Unser Airedale-Rüde Theo hat indessen das Familiensofa privatisiert. Auch sonst benimmt er sich noch immer wie ein rüder Wessi. Sind es am Ende doch die Gene?
Sein Lieblingsball ist einer von Schalke. Nur der Teufel weiß, wie das blauweiße Ding in unserer Familie gelandet ist. Außerdem sieht der Ball inzwischen selbst aus wie Gelsenkirchen: kaputt, verbeult, die Luft lange raus – ein sinnloser Kunstlederklumpen, wahrscheinlich nicht mal mehr für die dritte Liga zu gebrauchen.

Es muss eine Art Hassliebe sein, denn Theo hat ihn selbst so zugerichtet. Insofern könnte er auch Dortmund-Fan sein, falls Fußball in seinem Leben überhaupt eine Rolle spielt. Ein Hooligan ist er in jedem Fall, so wie er jeden Artgenossen anpöbelt. Und dass es mich immer noch beschäftigt, ob jemand mit so einer großen Schnauze in unsere kleinlaute ostdeutsche Familie passt, hat natürlich auch mit dem blöden Spruch vom „Wessi-Hund“ zu tun, über den ich mich in meinem ersten Theo-Text (Abre numa nova janela) beklagt habe.
Wer die Antwort fürchtet, fragt lieber nicht. Insofern war es mein Fehler, mich nach etlichen menschlichen Enttäuschungen auch noch mit der hündischen Wiedervereinigung zu beschäftigen.
Manches davon liest sich wie eine groteske Studie von Professor Pfeiffer (Abre numa nova janela) – der mit den Töpfchen. Offenbar haben sich nach 40 Jahren Teilung sogar die Hunde auseinandergelebt. Vor allem der sogenannte „Ost-Schäferhund“ entwickelte sich zu einem kräftigeren Exemplar. Noch immer schwärmen Liebhaber von „rein ostblütigen“ Schäferhunden oder „Top DDR-Verpaarungen“. Ihr Fell ist dunkler, der Rücken gerade, während sich im Westen ein abfallender Rücken durchgesetzt hat. Die Hinterläufe wirken deshalb dort viel kürzer, der Gang seltsam servil.
Schoßhunde waren bei Aufbau und Schutz des Sozialismus ausdrücklich nicht erwünscht. Als sie an der Grenze und bei der Volkspolizei nicht mehr gebraucht wurden, verkauften Ost-Züchter ihre begehrten Schäferhunde bis nach Übersee. Seitdem beklagen sie, der Westen hätte alles plattgemacht. In Wahrheit war es vermutlich wie überall: Der Osten hat die Früchte seiner Arbeit für schnelles Westgeld verschachert. Und der mächtige West-Verband hatte das Sagen.
Auf Hundezeitung.de (Abre numa nova janela) findet sich noch das schöne Zitat des damaligen Pressesprechers, dass sich „dieser Osthund letztlich in die gemeinsame Zucht integrieren muss“. Es konnte nur einen Deutschen Schäferhund geben, und zwar das westdeutsche Schönheitsideal mit dem Schrägheck. Seit Qualzucht-Vorbehalte gegen den Entengang lauter wurden, dürfen aber wohl auch wieder westdeutsche Schäferhunde den aufrechten Gang lernen.
Über Airedale Terrier sind solche Nachwende-Revierkämpfe leider nicht überliefert, außer dass sie in den noch früheren Weltkriegen aufgrund ihrer Intelligenz stets erste Wahl für Aufgaben an der Front waren. Mit Befehlen hat es unser Theo allerdings nicht so, dafür schöne lange Beine, ein kräftiges Gebiss und nach wie vor ein niedliches Teddy-Gesicht wie die Plüschtiere aus Bad Kösen. In meinen Augen spricht das alles ziemlich eindeutig für einen Ossi.
Aber weiß man es genau? Was ist mit dem Imponiergehabe auf dem Hundeplatz?
Wieso muss sich ausgerechnet unser Hund benehmen, als wäre er in einem Westberliner Problemkiez aufgewachsen?
Dazu dieser unbändige Zorn auf Radfahrer und Eichhörnchen. Woher kommen die spitzen Ellbogen, die er mir jeden Abend nach einem Sprung aufs Sofa in den Schoß rammt? Und wieso gehört ihm überhaupt auf einmal das halbe Sofa wie meine Heimat plötzlich Wessis gehört?
Dann lese ich doch noch etwas über einen Airedale-Rüden, der angeblich von Züchtern in den Osten geschmuggelt wurde und heute als Urahn aller DDR-Linien gilt. Deutsch-deutsche Inzucht – da haben wir es! Nur: Wie viel machen die Gene aus? Welchen Einfluss hat Theos Sozialisierung? An seinen rein ostblütigen Adoptiveltern kann es nicht liegen. Frauchen und Herrchen sind schließlich eine „Top-DDR-Verpaarung“.
Es lässt mir keine Ruhe. Ich schaue noch einmal in die Abstammungs-Papiere und googele den Namen seines Vaters: Der heißt Caspar-David vom Blauen Feld (*) und stammt ursprünglich aus einer „leistungsorientierten Hobbyzucht in Nordrhein-Westfalen“, wie deren Facebook-Seite verrät.
Väterlicherseits also doch. Schon der gespreizte Name von Theos Erzeuger hätte uns stutzig machen müssen. Seine sogenannte Zuchtzulassungsprüfung fand in der Ortsgruppe Dorsten statt. Und was ist das überhaupt für eine abstoßende Eigenschaft – leistungsorientiert?
Eine Tabelle mit den „Erfolgen“ seiner Vorfahren gibt damit an, dass derer vom Blauen Feld als Polizeihunde Rauschgift aufspüren und bei Rasse-Ausstellungen regelmäßig das Prädikat „vorzüglich“ absahnen. Viele Verwandte sind „Klubleistungssieger“, nehmen an Bundeswettbewerben teil oder schmücken sich mit allen möglichen Abkürzungen für Sport- und Gebrauchshunde. Wenigstens eine simple Begleithundeprüfung haben alle geschafft.
Nur bei Theos Vater steht nichts dergleichen.
Wahnsinn, denke ich, nichts hat sich seit 1990 geändert:
Noch immer schicken sie ihre Nieten in den Osten.
Als Chefs und Beamte, sogenannte Aufbauhelfer – ja, sogar zum Decken.
Die alleinerziehenden Mütter stehen dann mit der Rasselbande allein da und müssen zusehen, wie ihre Babys nach und nach verkauft werden. Wir reden hier immerhin von Zuhälterei und Zwangsadoptionen im Osten. Für Westgeld! Nicht alle haben so viel Glück wie Theo. Manche landen auch wieder drüben.
Das könnte uns im Grunde alles egal sein. Theo ist inzwischen ausgewachsen, stubenrein und macht im Wesentlichen, was er soll: Uns auf Trab halten, das Grundstück bewachen und seine grundlos stumpfe Lebensfreude mit uns teilen.
Früher fand ich pathetische Metaphern vom besten Freund des Menschen auch albern, aber er ist auf einem guten Weg, Ludger zumindest den zweitbesten Rang abzujagen. Immerhin ist der Hund nur ein halber Wessi – und erstaunlich genug, wie sehr man so ein Vieh in sein Herz schließen kann. Vielleicht hilft er mir sogar, diese schrecklichen Vorurteile eines Tages abzulegen?
Er selbst macht nämlich keine Unterschiede, wenn sich Fremde dem Grundstück nähern. Die eingeborene Briefträgerin wird genauso rüde angekläfft wie der syrische Amazon-Fahrer oder jeder Schmierlappen mit einem westdeutschen Vertreter-Auto. Nicht einmal von den sanften Leuten, die hin und wieder mit mir über Jesus reden möchten, lässt er sich besänftigen.
Ich kann dann rufen, was ich will: Aus! Schon gut! Zu mir! Er bellt stur weiter und rennt am Zaun hin und her. Erst bei einem scharfen „Schnauze, Wessi“ reagiert er prompt und setzt sich brav hechelnd neben mich. Das liege nur am Tonfall, sagen die Experten auf dem Hundeplatz, die sich alle mit Urkunden und gehorsamen Hunden schmücken. Ich bin mir da nicht so sicher – aber auch nicht so leistungsorientiert.
*) Namen geringfügig geändert.
© Holger Witzel 🍊🍊🍊🧅🍊 2026