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Meine innere Stimme hält nie die Fresse

Halloo! Na? Hörst du diese Worte in deinem Kopf? Hörst du sie mit Mias oder meiner Stimme, weil du nicht darauf geachtet hast, von wem dieser Text stammt? Vielleicht hörst du die Worte auch mit deiner eigenen inneren Stimme, die sie dir »vorliest«. Sind deine Gedanken abgeschweift, weil du dir jetzt unangenehm bewusst bist, dass du gerade etwas liest? Komischer Prozess, dieses Lesen, oder? Jemand hat Zeichen getippt, die dein Kopf in einen sinnhaften Zusammenhang bringt. Verrückt.

Werden dir vielleicht auch gerade andere Dinge bewusst? Zum Beispiel, dass du mal wieder in einer ziemlich unbequemen Haltung an deinem Handy hängen geblieben bist oder dass du deinen Kiefer zusammenpresst? 

Hol mal eben Luft.

Gedanken als Sätze

Laut des Psychologen Russell Hurlburt haben circa 30 bis 50 Prozent von uns eine innere Stimme, die Gedanken als Sätze formt. Die anderen tun das nicht oder selten, sie erleben Gedanken eher physisch oder visuell und nicht als eine Erzählung im Bewusstsein. Oder so ähnlich. Ich kann das nicht beschreiben, weil ich zu den Monologisierenden gehöre und ziemlich baff war, als ich erfuhr, dass nicht jede:r mit einer konstanten Erzählstimme im Kopf lebt. »Es ist das interessanteste Thema auf diesem Planeten« sagt Hurlburt über seinen Forschungsgegenstand und die Reaktionen auf diesen Tweet scheinen ihm Recht zu geben. 

(Funfact: manche Menschen haben eine innere Erzählung und manche nicht. Also: die Gedanken mancher Menschen sind wie Sätze, die sie "hören" und manche Menschen haben einfach abstrakte, non-verbale Gedanken, und müssen sie bewusst verbalisieren. Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst, dass es den anderen Typ Mensch gibt.)

2020 spaltete sich das Internet: Die einen konnten es nicht fassen, dass es Menschen gibt, die ohne einen inneren Monolog leben. Die anderen konnten es nicht fassen, dass es Menschen gibt, die permanent mit sich selber reden. An den Diskussionen zeigt sich wunderschön, wie wenig wir über die Innenwelt der anderen nachdenken oder darüber, dass sie ganz anders sein könnte als unsere eigene.

Ich war auf jeden Fall fasziniert als ich hörte, dass es Menschen ohne inneren Monolog gibt. Denn meine innere Stimme hält wirklich nie die Fresse. Ich bin, was man auf englisch »self-concious« nennen würde. »self-concious« bedeutet buchstäblich selbst-bewusst, wird jedoch eher im Sinne von »befangen« oder »gehemmt« genutzt. Es zeigt damit zwei Seiten einer Medaille: Dir selbst bewusst zu sein kann bedeuten, dass du in der Lage bist zu reflektieren, deine eigenen Stärken zu sehen, Verhalten zu verändern und dich weiterzuentwickeln (toll!). Oder du fragst dich, wieso du deine Hände so komisch hältst oder ob deine Art zu laufen eigentlich »normal« ist oder wie lange so ein Augenkontakt andauern sollte und ob es nicht mal Zeit wäre wegzugucken, weil du gerade eine ungewöhnlich intensive Erfahrung mit dem Typen hast, der dir deine Schuheinlagen anfertigt (weil du tatsächlich komisch läufst). 

Solange ich mich erinnern kann, lebe ich mit einer Stimme im Kopf, die kommentiert, was passiert und wie ich mich verhalte. Sie fragte mich zum Beispiel schon als Teenager, ob ich es wirklich so eine gute Idee fand, mich regelmäßig wegzulöten. Irgendwann war dieser Monolog permanent und nervtötend. Muss das schon wieder sein? Eins noch. Heute nicht. Ach naja, vielleicht doch. Glaubst du, dass das in Ordnung ist? Heute ist doch Freitag. Wieso kriegst du das nicht auf die Reihe? Die anderen haben auch schon nachbestellt. 

Ich wischte ihn beiseite und trank, bis ich ihn (fast) nicht mehr hören konnte, was wiederum viel seltener klappte als ich das wollte. 

Auch heute tastet meine Erzählerin das Chaos der Welt nach Erzählsträngen ab und vermag noch aus den banalsten Begebenheiten die elaboriertesten Geschichten zu spinnen. Wenn es gut läuft, werden diese Geschichten zu Erkenntnissen, Ideen und Texten. Dann bereichern sie mein Innenleben, erschaffen Sinn aus Unsinn und machen Spaß. Wenn es gut läuft, bemerke ich, wie ich mit mir selber spreche und bin sanft. Wenn es nicht so gut läuft, fühle ich mich gespalten in das Sein und seine Beobachtung, und frage mich ob ich jemals wirklich anwesend bin, wenn ein Teil von mir mit Kamera und Voice Over hinter mir zu stehen scheint. Dann fühle ich mich erinnert an das Zitat von Margaret Atwood über den männlichen Blick.

Männerphantasien, Männerphantasien, wird alles von Männerphantasien gesteuert? [...] Selbst so zu tun, als würde man keine Männerfantasien bedienen, ist eine Männerfantasie: so zu tun, als wäre man unsichtbar, als hätte man ein eigenes Leben, als könnte man sich die Füße waschen und die Haare kämmen, ohne sich des allgegenwärtigen Beobachters bewusst zu sein, der durch das Schlüsselloch schaut, der durch das Schlüsselloch in deinem eigenen Kopf schaut, wenn auch nirgendwo sonst.

Du bist eine Frau mit einem Mann in dir, der eine Frau beobachtet. Du bist dein eigener Voyeur.

Wie ist das bei dir?

Ich bin auf jeden Fall extrem fasziniert vom Thema der inneren Stimme. Deswegen frage ich gerade alle Menschen in meinem Umfeld, ob sie sich selbst hören. Und weil ich so richtig richtig neugierig bin, habe ich außerdem eine Umfrage erstellt. Sie ist komplett unwissenschaftlich und die Ergebnisse werden wir ebenso unwissenschaftlich im Podcast besprechen.

Du musst dich nirgends anmelden oder irgendwelche Daten lassen. Wenn du Lust hast, mach doch mit!

Ich würde mich freuen, von euch zu hören! Alles Liebe und eine gute Woche wünscht euch:

Mika

Tópico Bi-Weekly

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