
In den USA geht seit Ende der vergangener Woche eine Story rund, die sich zu einem Skandal ausweitet. Und die das Militär gegen die Trump-Regierung aufbringen könnte.
Der Krieg hat Regeln.
Diese mögen für Zivilisten nicht immer ersichtlich oder moralisch sein. Aber es gibt sie. Sie sind beispielsweise im Kriegsvölkerrecht manifestiert. Und zum Teil seit Jahrhunderten tradiert.
Zumindest „westliche“ Soldaten lernen sie implizit, selbst wenn sie nicht immer genau wissen, woher sie stammen.
Schiffbrüchige
Bei der Marine ist vieles noch einmal anders. Sie ist speziell, für den Seekrieg gibt es eigene Regeln.
Eine dieser Regeln ist, dass Schiffsbrüchige gerettet werden. Wenn auch der Mensch dem Menschen Feind ist, der gemeinsame Feind ist die See.
Im September 1942 versenkte ein deutsches U-Boot den ehemaligen Liner RMS Laconia, der zum Truppentransporter umfunktioniert worden war. Ein legitimes Ziel. An Bord befanden sich auch 1800 italienische Kriegsgefangene aus Nordafrika.
Das deutsche U-Boot gab daraufhin seine „Tarnung“ auf und rief auf offener Frequenz andere zur Hilfe. Deutsche U-Boote kamen, ebenso ein italienisches. Sie nahmen Schiffbrüchige an Bord und schleppten Rettungsbote.
Am darauffolgenden Tag wurden die Boote von einem amerikanischen Seefernaufklärer angegriffen, obwohl sie auch mit dem roten Kreuz gekennzeichnet waren. Sie kappten die Leinen und tauchten ab.
Daraufhin gab Großadmiral Dönitz den so genannten „Laconia-Befehl“, dass keine Schiffbrüchigen mehr aufgenommen oder gerettet werden dürfen. Trotzdem kam es auch danach noch des Öfteren dazu, dass deutsche Kommandeure Schiffbrüchigen halfen und sogar Verpflegung abgaben. (u.a. KptLt Peter Zschech, Horst von Schroeter, Heinrich Timm, KKpt Wolfgang Lüth und andere)
Das verdeutlicht, dass diese alte Regel sogar stärker war, als ein Nazi-Befehl im Krieg. Das hätte vorm Erschießungskommando enden können.
In einer Szene in dem Film Das Boot wird dieses Dilemma umgesetzt, das deutsche U-Boot fährt vor um Hilfe rufenden Schiffbrüchigen davon, einige Besatzungsmitglieder fangen an zu weinen.
Diese Passage steht nicht in der Buchvorlage, der Autor Lothar-Günther Buchheim – ehemaliger U-Boot-Mann – hat das kritisiert.
Das Schmugglerboot
Bereits am 10. September berichtete die Plattform The Intercept, dass die USA am 2. September ein Schmugglerboot angegriffen und zerstört hatten. Das war der erste Angriff dieser Art.
Die Trump Regierung argumentiert, dass diese Boote im Kampf gegen die Drogen eine Gefahr für die USA darstellen und deshalb versenkt werden.
Nun kann man darüber streiten. Denn dieses Argument kann man tatsächlich anbringen. Ihm wackelige Beine zu unterstellen, ist allerdings mehr als beschönigend.
Selbst wenn man unterstellt, die US-Streitkräfte seien sicher, dass sich Drogen an Bord befinden und diese in die USA gebracht werden sollen, so befinden die USA sich nicht mit Venezuela im Krieg. Zumindest noch nicht. Sie müssten die Schiffe also aufbringen, nicht einfach versenken.
Und Drogenhändler mögen keine netten Menschen sein, aber ob sie Kombattanten sind, sei einmal dahingestellt.
Doch das soll hier nicht das Thema sein.
Denn am vergangenen Freitag hat die Washington Post einen exklusiven Artikel herausgebracht, der dem ganzen nochmals eine völlig andere Qualität gibt.

Laut mehreren Zeugen hat der Kriegsminister Peter Hegseth mündlich den Befehl gegeben, sie alle zu töten. Gemeint waren die Drogenschmuggler. Das ist so viel wie „keine Gefangenen“.
Das ist umso bemerkenswerter, da Hegseth selber Nationalgardist und Offizier war und die Regeln kennen müsste. Als solcher wurde er allerdings 2021 abgelöst. Da ein Foto auftauchte, das seine Tätowierung eines Jerusalem-Kreuzes zeigt. In den USA ein beliebtes Symbol bei Rechtsextremen. Und so ist heute ein Mann „Kriegsminister“ (nicht mehr Verteidigungsminister), der wegen Sicherheitsbedenken aus der Nationalgarde entlassen wurde.

Geleitet wurde die Aktion von Fort Bragg in Carolina aus. Dort sitzt das United States Joint Special Operations Command (JSOC). Das ist ein Kommando über mehrere Spezialeinheiten der US-Streitkräfte. Unter anderem der Delta Force und dem Navy Seals Team 6, einer Spezialeinheit unter den Spezialeinheiten. Die auch diesen Schlag am 2. September durchgeführt hat.
Geleitet wird dieses Kommando von Vizeadmiral Frank Mitchell Bradley, selber ein Navy Seal. (Kampfschwimmer)
Der zweite Treffer
Das Boot wurde von einer Rakete getroffen, die von Trinidad aus gestartet worden war.
Als auf den Nachtsichtgeräten wieder etwas zu erkennen war, klammerten sich zwei Überlebende an Schiffstrümmer.
Daraufhin befahl Vizeadmiral Bradley, der die Operation persönlich beaufsichtigte, einen zweiten Luftschlag. Um den Befehl von Hegseth umzusetzen. Dieser „zerriss die Überlebenden im Wasser“, so ein Zeuge.
Das Weiße Haus veröffentlichte ein geschnittenes Video von 29 Sekunden, das jedoch nach dem ersten Treffer endet.
Der Sprecher des Pentagons Sean Parnell nannte diese Geschichte um den Befehl von Hegseth „komplett falsch“. Doch die Washington Post gibt an, dass vier anonyme Quellen das alles genau so bestätigt hätten.
Insgesamt haben die USA laut Washington Post seither mindestens 22 Boote angegriffen und mindestens 71 Menschen getötet.
Gestern sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses Karoline Leavitt, dass Hegseth den Angriff autorisiert hatte. Und Bradley habe „innerhalb seiner Befugnisse und im Einklang mit dem Gesetz“ gehandelt.
Das führt nun innerhalb des Militärs zu starken Reaktionen. Denn jedem dürfte klar sein, dass dieser zweite Schlag nicht nur nicht gesetzeskonform war. Sondern auch mit den alten, moralischen Regeln des Krieges bricht.
„Am Samstag erklärte eine Gruppe ehemaliger Militärjuristen und hochrangiger Führungskräfte, die die militärischen Aktivitäten der Trump-Regierung in Lateinamerika kritisch hinterfragt haben, in einer Stellungnahme, dass das Angreifen wehrloser Menschen verboten sei – unabhängig davon, ob sich die Vereinigten Staaten in einem bewaffneten Konflikt befinden, Strafverfolgungsmaßnahmen oder andere militärische Operationen durchführen.“
Washington Post, 01.12.2025
„Ob [Vizeadmiral Bradley] die Schuld auf sich nimmt oder nicht“, wird ein hoher Beamter zitiert, „sein Ruf ist durch diese Aussage für immer beschädigt.“ Ein anderer wird zitiert, die Aussage der Pressesprecherin „wirft uns, die Soldaten, unter den Bus“.
Sowohl das Repräsentantenhaus als auch der Senat haben eine Untersuchung angekündigt. Auch das Verteidigungs-Komitee hat sich inzwischen eingeschaltet.
Der Wind kommt derzeit von beiden Parteien.
Großbritannien, der engste militärische Verbündete der USA, hat die Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen zu Booten vor Venezuela inzwischen eingestellt.