Szene 1:
Zwei Männer, ein Café, ein Versuch zu beginnen
Ort:
Ein Tisch am Fenster im Café Godot. Draußen: Licht, Leben, wartende Menschen. Drinnen: gedämpftes Stimmengewirr, die tickende Uhr an der Wand.
Figuren:
Tillmann – Anfang fünfzig, Schriftsteller, still, ironisch, aufgerieben.
Der Mann – etwas jünger, ein Beobachter, namenlos. Trägt Notizbuch und Pelikan-Füller.
TILLMANN
(schaut in seine Tasse)
Ich habe beschlossen, einen Bestseller zu schreiben.
MANN
(ohne aufzuschauen)
Weil die Welt darauf gewartet hat?
TILLMANN
Nein. Weil ich ein Haus gesehen habe.
Es steht zum Verkauf. Ziegel, Holzfenster, schöner Schattenwurf.
Unerschwinglich. Also: Bestseller.
MANN
(zieht langsam den Füller durch ein Papiertaschentuch)
Das ist ein legitimer Grund. Besser als Liebe. Oder Rache.
TILLMANN
Ich bin für sachliche Motive.
Liebe ist zu unberechenbar.
Und Rache lohnt selten den Aufwand.
MANN
(hebt das Glas, trinkt)
Und womit fängt man an? Bei einem Bestseller?
TILLMANN
Mit einem Titel.
Das Gerät hat „Notebook 7“ vorgeschlagen. Ich hab’s genommen.
Ein Anfang, immerhin.
MANN
Der Titel ist das Letzte.
Aber meinetwegen. Und der Inhalt?
TILLMANN
Daran arbeite ich.
Es muss die Leute treffen. Oder greifen. Oder packen.
Ich schwanke noch zwischen Massenverarmung, Migrationsängsten und Wetterkatastrophen.
MANN
Hm.
Klingt nach Bestseller.
TILLMANN
Oder nach Nachrichten.
Oder nach Wahlplakaten.
MANN
(denkt nach)
Vielleicht solltest du etwas schreiben, das niemand braucht, aber jeder lesen will.
TILLMANN
Ein Paradox?
MANN
Ein Bestseller.
(Schweigen. Beide schauen aus dem Fenster. Menschen laufen vorbei. Die Uhr tickt.)
TILLMANN
Du schreibst mit Füller?
MANN
Ja. Souverän. Pelikan.
Undicht. Irgendwann läuft die Tinte aus.
Wie bei allem.
TILLMANN
(halb für sich)
Auch bei Ideen?
MANN
Vor allem dort.
(Pause)
TILLMANN
Ich warte, dass sie kommt. Die große Idee.
MANN
Wir warten alle.
Deshalb sind wir im Godot.
(Lange Stille. Nur das Klirren von Besteck, gedämpftes Lachen von draußen.)
TILLMANN
Und worauf wartest du?
MANN
Dass jemand den Faden aufnimmt.
Vielleicht du.
Szene 2:
Das Angebot
Ort:
Noch immer das Café Godot. Der Nachmittag ist fortgeschritten. Lichtreflexe auf den Tassen. Dieselben zwei Männer am Tisch. Draußen werden Schatten länger.
Figuren:
Tillmann – wie zuvor
Der Mann – wie zuvor
MANN
Also.
Du wartest auf eine Idee, die einschlägt wie ein Stein.
Ich schreibe Zeile für Zeile, ohne zu wissen, wozu.
TILLMANN
Vielleicht treffen wir uns in der Mitte.
Ich biete die Fläche, du die Einschläge.
MANN
(überlegt)
Eine Art literarischer Bombenteppich
TILLMANN
Könnte funktionieren.
Wir brauchen nur ein Publikum, das bereit ist, sich treffen zu lassen.
MANN
(es stehen zwei Teller auf dem Tisch)
Zitronenkuchen. Ging aufs Haus.
Ein Zettel daneben. Schriftsteller brauchen Zucker. Damit’s läuft.
TILLMANN
(ruft über den Kopf des Mannes hinweg)
Wer hat gesagt, dass wir Schriftsteller sind?
MANN
Die erkennen den Blick.
Der geht immer ein Stück ins Leere.
Und dann wieder zurück aufs Papier.
MANN
(sticht mit der Gabel in den Kuchen)
Erkennt man auch, ob einer gut ist?
MANN
Daran, dass er selten bezahlt.
TILLMANN
Was, wenn das alles ist?
Ein Café, ein Plan, eine Bedienung mit Witz – und keine Zeile, die bleibt?
MANN
Dann hast du trotzdem gewonnen.
TILLMANN
Warum?
MANN
Weil du es versucht hast.
Die meisten Menschen tun nichts anderes als warten.
TILLMANN
Und was tust du?
MANN
Ich schreibe übers Warten.
Und du?
TILLMANN
Ich schreibe übers Schreiben.
Vielleicht sind wir beide verloren.
MANN
Oder wir sind uns nah.
(Pause. Beide sehen nach draußen. Ein Kind presst die Nase ans Fenster. Dann läuft es weiter.)
TILLMANN
Ich frage mich manchmal, ob Godot nicht längst da war.
Und wir haben ihn einfach nicht erkannt.
MANN
Oder nicht begrüßt.
TILLMANN
Godot ist ein Witz für Leute mit Literaturstudium.
MANN
Oder der Namen für ein Café
Szene 3:
Die Wiederholung
Ort:
Unverändert. Das Café. Der Tisch. Draußen ist es dunkler geworden. Es könnte Abend sein. Es könnte noch Nachmittag sein. Keine Musik. Nur das Ticken einer Uhr, das auch eingebildet sein könnte.
Figuren:
Tillmann
Der Mann
MANN
(legt den Füller hin)
Ich glaube, ich habe dasselbe geschrieben wie gestern.
TILLMANN
Ich auch. Aber mit anderen Worten.
MANN
Was war’s diesmal?
TILLMANN
„Es beginnt mit einem Entschluss.“
Danach kam nichts mehr.
MANN
Gestern war’s ein Entwurf.
Davor ein Verdacht.
TILLMANN
Immerhin: Fortschritt.
MANN
Oder Rückkehr.
(Pause. Beide starren auf den Tisch.)
TILLMANN
Vielleicht ist das der Text.
Das Warten. Das Sitzen. Das Denken, das nichts ergibt.
MANN
Ein Bestseller über das Nichtgeschehen?
TILLMANN
Wenn er gut geschrieben ist.
MANN
Und wie merkt man das?
TILLMANN
Wenn man nicht mehr weiß, ob man liest oder denkt.
MANN
Oder wartet.
(Lange Pause. Ein Stuhl knarrt. Sonst nichts.)
MANN
Worauf wartest du, wenn du nicht wartest?
TILLMANN
Auf die Zeit dazwischen.
Zwischen zwei Gedanken. Zwischen zwei Schlucken Tee. Zwischen zwei Enttäuschungen.
MANN
Ich glaube, da ist nichts.
TILLMANN
Ich weiß.
(Beide nicken. Eine Einigkeit, die nichts ändert.)
MANN
Wenn Godot käme – würdest du ihn erkennen?
TILLMANN
Ich glaube, ich würde ihn bitten, wieder zu gehen.
MANN
Warum?
TILLMANN
Weil ich sonst nicht mehr warten könnte.
MANN
Und dann?
TILLMANN
Dann wär alles vorbei.
Und ich hätte noch nichts geschrieben.
(Schweigen. Draußen geht jemand vorbei. Schritte verhallen.)
MANN
Vielleicht ist das das Buch.
TILLMANN
Vielleicht ist das alles.
Szene 4:
Das Flackern
Ort:
Unverändert. Café Godot. Es ist nun deutlich dunkler. Draußen dämmert es. Das Licht im Inneren ist künstlich, kalt. Es flackert manchmal. Kein Ton außer dem gelegentlichen Klirren aus der Ferne.
Figuren:
Tillmann
Der Mann
(Beide sitzen. Still. Die Tassen sind leer. Der Füller liegt mittig auf dem Tisch.)
MANN
War das?
TILLMANN
Was?
MANN
Etwas. Ein… Zucken.
TILLMANN
(nach kurzem Zögern)
Das Licht. Es flackert.
MANN
Ich dachte, ich hätte etwas gespürt.
TILLMANN
Vielleicht ein Anflug von Handlung.
MANN
Oder ein Fehler im Warten.
(Kurze Pause. Beide blicken zur Decke.)
TILLMANN
Stell dir vor, er käme jetzt.
Godot. Einfach so. Ohne Ankündigung.
MANN
Ich würde ihn nicht erkennen.
TILLMANN
Ich würde so tun, als wär nichts.
Damit er wieder geht.
MANN
Oder bleibt.
Und wir verschwinden.
TILLMANN
Wer weiß, ob wir je da waren.
(Das Licht flackert. Ein Glas kippt langsam am Nachbartisch um – niemand ist dort. Es fällt nicht. Es bleibt schräg stehen.)
MANN
Das ist nicht neu.
TILLMANN
Aber es war nicht immer so.
MANN
Vielleicht doch. Wir haben es nur übersehen.
(Sie stehen nicht auf. Sie rühren sich kaum.)
TILLMANN
Ich wollte ein Buch schreiben.
Groß. Greifbar. Ein Bestseller.
MANN
Ich erinnere mich.
TILLMANN
Jetzt denke ich: Vielleicht war das nur eine Bewegung, um nicht zu erstarren.
MANN
Und jetzt?
TILLMANN
Jetzt ist es zu spät für Bewegung.
Und zu früh fürs Aufhören.
(Sie sehen sich nicht an. Sie sehen beide ins Leere.)
MANN
Wir könnten den Tisch umdrehen.
TILLMANN
Warum?
MANN
Vielleicht steht etwas darunter.
TILLMANN
Und wenn nicht?
MANN
Dann haben wir es versucht.
TILLMANN
Du bist heute ungewöhnlich zuversichtlich.
MANN
Ich glaube, das Licht hat mich verwirrt.
(Das Licht flackert wieder. Dann: Stille. Nichts fällt. Nichts geschieht.)
Ende Szene 4
Szene 5:
Der Satz
Ort:
Unverändert. Café Godot. Fast dunkel. Das Licht ist schwach, aber stabil. Der Tisch, die Tassen, der Füller – alles wie eingefroren. Die beiden Männer sitzen da. Kaum Bewegung.
Figuren:
Tillmann
Der Mann
(Stille. Sehr lange. Kein Geräusch. Keine Bewegung. Die Zeit scheint eingefroren.)
MANN
Wir sagen nichts mehr.
TILLMANN
Nein.
MANN
Das ist gut.
(Wieder Stille. Der Mann schiebt den Füller über den Tisch zu Tillmann. Dieser sieht ihn an. Zögerlich.)
MANN
Du kannst. Wenn du willst.
TILLMANN
Ich weiß.
(Tillmann nimmt den Füller. Langsam. Er setzt ihn auf das leere Blatt seines Notizbuchs. Es dauert. Dann schreibt er – ein einziger Satz.)
(Leise. Lesend, nicht sprechend.)
„Ich habe gewartet. Und das war genug.“
(Der Mann nickt. Keine Antwort. Keine Geste. Nur das Licht. Und das Papier.)
(Sehr lange Pause.)
TILLMANN
Ich glaube, das war es.
MANN
Ja.
TILLMANN
Wirklich?
MANN
Vielleicht.
(Sie sitzen still. Der Satz liegt offen auf dem Tisch.)
(Das Licht geht aus.)
ENDE