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StreetLetter #20: Ein Shoutout an die Blümchenknipser (und eine Frage)

Ich bin die Tochter eines Blümchenknipsers. Ja, Hilfe! Von unseren Familienurlauben gibt es Fotos von Alpenblumen in allen Lebenslagen und irgendwie keine von der Familie. (Wie viele es dann doch gibt, erfahre ich erst, wenn ich die Stapel an ungerahmten Dias durchgegangen sein werde, die mein Vater irgendwo hortet. Ich bin schon so gespannt, zu sehen, wie ich mit drei mal ausgesehen habe.)

Als ich meine erste richtige Kamera hatte, so mit 14, habe ich auch erstmal lauter Blümchen geknipst, ich kannte es ja nicht anders. Dann habe ich sehr, sehr lange dezidiert keine Blümchen geknipst, aber tatsächlich ziehen sie sich dennoch immer wieder durch meine Fotos, ich bin da praktisch wehrlos. Vermutlich doch familiäre Vorbelastung.

Ich finde Pflanzen aber auch ein total interessantes Phänomen, besonders dann, wenn sie künstlich zugerichtet werden, wenn sie ihrer Natürlichkeit beraubt nur noch als Dekogegenstand existieren und nichts mehr daran erinnert, daß es sich ja eigentlich um Lebewesen handelt. So wie hier bei diesen absurd verpackten Orchideen. Und gleichzeitig werden sie so dermaßen mit Bedeutung überfrachtet.

Auch jemand, der der Sentimentalität total unverdächtig ist wie William Eggleston, hat einmal ein ganzes Buch mit “Flowers” (Abre numa nova janela) gemacht. Und wenn der das darf, dann darf ich das auch. Man darf es eben nicht angehen wie die Blümchenknipser, bei denen die Blume schon Bildinhalt genug ist. Bei meinem Vater ist der Bildinhalt mehr oder weniger: “Guck mal, eine Blume, wie schön.” Das ist mir dann doch ein bißchen wenig.

Interessant wird es ja immer dann, wenn die Blumen Einzug in menschliche Sphären halten. Und dann, wenn es gar keine echte Blumen sind, sondern künstliche. Die viel bunter sind und größer und ewig halten, denen aber auch alles Blumige abgeht. Die nicht duften und sich nicht verändern und tagein, tagaus in der Vase oder im Topf für uns strammstehen. Ersetzen können sie die ersten Schneeglöckchen aber nicht, die sich gerade draußen vor der Haustür durch die Erde kämpfen. Die sind so wichtig, nach gefühlten acht Wochen Januar und dann noch einem halben Jahr Februar. So wichtig kann eine künstliche Blume nie sein.

Lustigerweise wird die Sache aber oft gar nicht viel natürlicher, wenn die Blumen echt sind und draußen stehen. Sie sind dann eben auch hochgezüchtet, rabattenförmig angepflanzt, gedüngt und zurechtgestutzt. Aber gerade dieses Zwiespältige, diese Balance zwischen Natur und Künstlichkeit, finde ich total interessant.

Pflanzen muss man aber überhaupt erst einmal als Teil der Umgebung wahrnehmen, das tun gar nicht einmal so viele Menschen. Man spricht mittlerweile von Pflanzenblindheit (“plant blindness”) (Abre numa nova janela), weil Pflanzen so oft übersehen werden. Als Blümchenknipsertochter passiert mir das eher nicht, ich kenne die dann meistens auch noch mit Vornamen.

Ach ja, eins noch: Hättet ihr grundsätzlich Bock auf einen Portfolio-Workshop mit mir, an einem Wochenende Ende August, Samstag und Sonntag, in Frankfurt? Vormittags und Mittags intensive Arbeit an Euren Bildern – wo sind Stärken, wo Schwächen? Was ist mein Stil, hab ich überhaupt einen? Wie kommt man aus Sackgassen, was könnte ein Projekt sein? Und ab Nachmittag, wenn das Licht schön und der Kopf voll ist, draußen noch etwas die Füße vertreten? Schreibt mir gern ganz kurz unter andrea.diener@gmail.com (Abre numa nova janela), dann melde ich mich, wenn genug Interessierte zusammenkommen, mit den Details. (Und für Euch wirds außerdem günstiger. Ihr lest mich ja immer!)

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