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Mika liest Kurzgeschichte "Martina"

Martina (Kurzgeschichte von Mika)

Erschienen in GYM

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I

Es ist vier Uhr fünfunddreißig und ich habe Durst. Ich will dösen, aber da ist der Durst. Ich will weiterschlafen, aber da ist der Durst. Ich stehe auf, stehe am Herd und stürze Leitungswasser aus einem großen Bierglas in mich hinein, starre dabei auf den Espressokocher und warte auf das Zischen. Auf dem Herd nur die angebrannten Kaffeeflecken der letzten Tage. Hier hat niemand gekocht. Ich trinke Kaffee. Dann bewegt sich etwas in mir. Ich denke kurz, es ist meine Seele, aber es ist mein Darm.

Ich starre. Starre einfach dumm auf mein Handy, während sich alles aus mir in die Schüssel unter mir entlädt. Nach ein paar Minuten kalter Schauer, die durch meinen Körper jagen, steige ich unter die Dusche.

Da wo ich hin muss, wartet Martina. Jeden Tag sitzt Martina, halb Qualle, halb Mensch, an ihrem Schreibtisch, von dem aus sie Papier auf meinen schiebt. Auf dem Papier sind Dinge gelb markiert, teilweise mit Ausrufezeichen!!! Manchmal sind es Vorladungen in ihrem Quallensalon. Seit Martina ist das Büro im dritten Stock ein Keller, in dem Wasser steht. An guten Tagen bis zur Brust, an schlechten bis zum Hals.

Wenn ich ankomme, trinke ich mehr Kaffee und presse die letzten Tropfen aus meinem Darmhinterhof. So nenne ich diesen Teil zwischen Darm und Ausgang, weil ich nicht weiß, ob der einen Namen hat. An der Wand, auf die man beim Kacken starrt, hängt Martinas Portrait in Öl. In eine Uniform gepresst schaut sie auf mich herab. Gelbe Augen, Orden an der Brust.

Aus dem Spiegel glotzt mir mein Gesicht entgegen. Die tiefen Furchen unter den Augen erschrecken mich nicht, die sind immer da. Meine Haut ist trocken, obwohl ich jeden Tag im Wasser stehe, und aufgequollen, weil ich jeden Tag im Wasser stehe. Ich will schon gehen, da schaue ich noch einmal hin. Unter meinem Kinn hängt was. Als ich den Kopf schüttele, tut nicht nur mein Kopf weh. Ich sehe auch etwas nachschwingen, da unten am Kiefer. Wie aus Gelatinepudding, den es im Krankenhaus gibt, hängen da diese kleinen Säcke. Wenn ich die Dunsenhaut straff zieh, sieht man die Wölbung kaum. Beim Loslassen kommt sie wieder.

Ich spüre wieder eine Bewegung in mir und setze mich schnell zurück auf die Schüssel.

Als würde das Blut hinter meinem rechten Ohr heiß und stetig weiter nach oben pulsieren. Der Atem geht schwerer und ich versuche tiefer einzuatmen, so als müsste mein Atem erst über einen Berg, als läge etwas auf meiner Brust. Ich spüre alles gleichzeitig, Schmerz in der linken Schulter, Kiefer verkrampft, darunter zielloses Wabbeln. Ich kann meine Zähne nicht entspannen. Es brennt in mir und im Kopf. Heiße Gefühlskloake in der Kehle, bei jeder Bewegung spüre ich es schwappen. Die Gedanken werden greifbar, ändern ihre Form und wachsen, setzen sich fest und beißen sich von hinten in meine Augäpfel. Flirren. Ich muss atmen. Kälte in den Händen und Füßen. Ich muss atmen. Wenn ich meine Zähne nicht entspanne, platzt mir die Schläfe. Von der Wand aus starrt mich Martina aus ihren gelben Augen an: Du bist nichts, sagt sie. Du stirbst an Fettleber allein in einem neonbeleuchteten Krankenhausbett.

Aus meinem Arsch kommt nicht mal mehr Brühe geflossen, egal wie sehr ich presse. War das, was sich bewegt hat, vielleicht doch meine Seele? Ich ziehe ohne abzuwischen meine Strumpfhose hoch und lege mein Gesicht an die kühle Wand.

Dann höre ich, wie Martina mit gurgelnder Stimme im Nebenzimmer nach mir fragt. „Wo ist sie?“, fragt sie und dehnt dabei das „sie“, als sei ich ein Kaugummi, den sie unter ihrer Sohle hervorzieht.

Ich gehe zurück zu meinem gelb markierten Papier und schiebe es hin und her, bis es sechzehn Uhr dreißig ist. Dann melde ich mich ganz nach Vorschrift im Quallensalon ab: „Tschühüüüss“ sage ich und die Tür fällt hinter mir ins Schloss.

II

Mein Tag erreicht seinen Zenit: Die Pause, bevor der zweite Akt beginnt. Ein Moment in der Welt zwischen den beiden Türen. Mein Blick wird erst weit, doch dann schieben sich Regale vor meine Augen und stauchen den Raum. Alles wird dann ein wenig kürzer. Über jedes Regal im Umkreis führe ich Buch. Wenn die erste Tür hinter mir ins Schloss fällt, werte ich die Daten aus. Auf meiner Karte sind zwölf Regale verzeichnet. Ich vermerke, was es gibt und was es kostet, wer dort arbeitet, wann ich dort war. Daraus ergibt sich ein Plan für den Abend, das nächste Regal, ein Fluchtpunkt für heute.

„Du kannst es auch mal anders machen“. Das ist der Gedanke, der lästig hoffnungsvoll an meinem Ärmel zieht. Dieses Ziehen, dieser kurze Moment der Möglichkeit, das ist das Schlimmste – abgesehen vom Durchfall. Der Gedanke steht und zupft und guckt zu mir hoch, bis ich ihn packe und in ein Glas Schnaps fallen lasse, wo er sich langsam auflöst. Jeden Tag spielen wir dasselbe Spiel. Jeden Tag zwingt er mich aufs Neue, ihn zu ertränken. Jeden Tag muss ich ihn zum Schweigen bringen, bevor ich meine Ruhe habe.

Trinken ist Arbeit. Es braucht körperliche Stärke, gegen Würgreflexe anzutrinken, Sodbrennen und Bierschiss zu ertragen. Es braucht eine Psyche aus Stahl, eine Zähigkeit, die nur wenige haben. Du musst dein Leben so managen, dass du in Ruhe trinken kannst. Du musst dein Altglas verwalten, du musst deine Freundschaften verwalten, du musst im Takt der Drinks marschieren und gleichzeitig alles auf die Reihe kriegen. Denn wenn du es nicht mehr auf die Reihe kriegst, lässt dich erst recht keiner mehr in Ruhe trinken.

Natürlich ist Trinker kein geschützter Beruf. So wie sich jeder Vollidiot Künstler nennen darf, dürfen sich auch die Weinschorlen-Lisas und Radler-Achims, die „morgen noch fit sein wollen“, Trinker nennen. Sie wollen das nur meist nicht. Wer es ernst meint, erkennt sich gegenseitig, eine Sache der You-Can-Do-It-Attitude. Jeder Trinker ist immer auch Talent-Scout, für den High-Performance Job des Thekenfreunds – scheiße bezahlt, klar. Dafür Gleitzeit, flache Hierarchien, langfristige Perspektive.

„Du könntest auch streiken“ – Da ist wieder der Gedanke am Ärmel, der sich auch noch an die letzte scheiß Metapher klammert. Ich bin noch nicht ganz am Regal für heute angekommen. Der Gedanke ist immer noch da und ich habe nichts zu saufen, um ihn zu ertränken. Dann spüre ich ein Ziehen in meinem Gelatine-Beutel unterm Kinn. Streik hieße Verrat an den Kollegen. Plötzlich wird es klamm an meinen Füßen. Streik hieße Verrat am mittleren Management, an den Kneipiers, die Harry heißen oder Elena oder Kalle. Nicht klamm, nass. Fuck. Ich stehe im Wasser. Ich halte an und leere meine Stiefel, stütze mich mit

der Hand gegen die Mauer, während ich auf einem Bein balanciere. Das Ziehen unter meinem Kinn wird stärker, und ich verliere beinahe das Gleichgewicht. Nach ein paar Schritten der Gedanke wieder: „Tritt in die Gewerkschaft ein“ und „Du könntest es auch anders machen“.

Ich will es weiter so machen, wie ich es mache. Es ist ok so, wie ich es mache. Nicht ideal, weiß ich auch. Aber ok. Ich tu niemandem weh. Ich setze mich auf den Bordstein und kippe noch einmal meine Stiefel aus. Meine Socken hängen vorne an meinen Zehen nass herunter, wie benutzte Kondome. Ich spüre das Ziehen in meinem Gelatinebeutel und ziehe den Kragen meiner Jacke so hoch ich kann. Ich will weitergehen, vielleicht zum Regal drei, aber mein Körper lässt mich nicht. Ich schaue noch einmal auf die Karte für den Abend. Zwölf Regale. Und ein schwach pulsierendes Leuchten, das egal ist.

„Vielleicht ist es egal.“ Der Gedanke setzt sich versöhnlich neben mich, seine kleinen Finger an meiner Jacke. „Vielleicht ist einfach alles so egal, dass du heute da hin gehst, wo es egal ist.“ Mein Kopf nickt, als hätte ich jetzt gar nichts mehr zu melden. Der Gelatinebeutel zieht, als wolle er mir den Kiefer zerreißen, aber es ist egal. Ich will meine Stiefel nicht wieder anziehen, deshalb lasse ich meine Füße in nassen Socken die Straße entlanggehen, in Richtung des Leuchtens zwischen Regal vier und sieben.

Zwischen Regal vier und sieben stehen ein paar Leute und rauchen. Sie halten inne, als sie meine Silhouette sehen. Einer, vielleicht ihr Anführer, nickt meinem Gesicht zu und führt meinen Körper vorbei an den Rauchenden durch die Eingangstür eine halbe Treppe hinunter ins Souterrain. Er nimmt die tropfenden Stiefel aus meiner Hand. Sie triefen, doch die Pfütze ist schon fast wieder vom Boden verschwunden. Meine Hände sollen ihm meine Socken geben. Mein Körper folgt. Er gibt mir ein Handtuch und trockene Socken. Sie fühlen sich rau an, wie heiße Erde im Juni. Als mein Arm ihm meine Jacke hinstreckt, mustert er meinen Kinnbeutel und hebt ganz leicht den Kopf. Unter seinem Kiefer ist eine Stelle faseriger Haut. Sie schimmert leicht rosa, aber beult sich nicht.

In der Mitte des Raumes stehen Stühle im Kreis. Es ist warm.

Tópico Bonusfolgen

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