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Die Seeblockade – Hintergründe

Die Dichte an Informationen zur Blockade der Straße von Hormus ist enorm hoch. Tatsächlich relevante Informationen gibt es aber so gut wie keine.
Ich möchte einmal einige Dinge aus militärischer Sicht erklären. Das bringt vielleicht bei dem ein oder anderen etwas Übersicht. Vor allem, was überhaupt relevant ist. Und das ist überraschend wenig.

Das grundlegende Missverständnis

Schon als Istanbul noch Konstantinopel hießt, wurde durch die Meerenge des Goldenen Horns einfach eine Kette gespannt. Von Konstantinopel bis Galata. So konnten keine Schiffe mehr durch die Meerenge fahren und Istambul von der Seite angreifen.

Viele scheinen sich unter einer Seeblockade so etwas vorzustellen. Doch genau diese Vorstellung ist es, die bereits völlig in die Irre führt.

Ein ähnliches Beispiel ist der Kommandoposten.
Immer wieder melden die IDF, dass sie einen Kommandoposten, Kommandoinfrastruktur oder eine Kommandostellung angegriffen haben. Und regelmäßig wird die Information von Propagandisten und anderen als falsch dargestellt. Was gelingt, weil die meisten sich unter einem Kommandoposten vermutlich so etwas wie einen Bunker mit Computern und Monitoren vorstellen.

Aber das sind militärische Begriffe. Das kann auch eine Mietwohnung sein, eine Garage, selbst ein Zelt hinter der Front. Es geht nicht um den physischen Platz, um einen Ort.
Wenn jemand irgendwo sitzt, der Kommandos gibt und entsprechende Kommunikationsmittel hat, ist das ein Kommandoposten. Man sagt auch „Platz des Führers“ oder nennt die taktische Größe, beispielsweise „Bataillonskommando“.

Und genau so ist es mit einer Seeblockade.
Erst heute habe ich wieder einen Kommentar gelesen, man müsse doch nur die iranischen Stellungen bekämpfen. Ich habe nur gefragt „Welche Stellungen?“ – Keine Antwort.

Eine Seeblockade ist erfüllt, wenn ein Staat oder eine Gruppe glaubhaft sagt, dass er oder sie Schiffe bekämpfen würde, die durch ein bestimmtes Gebiet fahren. Mehr nicht.
Ob er da eine Kette spannt wie in Konstantinopel, Minen legt, U-Boote losschickt wie das Dritte Reich, oder gar nichts macht, ist vollkommen unerheblich.
Eine Seeblockade ist ein strategisches Mittel. Keine physische Sperre.

Minen oder nicht Minen, das ist nicht die Frage

Tatsächlich weiß ich nicht, ob der Iran überhaupt Minen gelegt hat.
Es kann sein, es kann nicht sein.

Die New York Times berichtete zwar am Freitag, der Iran könne seine gelegten Minen nicht wiederfinden. Aber erneut ohne wörtliches Zitat oder auch nur Nennung der Quelle. Und ohne weitere Informationen. Der ganze Artikel erklärte die Situation und die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Und bezog sich auf einen weiteren Artikel vom März vom gleichen Autor, dass wieder ungenannte „U.S. officials“ gesagt hätten, der Iran habe die Straße vermint.

Das ist sehr typisch für die Berichterstattung zu allen Kriegen seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Es wird eine winzige Information genommen und darum wird ein ganzer Beitrag aufgebaut, der dann Klicks bringt und Werbung verkauft. Erklärt wird darin nichts.

Der Iran hat sowohl solche Minen als auch solche kleinen Schnellboote, die so etwas könnten.
Ich sage nicht, dass es nicht so ist. Aber diese bloße Behauptung ist militärisch einfach nichts wert. Es wird nicht gesagt wie viele, es wird nicht gesagt wo genau (denn die Fahrrinnen sind ja weiter passierbar) und es wird nicht gesagt was für Minen.

Seeminen sind ein völlig anderes Geschäft als Landminen. Die zumeist gegen Menschen oder Panzer wirken sollen.
Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Minen. Zum ersten gibt es Treibminen, die einfach im Wasser vor sich hin dümpeln. Die werden durch die Strömung abgetrieben und würden eher dazu dienen, Terror in einem Gebiet zu verbreiten, das man selber nicht nutzt. Es wäre suizidal, wenn der Iran solche Minen eingesetzt hätte.

Und dann gibt es Minen, die am Grund befestigt werden. Ein entsprechendes Gewicht ist dafür schon ausreichend.
Man kann logischerweise einstellen, in welcher Tiefe diese Minen schwimmen sollen. Weit oben, um Schiffe und Boote mit geringem Tiefgang zu erwischen, oder weit untern, um U-Boote zu überraschen.
Grundsätzlich würde ich den Iranern zutrauen, dass sie – zumindest im derzeitigen Stress der Verteidigung – gerade nicht mehr wissen, wo ihre Minen sind. Aber es ist trotzdem unwahrscheinlich.

Minen können sogar Torpedos abschießen oder erst manuell aus der Entfernung scharf geschaltet werden. Zudem sind die Fahrrinnen in der Straße von Hormus nur jeweils etwa drei Kilometer breit.
Es wäre ein unfassbares Versagen, wenn die Iraner tatsächlich nicht mehr wüssten, wo sie was vermint haben. Da sie ja selber weiterhin Tanker durch die Straße lotsen. Und – neuste Entwicklung – dafür auch Maut kassieren wollen.

Angesichts der Tatsache, dass der Iran eine Blockade aber genauso gut durch Drohnen und Anti-Schiffs-Raketen umsetzen könnte, ist die ganze Debatte aber schon völlig überflüssig. Denn ob da jetzt Minen sind oder nicht, macht ja gar keinen Unterschied für die Blockade an sich.

Bundeswehreinsatz

Und genauso ist auch jede Debatte zu bewerten, ob da nun deutsche Minensucher helfen oder nicht.

Tatsache ist nun einmal, dass die deutschen Minensucher der Frankenthal-Klasse (Klasse 332) sowas tatsächlich super könnten. Aber sie sind nahezu unbewaffnet.
Würde die Bundeswehr dort Minensucher hinschicken, könnte man die nicht alleine dort hinfahren lassen. Es müsste ein Versorger mitlaufen. Und vermutlich, ob Bedrohungslage oder nicht, eine deutsche Fregatte.
Das bedeutet, wir sprechen hier sofort von einem nicht unerheblichen militärischen Aufwand. Mit mehreren hundert Soldatinnen und Soldaten. Tausende, wenn man Planung und Logistik einberechnet.

Soldaten lassen auf der Dillingen der Frankenthal Klasse eine Unterwasserdrohne Pinguin B3 zu Wasser. Kiel, 24.08.2006

Es hält sich die Legende, dass die USA keine Minen räumen könnten.
Anlass dafür war, glaube ich, die Geschichte, dass sie gerade erst mehrere ältere Minensucher außer Dienst gestellt haben: die Avenger-Klasse.
Aber das ist natürlich Unfug. Die mit Abstand größte Marine der Welt würde niemals auf solche rudimentären Kompetenzen wie der Minenjagd verzichten. Umso weniger, wenn sie von Atlantik und Pazifik umgeben ist.

Minentaucher der Navy Seals präparieren ein Ziel, um es gezielt zu sprengen. Pearl Harbour, ca. 1996

Es gibt längst Möglichkeiten Seeminen aus der Luft zu bekämpfen, beispielsweise durch Drohnen. Ebenso mit See- bzw. Unterwasserdrohnen. Seefernaufklärer wie die Orion, die zur U-Boot-Jagd eingesetzt werden, können natürlich nicht nur U-Boote finden, sondern auch Minen.
Und die neuen Schiffe der Independence Klasse können das auch. Das sind so genannte „Littoral Combat Ships“ (LCS), die zur asymmetrischen Kampfführung vor allem in Küstennähe gebaut sind. Beispielsweise gegen Piraten. Und die können über Module mit der Fähigkeit der Minenjagd ausgestattet werden.

Ein „Littoral Combat Ship“: die USS Mobile der Independence Klasse, im Marinehafen San Diego. 21.12.2024

Wann immer ich eine Diskussion darüber lese, Deutschland solle da Minensucher schicken, denke ich mir immer nur: Wozu?
Warum sollte ausgerechnet Deutschland da irgendwen hinschicken, um irgendetwas zu tun, das diejenigen doch selber können, die mit dem ganzen Unfug überhaupt erst angefangen haben? Kommen solche Überlegungen von Menschen, die einen Handwerker rufen, um dann die ganze Zeit daneben zu stehen und Tipps zu geben? Oder debattieren diese Leute tatsächlich öffentlich, ohne sich auch nur halbwegs schlau zu machen?

Für mich ganz persönlich ist ein letzter Punkt auch ganz wichtig:
Was tun, wenn ein deutsches Schiff angegriffen wird?

Die Bundeswehr kann keinen Krieg gegen den Iran führen. Ebenso wenig wie der Iran gegen Deutschland.
Schießt der Iran eines unserer Schiffe ab und Soldatinnen und Soldaten sterben, können wir genau eins tun: Mit den Schultern zucken.
Und vermutlich öffentlich über Sanktionen oder einen Rückzug diskutieren. Wir könnten mit eingekniffenem Schwanz nach Hause gehen. Da sollte man sich doch erst einmal gut überlegen, was dem Ansehen Deutschlands wohl mehr schadet.

Und wer jetzt sagt, ein solcher Einsatz würde doch eh erst in Frage kommen, wenn Frieden und eine beiderseitige Absicherung sicher ist, stellt sich doch erst Recht die Frage wozu. Denn dann können das auch zivile Firmen übernehmen. Dann können sich auch andere darüber auseinandersetzen, wer das denn nun bezahlt: Die, die die Minen gelegt haben, die, wegen denen sie gelegt wurden oder die, deren Schiffe da durchfahren wollen, um damit Geld zu verdienen.

Versicherungen

Das ganze Problem bei der Blockade ist nicht einmal die Sicherheit. Das ist nur mittelbar das Problem.

Nehmen wir einen großen VLCC (Very Large Crude Carrier). Das sind noch nicht die größten Tanker, aber die größten, die sicher durch die Straße von Hormus passen (Tiefgang). Ein großer fasst auch schon mal 300 Millionen Litern Rohöl.
Ja, Millionen.

Wird der jetzt irgendwo in Kuweit beladen, gehört das Öl nicht dem Reeder (Betreiber des Schiffes), sondern meist einem großen Konzern. (Saudi Aramco, ExxonMobil, Shell). Manchmal gibt es auch Zwischenhändler. Vitol, Trafigura, Glencore... Milliardenunternehmen, die kaum jemand kennt.
Das ist wichtig zu verstehen. Denn die Ladung ist mehr wert, als das ganze Schiff. Nur vom Rohöl her, nicht von dem, was wir später tanken.

Ein VLCC Maran Aries unter griechischer Flagge entlädt in Zhoushan, China. 07.06.2020

Und da kommen jetzt die Versicherungen drauf.
Für eine Fahrt ist die Versicherung der Fracht im Verhältnis sehr erschwinglich. Den Konzernen ist das also noch halbwegs egal. Allerdings könnten sie ja auch die ganze Fracht verlieren, was sicher weniger egal ist. Aber ausgerechnet das Schiff fällt hier wieder ins Gewicht, denn deren Versicherung (Lloyd’s of London, P&I Clubs) wird jährlich gezahlt. Und das sind Millionen.

Und das bedeutet, rund um die Welt sitzen Menschen, die darüber zu entscheiden haben, ob sie einen Tanker nun da durchfahren lassen, oder nicht. Würde ich auf 300 Millionen Litern Rohöl sitzen oder ein Schiff mit Millionen versichern lassen, wüsste ich, wie ich mich entscheiden würde.

Und genau das war der Grund, warum Trump dauernd erzählt hat, die USA würden die Tanker beschützen. Und die US-Navy ständig schweigend im Hintergrund mit dem Kopf geschüttelt hat.
Als nächstes hat er erzählt, die USA würden das Risiko tragen – also die Versicherungen übernehmen. Davon hat man auch nie wieder etwas gehört.
Und genau das ist der Punkt, an dem man einiges ablesen kann.

Man muss bei Trump immer aufpassen, wann und wie er etwas sagt. Wenn er zwischen Tür und Angel, gerne in einer Air Force One, etwas zu Journalisten sagt, die dort mitfliegen können, bekommt man häufig einen Eindruck der Gedankenwelten eines Trump. Das ist ungefiltert. Und da kommt fast ausschließlich Blödsinn. Die Medien stürzen sich aus oben erklärten Mechanismen trotzdem drauf. Oder gerade deshalb. Und auf X (Twitter) laufen alle aufgeregt kreuz und quer und drücken überall drauf.

Typische Interview-Situation: Trump beantwortet in einer Air Force One den Journalisten, die mitfliegen dürfen, Fragen. Im wahrsten Sinne zwischen Tür und Angel. 05.01.2026

Ich finde, man sollte nicht immer alles auf eine Führerpersönlichkeit schieben. Das wird auch bei Putin gemacht, was zu einer völligen Verzerrung dessen geführt hat, was in Russland los ist und was nach Putin kommt. Meine Interpretation ist in diesem Fall aber über das Militärische hinaus sehr eindeutig.
Selbstverständlich wusste das US-Militär und vor allem die Navy, dass die Blockade der Straße eine wahrscheinliche Strategie des Irans sein wird. Der Iran hat das mehr als einmal gemacht und angedroht und Saudi-Arabien hat genau deshalb eine Pipeline quer durch die Wüste gebaut. Aber Trump hat das beiseite gewischt. Weil er sicher war, einen seiner geliebten Deals machen zu können. Für Trump funktioniert die Welt wirtschaftlich und mit Deals. Er hat keine Antwort darauf, wenn er es mit Radikalen zu tun hat. Sein Friedensentwurf für den Gazastreifen hat für eine fragile Waffenruhe gesorgt, ist aber nie an den Punkt der Entwaffnung der Hamas gekommen. Und das war erst der zweite Punkt. Während er philosophiert hat, was man mit den Strandgrundstücken anstellen könnte.

Die US-Blockade

Und nun sind wir bei der Entwicklung der letzten Nacht. Trump hat erklärt, dass die USA ab heute 16:00 Uhr ihrerseits die Straße blockieren würden. Für alle Schiffe, die nun mit grünem Licht aus dem Iran durch die Straße fahren. (Was laut Tracker nach wie vor sehr wenige sind.)

Auch das kann ich nur irgendwie interpretieren. Denn von Militär bis Militärökonomie macht das absolut gar keinen Sinn. Und ich habe echt einige Szenarien durchgespielt.
Offenbar glaubt er – erneut er persönlich, nicht das Militär – dadurch Druck auf den Iran aufbauen zu können. Weil dem dadurch Einnahmen wegfallen.

Die sind aber durch die Maut, die der Iran von den Schiffen kassieren will, eben nicht besonders hoch. Es fährt ja kaum jemand.
Das zuständige Kommando CENTCOM, also das eigene Militär (!), hat bereits klargestellt, dass nur Schiffe angehalten werden, die iranische Häfen anlaufen. Und das waren eh nicht viele. Und sind auch in Friedenszeiten nicht so viele, weil der Iran im Vergleich zu den anderen Staaten rund um den Persischen Golf gar nicht so viel fördert bzw. exportiert.

Aber das Völkerrecht

Und einen letzten Punkt möchte ich klarstellen. Es gibt nach wie vor das Prisenrecht.
Als Prise wird bezeichnet, was von feindlichen Staaten an Schiffen und Ladung beschlagnahmt wird. Auch von zivilen Schiffen.

Es ist also gut möglich, dass eine Umsetzung der US-Blockade juristisch in Ordnung wäre. Wenn sie tatsächlich nur Schiffe aufbringen, die den Iran anlaufen oder aus dem Iran kommen. Im Gegensatz zur Blockade des Irans, der pauschal alle Schiffe mit einem Angriff bedroht.

Ich schrieb, es ist möglich! Nicht das es so ist!
Das See(kriegs)recht ist eine absolute Fachsparte. Das kann auch kein Scheidungsanwalt aus Ennepetal mal eben beantworten.

Was da auch mit reinspielt ist das Gewohnheitsrecht.
Grundsätzlich ist jede unterschiedslose (!) Blockade von Meerengen bereits illegal. Und zwar völlig unabhängig davon, ob irgendein Staat nun irgendetwas unterzeichnet hat, oder nicht. Auch darüber grassieren gerade einige Debatten. Es gibt auch ein Völkergewohnheitsrecht. Und das gilt dann auch für den Iran oder die USA.
Man stelle sich nur einmal vor, Indonesien oder Malaysia würden die Straße von Singapur dicht machen. Da gehen noch mehr Waren durch, u.a. alle unsere in Fernost gefertigten Computer, Spielekonsolen und Handys.

Die Straße von Singapur an einem ruhigen Tag. 12.07.2023

Und genau deshalb glaube ich, Trump hat da erneut einen rausgehauen und erst danach haben die Militärs ihm erklärt was geht und was nicht. Und was welche Folgen haben könnte.

Das größte Problem dabei dürfte China sein.
Denn die chinesischen Ölkonzerne sind alle staatlich. (China National Petroleum Corporation CNPC, Sinopec, CNOOC) Wenn schon nicht das Schiff, das vielleicht unter anderer Flagge fährt, aber die Ladung eines Schiffes würde China als seine ansehen. Nicht privatwirtschaftlich, nicht von einer chinesischen Firma, sondern tatsächlich Öl des Staates. Und dann bliebe abzuwarten, wie Trump reagiert, wenn er einen Anruf aus Beijing erhält.
Ich rechne mit keinem Weltkrieg. Ich rechne damit, dass die US-Seeblockade damit hinfällig würde. Oder dass man Ladungen für China durchlässt, was auch in Friedenszeiten bereits das mit Abstand meiste ist.

Ich hoffe, ich konnte damit eine andere Perspektive nachreichen. Und die Zeit für viele Debatten ersparen. Das meiste, was auf Social Media herumschwirrt, ist schlicht absurd.
Es ist reine Zeitverschwendung über einen Bundeswehreinsatz, das Völkerrecht oder ähnliches zu diskutieren. Und von Diskussionen über Sinn und Verstand von Trump rate ich generell ab.

https://steady.page/de/u-m/posts/072ade34-3608-410d-8549-2247861ba9e7 (Abre numa nova janela)
Tópico Krieg

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