Spree am Tropf
HINTERGRUND / WASSERMANGEL IN DER LAUSITZ
Der größte Fluss der Lausitz ist ein ökologischer Pflegefall. Ohne Wasser aus anderen Flüssen wird die Spree auf Dauer nicht auskommen. Doch dabei müssen viele mitmachen.
von Christine Keilholz
Februar 2024

In einem waren sich die Expertinnen und Experten in der Anhörung am vergangenen Mittwoch einig: Die Spree braucht schnell Hilfe. Und es müssen mehr helfen als die unmittelbaren Anrainer. Ohne die Überleitung von Fremdwasser wird sich der Fluss kaum dauerhaft stabilisieren. Möglicherweise muss die Spree das ganze Jahr über am Tropf hängen.
In der Sprache der Fachleute, die im Bundestag vorsprachen, tut sich eine Schere auf zwischen Wasserdargebot und dem Verbrauch. Verbesserung ist nicht in Sicht im Gegenteil, denn der Wasserbedarf wird deutlich steigen. Alles in allem, war das ein dramatischer Befund. Die Fraktion CDU/CSU hatte die Anhörung zum Thema „Folgen des Kohleausstiegs beachten - Wassermanagement für die Spree und deren Nebenflüsse sichern (Opens in a new window)“ angestrengt. Klar wurde dabei, dass bis zum endgültigen Kohleausstieg - der für das Jahr 2038 beschlossen ist - keine Zeit mehr bleibt.
Der Wassermangel belastet jetzt schon die Ökologie der Lausitz. Um bis Mitte der 2040er eine Lösung fertig zu haben, muss in den nächsten drei Jahren entschieden werden, welche es sein soll: Überleitung, Grundwasser-Anreicherung oder eine Mischung aus mehreren Lösungen.
Tagebaue komplett fluten?
Der Wassermangel in der Lausitz ist größer als die Lausitz. Aktuell fehlen dem Braunkohlerevier vier Milliarden Kubikmeter Wasser. Weitere sechs Milliarden werden gebraucht, um das fehlende Grundwasser (Opens in a new window) dauerhaft aufzufüllen. Seit das Umweltbundesamt im vergangenen Sommer diese Zahlen veröffentlichte, ist der Mangel amtlich und als Problem von bundesweiter Tragweite anerkannt.
Als Folge davon wird nun auch mit alten Glaubenssätzen aufgeräumt. Man solle darüber nachdenken, „ob die Tagebaue Welzow und Jänschwalde tatsächlich komplett geflutet werden müssen“, riet die Hydrogeologin Irina Engelhardt (Opens in a new window) von der TU Berlin: Das Hauptdefizit sei entstanden, weil das Flutungswasser für die Restlöcher fehle, so Engelhardt.
Das ist ein Richtungswechsel in der Sanierung. Die Flutung war schon zu DDR-Zeiten für die Restlöcher vorgesehen. Wasser galt als einfachste Lösung, den Mondlandschaften neues Leben zu geben, die noch dazu eine quasi paradiesische Aussicht bot auf künftiges Leben am See. Damals war an Wassermangel nicht zu denken. Außerdem sollte Wasser für den Gegendruck auf die Böschungen sorgen. Fällt der weg, dann rutscht die Architektur der Folgelandschaften. Ein Problem, für das noch keine Lösung in Sicht ist.
Industrie und Tourismus trocknen aus
Symbol und Brennpunkt des Wassermangels ist die Spree. In zukünftigen Trockenperioden könnten Abschnitte des 400 Kilometer langen Flusslaufs trockenfallen. Gegenwärtig besteht die Spree auf Höhe Cottbus zur Hälfte aus Sümpfungswasser. Nach dem Ende des Braunkohle-Abbaus werden die eingeleiteten Wassermengen - und damit der Wasserstand - sinken. Damit ist der Fluss schon jetzt ein Pflegefall.
Gleichzeitig muss die Spree als sächsischer, brandenburgischer und Berliner Fluss immer mehr Interessen bedienen. Angefangen mit dem wichtigsten Wirtschaftszweig im Spreewald. Dort spielt der Tourismus 250 Millionen Euro ein und sorgt für 11.000 Arbeitsplätze, rechnete Eugen Nowak (Opens in a new window) vom Verein Nationale Naturlandschaften vor. „Es ist wichtig, dass dieses Feuchtgbiet erhalten wird“, so Nowak.
Hinzu kommen die Interessen der Industrie. Die Wasserstoff-Wirtschaft, die die Lausitz voranbringen will, kommt ohne Wasser nicht aus. Untersuchungen des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (Opens in a new window) (DVGW) zufolge werden für eine deutschlandweite Elektrolysearbeit von 70 Terawattstunden 19 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr benötigt. Bei der Elektrolyse wird Wasser unter Energiezufuhr in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. In einem Kilogramm Wasserstoff stecken demnach zwölf bis 13 Liter Wasser. Überhaupt stehen die industriellen Ambitionen der Lausitz im Widerspruch zum Wassermangel. Die großen Industrieansiedlungen in Schwarze Pumpe (Opens in a new window), Schwarzheide (Opens in a new window) oder Schipkau (Opens in a new window) können Spree und Schwarze Elster beeinträchtigen - sowohl in der Menge als auch der Qualität des Flusswassers.
Speicherfunktion hat Vorrang
Wirtschaftliche Ambitionen hegt man auch an Elbe (Opens in a new window), Neiße und Oder. An jenen Flüssen also, die für die Stabilisierung der Spree angezapft werden können. Keiner dieser Flüsse führt das ganze Jahr hindurch genug Wasser. An der Elbe sind zurzeit zwei Großfabriken geplant, in Magdeburg von Intel (Opens in a new window)und in Dresden vom Halbleiter-Hersteller TSMC (Opens in a new window). Auch dort spielt der Wassermangel bei der Planung eine Rolle.
Die Anrheiner dieser Flüsse müssen überzeugt werden, Wasser abzugeben. Damit wird die Rettung der Spree zur gesamtdeutschen Aufgabe. „Es müssen Maßnahmen präferiert werden, die multifkutional sind und mehrere Interessen von Nutzern bevorteilen“, sagte Martin Pusch (Opens in a new window) vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Was aber die Tagebauseen betrifft, ist sein Votum klar: „Die Speicherfunktion von Tagebauseen muss präferiert werden vor allen anderen Nutzungen.“
Als Speicher ist am besten der Ostsee geeignet. Um den Mangel zu entschärfen, empfehlen Expertinnen und Experten, die Bergbaufolgeseen als Reserven für Trockenzeiten zu nutzen. Der Cottbuser Ostsee etwa kann zu einem Speicher für 27 Millionen Kubikmeter ausgebaut werden. Insgesamt werden laut Umweltbundesamt mindestens 178 Millionen Kubikmeter Wasserreserve im Spreegebiet gebraucht, um den Wasserhaushalt nach dem Bergbau zu stabilisieren. Um das Wasser zusammenzubekommen, muss der Bund moderieren, betonen die Experten.