Europa ist noch nicht wach, aber gähnt schon/Ford Valentinstag/ Serie “The Danish Woman”/Houellebecq im Interview/Doku “Das Mädchen mit den goldenen Haaren”/ ungesundes Rezept, aber lecker

Dieser Winter erinnert mich an die Wendezeit 1989, auch an den September 2001. Die Welt ordnet sich neu, jeder Tag bringt neue Überraschungen, neues Entsetzen, aber der Alltag läuft ganz normal weiter. Man muss sich viel notieren.
Ich finde es spannend, was derzeit aus Paris zu hören ist, nämlich kaum ein Flüstern. Der Präsident spielt seine internationale Rolle besser denn je, aber in der französischen Innenpolitik tut sich auch eine Menge. Und das zeigt sich daran, dass man nichts mehr hört. Die Älteren mögen sich an das Jahr 2025 erinnern, als die Regierungen im drei-Wochen-Takt stürzten. Nun hält sich der Premierminister Sébastien Lecornu rekordverdächtig lange und das liegt an der gekonnten Anwendung eines im französischen Parlamentarismus recht neuen Instruments: des Kompromisses . Die unpopuläre Rentenreform wurde verschoben, dafür bleibt die Regierung im Amt und man erspart dem Land eine Neuwahl. Wenn Lecornu in der Assemblée nationale spricht, ist das immer sehenswert: er macht Jokes, bildet Vertrauen und verzichtet auf brillante Belehrungen – die sonst dort die Regel. Er geht sogar selber einkaufen, jeden Samstag auf dem Wochenmarkt. Ich würde mich nicht wundern, wenn Lecornu 2027 als Kandidat einer großen Koalition für die Nachfolge Emmanuel Macrons kandidiert und gewinnt.
Die Zuspitzung der Angriffe auf die offene Gesellschaft durch Trump und Putin erschwert das Geschäft der rechtsextremen Parteien. Nun sehen alle, was Remigration in der Praxis bedeutet. Europa ist auf einem konsequenten Vereinigungskurs: Manfred Weber spricht von der Notwendigkeit eines europäischen Präsidenten und aus Spanien werden Forderungen nach einer einheitlichen europäischen Armee laut. In dieser Woche ging es auch viel um eine einheitliche europäische Abschreckung. Sogar im digitalen Raum gelingen neuerdings witzige Antworten auf den amerikanischen Wahnsinn.
Der seit zehn Jahren wütende Populismus von Rechts – eine mit Geld aus fossiler Energie finanzierte Bewegung alter weißer Männer, die die Öffentlichkeit mittels digitaler Kampagnen manipuliert - wird letztlich das genaue Gegenteil erreicht haben. Der kanadische Premier Mark Carney hat in einer historischen Rede (Opens in a new window) erklärt, wohin die Reise geht.
Sowas nennt sich Dialektik, in Deutschland hat mal einer dazu geforscht. Heute ist er mehr oder weniger vergessen.

In einigen Wochen ist wieder Valentinstag. Viele sehen den Gedenktag der Floristen kritisch – auch die Blumenhändlerin unseres Vertrauens – aber ich finde, gerade in diesen Zeiten muss man die Feste feiern wie sie fallen. Das spätwinterliche Datum bildet auch den Rahmen für den wunderschönen, gleichnamigen Roman von Richard Ford. Er erschien schon vor drei Jahren, aber ich habe ihn gerade wieder gelesen und seine große, tröstliche und unterhaltende Kraft entdeckt.
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/richard-ford-valentinstag-9783446277328-t-3973 (Opens in a new window)Frank Bascombe begleitet seinen 47-jährigen, mit der unheilbaren Krankheit ALS diagnostizierten Sohn Paul während einer experimentellen Therapie an der Mayo-Klinik im seitdem so umkämpften Minnesota. Danach fahren sie in einem nahezu antiken Wohnmobil zum Mount Rushmore. Es ist das Amerika vor Trump, aber alle Probleme zeichnen sich schon ab. Der Roman ist zugleich selbst ein Rezept, um gut durch diese Zeit zu kommen: Im ganzen Buch dominiert die Heiterkeit. Der Sohn ärgert seinen Vater, indem er ihn dauernd Lawrence nennt, wegen Florence, also Lawrence Nightingale (Opens in a new window). Frank selbst hängt noch einer fernen Ex an, versucht eine nette Masseuse zu heiraten und macht sich auch sonst ordentlich zum Narren. Es passiert wenig, geht nicht gut aus, aber man freut sich beim Lesen die ganze Zeit. Der passende Roman für diese trübe Saison.
Vor einigen Jahren bestellte ich mir in einem Online-Shop ein Taschenmesser für die Ferien, geliefert wurde aber eine massive, schwarze Machete. Ich bin nicht so firm im Zurücksenden, also habe ich sie einfach behalten. Ich habe nicht die geringste praktische Verwendung für das Gerät, außer ab und zu im Garten damit Unkraut zu schneiden, aber ich bemerkte doch eine Veränderung in mir: Als Machetenbesitzer schaut man eben anders auf die Welt. Einmal geriet ich in einen kleinen Verkehrskonflikt und ich dachte, leise lächelnd, an das Gerät, mit dem ich so einen Streit ja auch einfach lösen kann, genau wie Crocodile Dundee. (Opens in a new window)
Aber in Wahrheit hänge ich am Gewaltmonopol des Staates, obwohl es, ich gestehe, Lebenslagen gibt, in denen man die Alternativen testen möchte. Das kennt eben auch Ditte Jensen und im Unterschied zu mir ist sie in der Praxis der effektiven Gewaltanwendung sehr virtuos. Also wendet sie ihre Erfahrung als Spezialkämpferin im Dienst der dänischen Krone in ihrer Nachbarschaft an, sie ist nach Island gezogen. Sehr schräge Komödie rund um Trine Dyrholm.
https://www.arte.tv/de/videos/117672-001-A/the-danish-woman-1-6/ (Opens in a new window)Seit drei Jahren war es still um Michel Houellebecq, nun erfreut er uns mit einem neuen Album, tritt bald auch als Chansonnier auf. Haare wieder ordentlich, Jeanshemd gebügelt – und ein längeres Interview hat er auch gegeben. Die Ansichten muss man nicht teilen, aber der Mann ist wie immer sehr sympathisch.
https://www.youtube.com/watch?v=J8O-8bHnOKs (Opens in a new window)Es beginnt mit einem deutschen Fotoalbum: Der Journalist Malte Herwig entdeckt die Bilder seines Großvaters, Aufnahmen, die er im Krieg gemacht hat. Es ist das fotografische Protokoll einer Deportation im Stile eines Touristen, der Sehenswürdigkeiten abbildet. Herwig macht sich auf die Reise, um den abgebildeten Personen einen Namen zu geben und ihr Schicksal zu rekonstruieren. Herwig zeigt auch, welche Mittel hierfür heute zur Verfügung stehen, unter anderem KI-Anwendungen und internationale Datenbanken. Schließlich gelingt es ihm, die in Australien lebende Tochter eines der Jungen auf den Fotos zu kontaktieren und sie nach Europa, an den Schauplatz des Geschehens zu begleiten. Nur das blonde Mädchen, das dem spannenden Film den Titel gibt, das findet er nicht. Vielleicht finden sich unter den Zuschauerinnen und Zuschauern Personen, die etwas wissen?
https://www.ardmediathek.de/video/ndr-story/das-maedchen-mit-den-goldhaaren-eine-spurensuche-im-holocaust/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9wcm9wbGFuXzE5NjM2MzM1Ml9nYW56ZVNlbmR1bmc (Opens in a new window)In Frankreich endet die Schule der Kinder seit eh und je am Nachmittag, dann gibt es ein goûter. Längst wird der Nachmittagsimbiss auch von Erwachsenen eingenommen. Dennoch war ich überrascht, in Le Monde solch eine Würdigung meiner klassischen Kinderverköstigung zu lesen: Ärzte schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Zucker, Fett und Kohlenhydrate in hoher Dosierung, es ist der helle Wahnsinn. Damals, als wir Kinder das nahezu täglich bekamen, galt es als Wunderwaffe gegen Krankheiten aller Art. Butter, Schokolade, Baguette - drei Wunderwaffen gegen die Erinnerung an die schlechten Jahre der Nachkriegszeit!
https://www.lemonde.fr/le-monde-passe-a-table/article/2026/01/28/le-duo-pain-et-chocolat-prince-du-gouter_6664467_6082232.html (Opens in a new window)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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