Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Du hörst auf zu arbeiten. Dein Kopf nicht.
Hi!
Morgens funktioniert mein Gehirn eigentlich ziemlich gut. Ich bin kein Morgenmensch, aber wenn ich erst einmal aufgewacht bin, ist mein Denken klar, ich habe Interesse an der Welt und jede Menge Ideen. Im Laufe des Tages sackt die Qualität meines Denkens ab und versuppt immer mehr. Abends dann fühlt sich mein Kopf an wie ein Wanderer, der müde nach Hause stapft.
Ein überraschender Grund dafür, den ich gefunden habe, ist: Langeweile. Das klingt erst einmal widersprüchlich, denn ich habe einen interessanten Job. Aber viele Menschen, ich auch, arbeiten heutzutage in einer Weise, die für das Gehirn sehr langweilig ist. Und aus neurobiologischer Sicht erstaunliche Parallelen zur Fließbandarbeit hat.
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Vor zehn Jahren habe ich einmal die britische Langeweile-Forscherin Sandi Mann interviewt (Abre numa nova janela) (der Text liegt hinter einer Paywall). Sie sagte damals: Langeweile entsteht nicht nur dort, wo wenig passiert – sondern dort, wo viel passiert, aber immer im gleichen Muster.
Historisch galten Tätigkeiten als langweilig, bei denen Angestellte immer wieder die gleichen Handlungen wiederholen mussten: Fließbandarbeit, monotone Handgriffe, immer gleiche Abläufe.
„Me-Time“ ist ein Missverständnis
Statt Schrauben am Fließband zu drehen, sitzen viele Menschen heute vor Bildschirmen und klicken sich durch den Tag. Das ist körperlich sehr wenig abwechslungsreich. Wir schauen auf die Bildschirme, klippen, tippen und wischen. „Für unser Gehirn ist das sehr eintönig“, sagt Mann. Und zwar selbst dann, wenn wir ständig neue Inhalte verarbeiten. Das Ergebnis ist dieser permanent leicht überreizte und gleichzeitig vernebelte Zustand, der so alltäglich ist, dass er sich fast normal anfühlt.
Und wenn wir diesen Zustand am Abend spüren, reagieren wir paradox: Wir öffnen noch einen Bildschirm.
Robin Pickering, Professorin für Public Health an der Gonzaga University in Washington, hat dazu etwas Interessantes beobachtet: (Abre numa nova janela) Auf Social Media reden immer mehr Menschen darüber, wie man mit dieser Erschöpfung fertig wird. Da ist unheimlich viel von Selbstfürsorge die Rede, von Abgrenzung und „Me Time“. Daran ist nichts verkehrt. Das Problem liegt darin, meint Pickering, wie viele diese „Me-Time“ nutzen.
Pickering durfte nach einer Gehirnerschütterung zwei Monate lang so gut wie keine Medien nutzen. Kein Fernsehen, keine E-Mails, kein Zoomen, keine sozialen Medien, kein Streaming und keine SMS. Das hatte unerwartet positive Nebenwirkungen. „Ich schlief besser, konnte mich länger konzentrieren und mein Kopf fühlte sich ruhiger an. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip, das in den Neurowissenschaften gut belegt (Abre numa nova janela) ist: Wenn weniger kognitive und emotionale Reize auf uns einströmen, bekommt das Gehirn die Chance, sich von Dauerstress und Überlastung zu erholen.“
Entspannung vs. Erholung
Das heißt nicht, dass Bildschirme per se schädlich sind oder man abends immer Dostojewski lesen muss. Es ist legitim, gelegentlich einfach vor dem Fernseher zusammenzuklappen oder in Instagram abzutauchen. Ich zum Beispiel habe bis gestern Nacht um zwei im Bett Videos der britischen Impro-Theatergruppe „Shoot From The Hip“ (Abre numa nova janela)geguckt, weil ausnahmsweise kein Partner neben mir lag. Heute Morgen tat mir der Nacken weh, aber ich habe beim Zähneputzen noch gekichert. Es war unterhaltsam. Nur erholsam war es nicht.
Mit Bildschirmen entspannen kann sich entlastend anfühlen, weil gerade niemand von außen Leistung verlangt. Aber neurobiologisch ist das nicht gerade Selfcare. Die geht anders. Und genau hier wird es interessant.