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Träumen Romane von elektrischen Insekten?

Ich habe jetzt 936 Seiten Literaturübersetzung abgegeben. Dann hatte ich Corona, trotz Impfung und Maske. Langsam komme ich wieder zu Kräften und habe das Gefühl, mich fallenlassen zu können. Es gibt natürlich noch ein paar Probleme wie den Wasserschaden im Bad, das halb abgerissen werden musste. Ich brauche Hilfe vom Anwalt, um die Handwerker wieder her zu zwingen – aber das sind Nebensächlichkeiten. Kein Mensch braucht ein ganzes Badezimmer, duschen kann ich nebenan. Unter der Dusche meditiere ich und singe dabei Mamdani statt Om. So sieht das Badezimmer aus:

Nackter Beton mit einem Relief aus Spuren des Fliesenklebers.

Ich denke nach. Ich frage mich zum Beispiel, ob der Roman, den ich gerade übersetzt habe, von einem Insekt geschrieben worden sein könnte. Nach allem, was er selbst über seine Entstehung verrät, in der Weltordnung, die er sich erschafft, wäre das nämlich sehr gut möglich. Wahrscheinlicher ist aber, dass er von der Frau geschrieben wurde, deren Name auf dem Cover steht, die überall als Autorin interviewt wird und die ich seit 19 Jahren kenne. Am Montagabend wird sie für dieses Buch in London vielleicht den Booker-Preis bekommen. Sie hat ihn schon einmal bekommen, da war ich gerade mit ihr auf Lesereise.

Ich denke über das sich Fallenlassen nach, über freien Fall als Metapher für meine Welterfahrung als autismusbetroffener Mensch. Meine Hirnstruktur bedingt nämlich Haltlosigkeit – dass ich nie festen Boden unter den Füßen habe, im Umgang mit der Welt und mit den Menschen, deren Vorstellungen von Wirklichkeit meine Wirklichkeit bestimmen. Denn Menschen mit Normalgehirn haben auf diesem kleinen, überschätzten Planeten ja leider die Deutungshoheit über die Wirklichkeit, zu erleben, wie sie mit Menschen umgehen, von denen sie sich in ihrer Macht in Frage gestellt fühlen, kann furchterregend sein. Besonders wenn man selbst so etwas ist wie eine lebendes Fragezeichen.

Mein autismusbetroffenes Leben könnte ich auch als täglichen Sprung aus dem Flugzeug beschreiben: Manchmal habe ich einen Fallschirm, manchmal ist er plötzlich weg, und ich verstehe meistens nicht warum. Mal habe ich Halt, mal nicht. Alltag habe ich meistens nie.

Aber für Haltlosigkeit in all ihren Facetten habe ich viel Verständnis, und ich bin unfähig, in bürgerlicher Ordnung etwas anderes zu sehen als einen Wahn – ganz einfach weil sie die absolute Verfügbarkeit von Fallschirmen behauptet. Gegen gesellschaftlichen Druck, auf irgendeine Art und Weise bürgerlich zu leben, bin ich immun. Viele Menschen halten das für Trotz, dabei ist es Pragmatismus: Im freien Fall nützen mir bürgerliche Maßstäbe einfach nichts.

Für mich ist es völlig normal, mich zu fragen, ob der Roman, den ich gerade übersetzt habe, von einem Insekt geschrieben wurde. Völlig normal, dieses fiktive Insekt, diesen Roman – oder auch ein Bild von Twombly oder ein Klavierkonzert von Ravel – genauso respektvoll zu behandeln wie eine Bundestagspräsidentin, einen drogenabhängigen Menschen in der U-Bahn oder eine Krähe, die sich Erdnüsse aus meiner Wohnung holt. Oder wie das Corona-Virus, das wie alle Viren ein wirklich rätselhaftes Wesen ist, von dem man nicht einmal wirklich weiß, ob es lebt. Ich würde gerne einmal länger mit ihm reden, von Mensch zu Mensch.

Wenn ich mein Leben als ästhetische Erfahrung verstehe, dann ist es in all seinem Irrwitz, seinen slapstickhaften Abstürzen und all seiner Traurigkeit eigentlich gut auszuhalten. Als Roman würde es vielleicht auch funktionieren. Mitte der Achtzigerjahre habe ich den Film „Das Leben ist ein Roman“ von Alain Resnais gesehen, der mir nicht wirklich gefallen und mich trotzdem fasziniert hat. Vielleicht war es einfach der Titel, vielleicht wollte ich schon damals, dass mein Leben ein Roman wird, ein Gefäß für alles.

Ich blicke aus dem Fenster. Auf der Straße steht ein SUV vor einem Telefonverteilerkasten, und an dem Kasten hängt ein Plakat: „KEIN VERGEBEN“. Darunter steht, was gerade nicht vergeben werden soll (es gibt ja so viel!), aber die Schrift ist zu klein, und ich kann es nicht lesen.

Im letzten Viertel des Buchs, für das die angebliche Autorin am Montagabend vielleicht den Booker-Preis bekommen wird, wurde es für mich als Romanübersetzer plötzlich überraschend schwierig. Es war, als würde das Wesen, das das Buch geschrieben hatte, im Auto den Rückwärtsgang einlegen und die ganze Romanstrecke noch einmal rückwärts abfahren, in rasendem Tempo. Mit quietschenden Reifen und knirschendem Getriebe. Durch New York, Venedig, die Vorgebirge des Himalaya, Serpentinen und Wüstenpisten.

Plötzlich sollte alles noch einmal miteinander verbunden werden. Alles begründet, alles verankert, die Bedeutung jeder kleinen Muschelschale aus Kapitel 17, die Motivation eines jeden Schritts einer jeden Figur geklärt. Als verantwortungsbewusster Übersetzer bin ich wütend durch die Übersetzerstube gestampft und habe das Autor*innenwesen angebrüllt: WAS MACHST DU DA? DAS KANN NICHT FUNKTIONIEREN!!! WENN ALL DEINE ERFINDUNGEN EINE KLARE FUNKTION HABEN, WERDEN SIE GANZ KLEIN!!! Und am allerlautesten, fast schon schrill: WIE KANNST DU MIR DAS ANTUN?!?!?!?!

Das Autor*innenwesen hat weise geschwiegen, und alles hat funktioniert, weil dieses Buch als einer der ganz seltenen Romane wirklich ein Gefäß für alles ist. Dies ist ein großer Roman, zum Glück. Ein Roman, der etwas völlig Einzigartiges schafft, ein eigenes Universum mit ganz eigenen, oft fremdartigen Regeln. Ich musste mich dann nur noch ins Übersetzerauto setzen und die ganze Strecke rückwärts auf Deutsch abfahren, dem Autor*innenwesen hinterher, in rasendem Tempo. An diesem Schreibtisch habe ich das alles hinter mich gebracht:

Conputerbildschirm mit einer KI-generierten Katzen-Sphinx aus Buntglas als Bildschirmhintergrund, Schreibtischlampe, Laffeetasse, ein kleiner Ganesha, hinten auf der Fensterbank zwei Erdnüsse.

Als autismusbetroffener Mensch mit Strukturabweichungen in einem Hirn, dem von Normalhirnmenschen eine Fehlentwicklung zugeschrieben wird (eine Bewertung, die ich natürlich strikt ablehne), habe ich Fragen: Was ist eigentlich euer Problem mit Einzigartigkeit? Mit Fremdheit? Was ist eigentlich euer Problem damit, dass mein Verhalten euch oft so fremd ist?

Die Angst der Normalhirnmenschen vor Dingen, die sie nicht kennen, und die fast übermenschlichen Kräfte, die man braucht, ob als Mensch oder Insekt, trotzdem aus allem, was es schon gibt, etwas zu schaffen, was es vorher nicht gab, macht mir Angst. Dieser Hass, den man mit etwas Einzigartigem und auf den ersten Blick Fremdem in Menschen wachruft, die selbst ausnahmslos einzigartig sind. Von Geburt an nie dagewesen und sich selber fremd.

Nur darin liegt im Romanlesen für mich vielleicht Selbsterkenntnis: in der Erkenntnis, dass wir alle einzigartig sind, egal mit welcher Hirnstruktur, und uns selbst dabei fremd. Dass diese Einzigartigkeit groß und gleichzeitig bedeutungslos ist und dass man in der ästhetischen Erfahrung eines einzigartigen Romans konfrontiert wird mit der Angst vor der eigenen Einzigartigkeit und Fremdheit und Leere zugleich. Was man dann gemeinsam mit dem Buch und seinen Figuren ein paar hundert Seiten lang aushält.

Andere Identifikationsangebote der Literatur – generell das Angebot, sich vorstellen zu dürfen, diese oder jene Figur sei „wie ich“ – finde ich auf meiner autistischen Eisscholle ja völlig uninteressant und ein bisschen lächerlich. Auch wenn der Literaturbetrieb genau das für das einzig Vermarktbare an seiner Ware hält, für ihr Alleinstellungsmerkmal, und er ständig auf der Suche nach Material ist, das „den Menschen“ entgegenkommt und ihnen hilft, sich selbst möglichst schnell in etwas „wiederzufinden“.

Die Überforderung, die es bedeutet, einen Roman zu lesen, dem es wirklich gelingt, das Versprechen der Form zu erfüllen, auf manchmal furchterregende Weise, das Ganze dann lesend zu übersetzen, in rasendem Tempo und notfalls im Rückwärtsgang, macht mir dagegen überhaupt keine Angst. Für mich ist die Überforderung, morgens auf die Straße zu gehen, oft viel größer.

Jetzt zum Thema Insekt und Autor*innenschaft: Ich löse auf. Ich habe mich beim übersetzenden Lesen oft gefragt, wer diesen detailreichen Roman mit seinen vielen kompliziert miteinander verknoteten Geschichten erzählt. Ich hatte verschiedene Figuren in Verdacht, heimlich die Erzähler*innenrolle an sich gerissen zu haben, vor allem eine Nebenfigur, die nur kurz auftritt, aber stark motiviert wäre, sich an den anderen Figuren zu rächen.

Dann bin ich auf die Beschreibung eines Umhangs gestoßen. Er gehört dem Hautbösewicht des ganzen Romans, einer Verkörperung des Bösen. Dieser Umhang habe ein „intrikates geometrisches Muster, wie von Insekten gewebt“. Im ganzen Buch spielen Stoffe und Muster eine große Rolle, und es liegt nahe, es im Ganzen als Stoff mit eingewebten Geschichten zu sehen. Vielleicht sind der Umhang des Bösen und der Roman ja eins, und vielleicht sind sie beide von Insekten gewebt.

Denn wer sagt, dass es nur ein Insekt war? Vielleicht ist der Roman das literarische Äquivalent zum gerade in einer Höhle an der griechisch-albanischen Grenze entdeckten größten bekannten Spinnennetz der Welt, an dem 110.000 Spinnen mitgearbeitet haben sollen.

Hoffentlich kann ich das alles bald mit der auf dem Cover als Autorin vermerkten Frau klären, die ich schon so lange kenne. Sie heißt Kiran Desai, und ich habe ihr alles vergeben, sogar ihre Einzigartigkeit. Danke fürs Lesen, danke fürs Abonnieren, danke fürs Mitgliedschaft abschließen, falls das Geld reicht!

Übrigens bin ich dafür, dass das Partiarchat ausgehungert wird, bis es langsam verreckt.

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