Einfühlen bis zur Panik. David und ich zwischen Lebenslust, Vorsicht und der Angst, recht zu haben.

Sonntagmorgen, 11 Uhr, -8° Celsius. Wir stehen an der Rummelsburger Bucht. Familien spielen Eishockey und wir könnten auf ungewohntem Terrain spazieren, weil die Spree zwischen Rummelsburg und der Insel Stralau zugefroren ist. Vor einigen Jahren habe ich das schonmal erlebt, Anwohner hatten mitten auf der Eisfläche einen Glühweinstand aufgebaut und ich fand es toll, mal einen anderen Weg zu laufen als außen um die Bucht.
Vorsicht versus Lebensfreude
Mit dieser Erfahrung, meiner kindlichen Begeisterung und ganz viel Lebensfreude stehe ich am Ufer und setze einen Fuß aufs Eis. Dann tritt mein Freund David ans Ufer, mit ihm die Werte Vorsicht und Umsicht. Warum er eine Wanderung über die zugefrorene Bucht unnötig riskant finde und was alles passieren könne, erzählt er mir. Ich höre quasi schon die Eisfläche unter mir brechen, obwohl alles ruhig ist und Kinder von ihren Eltern mit dem Schlitten übers Eis gezogen werden.

David und ich haben unterschiedlich ausgeprägte Werte, die mitunter aufeinanderprallen. Wenn ich gerade so richtig in meiner Handlungsfreude bin, werde ich manchmal bockig und nenne seine Vorsicht Verhinderungslogik. Ich behaupte, er verwendet alles, was theoretisch schiefgehen könnte als Argument gegen ein Handeln. Wenn er aus der Position der Umsicht und Vorsicht mein Verhalten und das anderer als leichtfertig, übermütig und verantwortungslos empfindet, ärgere ich mich, weil es klingt, als habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob die Eisfläche trägt. (Hab ich vielleicht auch nicht so ganz im Detail.) Seine Bedenken hemmen meine Handlungsfreude. Mein Leichtsinn konterkariert seine Umsicht.
Subjektive Risikoskalen
David und ich haben ein unterschiedliches Risikoempfinden – nicht generell – im Hinblick auf Fallschirm- und Bungee-Jumping ist es entgegengesetzt angelegt, da fühlt David sich sicher und ich würde es niemals machen. So spannend. Beim Thema Eis und der Gefahr einzubrechen, sehe ich ebenfalls Bedarf umsichtig zu handeln, außerdem habe ich in der vergangenen Woche einen ausführlichen Text darüber geschrieben, (Opens in a new window) wie leicht wir in Konflikte geraten, wenn wir uns nicht die Mühe machen, die Werte anderer Menschen anzuerkennen. Also hat David mich auf die Eisfläche begleitet und ich habe mich in seine Vorsicht reingefühlt. Das war tatsächlich schön. In dem Moment, in dem ich fühlen konnte, was er fühlt, habe ich mich entspannt und nicht mehr gegen ihn gekämpft. Ich habe verstanden. Nur, dass ich auf einmal panische Angst auf der Eisfläche bekam und wir meinen ganzen Mut einsammeln mussten, um auf dem Rückweg noch einmal drüber zu laufen.

Der Vollständigkeit halber und nicht, dass es nachher heißt, ich hätte auch angestiftet, hier ein Infotext zum Betreten von Eisflächen in Berlin:
https://forum-koepenick.de/eiswarn-und-rettungsdienst-berlin?srsltid=AfmBOorONMSVRgAPFZjxOb2NGP9ltgc4zjhjapkri0l0HSXZFx24W4b0 (Opens in a new window)