La Grande Illusion

In diesem Sommer wurde in Bordeaux, einer Stadt, die ohnehin oft wirkt wie eine Filmkulisse, eine weitere Verfilmung von Les Misérables produziert. An vielen Stellen sah man die Bauten, Kutschen waren geparkt und auf dem großen Place des Quinconces waren die Pferde zu Gast. Manches Restaurant erwies sich als bloße Attrappe, den Eindruck kann man allerdings auch jenseits von Dreharbeiten gewinnen. Die Gastronomie ist nirgends, weder in Deutschland noch in Frankreich, in einem guten Zustand.
Ansonsten war in diesem Sommer sehr auffällig, was fehlt: nämlich die Debatten über Politik. In Frankreich ist Politik der Nationalsport, es geht eigentlich schon zum Frühstück los. Aber derzeit ist es, als wäre politische Ebbe. Keine Debatte nirgends, keine Leidenschaft, keine Bewunderung für kommende Figuren. Überall Müdigkeit.
An Kandidaten für die Nachfolge von Emmanuel Macron fehlt es nicht, sie könnten locker eine Einzelgewerkschaft bilden. Der Favorit ist der einstige Premierminister Edouard Philippe, Bürgermeister von Le Havre. Ihm dicht auf den Fersen ist Innenminister Bruno Retailleau, er spekuliert auf das Erbe des Rassemblement National. In dem rechten und konservativen Lager gibt es gut ein halbes Dutzend Anwärter. Auf der anderen Seite ist die Lage blockiert. Der alte Mélenchon hat viele Fäden in der Hand, gehört aber zu den unpopulärsten Politikern im Land. Leider wird im linken Lager - in Deutschland ist es nicht anders - gerade die alte linke Tugend des gemeinschaftlichen Handelns verlernt. Alle treten einzeln an, die Sozialdemokraten, die Grünen und die Linksliberalen noch in diversen Parteien, Bewegungen und ein Mann-Organisationen. Frauen sind nur wenige im Rennen: Carole Delga und Catherine Vautrin könnten antreten, aber es ist nicht sicher.
Statt echter Politik muss sich das Land mit symbolischen Maßnahmen abmühen. Das Rauchverbot am Strand zählt dazu. Im Prinzip finde ich es gut, wenn weniger geraucht wird. Aber das Verbot lässt sich nicht durchsetzen. Ich sah einen freundlichen Rettungsschwimmer, der länger auf eine junge Frau einredet, damit sie ihre Zigarette ausmacht. Unter freiem Himmel auf dem längsten Strand der Welt. Mich erinnerte es an die Einsätze des Gendarmen von Saint Tropez, wenn Louis de Funès die Frauen jagt, die sich oben ohne sonnen. Ähnlich sinnvolle Verwendung öffentlicher Gelder.
Der derzeitige Premier François Bayrou hat meiner Meinung nach einen großen Fehler gemacht. Im kommenden Haushalt müssen große Summen eingespart werden, etwa 40 Milliarden. Und es gibt auch viel Potential dafür. Frankreich versenkt irre Summen in den Ausbau der Kernkraft, aber es klappt natürlich nicht. Nirgends auf der Welt ist je ein Kernkraftwerk rentabel betrieben worden. Auch die zunehmend absurd wirkenden Überseegebiete sind eine teure historische Überlieferung. Doch Bayrou hat sich vorgenommen, Geld zu sparen, indem er zwei Feiertage streicht. Eine Belastung der auch in Frankreich zahlreichen vermögenden und sehr vermögenden Menschen ist nicht vorgesehen. Dabei hat sich in Frankreich wie überall auf der Welt der Gewinn aus dem Besitz von Aktien und Immobilien weit günstiger entwickelt als die Einkünfte aus Löhnen und Gehältern. Ein Ausgleich ist nötig und wird auch kommen. Aber Bayrou streicht lieber diese beiden Feiertage. Und zielt damit auf eine wesentliche Dimension der französischen Identität, die Lebensqualität. Diese Tage bilden vielleicht eines der vielen Brücken-Wochenenden, die wie kleine Ferien wirken und auf die sich alle freuen. So etwas zu streichen ist ungefähr so populär wie den Kindern das Eis essen zu verbieten. Und ähnlich sinnvoll: Feiertage sind ein wichtiges Element der seelischen und körperlichen Gesundheit in einer alternden Gesamtbevölkerung.
Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Niemand möchte Bayrou helfen und auch der Präsident ist längst im politischen Landeanflug. Der Politikberater Gaspard Gantzer sieht schon eine neue Gilets jaunes Bewegung entstehen - nur hundertmal stärker. Am 10. September soll der Protest starten.
In Frankreich ist bekanntlich das Kino die dominierende Kulturindustrie, die Serien sind nur selten sehr gut. Das ist leider auch bei dieser Produktion der Fall, allenfalls gemischter Erfolg, aber man kann sie sich dennoch ansehen, bevor wieder die besseren Serien starten. Adjani spielt mit viel Selbstironie, das Milieu der Rosenzüchter von Grasse ist immer interessant und das urfranzösische Thema der tiefen Familiengeheimnisse – diese Kombi lohnt schon einen Versuch.
https://www.netflix.com/watch/81768031?trackId=14277283&tctx=-97%2C-97%2C%2C%2C%2C%2C%2C%2C81563526%2CVideo%3A81768031%2CdetailsPageEpisodePlayButton (Opens in a new window)Schon lange habe ich kein Buch so heftig verteidigen müssen wie Anna Prizkaus neuen Roman. Meine Frau wollte es mir unbedingt wegnehmen und selber lesen. Anna Prizkau hat lange als Journalistin gearbeitet und viele beachtliche Texte geschrieben, persönlich kenne ich sie allerdings kaum.
Der Roman lohnt sich wirklich: Hier finden wir endlich eine Darstellung des gegenwärtigen Deutschlands mit den Mitteln einer weitgereisten, einfallsreichen Sprache. Keine Klischees, keine bemühten Konstruktionen, sondern eine bewegende Geschichte darüber, wie es zur Zeit hier ist. Nur das Veröffentlichungsdatum ist nicht optimal: Mitten im Sommer geht so ein besonderer Roman schon mal unter. Sorgen wir dafür, dass viele Menschen ihn lesen.
https://www.rowohlt.de/buch/anna-prizkau-frauen-im-sanatorium-9783498007324?srsltid=AfmBOorK5WJObUb4oz9jGhAzmFscd0gF2Lgfq5y9c5DrnckUTE3joBvH (Opens in a new window)Sommer ist traditionell Helge Schneider Zeit. Alle deutschen Feuilletonmenschen wissen, dass sie sich, auch im Juli und August auf den Mühlheimer verlassen können, weil er dann immer mit irgendetwas heraus kommt. Schneider gibt Konzerte, aber er hat auch schon Romane geschrieben, Filme gemacht, eine sehr lesenswerte Biografie vorgelegt -alles mögliche und immer vom Ruhrgebiet aus.
In der Sendung Willemsens Woche trat er mit Michel Petrucciani auf, beide spielten Katzeklo.
Diesen Sommer kommt er mit einer Doku, deren Thema er selbst ist. Sie entgleist natürlich direkt und man muss sich eingrooven, um Schneider zu folgen. Aber lles in allem eine gelungene Würdigung für die Karriere eines Typen, der in der Klasse Neun von der Schule ging.
https://www.ardmediathek.de/video/helge-schneider-the-klimperclown/helge-schneider-the-klimperclown/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNjA1Mzk (Opens in a new window)Ich habe auch Samin Nosrats Bestseller Salz, Fett, Säure, Hitze im Regal stehen und habe mich gefreut, sie nun im NYT Cooking Channel wiederzutreffend. Ihre typische Mischung aus Humor, Wissenschaft und Sinn für leckeres Essen gehen eine beeindruckende Synthese ein. Auch der Trick mit der Ziploc-Tüte ist von der Kategorie Warum ist mir das nicht eingefallen?
https://www.youtube.com/watch?v=N0S-GAiXt6M (Opens in a new window)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
PS:
PS: Freitag und Samstag schreibe ich diesen Newsletter. Um mir die Zeit von anderen Aufträgen frei zu halten, freue ich mich über die finanzielle Unterstützung durch Mitgliedschaften. Derzeit bezahlen etwa 7% der Leserinnen und Leser. Mitglied werden kannst Du hier: