
Liebe Leser*innen,
können Sie heute ganz gemütlich am Frühstückstisch sitzen bleiben, sich eine zweite Tasse (!) einschenken und in aller Ruhe diesen Newsletter lesen, um die Lektüre des Zeit-Leitartikels noch etwas herauszuzögern? Das haben Sie dem TITANIC-Wochenrückblick zu verdanken. Zur Feier der 100. Ausgabe konnten wir die Bundesregierung überreden, einen bundesweiten Feiertag einzuführen, was natürlich nichts damit zu tun hat, dass wir Fotos von Karsten Wildberger beim Tête-à-Tête mit seinem Staubsaugerroboter in der Schublade liegen haben. Zu unserem Hundertsten bekommen Sie außerdem einen Newsletter, wie Sie ihn noch nie gesehen haben: bis zum Rand gefüllt mit bisher unveröffentlichten Texten, nur für Ihre treuen Abonnentenaugen bestimmt.
Dass Sie diesen Newsletter heute überhaupt lesen können, liegt nicht nur an Ihrem exzellenten Geschmack, sondern auch daran, dass die Newsletterredaktion einem Schicksalsschlag entgangen ist:

(Abre numa nova janela)Da wir wissen, wie sehr Ihnen unsere Sicherheit am Herzen liegt, werden wir in Zukunft auf die Teilnahme an allen Pressesausen des US-amerikanischen Präsidenten verzichten, versprochen. So können wir Ihnen garantieren, dass Sie noch 100 weitere Ausgaben dieses Newsletters erhalten werden!
Da die Redaktion von nun an auf ihre monatlichen Flüge über den Atlantik verzichtet, muss sie sich keine Sorgen mehr wegen der Kerosinknappheit machen. Die von unserem Kollegen Daniel Sibbe mühsam recherchierte Zusammenstellung der zehn besten Ersatzstoffe für Kerosin ist damit überflüssig. Wir veröffentlichen sie hier trotzdem, da Sibbe sie ja extra für Sie verfasst hat:

1) Kokain
2) Flüssighelium
3) Wasserstoffbomben
4) Bienenhonig
5) Hochglanzflyer
6) Wind
7) Flugangstschweiß
8) Oma Annegrets feuriger Bohneneintopf
9) Propellermützen
10) Red Bull Surrogate Edition, Geschmacksrichtung: Kerosin
Nicht nur der Newsletter feiert dieser Tage Jubiläum, auch andere Jahrestage standen an:

Eigentlich war der Plan, der Newsletterredaktion nach der 99. Folge fristlos zu kündigen und alle Beiträge von einem Gagbot verfassen zu lassen. Doch mit diesen 16 Argumenten konnte die Chefredaktion doch noch von unserer Relevanz überzeugt werden:

»Ich sag mal so: Die KI wird mir als Chef bestimmt nicht die Furunkel eincremen oder bei meiner Gartenparty auftauchen, damit ich meiner Frau beweisen kann, dass ich im Büro Freunde habe. Außerdem hat die KI kein Gesicht, in das man spucken kann. Ich glaub nicht, dass sich die Angestellten Sorgen machen müssen, es bleiben gute Zeiten.«
»Mitarbeiter haben einen großen Vorteil: Sie brauchen keinen Strom. Zumindest nicht, wenn sie dazu verpflichtet werden, sich aus eigener Tasche einen Laptop mit gutem Akku zuzulegen und eine Stirnlampe mitzubringen. Und wenn man ihnen dann noch die Toilettenpausen verbietet, verbrauchen sie nicht mal Wasser.«
»Mit einer KI können Sie viel schwerer eine Affäre anfangen als mit der 19jährigen Praktikantin.«
»KI ist nicht zu Empathie fähig, außerdem ist sie nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Gut, beides gilt auch für die meisten Angestellten, aber die können Sie wenigstens juristisch belangen, wenn Sie auf einmal drei Millionen Schrauben vor der Tür stehen haben, weil irgendein Depp in der Buchhaltung in der Spalte verrutscht ist.«
»Viele Führungskräfte entwickeln im Laufe ihrer Karriere eine Sucht nach dem Angstschweiß ihrer Mitarbeiter, und da kann die KI einfach nicht liefern!«
»Einen Untergebenen können Sie zwingen, 16 Berufsberater anzurufen und deren Aussagen zu transkribieren, das würde eine KI nicht mit sich machen lassen.«
»Die KI weiß zu viel, die können Sie nicht auslachen, weil ihr partout nicht einfällt, wie die Hauptstadt von Australien heißt.«
»Mit der KI lässt sich nicht so nett über The Office plaudern, die hat ja gar keine Augen zum Schauen.«
»Mitarbeiter geben gutes Geld für Berufsberater aus!«
»Im Handwerk brauchen Sie viel Fingerspitzengefühl, und da ist der Mensch der Technik nach wie vor überlegen. Außerdem kann der Algorithmus nicht verschlafen zum Frühdienst erscheinen und sich dann volle Lotte in die Daumenkuppe sägen, und genau so was macht den Arbeitsalltag doch interessant!«
»Mitarbeiter haben einen Körper und lassen sich deshalb zum Beispiel als menschliche Schutzschilde nutzen.«
»Klar können Sie alle Ihre Leute rausschmeißen und durch KI ersetzen, aber dann trinken Sie Ihren Mittagsschnaps in der Betriebskantine von jetzt an allein!«
»Denken Sie doch mal an Ihre Kinder: Wo soll Ihr unnützer Sohn denn bitte Arbeit finden, wenn Sie ihn nicht selbst einstellen?«
»Falls Sie mit Texten arbeiten, haben Sie bestimmt fähige Angestellte, deren Sprachgefühl dem der KI meilenweit überlegen ist. Es sei denn, Sie sind Chefredakteur der Zeit oder so …«
»Sie brauchen sowieso weiterhin mindestens einen Untergebenen. Die KI kann die Kündigungsschreiben nämlich nicht zum Briefkasten bringen.«
»Eine KI lobt Sie in den Himmel und sagt zu allen Ihren Ideen Ja und Amen. Aber kann sie dabei so unterwürfig weinen wie Ihre Angestellten? Bleiben Sie geduldig, das Silicon Valley arbeitet mit Hochdruck daran!«
Keine Künstliche Intelligenz der Welt kann unsere Kolumnenmaschine Torsten G-AI-tzsch ersetzen, die auch beim hundertsten Mal abliefert:

Heute: TITANIC geht an die Börse!
Hier ist sie nun also, meine 100. Newsletter-Kolumne. Hundert Texte à 2000 Zeichen (plusminus), das ergäbe schon ein moderat dickes Buch. Damit nicht genug der runden Zahlen: In der vorletzten TITANIC befand sich mein sage und jaule eintausendster Beitrag. Unter diesen Beiträgen befanden sich freilich auch Co-Produktionen und Gemeinschaftsartikel; zudem habe ich jede Ausgabe der von mir verantworteten Nonsensrubrik »55ff« (2012-2017) als je einen Beitrag gezählt, obwohl ich häufig mehr als einen dazu beigesteuert habe. Schlägt man noch meine rund 680 Onlinewitze drauf, kommt man zu dem Ergebnis, dass ich … mittlerweile ziemlich ausgebrannt sein muss.
Nachdem ich das Heft nun ein Drittel seiner Existenz lang begleitet habe (»geprägt« zu schreiben, wäre vermessen), habe ich nur noch einen Traum: die TITANIC Verlag GmbH & Co. KG in eine AG zu verwandeln. Wäre das auch wirtschaftlicher Selbstmord, so hätte ich doch meine helle Freude daran, die jährliche Hauptversammlung zu organisieren und durchzuführen (auch wenn das gar nicht meine Aufgabe wäre). Ordentliche Hauptversammlungen in Präsenz sind nämlich inzwischen eine Seltenheit. Zu Beginn der Corona-Pandemie hat die Bundesregierung beschlossen, dass Aktionärsversammlungen virtuell stattfinden dürfen, und diese Möglichkeit wurde nie abgeschafft, im Gegenteil erlaubt ein 2022 verabschiedetes Gesetz Aktiengesellschaften dauerhaft, ihre Hauptversammlungen nicht-physisch durchzuführen, und davon machen bis heute selbst altehrwürdige DAX-Konzerne Gebrauch. Als lobende Ausnahme ist hier Lufthansa zu erwähnen, die ihre Shareholder heuer wieder wie zu guten alten Zeiten in die Frankfurter Messe einlädt.
In festlich-offiziösem Ambiente und keinesfalls in einem würdelosen Zoom-Call würden auch wir bei der TITANIC AG tagen. Für ein unterhaltsames Rahmenprogramm und Verköstigung würde ich persönlich sorgen – so ließen sich die gewiss niederschmetternden Bilanzen und Beschlüsse viel angenehmer vermitteln. In der Pause würde ich mich unter die Anteilseignerinnen und -eigner mischen und zufrieden Sätze vernehmen wie: »Das waren ja wieder Hiobsbotschaften! Habe ich das richtig verstanden: Die Dividende beträgt minus 60 Cent pro Aktie, die wir nachher in bar entrichten sollen? Aber egal, den Filterkaffee gibt’s mit Refill-Garantie, und die Snacks sind wieder deliziös! Hast du schon die Party-Pumpernickel mit Ananas-Mandel-Frischkäse probiert?«
So einen Doppelrahmfrischkäse-Ananas-Mandel-Ring habe ich mir letzte Woche tatsächlich gekauft, teils aus Nostalgie, teils ironisch. War im Angebot. In diesem Sinne: Ad multos ananas!
Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:
Ihre TITANIC-Redaktion
TITANIC-Veranstaltungstipp
(Abre numa nova janela)Gar nichts neu macht der Mai. In bewährter »Qualität« ziehen die Bockenheimer Redaktionsroutiniers diesen Monat wieder ihr Standardprogramm aus Texten, Bildern und geskripteten Technikpannen durch. Die passende Veranstaltung für alle, die sich nach Verlässlichkeit und Beständigkeit sehnen – oder ohnehin jedes Mal dabei sind.
Gleiche Location wie eh und je
Stabiler Eintrittspreis
Keine Änderungen in den AGB
Mit Laura Brinkmann, Torsten Gaitzsch, Julia Kubik, Sebastian Maschuw, Leo Riegel, Daniel Sibbe und – keine Überraschung – Stargast Stefan Gärtner
Am Dienstag, den 5. Mai 2026 um 20 Uhr im Club Voltaire, Kleine Hochstraße 5, 60313 Frankfurt am Main.
Alle Infos zur Veranstaltung hier (Abre numa nova janela)!