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„Die Füße auf den Boden stellen und tief atmen“

Die Theologin Margot Käßmann beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Eine mittelalte mit kurzen, braunen Haaren und einem gelben Blazer blickt in die Kamera.
Margot Käßmann (Foto: Julia Baumgart Photography)
🎼

Margot Käßmann war über viele Jahre das Gesicht der evangelischen Kirche in Deutschland.  Nach dem Studium der Theologie und der Promotion arbeitete sie zunächst als Pfarrerin. Von 1999 bis 2010 leitete Margot Käßmann, Mutter von vier Töchtern, als Landesbischöfin die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover. 2009 und 2010 stand sie als Vorsitzende an der Spitze des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Nach Lehraufträgen an der Emory-Universität in Atlanta und der Ruhr-Universität Bochum reiste sie als Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 durch die Lande. Seit 2018 ist Käßmann zwar im Ruhestand – doch weiter als hörbare Stimme für den christlichen Glauben unterwegs: Die 68-Jährige hält Vorträge, liest aus ihren diversen Büchern und predigt auch immer einmal wieder in Gemeinden quer durch die Republik.

1.     Lerche oder Eule?

Schon eher Lerche. Obwohl ich inzwischen froh bin, nicht mehr täglich um 5:45 Uhr aufstehen zu müssen wie in den Zeiten von Kindererziehung und Berufstätigkeit. Heute klingelt kein Wecker mehr, aber meist bin ich zwischen sieben und halb acht wach.

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Ein schönes, gemütliches Frühstück. Und vorher noch joggen, falls es passt, im Idealfall sogar schwimmen in der Ostsee – aber erst ab 14 Grad ;-).

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Ja. Mit einem Gebet abends den Tag in Gottes Hand zu legen mit allen Sorgen und Freuden, das ist mir wichtig. Und: Singen! Im Hebräischen steht das Wort „Nefesch“ für Seele und Kehle. Die Seele kann sich beim Singen durch die Kehle Gehör verschaffen. Das ist doch großartig.

4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch …)?

Zum einen: die Füße auf den Boden stellen und tief atmen. Zum anderen: Etwas Rotes anziehen. Das macht Mut.

5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

Ein Kind. Inzwischen habe ich sieben Enkelkinder und ich bin immer wieder überrascht, wie sehr sie im besten Sinne stören. Da sind sie krank und brauchen Betreuung, mal rufen sie an und wollen unterhalten werden. Und vor allem lerne ich mit ihnen wieder, im besten Sinne zu spielen.

6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Ich liebe es, zu schwimmen. Und da wir ein Ferienhäuschen an der Ostsee haben, gibt es für mich nichts Schöneres, als im Sommer morgens hinzuradeln und mich ins Wasser zu stürzen. Etwas Besseres gibt es nicht.

7.     Schreiben Sie Tagebuch?

Ja, seit 1968. Und ich überlege derzeit, ob ich die vielen Tagebücher nochmal durchschaue und vernichte, weil sie viel zu privat sind für andere. Sie sind eigentlich nur Erinnerungen für mich ganz persönlich.

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Tischgebet finde ich wichtig. Kurz innehalten, um der Gemeinschaft willen, aber auch mit Blick auf Dankbarkeit: Wir haben zu essen, andere nicht.

Kostenfrei 🌈:

9.     Tanzen Sie?

Keine Standardtänze, leider, trotz Tanzschule mit 16. Aber wenn ein richtig guter Song im Radio kommt, kann ich schon mal aufdrehen und durch die Wohnung tanzen ;-)!

10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?

Songs der 70er, Beatles, Smokey, Cat Stevens oder auch Sting, Zucchero und American Country Music.

11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

Raus in die Natur, spazieren gehen oder bei schlechtem Wetter im Sessel sitzen und lesen.

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Der Frühling ist für mich faszinierend. Aus alten, dürren Ästen kommt unverschämt grünes Grün. Das ist faszinierend, so verstehe ich Auferstehung.

13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Vor allem sind es Spaziergänge. Aber auch Zeit mit meinen sieben Enkelkindern. Die lehren mich viel. Aber mit Kindern lässt sich so herzhaft lachen, das ist echt eine Atempause!

14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

Digital inzwischen - weniger Papier und besser beim Frühstück zu handhaben.

15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Da bin ich spießig. Ich bin am liebsten auf Usedom. Und wenn es geht, im Februar auf den Kanaren, um den Winter zu verkürzen. Abenteuerurlaub oder Schiffsreisen sind nicht so meins.

16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?

SEHR. Als ich gelesen habe, dass kaum noch Esstische verkauft werden, weil jeder und jede das in der Mikrowelle aufgewärmte Fertigessen vor dem Laptop verzehren, dachte ich: Was für ein Kulturverlust! Und was für ein Verlust an Gemeinschaft.

Ich liebe es, gemeinsam zu essen, in der Familie, mit dem Partner, mit Freundinnen und Freunden. Der Esstisch ist doch ein perfekter Ort für Gespräche über Gott und die Welt, da muss kein großes Menü sein, ein Nudelauflauf reicht.

17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

Am Ende geht es darum, übereinzustimmen, das erzeugt Gleichklang und Harmonie. Ich bin seit mehr als zwölf Jahren mit dem Mann zusammen, in den ich mit 14 verliebt war. Und wir haben beide gemerkt, dass das einfach passt, unaufgeregt und verlässlich, vertraut, weil wir uns halt schon lange kennen.

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Ja, Lesen entspannt, anders als WhatsApp oder Internet. Gerade liegt da Florian Illies „Wenn die Sonne untergeht“. Das lässt sich gut in kleinen Abschnitten lesen. Familie Mann ist im Exil in Sanary gelandet. Zurück nach Deutschland? Spannende Diskussionen 1933 …

19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

Nein.

20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Alle die zwanghaft sind. Aber viele liebe ich und halte ich für hilfreich!

21.Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

Das ist für mich ein positiver Begriff. Zum einen, weil es um Gemeinschaft geht. Ein Chor, ein Orchester müssen im Takt bleiben, sonst entsteht kein guter Klang. Und da ist für mich Rücksicht angedeutet, aufeinander hören, statt sich durchzusetzen. Vielleicht im besten christlichen Sinne Nächstenliebe.

“Taktvoll – über die Rhythmen des Lebens” ist ein Projekt der Wissenschaftsjournalistin Dr. Ulrike Gebhardt. Wenn du diese Arbeit wichtig findest, unterstütze mich mit einer Mitgliedschaft:

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Tópico Spiritualität + Rhythmus

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