Wie ich mich durch Sprachnachrichten, Margaret Atwood und die Human-Design-Analyse einer Dreijährigen daran erinnert habe, warum ich vielleicht hier bin.
Manchmal stelle ich mir vor, wie die Dinge, die wir lernen in unseren Körpern wohnen. Es gibt Grundlagen, die einrasten wie die eckigen Bausteine in einem Tetris-Spiel, ein paar oberflächliche Fakten liegen locker obendrauf, werden allerdings beim nächsten Windhauch schon wieder weggepustet, und dann ist da dieses nicht ganz greifbare Wissen, das langsam in uns hineinsickert wie eine große Kelle Kartoffelbrei, die über die Zeit immer mal wieder eine Etage tiefer rutscht.

Im November hatte ich so einen Kartoffelbrei-Moment, während ich ein Human Design Reading aufgenommen habe. Es war ein Reading für ein drei Jahre altes Kind, das über eine besondere Verbindung zwischen dem Emotionalzentrum und dem Kehlzentrum verfügt. Seit sieben Jahren beschäftige ich mich mit dem Human Design System, habe unterschiedliche Kurse absolviert, mein eigenes Design mehrfach analysiert und analysieren lassen, doch während ich unendlich tief in die Charts anderer Personen eintauchen kann, Metaphern finde und alltagstauglich übersetzen kann, worum es geht, habe ich für mein eigenes Design einen lustigen Blindspot.
Als ich in den vergangenen Jahren alle 64 Gene Keys in meinen eigenen Worten formuliert auf dem Computer abgelegt habe, bemerkte ich erst später, dass ich die Anlagen, die für mich besonders relevant sind, vergessen hatte. Und so passiert es mir gar nicht so selten, dass ich, während ich ein Reading für jemanden aufnehme, auch etwas über mich lerne. In diesem Fall hatte dieses drei Jahre alte Kind eine starke Definition in Tor 22. Ich referierte, dass dieses Kind hier ist, um Menschen durch eine sehr charmante und kreative Art des Ausdrucks zu berühren, tiefe Emotionen in ihnen zu wecken und sie darin zu bestärken, ihre eigene Individualität zu leben.

Aha-Moment, Analyse und Altersarmut
In diesem Moment fielen mir die Sprachnachrichten ein. Wenn ich Porträts schreibe oder Human Design Readings aufnehme, bekomme ich meist ziemlich schnell, nachdem ich die Datei verschickt habe, eine Nachricht von der Person, über die ich geschrieben oder für die ich das Reading aufgenommen habe. Immer wieder höre ich zart brechende Stimmen, die sich bedanken, Menschen, die gerührt sind, weil sie sich gesehen fühlen, bestärkt in ihrer Persönlichkeit oder verstanden. Wenn ich diese Nachrichten anhöre, muss ich lächeln. Es fühlt sich stimmig an. Das ist meine Aufgabe hier. Durch meine Art zu schreiben oder Readings aufzunehmen, kann ich Menschen berühren, tief liegende Emotionen freisetzen und sie darin bestärken, sie selbst zu sein. Ich weiß, dass die 22 mein Sonnentor ist, also der Gene Key, der viel von meiner Persönlichkeit beschreibt und auch mit meiner Berufung zu tun hat, aber die Rückmeldungen auf die Porträts der vergangenen Monate und auch auf die Readings der letzten Wochen in Kombination mit den Formulierungen, die ich gewählt habe, um die Stärken der Dreijährigen in der Analyse zu erklären, haben den Kartoffelbrei in meinem Körper eine Etage tiefer rutschten und mich nochmal auf einer anderen Ebene verstehen lassen, was ich eigentlich hier mache.
Wie vermutlich jeder und jede, frage ich mich das nämlich auch hin und wieder, besonders in so einem Monat wie dem November, in dem ich weniger Aufträge hatte. Einerseits freute ich mich über die Ruhe, weil ich eine Woche verreisen und eine Woche krank sein konnte, erwischte mich aber auch beim Grübeln, ob ich nun mein flexibles gemütliches Leben weiterhin genießen oder im Hinblick auf die von zweifelnden Stimmen prophezeite Altersarmut lieber in Panik ausbrechen sollte. Und dann traf ich Margaret Atwood.
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Mein alter Ego Atwood (im Traum)
Zugegeben, ich habe Margaret Atwood nicht wirklich getroffen, es wurden keine Hände geschüttelt oder Höflichkeiten ausgetauscht. Sie weiß nichts von meiner Existenz. Aber ich habe sie gesehen, „Happy Birthday“ für sie gesungen und zugehört, wie sie auf gute Fragen sanfte, unterhaltsame und sehr persönliche Antworten gab und auf plumpere Fragen etwas spitzer, sarkastischer und noch unterhaltsamer reagierte.
https://www.radiodrei.de/programm/schema/sendungen/literatur/archiv/20251122_1900.html (Opens in a new window)Für alle, die Margaret Atwood nicht kennen: Sie ist eine kanadische Schriftstellerin, die unzählige Romane, Kurzgeschichten, Kinderbücher, Gedichte und Graphic Novels geschrieben und zwischen 1966 und 2021 knapp 40 Preise dafür gewonnen hat. Sie ist bekannt dafür, Dinge auszusprechen, über die andere lieber schweigen. Manche bezeichnen ihre Bücher als dystopisch. Sie selbst nennt ihr eigens geschaffenes Genre „spekulative Fiktion“. Margaret Atwood beschreibt politische und gesellschaftliche Entwicklungen oft lange vor ihrer Zeit und zeigt uns auf, was passieren kann, wenn wir auf eine gewisse Art durchs Leben gehen. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist „The Handmaid´s Tail“ (deutsch: „Der Report der Magd“), das in sechs Staffeln als Serie verfilmt wurde, unter anderem mit Alexis Bledel, die vielen als Rory Gilmore aus Gilmore Girls bekannt sein dürfte.
Margaret & Stephen erklären die Welt
Ich habe Margaret Atwood das erste Mal bei MasterClass gesehen. Das ist so eine Art Online-Lernraum, in dem Stephen Curry erklärt, wie man den Basketballkorb trifft (sehr hilfreich, dank dieses Videos habe ich kürzlich Tickets für ALBA Berlin gewonnen), Alicia Keys gibt Tipps zum Singen und Margaret Atwood verrät, wie man gute Geschichten schreibt. Ich bin eigentlich kein Fangirl. Menschen anzuhimmeln, denen ich noch nie persönlich begegnet bin oder sie auf ein Podest zu heben, entspricht mir nicht. Ich stand nie kreischend auf einem Konzert (dazu findet ihr hier einen lustigen Text (Opens in a new window)), habe keine Autogrammkarten gesammelt und mir auch für keinen Fußballklub die Kehle wund gesungen.
https://www.masterclass.com/classes/stephen-curry-teaches-shooting-ball-handling-and-scoring (Opens in a new window)Als ich aber Margaret Atwood zum ersten Mal auf dem Bildschirm sah, verwandelte ich mich sofort in ein kleines Mädchen und hing an ihren Lippen. Mit von Lachfalten umrahmten strahlend blauen Augen und einem schalkhaften Schmunzeln blickte sie in die Kamera und erzählte, wie die Figuren in ihren Romanen ein Eigenleben entwickeln, für das sie ab einen gewissen Punkt nicht mehr verantwortlich sei. Dabei wippten ihre grauen Löckchen hin und her, die offenbar ebenfalls ein Eigenleben führen.
Im Handumdrehen stellte Margaret Atwood ein Dutzend unterschiedlicher Möglichkeiten vor, das Märchen vom Rotkäppchen zu erzählen und offenbarte kichernd, dass sie schonmal 200 Seiten eines Romans in den Papierkorb geworfen habe, weil sie feststellte, dass die Erzählform der dritten Person nicht funktionierte und sie alles in die Ich-Perspektive umwandeln musste. Etwas an ihr erinnert mich an mich, vielleicht auch an eine Wunschversion von mir. Ich mag, wie sie schelmisch grinst, wenn sie etwas Gemeines aber sehr Treffendes sagt, wie sie über sich selbst lacht und wie sie uns Menschen und unsere Welt mit trockenem Humor, einem vielfältigen Vokabular und einer entwaffnenden Klarheit auf den Punkt bringt.
Berlin statt Bristol
Vor Monaten schon hatte ich gesehen, dass Margaret Atwood ihre Memoiren herausbringt und für dieses Buch Lesungen in London und Bristol gibt. Ich schaute nach Flügen und Tickets, konnte mich nicht so recht entscheiden und dann waren die Veranstaltungen ausgebucht. Ich ließ mich auf die Reserve Liste setzen und erhielt im Oktober eine Nachricht, dass in Bristol am 11. November wieder Tickets verfügbar seien. Da hatte ich aber schon für genau diese Woche meine Reise nach Alicante zum Beachvolleyball spielen gebucht.
Als ich Mitte November zurückkehrte, begann ich ihre Biografie zu lesen und als ich am Nachmittag des 19. November erkältet im Halbschlaf im Bett lag, dachte ich plötzlich: „Vielleicht schaue ich noch mal, ob sie nicht doch noch andere Lesungen gibt.“ Auf ihrem Instagram Account sah ich, dass sie in Paris war und als ich plump „Margaret Atwood Lesung“ bei Google eingab, dachte ich, ich spinne: „Erleben Sie Margaret Atwood im großen Sendesaal des rbb in Berlin, live am 22.11.2025 “, stand da. Zehn Minuten später war ich stolze Besitzerin von zwei Tickets für Margaret Atwoods einzige Lesung in Deutschland, die weder auf ihrer Webseite noch auf ihren Social Media Accounts beworben wurde. Verrückt.
Einmalige Gelegenheit
Als ich Margaret Atwood in ihrem pinken Sakko mit ihrer kleinen schwarzen Handtasche auf die Bühne spazieren sah, kamen mir ehrlich die Tränen. Ich habe das Gefühl, das war so ein Once-in-a-Lifetime-Moment, den ich eigentlich schon dachte, verpasst zu haben. Margaret Atwood ist 86 Jahre alt. In den letzten Sätzen ihrer Memoiren verabschiedet sie sich schon von dieser Welt. Ich glaube nicht, dass es noch viele Möglichkeiten gibt, sie live zu erleben und ich hatte dieses Glück. Und auch, wenn ich mir gewünscht hätte, die Lesung wäre nicht live übersetzt worden, so dass ich noch mehr von ihr hätte hören können, anstatt die Zeit für die Übersetzung zu verschwenden, war ich einfach selig, ihre Präsenz erleben zu dürfen.
Vielleicht war ich bislang auch deshalb kein Fangirl, weil ich noch nicht die Person gefunden habe, die etwas in ihrem Leben gemacht hat, das meiner Vorstellung von meiner eigenen Berufung so nahekommt, die eine ähnliche Mischung aus charmanter und vernichtender Ansprache hat, die ein Kapitel ihrer Memoiren auf humoristische Weise ihrem Aszendenten widmet und die Lesenden darauf hinweist, sie mögen diesen Abschnitt überspringen, falls es sie nicht interessiere.
In einem Interview liest Margaret Atwood einem Journalisten spontan aus der Hand und scheint ihren Frieden damit gemacht zu haben, dass nicht jeder sie versteht. Auf die Frage, warum sie manche Namen in ihrer Biografie weggelassen, andere aber ausgeschrieben hat, antwortete sie, für die meisten Leute sei es in Ordnung, weil sie nette Dinge über sie schreibe. „Und die anderen?“, fragt der Interviewer. „Die haben es verdient“, antwortete Margaret. Und dann kicherte sie.
https://www.youtube.com/watch?v=ZyZ_Kb-dtz8&t=1483s (Opens in a new window)Hier könnt ihr das CBC-Interview mit Handlesen und Kichern anschauen.
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