Ich habe ein Faible für Vorstädte.
Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst das Kind einer solchen bin. Dort, wo Tourist*innen selten hinkommen und die spannendsten Geschichten oft direkt hinter dem nächsten Supermarktparkplatz beginnen.
Vergangene Woche führte mich das nach Simmering.
Genauer gesagt waren es gleich zwei Gründe. Zum einen tagte vergangenen Mittwoch die Simmeringer Bezirksvertretung. Zum anderen hatte mich ein Leser auf den Alberner Hafen aufmerksam gemacht. Seine Sorge, Teile des Naturschutzgebietes rund um das Blaue Wasser - dazu gleich mehr - hätten einem Parkplatz für eine LKW-Flotte weichen müssen, blieb zum Glück unbegründet. Der Hinweis und umstrittene Entwicklungen im Bezirk waren Anlass, mir Simmering genauer anzuschauen.
Also stieg ich bei der S-Bahn-Station Zentralfriedhof aufs Fahrrad und machte mich auf den Weg.
Wer die Strecke nachfahren möchte, sollte ebenfalls ein Rad mitbringen. Die Stationen liegen etwas zu weit auseinander für einen gemütlichen Spaziergang. Als Fahrradtour funktioniert die Route dagegen hervorragend. Die erste Station liegt gleich hinter dem Zentralfriedhof.
Die genaue Route zum Nachradln und der Link zum Routenplaner von Google Maps befindet sich am Ende dieser Ausgabe.

Das Schloss und das große Schweigen
Schloss Neugebäude gehört zu den seltsamsten Orten Wiens.
Von außen wirkt es ein wenig, als hätte jemand ein Renaissance-Schloss versehentlich nach Simmering gestellt.
Dabei steckt hinter den Mauern eine Geschichte von Kaisern, künstlichen Grotten und später auch von Zwangsarbeit während der NS-Zeit. Unter dem Schloss befindet sich bis heute eine künstliche Grotte, die Ende des 16. Jahrhunderts mit Wasser gefüllt war. Der Besitzer soll seine Besucherinnen und Besucher mit Booten durch die Anlage geführt haben. Heute würde man vermutlich sagen: Maximilian II. hatte Sinn für große Auftritte. Das fanden seine Nachkommen auch und legten die Grotte wieder trocken. Um das Schloss kreist aktuell aber ein gehöriges Politikum.

Den Bezirk und die Stadt beschäftigt nämlich eine deutlich gegenwärtigere Frage:
Wer übernimmt künftig die Nutzung des Schlosses?
Die bisherige Betreiberschaft ist mit Ende 2025 Geschichte. Gegen sie läuft ein Insolvenzverfahren. Was genau zur Pleite des Kulturvereins in Simmering geführt hat, ist nach meiner Recherche zu sehr Gerüchteküche, als dass es hier klare Schuldzuweisungen geben könnte.
Ein Nachfolger soll bereits feststehen. Offiziell bestätigt wurde bislang allerdings nichts. Hier hält sich die zuständige MA34 - Gebäudemanagement - nach wie vor bedeckt. Fest steht aber: Bereits diesen Sommer soll das Gelände wieder bespielt werden.
Umso erstaunlicher fand ich, dass das Thema bei der Bezirksvertretung praktisch keine Rolle spielte. Ist das nicht eine doch entscheidende Vergabe, die den Bezirk in den kommenden Jahren prägen wird?
Die Auszeit-WG
Wenige Minuten später führt mich die Route an der Justizanstalt Simmering vorbei.
In der Nähe der Justizanstalt soll die neue Auszeit-WG entstehen. Der genaue Standort bleibt geheim.
Bemerkenswert ist dabei weniger das Projekt selbst als der Weg dorthin.
In der Bezirksvertretung erklärte Bezirksvorsteher Thomas Steinhart (SPÖ), dass er erst am Vorabend der Pressekonferenz von den Plänen erfahren habe. In die Standortsuche sei der Bezirk überhaupt nicht eingebunden gewesen.
„Leider wurde ich in den gesamten Prozess einer Auszeit-WG in Simmering nicht eingebunden“, sagte Steinhart in der Sitzung.
Genau daran entzündete sich ein großer Teil der Debatte.
Denn die Kritik kam nicht nur von der Opposition. Auf die Frage, ob er den Standort für geeignet halte, antwortete der Bezirksvorsteher knapp:
„Nein, halte ich nicht.“
Doch was ist eine Auszeit-WG überhaupt?
Laut Stadt Wien handelt es sich um ein Pilotprojekt für strafunmündige Kinder und Jugendliche. Im ersten Schritt sollen zwei Kinder zwischen fünf und 13 Jahren aufgenommen werden. Betreut werden sie von einem multiprofessionellen Team aus Sozialpädagoginnen, Sozialarbeitern, Psychologinnen und Psychotherapeutinnen. Laut den in der Bezirksvertretung genannten Informationen sind stets zwei bis drei Betreuungspersonen gleichzeitig vor Ort. Zusätzlich sollen gesicherte Fenster und Türen sowie eine Betreuung rund um die Uhr gewährleisten, dass sowohl die Kinder als auch das Umfeld geschützt werden.
Die FPÖ stellte dazu einen umfangreichen Fragenkatalog. Im Mittelpunkt standen Sicherheitsbedenken, die Information der Anrainerinnen und Anrainer sowie die Frage, warum ausgerechnet Simmering als Standort ausgewählt wurde.
Was in der Debatte leicht untergeht:
Es geht zunächst um zwei Kinder.
Nicht um zwanzig.
Nicht um fünfzig.
Sondern um zwei strafunmündige Kinder, für die die bisherigen Maßnahmen offenbar nicht ausgereicht haben.
In der Diskussion wurde auch die Frage aufgeworfen, ob Simmering überdurchschnittlich häufig Einrichtungen übernehmen müsse, die anderswo auf Widerstand stoßen würden.
Die FPÖ formulierte das deutlich schärfer. In einer Anfrage sprach sie von dem Eindruck, Simmering werde von der Stadtregierung als „Abladestation für straffällige Jugendliche“ genutzt.
Ob das Projekt funktioniert, wird sich erst zeigen.
Auf die Frage nach möglichen Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung antwortete Steinhart entsprechend vorsichtig:
„Es wird sich zeigen, auf welche Problematik wir stoßen werden. Das lässt sich im Vorfeld schwer bis gar nicht einschätzen, da wir keine Erfahrungswerte haben.“
Und ergänzte: „Ich persönlich hoffe auf keine.“
Zwischen den großen Debatten ging beinahe unter, dass die Bezirksvertretung einstimmig die Einführung eines Seniorenparlaments beschloss. Künftig sollen ältere Simmeringerinnen und Simmeringer stärker in demokratische Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
Pferd normal oder Pferd scharf
Vom Schloss geht es weiter Richtung Alberner Hafen oder dem Hamburg des Ostens.
Spätestens bei der Hafenkneipe merkt man, dass man Wien inzwischen ziemlich weit hinter sich gelassen hat. Fisch sucht man auf der Speisekarte vergeblich. Dafür stehen da Leberkäsesemmeln mit den Namen „Pferd normal“ und „Pferd scharf“. Auch als Pferd mit Käse-Variation für 4,50 Euro erhältlich. Dazu ein Spritzer oder ein Bier. Passt. Für Vegetarier*innen gibt es jedoch nur Pommes.
Ein paar Minuten später tauchen die gewaltigen Speicheranlagen des Hafens auf. Ich fahre weiter bis zum Friedhof der Namenlosen, der sich am Ende der Hafenanlage befindet. Vom Friedhof haben die meisten Wiener*innen gehört. Ob sie aber von den Erzählungen von Josef Fuchs gehört haben?
Genau ihn und seine Frau Rositta Liedl-Fuchs treffe ich zufällig. Sie mähen gerade den Rasen.
Die Familie betreut den Friedhof der Namenlosen inzwischen in dritter Generation. Wir sprechen noch etwas länger miteinander.
Über Jahrzehnte wurden hier Menschen bestattet, die aus der Donau geborgen wurden und deren Identität unbekannt war. Nach dem Krieg 1945 und mit der Errichtung des Zentralfriedhofs wurde der Friedhof nicht mehr genutzt. Rositta und Josef pflegen ihn aber weiterhin. Ehrenamtlich und mit viel Liebe.
“Viele der angespülten Opfer konnten später identifiziert werden. Andere blieben namenlos.”, erklärt Rositta. Die Namen der Verstorbenen wurden somit nach und nach auf den Kreuztafeln ergänzt. Viele Gräber jedoch blieben namenlos.
Wir setzen unser Gespräch in der kühlen Kapelle fort.
Das Altarbild zeigt keine Heiligen und keine Engel. Das sei untypisch, so Josef Fuchs. Es zeigt die Arbeiter, die diesen Ort aufgebaut haben. Und ich erfahre noch etwas.
Josef Fuchs erzählt, dass die Kapelle einst geweiht wurde, der Friedhof selbst jedoch nicht. Die Entscheidung sei vom damaligen höchsten Kirchenvertreter getroffen worden. Warum? Auf dem Friedhof wurden zahlreiche Menschen bestattet, die sich das Leben genommen hatten. Das war der Kirche zu viel.
Während wir sprechen, zeigt Josef hinüber zu den gewaltigen Speichern des Hafens.
Die vielen Fenster, erzählt er, seien gar keine Fenster.
Tatsächlich sollten die Gebäude während des Zweiten Weltkriegs aus der Luft wie gewöhnliche Wohnhäuser wirken und nicht als kriegswichtige Infrastruktur erkannt werden.
Erst wenn man davorsteht, versteht man die Dimension dieser Bauwerke. Die fünf gewaltigen Getreidespeicher waren Teil eines Hafenprojekts, mit dem die Nationalsozialisten Wien zum „Hamburg des Ostens“ machen wollten. Der Hafen sollte zum zentralen Umschlagplatz für Güter aus Ost- und Südosteuropa werden.
Vor wenigen Jahren ließ der Hafen Wien diese Geschichte wissenschaftlich aufarbeiten. Die Historikerinnen und Historiker konnten nachweisen, dass beim Ausbau der Hafenanlagen in Albern und der Lobau mehr als 1.000 Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Für mindestens 1.212 Menschen ist die Zwangsarbeit dokumentiert, 774 von ihnen sind namentlich bekannt. Untergebracht waren viele von ihnen in Lagern in der Lobau. Die Arbeitsbedingungen galten als äußerst hart, besonders für jüdische Deportierte war die Sterblichkeit hoch.
Je länger man sich in Albern aufhält, desto häufiger stößt man auf solche Geschichten. Was heute wie ein abgelegener Industriehafen wirkt, war einst Teil eines gigantischen NS-Infrastrukturprojekts.
Heute erinnern nur noch wenige Spuren an diese Geschichte.
Eine davon liegt direkt hinter den Speichern.
Das Blaue Wasser
Was heute wie ein kleiner See wirkt, ist eigentlich ein Überbleibsel jener nie fertiggestellten Hafenerweiterung. Das sogenannte Blaue Wasser.
Heute ist es ein Naturschutzgebiet. „Baden würde ich dort nicht“, sagt Josef.
Das Wasser ist sehr tief, und dort seien bereits Menschen ertrunken. Stattdessen empfiehlt er den Weg rund um das Gewässer.
Und tatsächlich: Der Pfad führt durch eine überraschend stille Landschaft. Vorbei an alten Fischerhäuschen, weiter zum Deichweg und schließlich dorthin, wo der Donaukanal in die Donau mündet.
Es ist einer jener Orte, an denen man kurz vergisst, dass man sich noch innerhalb der Stadtgrenzen befindet.
Von hier aus kann man wieder aufs Fahrrad steigen und entlang des Donaukanals zurück Richtung Innenstadt fahren.
Etwa eine halbe Stunde später ist man wieder mitten in Wien.
Als ich zurück Richtung Innenstadt radele, denke ich daran, wie viele Geschichten an diesem Nachmittag eigentlich nebeneinanderlagen. Ein Renaissance-Schloss mit geheimer Zukunft. Eine Wohngemeinschaft, über die gestritten wird, bevor sie überhaupt eröffnet hat. Ein Hafen, der einmal das „Hamburg des Ostens“ werden sollte. Und ein Friedhof, den bis heute Freiwillige pflegen.
Selbst viele Wienerinnen und Wiener kennen von Simmering vor allem den Zentralfriedhof.
Schade eigentlich. Ich habe an diesem Nachmittag jedenfalls deutlich mehr gefunden als erwartet.
(Abre numa nova janela)Bis zur nächsten Ausgabe wünsche ich dir eine gute Zeit!
Liebe Grüße,
Alexandra Folwarski, Herausgeberin Wiener Flâneur
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