Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Über den Versuch öfter unter Menschen zu gehen. Und wie man das schafft, ohne sich zu verbiegen.

Hi!
Ich war extrem erleichtert, als es auf einmal gesellschaftlich akzeptierter wurde, introvertiert zu sein. Die beste Party meines Lebens erlebte ich als Kind, als eine Mutter erkannte, dass ich keine besondere Lust auf Plumpsack und Fangenspielen hatte. Sie zeigte mir ein Bücherregal. Es war der Himmel.
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Während die anderen im Garten herumrannten, versank ich in „Die drei ??? und die Geisterinsel“. Und tauchte später nur auf, um mir ein ordentliches Stück Pumuckl-Torte zu genehmigen. Eigentlich wären Partys mir bis heute so am liebsten.
Dass auch Introvertierte sich gelegentlich nach außen bewegen müssen, war für mich eine unbequeme Erkenntnis. Denn ohne soziale Interaktion kippt Introversion irgendwann in Einsamkeit.
Aber „sich extrovertiert verhalten“ heißt nicht zwangsläufig, dass man ständig Small Talk machen oder auf Partys Pfirsichschnaps aus den Bauchnäbeln fremder Menschen saufen muss. Die US-Journalistin Olga Khazan, selbst introvertiert, geht in ihrem Buch „Me, But Better (Abre numa nova janela)“ der Frage nach, ob man seine Persönlichkeit verändern kann (und wann es sich lohnt). In einer Ausgabe ihres Newsletters (Abre numa nova janela) gibt sie konkrete Tipps, wie introvertierte Menschen es schaffen können, öfter unter Menschen zu gehen.
Ich durfte diesen Text für die heutige Ausgabe meines Newsletters übersetzen. Ganz ehrlich, für mich war es eine enorme Erleichterung Khazans Tipps und Erkenntnisse zu lesen. Vor allem, weil mir dabei klar wurde, wie eng – und ehrlich gesagt abschreckend – mein eigenes Bild von Extrovertiertheit war.
Wenn auch du eher introvertiert bist, fühlst du dich hoffentlich auch so verstanden wie ich, wenn du den Text von Khazan liest. Oder leite ihn an liebe introvertierte Menschen in deinem Umfeld weiter. Mit großer Wahrscheinlichkeit machst du sie damit glücklich. Und damit übergebe ich an Olga Khazan. Viel Spaß beim Lesen!
Ich habe mich kürzlich sehr gefreut, wieder beim Radiosender 1A zu Gast zu sein – dieses Mal ging es um die Epidemie der Einsamkeit.
Warum ich als Expertin für Einsamkeit gelte?
Einsamkeit war einer der Hauptantriebe für das Projekt, meine Persönlichkeit zu verändern. Darüber habe ich mein Buch „Me, but better” (Abre numa nova janela) geschrieben. Mir war aufgefallen, dass ich nach der Pandemie weniger Freunde als vorher hatte – und viele dieser Freundschaften weder besonders eng noch besonders erfüllend waren. Die meiste Zeit war ich allein. Auch dann, wenn es mir wahrscheinlich gutgetan hätte, mich mit anderen zu treffen oder wenigstens mal das Haus zu verlassen. An den meisten Tagen hatte ich kaum Kontakt zu jemandem außer meinem Mann. Und das Wort „Kontakt“ leistet hier schon Schwerstarbeit. Das war noch bevor Twitter endgültig zur Kloake wurde (und bevor es X hieß). Ein Großteil meiner sozialen Interaktion lief damals über Twitter. (Was toll sein kann! Aber es ersetzt keine echten Begegnungen im realen Leben.)
Ich dachte, Introversion sei so etwas wie ein Freifahrtschein
Ein Grund, warum ich mich so sehr zurückgezogen und in meiner Wohnung verkrochen habe, war, dass ich mich sehr stark als Introvertierte definiert habe. Und ich dachte, Introversion sei so etwas wie ein Freifahrtschein, im Grunde mit niemandem reden zu müssen.
Ein typischer Einwand, den ich höre, sobald es um mein Buch oder generell um Persönlichkeitsveränderung geht, lautet: Introvertiert zu sein ist doch toll – warum sollten Introvertierte bitte extrovertierter werden? Aber Olga, ich habe dieses Susan-Cain-Buch (Abre numa nova janela)gelesen, ich bin introvertiert und ich will mich nicht verändern – also zieh bitte den Stecker aus deinem Mikrofon und verschwinde aus diesem Podcast.
Heute möchte ich also einmal erklären, wie man „endlich mal rausgeht“, „mit Menschen spricht“ und „ein Mensch unter Menschen ist“ – selbst wenn man introvertiert ist (und selbst wenn man das auch bleiben möchte). Denn wie ungefähr eine Billion Studien inzwischen zeigen: Wir alle brauchen soziale Interaktion, auch die Introvertierten unter uns. Wir müssen uns gemocht fühlen – oder zumindest wahrgenommen. Wir müssen das Gefühl haben, nicht völlig allein zu sein. Wir müssen uns als Teil der Menschheit erleben. Fehlt das, kippt Introversion in Einsamkeit, und das Glück stürzt regelrecht ab. Du musst kein Extrovertierter werden wollen – aber ein Mindestmaß an Extroversion brauchst du vermutlich in deinem Leben.
Und deshalb würde ich Introvertierten Folgendes empfehlen:
Melde dich für eine Aktivität an, die regelmäßig stattfindet – so musst du nichts selbst planen oder koordinieren. Das kann alles Mögliche sein; es muss nichts mit viel Reden zu tun haben. Es kann ein „Wir sitzen alle still da und lesen“-Club sein. Oder ein Yogakurs. Studien zeigen, dass Extrovertierte nicht nur mehr mit Menschen reden, sondern generell mehr unternehmen. Als Introvertierte Person stößt man solche Aktivitäten aber seltener selbst an. Also: Tritt etwas bei, das so oder so stattfindet – mit oder ohne dich. (Und dann geh auch wirklich hin.)
Hör mehr zu, als dass du redest. Ja, das zählt immer noch als Extrovertiertheit. Ich habe einmal die bekannte Glücks-Forscherin Sonja Lyubomirsky (Abre numa nova janela)gefragt, wie Introvertierte vom Glücks-Boost der Extrovertiertheit profitieren können. Sie empfiehlt, sich weniger darauf zu konzentrieren, besonders kontaktfreudig zu sein, und stattdessen einfach unter Menschen zu gehen. Selbst wenn man dabei ziemlich still bleibt.
Das heißt: Du kannst in den Buchclub gehen und vor allem den Gedanken der anderen zuhören, ohne selbst viel zu sagen. Du bekommst trotzdem die positiven Effekte von Extrovertiertheit – allein dadurch, dass du unter Leuten bist.
Such dir eine Aktivität, bei der Reden nicht im Mittelpunkt steht. Lange Zeit hatte ich Probleme mit sozialen Kontakten, weil das meiste, was in meinem (kinderlosen, dreißigjährigen) Umfeld unter „Sozialisieren“ lief, daraus bestand, sich mit einer einzelnen Person auf einen Drink zu treffen und sich gegenseitig upzudaten. Das geht für mich gelegentlich, aber ich finde es oft anstrengend, lange mit nur einer Person zu reden, ohne eine Nebenbeschäftigung, auf die man sich konzentrieren kann.
Besonders schwierig wird es, wenn es kein zentrales Thema oder Problem gibt, über das man sich gemeinsam aufregt und das man durcharbeitet. Dann waren diese Treffen entweder stockend und awkward (weil ich versuchte, nicht zu jammern) oder extrem unproduktiv-negativ (weil ich dem Jammern nachgegeben habe).
Mir ist aufgefallen, dass viele andere neurodivergente oder „neurospicy“ Menschen genau dieses Problem haben. Und ich glaube, das wird oft vorschnell als „Introversion“ abgetan, obwohl es das eigentlich nicht ist. Meine Lösung geht so: