Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Wie du dir selbst bessere Ratschläge gibst.
(Abre numa nova janela)Ein Depressionstagebuch – entwaffnend ehrlich, direkt und überraschend lustig
Benjamin Maack erzählt nahbar und persönlich von seinem Alltag mit Depressionen und davon, wie verwirrend und schwer es ist, mit der Krankheit zu leben und zu lieben – die Kinder, seine Freundin, sich selbst. Und wie es trotzdem gelingen kann.
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Hi!
Ich wäre gern eine, die in persönlichen Krisen immer tief durchatmet und anschließend erwachsene Dinge sagt. Aber nehmen wir nur den letzten krassen Streit, den ich mit meinem Mann hatte. Wir saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa, ich am einen Ende, er am anderen. Ich war vollkommen leergeredet, mein Herz tat weh, als hätte jemand reingeboxt.
Ich wünschte, ich hätte freundlich um eine Pause gebeten, wäre spazieren gegangen oder wenigstens ins Nebenzimmer, um in Ruhe nachzudenken. Stattdessen rief ich: „Ich kann das nicht mehr“, knallte die Wohnungstür zu und ging auf einen Friedhof, um auf einer Bank zu weinen und dann lange in den Abgrund meines Daseins zu starren. Im Gras sprangen Kaninchen umher, penetrant gut gelaunt.
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Ich bin eigentlich gut in Krisen, wenn es um andere Menschen geht. Ich höre geduldig zu, wäge verschiedene Perspektiven ab, treffe keine schnellen Urteile. Aber wenn ich diesen weisen Teil von mir am dringendsten brauchen würde, ist er oft stummgeschaltet.
Ich will nicht mehr verzweifelt auf Friedhofsbänken sitzen. Also habe ich versucht zu verstehen, warum ich anderen besser zur Seite stehen kann als mir selbst. Bei der Recherche fand ich heraus: Das lässt sich tatsächlich ändern. Zumindest ein bisschen.
Warum du manchmal so weise bist
Forschende konnten bestätigen, dass Menschen oft viel besser darin sind, die Probleme anderer zu lösen als ihre eigenen. Sie nennen dieses Phänomen das Salomon-Paradoxon, benannt nach dem biblischen König Salomo, der angeblich so weise war, dass Menschen von weit her anreisten, um seinen Rat einzuholen. Der Legende nach sprudelte Salomo nur so vor klugen Ratschlägen, wenn ihn andere um Hilfe baten. In seinem persönlichen Leben verhielt er sich aber wenig weise. Der Mann lebte verschwenderisch und sein Dating-Verhalten war schlimmer als das eines Tinder-Users mit Midlife-Crisis. Er soll rund 1000 Ehefrauen und Geliebte gehabt haben.
Laut einer Studie (Abre numa nova janela) von 2014, die aus drei Experimente mit fast 700 Teilnehmenden bestand, ist dieses Verhalten ein typisches Problem von Self-Immersion (dem Versinken im eigenen Ego). Anders gesagt: Es ist einfach schwer, vernünftig über etwas nachzudenken, in dem man bis zum Hals steckt.
Für eines der Experimente sollten die Teilnehmenden über ein Problem nachdenken, das bei den meisten von uns großen Stress auslöst. Es ging ums Fremdgehen. Die Teilnehmenden sollten sich vorstellen, ihr Partner bzw. ihre Partnerin habe gerade gestanden, mit ihrer besten Freundin oder ihrem besten Freund geschlafen zu haben. Der Clou: Die eine Hälfte dachte über den eigenen untreuen Partner nach, die andere über den einer Freundin, der fremdgegangen war. Danach sollten alle überlegen, wie es mit der Beziehung weitergehen würde.
Die Forschenden maßen anhand der Antworten, wie „weise“ die Probanden über den Konflikt nachdachten. Als „weise“ definierten sie dabei vier konkrete Dinge: zugeben, dass man nicht die ganze Situation überblickt; Kompromisse suchen; die Sicht der anderen einnehmen – und damit rechnen, dass sich alles ändern kann.
Das Ergebnis war klar: Wer über den Seitensprung beim Partner der Freundin nachdachte, urteilte klar weiser als der, dessen eigener Partner fremdging.
Und dann kam der eigentlich interessante Teil.