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Wie die Ermordung eines (weißen) Menschen zum Beweis für “Rassismus gegen Weiße” wird

Hi,

du hast es wahrscheinlich schon gesehen, aber auch wir wollen noch kurz darüber sprechen, was im EU-Parlament geschehen ist: Dort wurden diese Woche härtere Asyl- und Abschieberegeln beschlossen - unter anderem sind dann sogenannte “Return Hubs” erlaubt. Abschiebezentren in Drittstaaten. Laut Amnesty International werden so Menschenrechte ausgehebelt (Abre numa nova janela).

Die Initiative ging aus einem gemeinsamen Beschluss von konservativen, unter Beteiligung der Union, und extrem rechten Parteien, inklusive der AfD, hervor.

https://www.youtube.com/watch?v=RkxAlKdClyE (Abre numa nova janela)

Nach Verkündung der Abstimmung riefen zahlreiche Abgeordnete “send them back”. Damit werden migrations- und menschenfeindliche Parolen im demokratischen Zentrum der EU gerufen.

Möglich gemacht haben das, wie gesagt, auch konservative Kräfte. Über Steigbügelhalter früher (Abre numa nova janela) und heute (Abre numa nova janela) haben wir gerade erst geschrieben, vielleicht braucht er eine kleine Auffrischung.

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“European and white people all over the globe are facing the reality. They are living in a hostile anti white system, that is holding them down, while they are bleeding out demographically. We all are Henry Nowak. We all are handcuffed. (…). We all need to wake up and stand up.”

Das hat der rechtsextreme Identitäre Martin Sellner auf X geschrieben [1]. Übersetzt heißt das in etwa:

“Weltweit sehen sich europäische und weiße Menschen mit der Wahrheit konfrontiert. Sie leben in einem feindseligen, gegen Weiße gerichteten, System, das sie unterdrückt, während sie demografisch ausbluten. Wir alle sind Henry Nowak. Wir alle liegen in Handschellen. Wir alle müssen aufwachen und uns erheben.”

Dazu gepostet hat Sellner ein Foto, das vermutlich Henry Nowak zeigt. Auf den Bauch gedreht, am Boden liegend in Handschellen, Polizist:innen über ihm. Sellner erklärt das Bild zum “tipping point”, zum Wendepunkt.

Wofür - und was hinter der Geschichte steckt. Darum geht es heute.

Das ist passiert

Der 18-jährige Brite Henry Nowak wurde am 3. Dezember 2025 ermordet. Spät abends traf er auf den 23-jährigen Vickrum Digwa. Digwa, ebenfalls britisch, trug als praktizierender Sikh einen Turban, ein Messer und einen langen Dolch bei sich. Mit dem Dolch stach er wenig später mehrfach auf Nowak ein.

Anfang Juni wurde Digwa wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit einer Mindeststrafe von 21 Jahren verurteilt. Nach der Verhandlung wurden weitere Details öffentlich. Die BBC hat diese detailliert aufgearbeitet [2]. Für öffentliche Empörung sorgte demnach nicht nur der Mord, sondern auch das Verhalten der Polizei. Weil Digwas Bruder im Notruf behauptet hatte, Digwa sei “rassistisch” angegriffen worden, behandelten die eintreffenden Polizist:innen den schwer verletzten Nowak zunächst als Verdächtigen. Bodycam-Aufnahmen zeigen, wie Nowak sagt, er sei niedergestochen worden und könne nicht atmen - während ihm Polizist:innen Handschellen anlegten. Er stirbt wenig später.

Nowaks Vater fordert deshalb eine vollständige und transparente Aufklärung. Zugleich bat er aber darum, Henrys Tod nicht für noch mehr “Spaltung, Hass oder Spannungen” auszunutzen.

Doch genau das geschieht seither: Mit einer internationalen Kampagne instrumentalisieren extrem rechte Akteur:innen den Mord für ihre Agenda.

Die Inszenierung von Größe

Die Kampagne fand vor allem anfangs nur online und auf X statt. Nach und nach aber trugen sie extrem rechte Akteur:innen auf die Straße. In Dresden riefen beispielsweise die rechtsextremen Kleinstparteien “Heimat” und “Freie Sachsen” zu einer Demonstration auf [3]. Sie marschierten hinter einem Banner mit “RIP Henry Nowak”. Darunter stand in Anlehnung an die “Black Lives Matter” (BLM) -Bewegung, die sich gegen systematischen Rassismus und Gewalt gegen Schwarze und People of Color formierte: “White Lives Matter”.

Die Anlehnung ist kein Zufall: White Lives Matter soll den Anschein einer Bürger:innenrechtsbewegung geben - von Größe und Bedeutung her vergleichbar mit BLM. Black Lives Matter war die größte antirassistische Bewegung der US-Geschichte und fand international großes Echo [4].

Um eine ähnliche Wirkmacht und gesellschaftliche Breite zu simulieren, reposten extrem rechte Akteur:innen gegenseitig Demonstrationen aus anderen Ländern.

Hier zeigt sich einmal mehr, dass viele extreme Rechte keinen Ultranationalismus mehr im historischen Sinne verfolgen, sondern international kooperieren. Sie rechtfertigen das mit angepassten Identitäts-Zuschreibungen: mal mit dem gemeinsamen “Westen”, mal mit westlicher “Kultur”, aber auch mit dem Raum der “Weißen” (wir haben über diesen “neuen Nationalismus” auch schon geschrieben (Abre numa nova janela)).

Ein strategischer Vorteil bietet sich hier in der internationalen “Zusammenarbeit” darin, dass die Größe der Demonstrationen aus der Ferne anderer Länder schwer zu beurteilen ist. So soll eine weltweite flächendeckende Unterstützung inszeniert werden, getragen von ganzen Ländern und Kontinenten. Auf der Veranstaltung in Dresden waren beispielsweise laut “Endstation Rechts” anfangs etwa 50, später rund 100 Personen anwesend [5].

Auf X wird das aber ganz anders präsentiert: Der Kanal “MAGA Voice” beispielsweise mit rund 1,4 Millionen Follower:innen nennt die Demo in Dresden einen “massive march for Henry Nowak” [6] - einen massiven Aufmarsch. Und der Kanal “Inevitable West” mit über 380.000 Follower:innen schreibt:

„Demonstrations for Henry Nowak are happening across Germany. All of Europe is furious.”

Etwa: In ganz Deutschland wird für Henry Nowak demonstriert, ganz Europa ist wütend. Was das Ziel ist, schreibt Martin Sellner: “Henry Nowak muss zur globalen Bewegung werden.” Und der Anschluss an eine Bewegung fällt leichter, wenn vermeintlich schon viele dabei sind.

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Und es gibt weitere Beispiele von extrem rechten, teils neonazistischen, Bewegungen - etwa aus Spanien (Núcleo Nacional) [7] oder Russland (Brotherhood of Academists) [8], die in anderen Ländern unter der Überschrift “United Patriotism” - vereint im Patriotismus - geteilt wurden.

Gerade das russische Beispiel ist wichtig. Eine Recherche der Byline Times zeigt, dass die Brotherhood of Academists Teil eines größeren russischen, extrem rechten Netzwerks ist, das unter anderem mit dem Umfeld des sanktionierten Oligarchen Konstantin Malofeev verbunden wird. [9] Der Fall Nowak wird nicht nur von einzelnen extrem rechten Influencer:innen ausgeschlachtet, sondern von transnationalen Netzwerken, die laut Byline Times teilweise mit kremlnahen Strukturen verbunden sind und sozusagen westliche Konflikte aufgreifen und rassifizieren, um gezielt Spaltung in Europa zu verstärken.

Vom Opfer zum Beweisstück

Der Bezug zu “White Lives Matter” soll noch eine zweite Parallele ziehen: Was Schwarze Menschen und People of Color an rassistischer Gewalt und struktureller Benachteiligung erleben, erleben angeblich auch weiße Menschen: Nicht dem jungen weißen Mann wurde von der Polizei - die steht stellvertretend für ein anti-weißes staatliches System - geglaubt, sondern einem Täter, den extrem Rechte als migrantisch und nicht zugehörig markiert haben.

Björn Höcke von der AfD schreibt es so:

“Die Polizisten handelten wohl aus der Angst heraus, man würde ihnen sonst ‘Rassismus’ vorwerfen. Die Erzählung, daß Weiße immer die Täter sind und zahllose Antirassismustrainings hatten ihre Seelen vergiftet und jegliche Empathie abtrainiert.”

Genau darum geht es: Der Fall wird zum Beweis für ein extrem rechtes Weltbild, das vorher längst feststand. Antirassismus wird zum “Rassismus gegen Weiße”, Migration zum “Großen Austausch”, staatliches Versagen zum Beweis eines Systems, das Weißen feindlich gegenübersteht.

Der Fall wird aus seinem Kontext gelöst, Opfer und Täter werden zu Stellvertretern gemacht. Auch wenn Henry Nowaks Name weiter genannt wird, geht es nicht mehr um ihn als Person. Sein Name und Gesicht dienen einzig der Instrumentalisierung.

Das Opfer sind “wir alle”, schreibt beispielsweise Martin Sellner. Und: Der Vorfall sei ein “Symbol für unsere Völker” [10]. Höcke ergänzte das Foto von Nowak auf dem Boden liegend um die Worte: “Henry mußte sterben, weil er weiß war…” Er sei “einer von uns” gewesen und zum “Opfer der weißen Unterwerfung” geworden. [11]

Der britische rechtsextreme “hate influencer” [12] Tommy Robinson schreibt: “Henry hätte dein Sohn sein können. Er hätte mein Sohn sein können.” [13] Der rechtsextreme Aktivist Nick Fuentes schreibt: “Das ist ein Sinnbild dafür, was mit der europäischen Zivilisation auf globaler Ebene geschieht.” [14]

Das gleiche geschieht mit dem Täter. Es handelt sich nicht mehr um den Briten Vickrum Digwa, sondern um einen “fremden Verbrecher”, der gemeinsam mit “einheimischen Verrätern” das Opfer “ermordet, verfolgt und verlacht” hat. Ganz ähnliches macht US-Vize JD Vance:

Nowak könnte noch leben, wenn sich die “europäischen Eliten […] gegen die Politik des Selbsthasses und der Masseneinwanderung von Migrant:innen gewehrt hätten, von denen viele den Westen und die Menschen, die ihn lieben, verachten” [15].

Das Opfer wird zur Identifikationsfigur aller “Weißen”, der Täter zum gesichtslosen existenzbedrohenden Migranten.

Die erste Mobilisierung

Dagegen sollen sich nun alle “Weißen” zusammenschließen und zur Wehr setzen. Der nächste Schritt ist die Mobilisierung - und die ist in diesem Fall aufgegangen. Weil sich viele extreme Rechte beteiligten. Aus der Ferne forderte beispielsweise JD Vance einen “gerechten Zorn” als angemessene Reaktion und Martin Sellner, dass jetzt alle “aufwachen” und “sich erheben” müssten.

Vor allem aber der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Reform UK Nigel Farage (er forderte “pure cold rage”, also pure kalte Wut), Elon Musk (er forderte, das Video vom Polizeieinsatz gegen Nowak “an alle weiterzuschicken”, weil “traditionelle Mainstream-Medien” nicht berichten würden) und Tommy Robinson trieben die Mobilisierung an.  

Robinson ist nach Bekanntwerden der Details im Fall Nowak nach Southampton gefahren. Aus dem Auto heraus hat er einen Clip aufgenommen und auf X gepostet [16]. Darin sagt er, dass einen “öffentlichen backlash” und eine Spontan-Demonstration in Southampton vor einer Polizeiwache geben soll. Beides wolle er beobachten und darüber berichten - auch wolle er “Henrys Familie unterstützen”.

Im gleichen Film sagt er, was seiner Meinung nach der Grund für den Tod Nowaks ist: Diversity-Training. Das habe dazu geführt, dass “alle darin trainiert werden, Weiße zu hassen und nach ‘weißen Privilegien’ zu suchen - staatliche Institutionen, die Medien, Polizist:innen”. Selbst in der Schule würden Kinder weißer Arbeiter:innen immer schlechter abschneiden, im Gegensatz zu migrantischen Kindern, die “die ganze Unterstützung, das ganze Geld” bekommen würden. Weiße würden nicht “vergessen”, sie würden “missbraucht”. Das alles habe Robinson zufolge eine neue Gesellschaftsordnung hergestellt: Darin würden Weiße systematisch diskriminiert. Deshalb sei der Fall größer als Henry Nowak, weil er institutionalisierten Rassismus gegen Weiße zeige.

Robinson stellt sich als Beobachter dar, in Wahrheit markiert er den (demokratischen) Staat als Feind. Was wenig später passiert: Es gibt gewalttätige Angriffe auf Polizist:innen, weitere Polizist:innen mussten ihr Zuhause verlassen und in Sicherheit gebracht werden, weil sie fälschlicherweise identifiziert wurden, beim Nowak-Einsatz dabei gewesen zu sein. Insgesamt wurden deshalb mittlerweile 13 Männer zu Freiheitsstrafen verurteilt [17].

Die zweite Mobilisierung

Nur wenige Tage später wurde in Belfast ein Mann bei einem Messerangriff schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter stammt laut Berichten aus dem Sudan. Rechte Accounts rahmten auch diesen Angriff sofort rassistisch: als Gewalt eines “Migranten” gegen einen “weißen Mann”. Wieder ist es Robinson, der nur Stunden nach der Tat ein Video davon teilt - repostet von Elon Musk. In die ohnehin aufgeheizte Stimmung ruft Robinson zu weiteren Demonstrationen in ganz UK auf:

Das gesamte Vereinigte Königreich geht auf die Straße.” Musk repostet wieder und ergänzt: “Nur durch lauten und wiederholten Protest wird sich etwas ändern.” [18]

Eine Analyse des “Center for Countering Digital Hate” kommt später zu dem Ergebnis: Vor allem Robinson und Musk, der mit 240 Millionen Follower:innen den größten Account auf X hat, haben mit ihren Posts der folgenden Gewalt den Weg bereitet. Der Grund: Unter ihren Posts sammelten sich etwa 3.000 Aufrufe zur Gewalt , die durch die Reichweite von Musk und Robinson eine sehr große Verbreitung bekamen [19].

Es entsteht ein perfekter Sturm, der sich in Belfast entlädt: Vermummte setzen Fahrzeuge in Brand, treten Türen von Häusern ein, in denen sie Menschen mit Migrationsgeschichte vermuten und zünden die Häuser sogar an. Die Gewalt richtet sich nicht mehr nur gegen “den Staat”, sondern auch gegen nicht-Weiße.

Ein Grund: In der zweiten Mobilisierung werden Active Clubs aktiv. Cemas beschreibt sie als “weltweite gewaltorientierte White-Supremacy-Bewegung”, die mit Fokus auf Fitness und Kampfsport milizähnliche Strukturen aufbauen wollen, um mit Gewalt die “weiße Rasse” zu verteidigen” [20].

Wired hat die Beteiligung der Active Clubs in Belfast untersucht [21]. In dem Text werden die ACs als “weltweit am schnellsten wachsende Neonazi-Bewegung” bezeichnet, die immer wieder solche Vorfälle für die eigenen “hasserfüllten Ziele” ausnutzt - und sehr strategisch vorgeht: In Telegram-Kanälen wurde der Angriff in Belfast zunächst rassistisch gerahmt, als Angriff eines “Invasors” auf einen “weißen Mann”. Kurz darauf verbreiteten Gruppen aus dem Active-Club-Umfeld Hinweise, wie Anhänger:innen bei Protesten anonym auftreten und sich als geschlossene Gruppe bewegen sollten.

Der Umgang mit Henry Nowaks Tod zeigt, was extrem Rechte wollen und wie sie dabei international zusammenarbeiten: Erst eignen sie sich ein Opfer symbolisch an. Dann betten sie es in ihr bestehendes Weltbild ein. Sie entfachen Wut, zeichnen Feindbilder und mobilisieren auf der Straße. So arbeiten reichweitenstarke Influencer:innen, extrem rechte bis neonazistische Parteien und gewaltorientierte Netzwerke zusammen.

Dialog

Aussage:

“Henry Nowak musste sterben, weil er weiß war.”

Gegenrede:

“Das macht aus einem Mord eine völkische Erzählung. Fakt ist: Henry Nowak wurde ermordet und die Polizei hat schwerwiegende Fehler gemacht. Das muss aufgeklärt werden. Darus folgt aber nicht, dass ‘Weiße’ als Gruppe von Staat und Polizei diskriminiert werden.”

Aussage:

“White Lives Matter - endlich wird auch über weiße Opfer gesprochen.”

Gegenrede:

“Das klingt nach Gleichbehandlung, ist aber ein Gegenangriff auf antirassistische Bewegungen. ‘Black Lives Matter’ entstand aus Protest gegen strukturelle rassistische Gewalt. ‘White Lives Matter’ tut so, als gebe es ein vergleichbares anti-weißes System. So wird von Aufklärung abgelenkt und es geht vielmehr um Opferkonkurrenz. Wir sollten nicht Leid gegeneinander ausspielen, sondern Gewalt und staatliches Versagen konkret benennen.”

Aussage:

“Nach solchen Fällen reicht es nicht mehr zu reden. Die Leute müssen auf die Straße.”

Gegenrede:

Demonstrieren ist ein Grundrecht. Hier wird der Fall aber international genutzt, um Wut gegen Minderheiten, Medien und demokratische Institutionen zu richten. Genau so werden Einzelfälle zu Feindbildern, die jetzt mehrfach zu Gewalt geführt hat. Entscheidend ist: aufklären, nicht aufhetzen.”

Quellen
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