Was Frauen Kraft kostet, lange bevor die Arbeit beginnt: über Mikroaggressionen und die stille Erschöpfung im Berufsalltag.
Im Herbst 2019 wurde ich als eine der „100 Köpfe der DMEXCO“ ausgewählt und im Event-Magazin vorgestellt. Kurz zum Hintergrund: Die DMEXCO in Köln ist Europas größte Digital Marketing und Tech Messe und ich war als Speakerin für den IBM Stand ausgewählt worden. Für mich kam die Nennung in dem Messe-Magazin nicht aus dem Nichts. Kurz zuvor war ich vom dänischen Native Advertising Institute als eine der „100 significant women in native advertising“ gelistet worden, bei IBM iX in Berlin war ich zu diesem Zeitpunkt als Director für ein Content Marketing-Team verantwortlich. Ich war erst wenige Wochen in dem neuen Job.
Ein paar Tage vor der Messe betrat ich im Büro in Mitte den Aufzug. Darin standen drei Kollegen aus dem Werbebereich. Niemand grüßte. Einer von ihnen erwähnte, dass ich in der Messe-Zeitung als eine der „100 Köpfe“ geführt würde. Ein anderer sah mich an und fragte, in einem Ton, der sich als beiläufig ausgab: „Wie hast du das denn geschafft? Kennst du da jemanden?“ Noch bevor ich reagieren konnte, fügte der dritte hinzu: „Ich hab auch noch einen Kumpel bei Porsche, vielleicht kann man da was machen und ich bin in der neuen Kundenzeitschrift.“
Dann öffnete sich die Tür. Die Männer stiegen aus. Ich musste noch ein Stockwerk weiterfahren.
Ich erinnere mich sehr genau an meine innere Reaktion in diesem Moment. Es war kein einzelnes, klares Gefühl, sondern eine Überlagerung von mehreren Gefühlen: Wut und Angst. Wut darüber, wie schnell eine Leistung, die ich mir als Frau hart erarbeitet hatte, in den Bereich des Zufalls oder der Gefälligkeit verschoben wurde. Und Angst — nicht laut, nicht panisch, sondern leise und präzise. Die Angst, dass sich etwas wiederholen könnte, das ich aus anderen beruflichen Kontexten bereits kannte: diese schwer greifbare Mischung aus Abwertung und männlich codierter Selbstverständlichkeit. Ein Verhalten, das selten laut genug wird, um eindeutig benannt zu werden. Solche Erlebnisse wirken besonders nach.
Nicht harmlos, nur schwer greifbar
Diese Situationen sind vielen Frauen in meinem Umfeld vertraut – besonders dann, wenn sie im Berufsleben eine Position erreichen, die von männlichen Kollegen als Konkurrenz wahrgenommen wird und die für Frauen als “außergewöhnlich” gilt. Für solche subtilen verbalen Abwertungen gibt es einen Begriff: Sie werden unter dem Begriff der Mikroaggressionen zusammengefasst.
Zur Einordnung: Eine Mikroaggression ist eine subtile, oft beiläufige Abwertung oder Grenzüberschreitung, die Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe trifft — zum Beispiel wegen Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Klasse, Behinderung, Sexualität oder Alter. Das „Mikro“ bedeutet nicht, dass es harmlos ist. Es bedeutet eher: klein im einzelnen Moment, aber oft groß in der Wirkung — besonders, wenn es ständig passiert.
Einfach gesagt: Eine Mikroaggression ist etwas, das nach außen hin oft wie ein „blöder Kommentar“, ein „Scherz“ oder eine „unschuldige Bemerkung“ wirkt, aber in Wahrheit ein Machtgefälle, Vorurteil oder stereotype Zuschreibung transportiert.
*Zum Thema “stereotype Zuschreibung” bei Frauen gibt es mehr Infos in meinem Feature Beitrag “Schwesternwunde”.
Es sind also nicht die offenen Grenzüberschreitungen, gegen die sich zumindest theoretisch leichter argumentieren ließe, sondern jene feinen, kaum fixierbaren Verschiebungen, die nach außen unspektakulär wirken und im Inneren dennoch eine deutliche Bewegung auslösen. Eine Irritation, die sich nicht sofort in Worte übersetzen lässt. Ein Satz, der nicht eindeutig genug ist, um ihn direkt zurückzuweisen, aber präzise genug, um etwas zu treffen. Reagiert man als Frau auf „diesen blöden Kommentar“, dann bekommt man häufig auch die Antwort: Ach, das war doch nur lustig gemeint. Verstehst du etwa keinen Spaß?“
Was Mikroaggressionen so wirksam macht, ist weniger ihre Lautstärke als ihre Ambivalenz. Sie stellen nicht offen infrage, sie unterstellen. Sie greifen nicht frontal an, sie unterlaufen. Eine Frau wird nicht explizit als inkompetent bezeichnet; ihre Kompetenz wird lediglich mit einem Nebensatz in den Bereich des Zufälligen verschoben. Sie wird nicht ausgeschlossen; sie wird nur nicht selbstverständlich mitgedacht. Ihre Leistung wird nicht bestritten; sie wird lediglich so gerahmt, dass sie erklärungsbedürftig erscheint.
Und genau in dieser Verschiebung beginnt die eigentliche Arbeit.
Der Satz endet, die Wirkung nicht
Denn was in solchen Momenten geschieht, endet nicht mit dem Satz selbst. Es setzt sich fort — im Kopf, im Körper, im Verhalten. Die Situation wird innerlich noch einmal durchlaufen, der Wortlaut rekonstruiert, der Tonfall überprüft, mögliche Reaktionen werden abgewogen.
Ich habe mich an diesem Tag im Fahrstuhl und auch in der Nacht, in den Tagen danach noch oft gefragt, ob ich etwas hätte etwas sagen sollen. Aber auch ob es denn überhaupt „schlimm“ war, ob ich vielleicht überreagiere. Es ist als würde man sich selbst infrage stellen und sich nicht mehr glauben.
Und während man noch damit beschäftigt ist, das Geschehene einzuordnen, beginnt bereits die nächste Anpassung: der Gedanke daran, wie man beim nächsten Mal klarer, unangreifbarer, souveräner auftreten könnte.
Die Forschung beschreibt genau diese Dynamik inzwischen sehr präzise. Eine Studie im Journal of Business Ethics, die sich mit Gender Microaggressions bei Frauen in MINT-Berufen beschäftigt, zeigt, dass solche Erfahrungen regelmäßig dazu führen, dass man die erlebten Situationen mehrfach im Kopf durchgeht und sie letztlich zu erhöhter Wachsamkeit und strategischer Selbstanpassung führen.
Wir Frauen verarbeiten diese Situationen also nicht nur emotional, sondern investieren erhebliche kognitive Ressourcen in deren Deutung und in die Antizipation zukünftiger Interaktionen. Mikroaggressionen sind damit nicht bloß kurze Irritationen, sondern Auslöser eines Prozesses, der weit über den Moment m Fahrstuhl hinausreicht.
Die Arbeit, die niemand sieht
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich verstehen lässt, warum diese scheinbar kleinen Situationen so viel Energie kosten. Sie erzeugen eine Form von Arbeit, die im klassischen Verständnis von Arbeit nicht vorkommt — eine unsichtbare, mentale Zusatzarbeit, die parallel zur eigentlichen Tätigkeit geleistet wird. Während nach außen hin weiter moderiert, präsentiert oder entschieden wird, läuft im Inneren eine zweite Ebene: beobachten, einordnen, regulieren, abwägen, sich selbst korrigieren.
Dass diese Form der Belastung nicht trivial ist, zeigt auch die organisationspsychologische Forschung. Mikroaggressionen werden dort als psychosoziale Stressoren beschrieben, die sich auf Wohlbefinden, Zugehörigkeitsgefühl und langfristig auch auf Gesundheit auswirken können. Besonders belastend ist dabei die Tatsache, dass sie sich einer eindeutigen Bewertung entziehen. Was nicht klar benannt werden kann, bleibt offen — und was offen bleibt, bindet Aufmerksamkeit.
Vielleicht erklärt das auch, warum viele Frauen – so wie ich – solche Situationen zunächst körperlich wahrnehmen, bevor sie sie sprachlich fassen können:
Ein kurzes Innehalten. Eine Spannung. Ein kaum greifbares Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und fast unmittelbar darauf die Verschiebung: Nicht die Situation wird hinterfragt, sondern die eigene Reaktion darauf. War das wirklich problematisch? Oder war es nur ein Missverständnis? Reagiere ich über? Genau hier beginnt eine Form von Verunsicherung, die nicht zufällig ist.
Denn Mikroaggressionen wirken nicht nur über das, was gesagt wird, sondern auch darüber, wem die Deutungshoheit darüber zugestanden wird, was gesagt wurde. Sie verschieben die Verantwortung. Nicht der Kommentar erscheint erklärungsbedürftig, sondern die Frau, die sich daran stößt. Nicht die Grenzüberschreitung muss begründet werden, sondern die Irritation, die sie auslöst. So haben wir das alle eben im Patriarchat gelernt. Die Scham liegt bei uns Frauen.
Die Konsequenzen dieser Dynamik sind selten spektakulär, aber sie sind nachhaltig. Wer sich in einem Raum nicht selbstverständlich legitim fühlt, beginnt anders zu sprechen. Vorsichtiger. Strategischer. Kontrollierter. Nicht, weil die Kompetenz fehlt, sondern weil ein Teil der eigenen Energie kontinuierlich in die Regulierung sozialer Unsicherheit fließt.
Kein Einzelfall, sondern Struktur
Wie verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigen auch größere Studien. Der Bericht „Women in the Workplace 2024“ von McKinsey und LeanIn dokumentiert, dass Mikroaggressionen für viele Frauen weiterhin Teil des beruflichen Alltags sind — insbesondere in Form von Kompetenzzweifeln, Unterbrechungen und subtiler Autoritätsuntergrabung. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Situation als ihre Kumulation: Frauen, die solche Erfahrungen regelmäßig machen, berichten deutlich häufiger von Erschöpfung, denken eher über einen Jobwechsel nach und erleben ihre Arbeitsumgebung seltener als einen Ort, an dem sie sich selbstverständlich bewegen können.
Und genau das ist es was Mikroaggressionen im Berufsleben tatsächlich bewirken. Sie erzeugen selten den einen großen Bruch. Sie erzeugen vielmehr eine Vielzahl kleiner Reibungsverluste, minimale Abzüge vom Energiekonto, die sich über Zeit summieren. Von außen bleibt das oft unsichtbar. Man sieht keine Eskalation, keinen klaren Konflikt, keinen offensichtlichen Grund für Rückzug oder Müdigkeit. Was man nicht sieht, ist der innere Aufwand, der notwendig war, um all diese Situationen zu tragen, zu verarbeiten und dennoch weiter zu funktionieren.
Mikroaggressionen sind nicht als Frage von Höflichkeit oder persönlicher Kränkbarkeit zu behandeln. Sie sind, in ihrer Summe, ein strukturelles Problem. Nicht, weil jede einzelne Bemerkung schwer wiegt, sondern weil sie in ihrer Wiederholung ein Klima erzeugen, in dem Frauen fortlaufend Energie verlieren. Und diese Energie fehlt dann genau dort, wo sie eigentlich gebraucht würde: für Gestaltung, für Führung, für Selbstverständlichkeit. Eine Klarheit, die Männer von jeher einfach haben. Eines der vielen männlichen Privilegien also.
Nein. Das war nicht nichts.
Die Veränderung beginnt nicht damit, dass jede einzelne Situation sofort perfekt eingeordnet, analysiert oder gekontert werden muss. Vielleicht beginnt sie sehr viel früher — an einem Punkt, der unscheinbar wirkt und doch grundlegend ist: in dem Moment, in dem wir Frauen aufhören, unsere Irritation reflexhaft gegen uns selbst auszulegen.
Denn nicht jede Erschöpfung ist individuell.
Nicht jede Unsicherheit ist persönlich.
Und nicht jede Bemerkung, die nach außen klein wirkt, ist innerlich bedeutungslos.
Manchmal ist sie genau das Gegenteil.
Der erste Schritt ist deshalb oft nicht Schlagfertigkeit, sondern Erkennen. Zu bemerken, dass etwas gerade nicht stimmig war. Dass sich ein Satz, ein Tonfall, ein Blick nicht nur unangenehm angefühlt hat, sondern möglicherweise genau das war:
eine Grenzverschiebung, eine Abwertung, eine subtile Form
von Machtausübung.
Und manchmal liegt im zweiten Schritt bereits etwas sehr Wirksames: es auszusprechen — nicht erst Stunden später im Kopf, sondern, wenn möglich, schon im Moment selbst.
Nicht immer groß, nicht immer konfrontativ, nicht immer
perfekt. Manchmal reicht bereits ein ruhiger Satz wie:
„Wie meinst du das?“
„Das finde ich gerade irritierend.“
„Warum würdest du das bei mir anders bewerten?“
Nicht jede Situation lässt sich auffangen. Nicht jeder Raum ist sicher genug dafür. Aber oft beginnt Selbstermächtigung genau dort, wo wir uns selbst in unserer Wahrnehmung ernst nehmen, statt sie sofort zu relativieren.
Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung:
dass wir nicht mehr zuerst lernen, alles besser auszuhalten,
sondern genauer zu erkennen, was uns Kraft kostet — und uns Schritt für Schritt die Erlaubnis geben, es nicht einfach still in uns verschwinden zu lassen.
Und vielleicht liegt darin bereits eine Form von Klarheit, die leise ist — und dennoch alles verschiebt:
Nein. Das war nicht nichts.
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Ende Mai erscheint ein Journal für Frauen.
*Foto von lesha tuman (Opens in a new window)
Quellen, die im Text gestreift werden:
· Microaggressions, Interrupted: The Experience and Effects of Gender Microaggressions for Women in STEM, Journal of Business Ethics (link.springer.com (Opens in a new window))
· Übersichtsarbeit zu Mikroaggressionen im Arbeitskontext und ihren psychosozialen Effekten (mdpi.com (Opens in a new window))
· Women in the Workplace 2024, McKinsey & LeanIn (mckinsey.com (Opens in a new window))
Gängige Beispiele für Mikroaggressionen, die Frauen im beruflichen Kontext hören:
„Bist du sicher?“
„Wow, du kennst dich ja echt gut aus.“
„Kannst du das protokollieren?“
„Du bist heute aber ganz schön direkt.“
„Kannst du etwas freundlicher formulieren?“
„Wer ist denn hier der Verantwortliche?“
„Ich hätte gern noch die Einschätzung eines Kollegen.“
„Du wirkst aber jung.“
„Mit dir kann man wenigstens sachlich reden.“
„Du bist gar nicht so emotional.“
„Das ist doch jetzt nicht persönlich gemeint.“
„Kannst du ein bisschen die Stimmung retten?“