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Was wir von Introvertierten lernen können

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Meine Kollegin Katrin ist erfolgreich, extrovertiert und arbeitet als Coach und Beraterin. Sie hat sehr viel von Introvertierten gelernt.

Hi!

Viele von euch haben sich sehr für eine der letzten Ausgaben dieses Newsletters interessiert. Darin ging es darum, warum Introvertierten ein bisschen Extrovertiertheit gut tut (hier (Abre numa nova janela) kannst du die Ausgabe nachlesen).

Heute machen wir es einmal umgekehrt: Denn Extrovertierte können sehr viel von Introvertierten lernen. Erst recht im beruflichen Kontext. Nur redet da kaum jemand drüber.

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Katrin Jahns kennt das gut. Sie arbeitet als Strategieberaterin, Workshopmoderatorin und systemischer Coach mit Menschen und Teams, die in Übergängen stecken. In ihrem Newsletter HEISE SCHEISE (Abre numa nova janela) zerlegt sie klug und persönlich die Mythen von Arbeit und Selbstoptimierung.

Katrin ist selbst extrovertiert – und sieht gerade deshalb sehr klar, wie stark sich Berufswelten an Lautstärke, Schnelligkeit und Präsenz orientieren. Und was dabei verloren geht. Darüber schreibt sie heute hier.

Einer meiner Lieblingssätze aus ihrem Text: „Ich habe oft erlebt, dass große Fabulierer mit einer halbgaren Idee weiterkommen als Menschen mit der besseren Lösung.“ Autsch. So wahr. Aber Katrin weiß auch, wie es besser geht.

Viel Spaß beim Lesen!

Es gibt einen Spruch im Internet, den ich ziemlich uncool finde:

„Introverts don’t make friends. They get adopted by extroverts.”

Süß gemeint, aber leider daneben. Er impliziert: Extros (wie ich) sind die Norm. Intros sind unsere skurrilen Haustiere. Dahinter steckt ein richtiger Mini-Machtmoment: Dank mir wirst du integriert. All hail me! ​​💅🏼👑

Wenn ich meinem introvertierten Partner von diesem Spruch erzähle, schmunzelt er nur. Er weiß, dass auch ich viel Freude daraus ziehe, alle zusammenzubringen. Für mich ist ein johlender Tanzkreis aus geliebten Menschen, die die Arme umeinander geschlungen haben und die Köpfe zusammenstecken, pures Glück. Wer draußen steht, wird reingerufen. Ich dachte lange: Das gefällt allen. So geht Inklusion.

Derweil verbindet mein introvertierter Partner ganz anders. Ihn zieht es zu Leuten, die alleine irgendwo rumstehen, weil er sich sehr viel lieber unter vier Augen unterhält. Das schlagfertige Sprüche-Ping-Pong größerer Gruppen macht ihm Spaß, aber eher als Zuschauer. Erst vor ein paar Jahren wurde mir klar, dass er auf seine Weise Menschen inkludiert – nämlich all jene, die gerade nicht unbedingt im 20-köpfigen Tanzkreis abhotten müssen oder keine Lust auf Körperkontakt haben. So dämmerte mir kürzlich: Ich inkludiere gar nicht immer Menschen, sondern ich inkludiere vor allem in meinen Vibe. Nicht für alle so cool.

Die Welt ist nicht für Intros gebaut

In einer lauten Welt werden meine Extro-Tugenden als Normalzustand verkauft: schnell reagieren, präsent sein, „gut drauf”, networkingfähig. Mein Verhalten wird selten gedeutet. Das meines Partners fast immer.

Geht er früher: „Hattest du keinen Spaß?“
Sagt er ein Gruppen-Event ab: „Ist alles okay bei dir?“

Doch. Aber eben nicht so!

Wir als Extros, denen Geselligkeit so wichtig ist, sollten das auf dem Schirm haben. Ich wache mit leerem Social Akku auf und lade ihn auf. Mein Partner startet voll und entlädt Energie durch Menschen. Unsere Welt ist eher für meinen Akku gebaut. 

Katrin Jahns sitzt vor einem Bücherregal zwischen zwei Pflanzen.
Extrovertierte wie Katrin haben Spaß an Gesellschaft – am besten welche, die redseliger ist als diese Pflanzen. Foto: Philipp Sipos

Das ist ziemlich gut erforscht: Extroversion gehört zu den stabilsten Persönlichkeitsunterschieden überhaupt. Dahinter steckt kein „Charakter“, sondern unter anderem, wie sensibel unser Nervensystem auf Reize reagiert. Bei extrovertierten Menschen springt das Belohnungssystem stärker auf soziale Situationen an – viele Menschen, viel Input, viel Energie fühlt sich für sie eher wie Aufladen an. Introvertierte reagieren feiner auf dieselben Reize, sie verarbeiten intensiver. Und sind dadurch schneller an einem Punkt, an dem es zu viel wird. Nicht, weil sie weniger mögen. Sondern weil ihr System früher sagt: Es reicht.

Extrovertierten ist das meistens gar nicht bewusst. Sie fühlen sich wohl und merken nicht, dass Intros sich damit vielleicht nicht so wohl fühlen.

Bist du schlagfertig oder einfach dominant?

Viele von uns Extros unterbrechen schneller, halten Stille nicht aus und füllen sie reflexhaft. Das hat eine Wirkung auf andere.

Es gibt Studien, die zeigen: Wer in Gruppen viel und schnell spricht, wird oft automatisch für kompetenter gehalten. Selbst wenn die Idee dahinter nicht besser ist. Redeanteil wirkt wie ein Qualitätssignal, auch wenn er keins ist.

Seit ich das bemerkt habe, nehme ich nicht unbedingt weniger Raum ein. Aber ich denke bewusster darüber nach, wie und wann ich es mache:

Du denkst gerne laut, weil es dir hilft, zum Kern deines Gedankens vorzudringen? Ich auch. Aber vielleicht willst du vorher kurz fragen, ob die andere Person gerade 5 Minuten Zeit für deine Ausführungen hat. Consent für Vollaberei – what’s not to like?!

Beim Aushalten von Stille kann man mit einem kleinen Experiment anfangen: Was passiert, wenn ich 3 Sekunden länger warte? Es ist übrigens absurd, was in drei Sekunden so alles passieren kann.

Letztens traf ich eine Breathwork-Trainerin. Ja, das passiert mir manchmal. Sie war unsicher, ob sie als introvertierte Person überhaupt die Richtige für ihren Job sei. Ich war ehrlich irritiert. Denn ich hatte eine gegenläufige Beobachtung gemacht.

Gute Kursleiter:innen senden weniger „Mögen die mich?“. Weniger Bedürfnis, die Beziehung oder die Energie zu steuern. Dafür aber mehr Präsenz. Mich stabilisiert das sehr, weil ich dann nicht gegenregulieren muss.

Und da wurde mir noch etwas klar: Wer das Format kontrolliert, entscheidet, wer klug wirkt

Im Arbeitskontext sieht man das brutal deutlich.

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