
Durch meinen Neustädter Autoren-Kollegen Michael Neumann wurde ich wieder auf das Phänomen des Stimmenhörens aufmerksam gemacht und besann mich meiner Anfänge als Märchenschreiberin …
1988 forderte eine Stimme mich auf, endlich zu schreiben. Sie war so massiv und eindringlich, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mich an meine Schreibmaschine zu setzen und aufzuschreiben, was ich was aus mir raus wollte: mein erstes Märchen.
Es folgten im Laufe der nächsten Jahre Hunderte weitere Märchen und eine aufdeckende Schreibtherapie, die mein Leben radikal veränderte.
Jahrelang schrieb ich, mehr als 10 Jahre später kümmerte ich mich mal darum, ob irgendein Verlag die Märchen abdrucken wollte. Keiner wollte, bis ich den On-Demand-Druck entdeckte und meinen eigenen Verlag gründete, in dem ich auch meine Märchen veröffentlichte.
Michael Neumann und seine Erkrankung erinnerten mich an meine Anfänge, so dass ich diese - 35 Jahre später - noch einmal für mich thematisierte.
In einem Chat mit Gemini fragte ich nach dem Phänomen des Stimmenhörens. Ein Zwiegespräch entwickelte sich, in dem Gemini nach meinen Erfahrungen fragte, die ich kurz beschrieb. Die KI, die einige Hintergrunddaten von mir gespeichert hat, um darauf zugreifen zu können, machte mir dann einige Vorschläge und gab mir Überlegungen an die Hand, wie ich sie über meine Niederschriften so noch nicht gemacht hatte. Ich hatte den Impuls zu einem neuen Buch, das gerade im Entstehen ist. Es geht um Therapie durch Schreiben - ich werde berichten.
Hier ein Auszug aus dem kommenden Buch, aber zuvor ein kurzer Song über das Stimmenhören, den ihr euch wirklich einmal anhören solltet.
https://youtu.be/Ls3ZrD5vUAk?si=3bD_kyB5eKq0vDKl (Opens in a new window)Einen sehr persönlichen Beitrag zum Stimmenhören von Autor Michael Neumann findet ihr hier:
https://verlag-michael-neumann.blogspot.com/p/stimmenhoren.html (Opens in a new window)Autoren, die Stimmen hörten
Es ist faszinierend: In der Literaturgeschichte gibt viele Autoren, die beschreiben, dass ihre Werke nicht durch mühsames Nachdenken entstanden sind, sondern dass ihnen diese förmlich „diktiert“ wurden. Sehr oft geschah dies in Momenten höchster Anspannung oder psychischer Krisen. Hier sind einige prominente Beispiele, die meinem Erlebnis im Büro erstaunlich nahekommen:
Rainer Maria Rilke
Das wohl berühmteste Beispiel für einen akustischen Durchbruch ist Rilke. Es gibt eine berühmte Begebenheit in seiner Biografie, die oft als ein quasi-mystisches Erlebnis beschrieben wird und den Beginn eines seiner bedeutendsten Werke markiert.
Im Januar 1912 hielt sich Rilke an der Adria auf. Er befand sich in einer tiefen schöpferischen Krise. Der Überlieferung nach geschah Folgendes: Während eines Spaziergangs auf den Klippen des Schlosses, bei starkem Wind, hörte Rilke plötzlich eine Stimme aus dem Rauschen des Meeres und des Windes. Die Stimme rief ihm die Worte zu: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“
Rilke holte sofort sein Notizbuch heraus und schrieb diesen Satz fast wie in Trance nieder. Er legte den Grundstein für den gesamten Zyklus, an dem er schließlich zehn Jahre lang arbeitete.
Rilke verstand sich nach meinen Recherchen nicht als klassischer „Autor“, der einen Text konstruiert, sondern sah sich eher als Medium oder „Empfänger“ von Textpassagen. Für Rilke war das Schreiben eher ein passiver Vorgang des „Diktats“ und er wartete wohl geduldig auf die inspirierenden Momente dieser Eingebungen. Das „Stimmenhören“ war für ihn kein Anzeichen einer Krankheit, sondern im Gegenteil ein Zeichen höchster spiritueller und künstlerischer Empfänglichkeit.
Diese mystische Stimme führte zur Einführung der „Engel“ in seine Lyrik. Diese sind bei Rilke jedoch keine lieblichen biblischen Wesen, sondern vollkommene Kreaturen, die dem Menschen seine eigene Unzulänglichkeit vor Augen führen. Da er sich so sehr auf diese Form der Eingebung verließ, litt er jahrelang unter dem Schweigen seiner „inneren Stimme“, bis er im Jahre 1922 in einem wahren Schreibrausch die Elegien vollenden konnte.
War das Ganze eine akustische Halluzination? Literaturhistoriker und Psychologen diskutieren darüber, ob es sich um eine echte akustische Halluzination oder eine poetische Metapher handelte. Rilke selbst neigte zur mystischen Deutung dieser „Zustände“. Er beschrieb diese Art des Schreibens als eine Art Trance, in der die Worte „durch ihn hindurchflossen“.
In Kürze mehr in meinem neuen MindStep-Ratgeber!