Judith hat uns eine Frage geschickt:
Weil ihr da fast nie darüber sprecht: Wie verliert ihr angesichts der aktuellen Weltlage nicht den Verstand, die Hoffnung, die Beherrschung oder gar das Bewusstsein?
und Mia hat versucht, eine Antwort zu finden.

Die Lage der Welt ist zweifellos desolat. Krieg in der Ukraine, Krieg in Gaza, Krieg im Iran, Faschisten haben eine richtig gute Zeit, in den USA haben sie schon gewonnen und sind dabei, das Land in einen totalitären Staat umzubauen, die Klimakrise schreitet fort und niemand tut etwas dagegen, rechte Demagogen arbeiten zunehmend erfolgreich daran, Frauen und Minderheiten ihre hart erkämpften Rechte wieder wegzunehmen, all unsere Kommunikationskanäle gehören faschistischen Tech-Eliten, der Reichtum Weniger hat obszöne Züge angenommen, während immer mehr normale Menschen Probleme haben, ihr Essen und ihre Miete zu bezahlen. Wie kann man angesichts dieser apokalyptischen Situation überhaupt noch über Banalitäten wie die Kunst und die Steuererklärung nachdenken? Wie kann man schlafen?
Paradoxerweise ist in all dem Grauen, das sich vor mir entfaltet, wenn ich die Nachrichten verfolge, mein Leben besser, als es jemals war. Mir ging es noch nie so gut. Ich habe das erste Mal in meinem Leben so viel Geld auf dem Konto, dass ich keinen Horror davor habe, meine Banking App zu öffnen. Ich liebe meine Arbeit so sehr, dass ich das Konzept von Urlaub überflüssig finde, trotzdem war ich dieses Jahr schon dreimal verreist. Ich bin körperlich und mental gesund, nichts tut mir weh, und falls ich krank werde, bin ich krankenversichert. Ich habe einen großen, soliden, unterhaltsamen, liebevollen und vielseitigen Freundeskreis, und allen um mich rum geht es gut. Meine Beziehung ist schön und sexy und dramafrei und das langweilt mich überhaupt nicht. Meine Steuererklärung ist gemacht, meine Miete bezahlt, meine Nüchternheit ist stabil, ich lebe in einer Stadt, die ich liebe, ich kaufe mehr Bücher als ich lesen kann und ich hatte heute Pasta und selbstgemachte Guacamolo zum Abendessen. All meine Probleme sind nichts weiter als angenehme Zerstreuung.
Natürlich weiß ich, dass all diese Segnungen reines Glück sind. Ich habe das Glück, in einer Zeit und an einem Ort zu leben, der mir Sicherheit und Wohlstand schenkt, ohne dass ich dazu irgendwas besonderes tun müsste. Ich habe das Glück, jemand zu sein und wie jemand auszusehen, die man ganz selbstverständlich respektiert und ernst nimmt, ohne dass ich mich erst beweisen muss. Mein Glück ist hauptsächlich dumb luck, eine Folge von Privilegien, und ich muss nur ganz kurz aus meiner kuscheligen, insulären Filterblase rausgucken, um die vielen, vielen Menschen zu sehen, die nicht so viel Glück haben wie ich.
Das ist die schier unerträgliche Gleichzeitigkeit von Leid und Glück.
Und kann ich, darf ich mein Glück genießen, solange ich sehe, wie andere Menschen leiden? Schlimmer noch: ist mein Glück nur möglich, weil andere Menschen leiden?
Und wenn ich mich jetzt frage: Wie schaffe ich es, nicht den Verstand zu verlieren? Dann meine ich damit eigentlich: Ich müsste doch den Verstand verlieren. Wie kann ich gelassen am Strand herumliegen und ein Buch lesen, während in Gaza, in der Ukraine und im Iran Menschen unvorstellbares Leid erleben? Wie kann ich mir auch nur eine Sekunde über meine Wohnungseinrichtung und meinen Haarschnitt Gedanken machen, während Kinder bombardiert werden? Wie kann ich mich über den Typen aufregen, der mir die Vorfahrt nimmt, während gerade jemand sein Kind zu Grabe tragen muss? Es ist schier unmöglich, sich selbst nicht als ein egoistisches Arschloch zu sehen, wenn es einem nicht beschissen geht, im Angesicht von allem.
Denn es gibt ja kein richtiges Leben im Falschen.
Ich kannte mal eine Typen, ein linker Intellektueller, ein russischer Journalist aus einer wohlhabenden russischen Intellektuellenfamilie. Er war einer von der alten Garde linker Intellektueller, einer, der nur trocken lachte, wenn junge Leute sich über das Gendern oder Unisextoiletten stritten, weil er meinte, solange die Leute im Jemen sterben, habe er nicht die Energie für elitäre Scheinprobleme, und solange könne er auch nicht ruhig schlafen. Urlaub machen fand er moralisch verwerflich, und sich den simplen Freuden hinzugeben ebenfalls. Er gestand es sich nicht zu, sich zu entspannen, solange es nicht allen anderen so gut ging wie ihm selbst. Also beschloss er, dass es ihm nicht gut gehen konnte.
Er konnte die Gleichzeitigkeit nicht ertragen. Er konnte nicht glücklich sein, solange es Leid auf der Welt gab, er konnte nicht ruhen, solange es keine Gerechtigkeit gäbe. Er hatte seine Strategie gefunden, sich selbst moralische Absolution zu geben: Wenn er schon nicht Frieden und Wohlstand für alle herbeiführen konnte, dann konnte er sich zumindest weigern, sein unverdientes Glück zu genießen. Und so eine Art Gleichgewicht herstellen. Zumindest in sich selbst.
Ich konnte den Journalisten immer verstehen, denn ich hatte nichts, was ich ihm moralisch entgegensetzen konnte. Er hatte recht. Die Welt war abgefuckt. Und wir alle lebten in einem unverdienten Zustand der glücklichen Verdrängung.
Das Ding war bloß: Das selbst auferlegte Leid des Journalisten machte die Welt keinen Deut besser. (Im Gegenteil. Es machte die Welt unmittelbar um den Journalisten herum deutlich anstrengender.)
Der Journalist war ein Intellektueller, der hauptsächlich in seinem eigenen Kopf lebte und seinen Körper eher als eine Art Vehikel sah, das seinen Geist von A nach B transportierte. Er war damit sehr in Descartes Tradition der Dualität von Körper und Geist: Der Geist ist das Überlegene, das herrschende Prinzip, der Körper ist das Primitive, das Tier, das wir überwinden müssen. Vielleicht fiel es dem Journalisten deswegen so schwer, seine eigene Machtlosigkeit zu akzeptieren.
Diese ewige Wahrheit zu akzeptieren: Als Wesen mit einem selbstreflexiven Bewusstsein kann ich zwar ideell nach Höherem streben, doch mein System wird immer das System eines Tieres sein: Ich bin happy, weil es mir und meinem engsten Clan gut geht, wenn ich satt und sicher bin, wenn mir warm ist, wenn ich freundlichen Kontakt mit anderen Tieren habe. Ich bin nicht auf eine globale, außenpolitische Art glücklich oder unglücklich, sondern auf eine intellektuell beschämend einfache, animalische Art.
Mein Empathiefähigkeit endet knapp hinter meiner eigenen Haut. Und da endet auch mein Einflussbereich.
Wir als Individuen haben so gut wie keinen Einfluss auf das große Ganze, auf die Weltpolitik und die Situation im nahen Osten. Ob wir darüber verzweifeln oder nicht ist für das große Ganze ebenfalls bedeutungslos.
Einen einfachen Trost finde ich in dem Gedanken: Akzeptiere ich meine eigene Machtlosigkeit auf der globalen Ebene, kann ich mich auf meine Macht auf der lokalen Ebene konzentrieren. Im Privaten habe ich sehr viel Macht. (Das Private ist btw traditionell die Sphäre der Frauen, während die Öffentlichkeit traditionell das Reich der Männer ist: Vielleicht hatte der Journalist auch deswegen Probleme, sich mit seiner eigenen Beschränkung auf diese Sphäre abzufinden.)
Die plusminus zwanzig Menschen, mit denen wir im alltäglichen Leben eng verbunden sind, stehen stark unter unserem Einfluss. Unsere Kinder sehen uns als Götter. Ihr Charakter wird irreversibel geprägt von dem Verhalten der Erwachsenen um sie herum, und das wird ihr gesamtes restliches Leben beeinflussen. Ein einziger Lehrer kann den Verlauf eines gesamten restlichen Lebens verändern. Eine einzelne Therapeutin kann dir den Schlüssel zu einem Dekaden umspannenden Lebensthema aushändigen. Eine einzelne Person kann dich so inspirieren, dass du den Mut findest, dein Leben zu ändern. Wir haben alle solche Menschen in unserem Leben.
Jeder Mensch ist ein eigenes Universum, ein eigener Mikrokosmos. Wenn wir dafür sorgen, dass jemand anders einen guten Tag hat, sich geliebt, nützlich oder wertgeschätzt fühlt, dann haben wir eine ganze Welt erhellt. Der Talmud sagt berühmterweise: Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt. Wenn man das Glück hat, nicht in der Situation zu sein, Menschenleben retten zu müssen, kann man sich doch immerhin jeden Tag bemühen, das Leben Einzelner besser zu machen. Und so Dankbarkeit praktizieren, für all die unverdienten Segnungen, die einem zuteil geworden sind.
Wenn ihr selbst Rat bezüglich einer Frage oder Lebenssituation sucht, schreibt eine Mail an hallo@sodaklub.com (Öffnet in neuem Fenster) (Abre numa nova janela) mit dem Betreff »Ratgeberkolumne« und einer kurzen Beschreibung eures Anliegens.
SodaKlub Live
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21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00
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