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Schlafschafe und Aufgewachte

Was macht eigentlich Verschwörungstheorien so attraktiv? Sie vereinfachen die Welt - und sind sogar unterhaltsam.

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Heute wird das Grassieren von Verschwörungstheorien meist angeprangert, häufig aber übersehen, warum sie in manchen Kreisen populär sind. Verschwörungstheorien sind entlastend, weil es in ihnen keinen Zufall mehr gibt. Verschwörungstheorien sind auch Formen, mit einer komplexen, unübersichtlichen Welt umzugehen. Was immer geschieht, es lässt sich zumindest erklären. Es gibt Täter, Hintermänner, die die Fäden ziehen. Wer in der realen Welt „nicht weiß, wie ihm geschieht“, der weiß in der Phantasiewelt der Konspirationstheorie genau, was geschieht. Verständlich, dass das attraktiv sein kann.

Der Amerikanist und Kulturhistoriker Michael Butter hat schon vor Jahren mit „Nichts ist, wie es scheint“ ein Standardwerk zum Thema vorgelegt, und eben die Grundpostulate der Verschwörungstheorien zusammengefasst: dass die echte Wahrheit hinter dem Schein verborgen liege, „alles ist geplant“, oder „alles ist miteinander verbunden“. Seither ist viel geschehen. Die Corona-Jahre waren eine Hochzeit der Verschwörungstheorien; Rechtsextremisten behaupten einen großen Plan zum „Großen Austausch“ weißer Bevölkerungen, der von sinistren Fädenziehern verfolgt wird. Jetzt legt Butter mit „Die Alarmierten“ nach.

Dabei geht er mit den Verschwörungstheorien so liebenswürdig und verständnisvoll um, dass es sich streckenweise sogar wie eine Verteidigung der Verschwörungstheorien liest.

„Verschwörungsthorien behaupten, das mächtige Akteure hinter den Kulissen einen perfiden Plan verfolgen und ihn Schritt für Schritt in die Tat umsetzen“, konstatiert er, fügt aber hinzu: Wird etwas eine Verschwörungstheorie genannt, ist das „hochgradig stigmatisierend“. In umfangreichen Passagen verteidigt er den Begriff „Verschwörungstheorie“ gegen Versuche, diese Vokabel durch „Verschwörungsmythen“ oder andere Nomenklaturen zu ersetzen. Natürlich haben Verschwörungstheoretiker eine „Theorie“ im Kopf, die versucht, „die Welt zu verstehen“. Deshalb spricht für ihn viel dafür, bei diesem Begriff zu bleiben. Butter hat nicht völlig unrecht, wenn er darauf hinweist, dass die Grenze zwischen Verschwörungstheorien und etwa kritischer Gesellschaftstheorie fließend ist. Auch letztere operiert nie nur mit Fakten, sondern ordnet die Fakten zu einer Weltdeutung. Auch kritische Gesellschaftstheorie ist insofern ein Gedankengebäude, also Kopfgeburt. Auch kritische Gesellschaftheorie ist misstrauisch gegen Macht und Herrschaft, sonst wäre sie nicht kritisch, schlägt also einen Tonfall an, „der derjenigen von Verschwörungstheorien mitunter ähnelt“.

Verschwörungstheorien haben aber ein paar Charaktereigenschaften, die sie regelrecht betörend machen. Sie haben einen „perfekten Plot“, der wie ein guter Krimi sogar Vergnügen machen kann. Oft sind Verschwörungstheorien heute keine Folge von Unwissen, sondern eines Übermaßes von Wissensangebot, das es erschwert, richtig von falsch, akkurat von unrichtig zu unterscheiden. Diese „epistemische Überforderung“ macht anfällig für Paranoia, schreiben auch Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem eben erschienen Buch „Zerstörungslust“. Der zeitgenössische Verschwörungstheoretiker glaubt nicht an simple Märchen, er sammelt scheinbare Fakten, Indizien, verbringt Stunden im Internet, eignet sich massenweise Zeug an, das er für verborgenes, verheimlichtes Wissen hält.

Das führt dazu, dass sich Verschwörungstheoretiker als besonders „Wissende“ empfinden können. Gern sehen sie sich als die „Aufgewachten“, die hinter den Schleier blicken, ganz anders als die „Schlafschafe“, die die „herrschenden Meinungen“ glauben. Das verleiht ihnen einen regelrechten Stolz, also ein gutes Gefühl. Da sie sich üblicherweise mit anderen „Aufgewachten“ zusammentun, entsteht gleich ein Gemeinschaftsgefühl dazu, was eine weitere positive Emotion ist.

Butter relativiert viele intuitive Annahmen. Heute sind Verschwörungstheorien stigmatisierter als früher, als der Verschwörungsverdacht ein beliebter Volkssport war („Wer Kennedy wirklich ermordete“). Heute sind Verschwörungstheorien wenigstens in Mittel- und Westeuropa so diskreditiert, dass selbst rechtsextreme Politiker sie nur verbrämt verbreiten können, etwa indem sie Signalworte senden. Der Glaube an Verschwörungstheorien hat, so Butter, zumindest in Deutschland in den letzten Jahren nicht zugenommen.

Anhänger von Verschwörungstheorien können selbst zu Verschwörern werden, wie etwa die Reichsbürger-Terrorzelle, die gegenwärtig in Deutschland vor Gericht steht. Noch paradoxer: Selbst Gegner von Verschwörungstheorien können zu Verschwörungstheoretikern werden, etwa wenn sie davon überzeugt sind, „eine Gruppe mächtiger und zynisch agierender Manipulator*innen“ würde gezielt Falschinformationen in die Welt setzen. Kritik an Verschwörungstheorien läuft immer Gefahr, meint Butter, „die konspirationistische Weltsicht zu spiegeln“. Andererseits gibt es ja manchmal auch tatsächliche Verschwörungen, oder deren kleine Schwester, die sinistre, skrupellose Absicht, mit Desinformation Menschen aufzuhetzen. Die Beobachtung ist aber auch nicht falsch, „dass uns konspirationistische Ideen vor allem dann stören, wenn sie von ‚den Anderen‘ kommen.“

Das ist auch der tiefere Doppelsinn von Michael Butters Titel „Die Alarmierten“. Alarmiert sind heute alle. Die Anhänger der Agitatoren, die Empörungsbewirtschaftung betreiben – genauso wie deren entschiedene Gegner. Das ist alles nicht unrichtig und klug beobachtet, mitunter stellt sich aber auch das Empfinden einer falschen Balance ein.

Michael Butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Suhrkamp-Verlag, Berlin, 2025. 278 Seiten. 22,70.- Euro.

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