Warum wir ohne Sozial- und Massenpsychologie unsere Zeit nicht verstehen können. Plus: Wo bleibt eigentlich die "Preiszurückhaltung”?
Seit einigen Monaten bespiele ich diesen Newsletter fortgesetzt, nachhaltig und intensiv, wie den meisten von Ihnen wohl schon aufgefallen ist. Und so habe ich nach und nach ein paar hundert neue Abonnentinnen und Abonnenten gewonnen, die ich hier einmal willkommen heißen will. Es freut mich sehr, dass Sie mir hier regelmäßig folgen.
Cool, dass Ihr da seid!
Gesondert bedanken will ich mich natürlich bei all jenen, die auch eine “Mitgliedschaft” abgeschlossen haben, also die Arbeit mit einem monatlichen freiwilligen kleinen Beitrag unterstützten. Wenn das eine relevante Anzahl an Leserinnen und Lesern tun, stärkt das insofern die Unabhängigkeit, dass man auch Formate ausprobieren kann, die einen politischen Nutzen, aber keine Monetarisierung bringen. Ich habe beispielsweise in den letzten Monaten begonnen, gesellschaftskritische Videoclips für Instagram und TikTok zu produzieren, die aber nicht mit dem portaltypischen Holzhammer agieren. Weil ich denke, wir dürfen diese Portale nicht nur den Rechtsextremisten, aber auch nicht nur den Slogan-Verbreitern und Influencern überlassen, die polarisierend eine Fanbase bespielen. Die ersten Versuche waren ganz ermutigend und haben auf beiden Plattformen mehrmals rund 30.000 Zugriffe erzielt.
Kurzum: Danke an alle, die dieses >Gesamtpaket< von Essayismus bis Videoproduktion unterstützen!
Nun zu ein paar aktuellen Themen:
Sozialwissenschaftler haben schon vor achtzig Jahren darauf hingewiesen, dass eines der Instrumente populistischer Agitation die Taktik des „Alles-in-einen-Topf-werfen“ ist. Tausend Dinge werden in einen Topf geworfen, Fakten, Tatsachen, die mit den anderen Tatsachen nichts zu tun haben, Meinungen und womöglich auch noch stinkende Socken und dann fest umrühren. Andere Sozialwissenschaftler haben aber wiederum unterstrichen, dass wir alle in einer komplexen, unübersichtlichen Welt, mit einem Übermaß an Informationen notgedrungen in „Konfusion“ geraten. Ich musste mich wieder daran erinnern, als es vor ein, zwei Wochen viel Erregung darüber gab, dass die Metallergewerkschafter einem Lohnabschluss unter der Inflationsrate zugestimmt haben.
Ich halte das für bitter, aber für richtig. Die österreichische Industrie ist in einer echten Krise. Ein Teil dieser Krise ist eine „Konjunkturkrise“, also Resultat der Tatsache, dass es in ganz Europa und vor allem bei unseren wichtigsten Partnernationen schwaches Wachstum gibt. Aber ein anderer Teil der Krise ist bedrohlicher: Es ist eine „Strukturkrise“, die auch dann nicht vorüber ist, wenn die Konjunktur anspringt.
Eine Strukturkrise gibt es dann, wenn man, salopp gesagt, das „Falsche“ produziert (oder etwas, das durch technologischen Fortschritt unter Druck gerät). Das haben wir übrigens den Kulturkämpfen zu verdanken, etwa einer rechten Agitation, die uns einzureden versuchte, dass es keine Klimakrise gibt, dass der Verbrennungsmotor ein Heiligtum ist und dass in E-Autos sowieso nur irgendwelche grüne Spinner in Sandalen fahren. Insofern ist jeder Arbeitslose in gewissem Sinne ein Merz-, Weidel- oder Kickl-Arbeitsloser. Denn die chinesische Autoindustrie hat gemerkt, dass wir die nächste Technologie verschlafen, und hat massiv den E-Auto-Sektor ausgebaut. Und jetzt wundert man sich, dass der Absatz der deutschen Autoindustrie einbricht und der der österreichischen Zulieferer gleich mit. Um der Wahrheit Genüge zu tun, liegt die Strukturkrise natürlich nicht nur daran, dass wir die ökologische Transformation etwas verschlafen haben, sondern generell am zweiten Chinaschock. Zunächst haben wir Hochtechnologie und Maschinen an China verkauft, mit denen in Fernost Konsumgüter produziert werden konnten. Aufgrund der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung kann China nun auch bei raffinierten Ingenieursprodukten mithalten. Damit wuchs die Konkurrenz ganz automatisch.
Die österreichische Industrie ist unter Druck. Weiter steigende Kosten würden zu Arbeitsplatzverlusten führen. Dass die Gewerkschaft das vermeiden will, ist eine Selbstverständlichkeit.
Der positive Nebeneffekt ist, dass dadurch die Inflation gedämpft wird, da höhere Löhne höhere Preise bedeuten und dieser Abschluss ist eine Bremse. Wichtig wäre, dass alle so verantwortlich handeln wie die Gewerkschaften. Eigentlich bräuchte es einen großen gesellschaftlichen Pakt, der heißt: die Gewerkschaften akzeptieren niedrige Abschlüsse, dafür verpflichten sich Supermärkte, Vermieter, Energieversorger usw. die Preise ein, zwei Jahre nicht zu erhöhen. Dass die Gewerkschaften Lohnzurückhaltung üben, die Konzerne aber keine Preiszurückhaltung, das ist nicht nur skandalös – es wird auf die Dauer auch nicht gut gehen.
Manche Leute haben moniert, dass die Gewerkschaften der Regierung jetzt bei der Sparpolitik helfen. Aber das ist völliger Unsinn, denn die Kollektivverträge der Metaller und die Budgetpolitik haben einfach nichts miteinander zu tun. Das sind einfach zwei Paar Schuhe, und die Wirkungen des einen auf das andere sind geringfügig.
Aber die Frage sollten wir in Österreich sehr viel nachdrücklicher stellen: Wo bleibt eigentlich die Preiszurückhaltung?
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In atemberaubender Rasanz kippen die USA über den Abgrund, und auch in Europa werden autoritäre und neu-faschistische Bewegungen tonangebend. Ganze Bibliotheken sind über die sozioökonomischen Ursachen für eine grassierende Unzufriedenheit, Wut und für Verlassenheitsgefühle verfasst worden, ähnlich viele über rechte Weltbilder und autoritäre Dispositionen, die Menschen anfällig machen. Aber weder die Selbstradikalisierung der einschlägigen Parteien noch die psychologischen Veränderungen derer, die in ihre Fänge geraten, sind ausreichend präzise beschrieben. Dafür braucht es eine „Sozialpsychologie“ des neuen Rechtsextremismus. Markus Brunner, Soziologe und Psychologe, liefert viele Einsichten in seiner „Sozialpsychologie des Autoritären“. Es ist überhaupt ein Themenkomplex, zu dem ich im Augenblick gerade intensiv arbeite, mich ein bisschen eingrabe (mehr dazu in ein paar Wochen oder Monaten). Wir sind einige gängige Erklärungen für den Aufstieg der extremen Rechten gewohnt, von Politikverdrossenheit, Sklerotisierung von Volksparteien bis zum Neoliberalismus. Diese Analysen sind alle richtig und wichtig, aber man kann das Phänomen auch nicht verstehen ohne Sozialpsychologie und ein Verständnis dafür, was Negativismus, Propaganda und fortgesetzte Hetze in Hirnen und Seelen der Leute anrichten.
Brunner erörtert eingangs die Klassiker zum Thema, etwa die Arbeiten der „Kritischen Theorie“ über den „autoritären Charakter“ oder Freuds „Massenspsychologie und Ich-Analyse“. Der klassische und auch heute weit verbreitete autoritäre Typus ist der manipulative Typus, „gefühlskalt und zynisch“, sehr häufig der „rebellisch-autoritäre Charaktertyp“, der nicht selten „ständige Enttäuschungs- und Ohnmachtsgefühle“ erlebt hat, die ihm als Bitterkeit bis zur „Verbitterungsstörung“ zur zweiten Natur wurden. Auch die klassischen Charaktereigenschaften wie „autoritäre Aggression“, „Destruktivität und Zynismus“ sind verbreitet.
Oft werden diese aber erst in Radikalisierungsprozessen in einer „Kollektiv stattfindenden Verhärtungsdynamik“ ausgebildet, durch massenpsychologische Prozesse und Hysterien, die sich heute seltener bei Aufmärschen als im Internet vollziehen. Nicht nur die Agitation der Anführer treibt diesen dynamischen Prozess an, sondern die Mitläufer werden „selbst zu Akteur:innen“, und diese soziale Ansteckung, Aufschaukelung und (Selbst-)Vergiftung vermag „immer mehr Personen zu erfassen“, so dass das „paranoide Denken immer mehr zunimmt“. Ein famoser kleiner Band! Pflichtlektüre.
Markus Brunner: Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2025. 173 Seiten. 25,60.- Euro