes machen wollen, hat sie den Text eingelesen.

Es war einige Wochen nach meiner ADHS-Diagnose und ich kämpfte mich mal wieder damit ab, den Newsletter meines Arbeitgebers fertigzustellen. Eigentlich war es ja ganz leicht. Anfangs hatte es gerade mal eine Stunde gedauert, alle Texte zu schreiben und Bilder einzufügen – ich war irre schnell gewesen. Doch mit den Monaten dauerte es immer länger, und ich machte immer mehr Fehler.

Ich begann, Erinnerungszettel an meinen Bildschirm zu kleben, an die ich mich jedes Mal so schnell gewöhnte, dass ich sie nach kurzer Zeit nicht mehr wahrnahm. Ich stand auf, holte mir Kaffee, setzte mich wieder hin, ging nochmal aufs Klo, checkte Mails. Vergaß, was ich vorhatte. Blick auf das Post-it. Ach ja. Dann presste ich die Finger in die Schläfen und meinen Kiefer zusammen und hielt die Luft an.

Ich sagte mir: Es ist doch nicht so schwer. Ich schrieb auf einen Zettel: MACH ES EINFACH. Und ziemlich oft dachte ich: Was bin ich eigentlich für ein fucking Loser?

Dieser Ringkampf mit meiner eigenen Aufmerksamkeit war mir so bekannt, gehörte so sehr zu meinem Alltag, dass ich erst an diesem Nachmittag drauf kam: Moment mal… könnte das etwa dieses Aufmerksamkeitsdefizit sein, das mir diagnostiziert wurde?

Wieso war ich da nicht eher draufgekommen?

Die einfache Antwort: Ich kannte es nicht anders und hatte deshalb gar nicht in Erwägung gezogen, dass es für diese Schwierigkeiten noch andere Ursachen geben könnte als persönliches Versagen. Aber ich hatte meiner Aufmerksamkeit auch nie … Aufmerksamkeit geschenkt. Ironischerweise musste mir erst ein Defizit diagnostiziert werden, um überhaupt über sie nachzudenken – und dann, mich mit ihr anzufreunden.

Aufmerksamkeit und Ablenkung sind keine Gegensätze

Ich war immer davon ausgegangen, Aufmerksamkeit und Ablenkung seien zwei verschiedene Dinge, vielleicht sogar Gegensätze. Wer nicht aufmerksam ist, ist abgelenkt – ist ja logisch. Aber eigentlich ist die Sache gar nicht so klar. Denn Ablenkung ist nicht die Abwesenheit von Aufmerksamkeit. Ablenkung ist Aufmerksamkeit – bloß eben unerwünschte Aufmerksamkeit.

Ablenkung ist unerwünschte Aufmerksamkeit

Der Unterschied zwischen Ablenkung und Aufmerksamkeit liegt allein in der Bewertung – mit Vorliebe der von Lehrkräften, Eltern oder Arbeitgebern. Und natürlich meiner eigenen. Dann zeigt das eigene frustrierte Über-Ich auf den wachsenden Aufgabenberg, während man dabei ist, sechs Stunden lang die mythologischen Wurzeln von Atlantis zu recherchieren.

Und natürlich gibt es Situationen, in denen eine wandernde Aufmerksamkeit echte negative Konsequenzen hat. Trotzdem war dieser Perspektivwechsel ein Befreiungsschlag. Mein Aufmerksamkeitsdefizit war kein objektiver Fakt, sondern das Ergebnis von Bewertungen, worauf sie sich zu richten hat. Und damit eröffnete sich ein ganzes Cluster an neuen Adjektiven: rebellisch, dynamisch, eigenwillig, reich und intensiv – aber ganz bestimmt nicht defizitär.

Konzentration ist nicht der menschliche Normalzustand

Wir tun gerne so, als wäre es völlig normal, sich lange Zeit am Stück auf eine Aufgabe zu konzentrieren. In der Schule, bei der Arbeit, überall wird gefordert, dass wir »bei der Sache« bleiben. Als wäre es der menschliche Normalzustand, innerlich still und aufnahmebereit zu sein.

Aber wir sind Lebewesen und als solche – auch innerlich – immer in Bewegung. Wenn wir nicht mehr in Bewegung sind, sind wir tot. Und in Bewegung zu sein heißt, dass wir die Umwelt wahrnehmen und Gedanken, Gefühle und Impulse entstehen, die unsere Aufmerksamkeit fordern. Zugegeben: Manchmal sind es so viele auf einmal, dass ich tatsächlich die Orientierung verliere und dann verfluche ich jeden Menschen, der meint, ADHS sei »voll die Superpower«. Aber immerhin mache ich mich auch nicht mehr dafür fertig, am inneren Stillstand zu scheitern (ich bin ja nicht tot) – stattdessen habe ich gelernt, dass ich immer wieder zurückkommen kann.

Es gibt nicht nur eine Art von Aufmerksamkeit

Natürlich ist es toll, wenn man sich lang und tief auf eine Sache einlassen kann. Und noch toller, wenn es zufällig auch die Sache ist, die gerade wichtig ist. Ich persönlich habe einen völlig überzogenen Fetisch für lange Aufmerksamkeitsspannen. Jedes Mal, wenn ich mich mehrere Stunden am Stück auf etwas konzentriert habe, denke ich, ich hätte irgendeinen kosmischen Code geknackt. Aber Fokus ist nicht die einzige wertvolle Form der Aufmerksamkeit.

Wer forschen will, braucht zum Beispiel die Fähigkeit, sich von Neugier und Impulsen leiten zu lassen – sprich: ablenkbar zu sein. Wer einen interessanten Gedanken haben will, muss eben auch mal Biegungen mitnehmen, die sich später als Sackgassen herausstellen. Wer Kunst machen will, muss Kunst machen, bevor alle wichtigen Dinge abgearbeitet sind, weil man sonst nie dazu kommen wird, Kunst zu machen. Wer mit Gruppen arbeitet, muss in der Lage sein, viele Signale gleichzeitig an sich ranzulassen – eine Fähigkeit, die in anderen Kontexten zu völliger Überforderung führen kann. Und wer Spaß an seinen eigenen Gedanken haben möchte, tut gut daran, sie schweifen zu lassen. Es ist eine wichtige Fähigkeit, sich ablenken zu lassen.

Als ich das verstanden hatte, begann ich zu experimentieren. Wie sieht ein Alltag aus, der nicht gegen, sondern mit meiner Aufmerksamkeit arbeitet?

Darum geht es dann nächste Woche.

Hier kannst du dir den Text anhören (am besten geht das direkt über Steady oder auf Spotify)

Tópico Bi-Weekly

1 comentário

Gostaria de ver os comentários?
Torne-se membro de SodaKlub para participar no debate.
Torne-se membro