Nur weiter so/ Miniserie Prince Andrew/Binet Perspektiven/Wellington

Noch kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges waren Charles de Gaulle, Winston Churchill und Konrad Adenauer hoffnungslose Randfiguren der europäischen Politik. Willy Brandt hieß noch nicht so und musste um sein Leben fürchten. Historische Umwälzungen bringen neue Leute hervor, und in unserer Zeit käme hoffentlich kein rein männlicher Club an die Macht in Europa.
Aber weiter geht es so nicht: Europa wackelt über die Weltbühne wie ein Dodo, der große Vogel, der weder fliegen noch rennen noch zubeißen konnte. Heute ist er ausgestorben. Oder wie Kaiserpinguine, die von den frühen Antarktisstationen als Heizmaterial genutzt wurden, weil sie praktischerweise weder protestierten noch flohen: einfach der Länge nach rein in den Kamin, ihr Fett sorgte für helle Flammen, wie man sie zur Gewinnung von Tran aus dem Fleisch erlegter Wale brauchte.
Täglich gibt es neue Beispiele für diesen Mangel an europäischer Selbstbehauptung. In der vergangenen Woche war es der Bericht über sieben junge Journalistenkolleginnen und Kollegen, die den Zusammenhang zwischen Drohnenflügen und russischen Schiffen aufgedeckt haben. Hier entlang:
https://www.digitaldigging.org/p/they-droned-back (Opens in a new window)Wozu zahlen wir all die teuren Dienste ? Immerhin wurde nun der russische Botschafter einbestellt. Das russische Haus in der Berliner Friedrichstraße bleibt allerdings weiter offen, die politische Propaganda findet weiter statt – Jan Böhmermann (Opens in a new window)ist der Sache nachgegangen.
Insgesamt verhält sich Europa so, als gälte es, Russland, die USA und China ja nicht zu verärgern. Auch das von der Union wieder aufgeschobene Verbrenner-Aus ist ein immenses Geschenk an die chinesische Automobilindustrie.
Es finden sich natürlich Spuren von Widerstand und koordinierter Aktion der europäschen Regierungen, so wie sich Spuren von Nüssen in Schokolade finden – es hätte ja alles noch schlimmer können. Der Brexit gilt keinem Land als Modell, die Koalition der Willigen steht der Ukraine weiterhin bei. Die USA sind ein nie zu unterschätzendes Land – mit etwas Glück ist der orangene Spuk im Weißen Haus schon in einem Jahr wieder vorbei und auf den angemessenen Status grotesker Folklore zurück gestuft, wenn die Demokraten eine parlamentarische Mehrheit erringen. Aber mich besorgt, wie wenig die europäischen Spitzenpolikerinnen und Politiker sich auf der Höhe unserer Zeit bewegen und äußern.
Wo sind die entschiedenen Gegenreden zu Putins Drohungen? Wann kommen die deutlichen Symbole, in denen für alle sichtbar wird, dass man hier am Modell einer offenen Gesellschaft auch hängt? Aus den Hauptstädten Europas hört man entweder lange Listen von Details oder ein wenig überzeugendes Anything goes, als könne man bald wieder zu normalem Business mit Russland übergehen. Die Signale wirken umso schwächer, als Sanktionen, Gegenspionage und Reisekontrollen nur halbherzig durchgesetzt werden. In München hät sich hartnäckig das Gerücht vom Immobilienbesitz des russischen Präsidenten in der Innenstadt - auch hier wären klare Verhältnisse nötig. Aber Union und SPD agieren, als habe man Angst vor Dieter Bohlen und Justus Frantz oder wem auch immer, der sich noch zu einem milden Kurs gegenüber dem Kreml bekennt. Dabei geht es ja: Gegen die Aktivisten der letzten Generation, die Klimakleber, wurde der Repressionsapparat des Staates in Windeseile hochgefahren. Warum geschieht das nicht gegen jene Kräfte, die hier Freiheit, Demokratie und die offene Gesellschaft abschaffen wollen?
Es geht mir nicht um Scharfmacherei oder die Zuspitzung des Konflikts, sondern um das wichtige Signal: Wir leben eigentlich ganz gerne so, wie wir hier leben, und wenn es sein muss, wehren wir uns.
Politik muss sich, wie Willy Brandt es in seiner letzten Rede formulierte, auf der Höhe ihrer Zeit bewegen. Die Leute sind längst weiter, warten nur auf Reden und Zeichen, die auch bestätigen, dass die europäische Exekutive nun tut, was nötig ist. Darum ist der deutsche Verteidigungsminister der beliebteste Politiker: Pistorius hat das Ausmaß der Gefahr erkannt und sagt, was alles nicht in die Tüte kommt. Man möchte einfach hören, dass auch Kanzler, Präsident und Premierminister die gleichen Nachrichten schauen, wie alle anderen.
Aus dem einstigen Ostblock kamen keine tollen Industrieprodukte, aber immer wieder super Bücher und noch etwas war Spitze, der Geheimdienst. Putin hat es geschafft, die gesamte alte Garde der europäischen und internationalen Politik aufs Kreuz zu legen, nutzte die Abhängigkeit von fossiler Energie ebenso aus wie die Möglichkeiten der Korruption und die Verwundbarkeit durch Migrationsbewegungen, die er selbst induziert hat. Sein bester Trick ist die Manipulation der Medien: Zwei Themen, die die Zukunft Europas sichern, nämlich eine Abkehr von fossiler Energie und eine kluge, großzügige Migrationspolitik, sind mittlerweile verhetzt und diskreditiert. Das eigentliche Ziel von Trump und Putin ist die regierungserfahrene Sozialdemokratie überall auf der Welt. Um sich zu wehren, müssten sich die nationalen Parteien zusammenschließen - aber davon ist derzeit nichts zu merken. Total Dodo.
Aber womöglich ist eine neue Generation europäischer Politikerinnen und Politiker längst unterwegs. Noch erkennt sie niemand in Bus und Bahn.
Leider ist für dieses Jahr keine neue Staffel von The Crown angekündigt, auch Downton Abbey ist auserzählt, aber immerhin gibt es eine britische Miniserie, die die Fans beider Formate erfreuen wird. Es ist die zweite Verfilmung der Geschichte des katastrophalen Prince Andrew- Interviews für die BBC-Sendung Newsnight, in dieser hier gibt Martin Sheen den Prinzen. Diese Titelformate sind ein ganz eigener very british Spleen, eine meiner Lieblingsminiserien nennt sich ja A Very English Scandal (Opens in a new window). Nicht zu verwechseln oder auch egal, beide sind super. Alles ist auch in diesem Dreiteiler ganz toll, super gespielt, schwarzer Humor, zugleich empfindet man mit Andrew, Fergie und den Töchter hier und da auch Mitleid.
https://www.zdf.de/serien/a-very-royal-scandal-100 (Opens in a new window)Ich finde es noch aus einem weiteren Grund spannend: Das Newsnight-Interview ist ein gutes Beispiel für eine ganz und gar selbstgemachte Katastrophe. Man kann zusehen, wie und warum sich der damalige Prinz nach Kräften ins ohnehin schon beträchtliche Malheur immer weiter hineinschraubte, wie er mit einem Gerüst einkracht, das er selbst gezimmert hat. Immer wieder lohnend, solche Geschichten zu studieren – auch wenn man in keinem Palast wohnt. Michel de Montaigne hätte die Serie geliebt.
Kaum eine Lüge hat den Antisemitismus weltweit so befeuert wie die Protokolle der Weisen von Zion. Noch heute nutzen viele Propagandisten im Netz und außerhalb deren Motive und Inhalte, die Sache ist einfach nicht totzukriegen. Über die Herkunft und Geschichte dieses Schauermärchens ist nicht viel bekannt. Nun widmet sich ein anspruchsvoller, aufklärerischer Dokumentarfilm dem Phänomen, das immer noch das zeitgenössische Denken heimsucht. Wer das Glück hat, ein Kino in der Nähe zu finden, in dem der wichtige Film programmiert ist – unbedingt ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=Gd-bCkAmQBc&t=17s (Opens in a new window)Geheimnisvolle Briefe aus dem Florenz des 16. Jahrhunderts, ein Mordfall im Bildhauermilieu, Intrigen und geheime Korrespondenzen – das ist der Stoff, aus dem Laurent Binet seine Perspektiven geschrieben hat. Katharina von Medici kommt vor, Michelangelo, aber auch Vasari und viele andere Zeitgenossen, es wird mit viel Tempo und Witz erzählt. Es ist ein Briefroman, wie die Gefährlichen liebschaften oder der Werther, und sorgt schon dadurch für ein gewisses Tempo. Es tut immer wieder gut, über das 16.Jahrhundert zu lesen, diese Umbruchs- und Möglichkeitszeit, die der unseren so ähnlich ist.

Binet hat schon ein Buch über Reinhard Heydrich geschrieben, eines über Roland Barthes,und François Hollande hat er auch im Wahlkampf begleitet – das war übrigens die Inspiration zu meinem Buch Der Zirkus, als ich mich an die Fersen von Peer Steinbrück heften durfte.
Es gibt Gerichte, die man nur mit viel Zeit, sogar einem Anflug von ennui zubereiten möchte, dazu zählt das heute leider nahezu vergessene Boeuf Wellington. So läuft das eben manchmal mit der Erinnerung: Während über Napoléon jedes Jahr zig Bücher erscheinen, seine Biobibliografie unübersehbar ist, politische und philosophische Debatten befeuert, moderne Geschichtspodcasts ihm Mehrteiler (Opens in a new window) widmen – blieb von seinem britischen Gegner und sogenannten “Sieger” in der sehr knapp ausgegangenen Schlacht zu Waterloo hauptsächlich der Name dieses Hauptgerichts im Gedächtnis. Naja, immerhin lecker.
Hier mal eine handgemachte Anleitung aus dem schönen, kalten Québec:
https://www.youtube.com/watch?v=DJXrlG9moug (Opens in a new window)Und eine aktuelle fleischlose Version:
https://www.zuckerjagdwurst.com/de/rezepte/veganes-beef-wellington (Opens in a new window)Kopf hoch,
ihr
Nils
Minkmar
PS: Als kleinen Dank für die vielen, vielen Mitgliedschaften bekommen die treuen Mitglieder des Siebten Tags heute eine Liste mit meinen Geschenktipps für Weihnachten 2025. Falls Sie die auch gebrauchen können, hier entlang: