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    <title>Liebes Internet</title>
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    <description>Enno Park schreibt Briefe an das Internet</description>
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      <title>Liebes Internet</title>
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      <title><![CDATA[Liebes Internet,]]></title>
      <description><![CDATA[ein wesentliche Problem von LLMs ist, dass versucht wird, sie in kybernetischen Kontexten einzusetzen, LLMs aber völlig unkybernetisch sind. Das muss ich erklären...]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>es muss so 2005 gewesen sein, als ich mich das erste Mal jenseits von Filmen wie “2001 – A Space Odyssey” mit künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt habe. Das war mitten im tiefsten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/KI-Winter">KI-Winter</a>. Ich war Teil einer Studiengruppe und wir bekamen die Aufgabe, einen Musikgenerator zu programmieren, also ein Programm, das automatisch Musik erzeugt, ohne dass ein Mensch etwas komponieren würde. Wir recherchierten mögliche Methoden wie etwa den Einsatz von neuronalen Netzen und maschinellem Lernen, verwarfen diese jedoch als zu aufwändig und – es war ja KI-Winter – auch als nicht besonders zielführend. Zum Glück hatten wir einen Musiker in unserer Gruppe, der einen Algorithmus schrieb, welcher nach wenigen einfachen Regeln ein paar Noten aneinander reihte. Außer dem Musiker verstand niemand von uns diesen Algorithmus, weil wir keine Ahnung von Harmonielehre hatten.</p><p>Der Algorithmus funktionierte gut, hatte aber ein Problem: Der Generator erzeugte zunächst immer dasselbe Musikstück. Wir fügten die Möglichkeit hinzu, ein paar Startparameter zu setzen, etwa die Tonart, aber auch dann führten dieselben Parameter zu immer denselben Tonfolgen und Akkorden. Also fügten wir einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zufallszahlengenerator">(Pseudo-)Zufallsgenerator</a> hinzu, eine Grundfunktion, die jeder PC hat. Damit gelang es schließlich: Jeder Durchlauf der Programmes erzeugte ein anderes simples Musikstück im Technostil. Wir führten unser Programm im Seminar vor, der Professor war außerordentlich zufrieden und wir erhielten sehr gute Noten, obwohl nur einer von uns wirklich verstand, wie das Ding funktionierte. Der Generator konnte scheinbar komponieren und erweckte den Eindruck von Intelligenz. Doch wir wussten, dass er strengen, deterministischen Regeln folgte und eigentlich immer dieselben Tonfolgen erzeugte, solange kein Zufall im Spiel war. Algorithmus + Zufall = Intelligenz erschien uns wie ein billiger Taschenspielertrick.</p><p>Als Ende 2022 ChatGPT 3.5 erschien, dachte ich kurz: Das ändert alles. Generative künstliche Intelligenz wird tatsächlich vieles verändern und nur weniges zum Guten, aber dazu ein andermal mehr. Was generativer KI immer noch eigen ist, ist der Taschenspielertrick, uns Zufall für Intelligenz zu verkaufen. Dazu muss ich ein wenig ausholen:</p><p>Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) sind riesengroße neuronale Netze, in denen per Training die Muster menschlicher Sprache gespeichert sind. Wenn man ChatGPT eine Frage stellt, wird ein fast unendlich komplexes statistisches Verfahren durchlaufen. Der Generator reiht Wörter (eigentlich Tokens, Worthäppchen) aneinander und im Modell sind die statistischen Wahrscheinlichkeiten gespeichert, welches Wort auf die bisher erzeugten Wörter folgt. Diese Wahrscheinlichkeiten ergeben sich aus den Textmassen, mit denen das Sprachmodell trainiert worden ist. Die Antworten von ChatGPT enthalten so viel Wahrheit wie die ursprünglichen Trainingsdaten und so viel Unsinn wie die ursprünglichen Trainingsdaten. Dass LLMs mit Büchern, Zeitschriften und Webseiten aus dem Internet trainiert wurden und deshalb zwangsläufig Fehler enthalten müssen, ist auch nichts Neues. Bei ChatGPT steht am unteren Rand “ChatGPT kann Fehler machen. Überprüfe wichtige Informationen.”</p><p>Die Linguistin Emily M. Bender fand eine treffende Umschreibung: LLMs sind <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stochastic_parrot">“stochastische Papageien”</a>. Sie “wissen” nichts. Sie denken nicht. Sie schlussfolgern nicht. Sie wenden keine Logik auf Sachverhalte an. Sie haben auch keine Expertise in irgendwas. Weder verstehen sie den Sinn der Fragen, die ihnen gestellt werden, noch der Antworten, die sie geben. Sie labern einfach nur, aber das sehr sehr überzeugend und für manche Anwendungsfälle vielleicht begrenzt brauchbar.</p><p>Eigentlich müssten sie auf die gleiche Frage die immer gleiche Antwort geben. Dass sie so “lebendig” wirken und auf den gleichen Input immer wieder anderen Output erzeugen, dass ChatGPT also “kreativ” wirkt und den Anschein von Intelligenz erweckt, liegt daran, dass dem Algorithmus eine Prise Zufall hinzugefügt wurde. Die Intelligenz von ChatGPT, Copilot, Gemini &amp; Co. ist eine Illusion, im Grunde wie beim äußert primitiven Chatbot <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ELIZA">Eliza</a>, nur auf einem weitaus höheren Niveau.</p><p>Ich glaube, das wesentliche Problem von LLMs ist, dass versucht wird, sie in kybernetischen Kontexten einzusetzen, LLMs aber völlig unkybernetisch sind. Das muss ich erklären: Ein kybernetisches System dient der automatischen Steuerung. Primitives Beispiel ist immer die Heizungssteuerung: Ein Messfühler gibt ein Signal, sobald eine Temperatur unterschritten wird, das die Heizung anwirft, und ein Stopp-Signal, sobald eine bestimmte Temperatur überschritten wird. Kybernetische Systeme sind voll von solchen &quot;Entscheidern&quot;. Die Entscheidungen können von Menschen getroffen werden, von maschinellen Gerätschaften, von analoger Elektronik und natürlich von digitalen Systemen.</p><p>Künstliche Intelligenz an sich passt da auch gut rein. Ein Muster auf einem Röntgenbild ergibt (mit hoher Zuverlässigkeit) den Output, ob Krebs drauf zu sehen ist oder nicht. Ein selbstlenkendes Auto entscheidet ständig (und mit hoher Zuverlässigkeit) wie es lenken, beschleunigen und bremsen muss. Ein Entscheider eignet sich für ein kybernetisches System, wenn er determiniert ist, also ein bestimmter Input immer zum gleichen Output führt.</p><p>Doch die LLMs, die wir im Alltag benutzen, sind sie nicht determiniert. Der gleiche Input führt zu immer wieder anderem Output. Mal wird mehr &quot;halluziniert&quot;, mal weniger. Mal enthält der Output in diesem Detail einen Fehler, mal in einem anderen Detail, und manchmal fehlt dieses Detail auch ganz. Die Entwicklerïnnen von LLMs haben den gleichen Trick angewendet wie wir damals bei unserem Musikgenerator und eine Prise Zufall hinzugefügt, damit das Ergebnis “lebendiger” wird. Dieser Zufall lässt sich sogar steuern über die Parameter “Seed” und “Temperature”. Letzterer regelt, wie scheinbar “kreativ” und zugleich wie “halluziniert” der Output einer LLM ist. Wer ein LLM lokal auf dem PC installiert oder einen Pro-Account bei ChatGPT hat, kann mit diesen Parametern spielen. Es gibt auch Anwendungen, bei denen der Zufall mit Absicht ausgeschaltet wird, um reproduzierbare Ergebnisse zu erlangen. Das ist aber nicht der Normalfall. Der Normalfall sind pseudokreative, halluzinierende LLMs. Ja, auch der Copilot, der in Excel Zellen automatisch ausfüllen soll.</p><p>Solche LLMs sind also ganz und gar ungeeignet, in kybernetischen Systemen zu funktionieren, in welchen anhand von Fakten logische Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu treffen sind. Doch genau das wird immer wieder von ihnen erwartet, insbesondere, wenn sie in Unternehmen und Organisationen eingesetzt werden. Ein Beispiel: Eine Juristïn, die streng einem Prüfschema folgt, sollte eigentlich deterministisch sein und mit demselben Input immer zum gleichen Output gelangen. (Dass das in der Praxis nicht funktioniert, liegt an der Messiness der Welt und der Interpretierbarkeit von Sachverhalten, nicht jedoch am Grundprinzip des juristischen Prüfschemas, das stets klaren Wenn-Dann-Regeln folgt.) Folglich sind LLMs völlig ungeeignet für juristische Tätigkeiten, aber genau dort wird zunehmend versucht, sie einzusetzen.</p><p>Dasselbe gilt analog für viele andere berufliche Kontexte. Nicht einmal ein Task, für den LLMs scheinbar gebaut sind, kann sie zuverlässig erledigen, nämlich Texte zusammenfassen. Bei ein und demselben Text kommt immer eine (unperfekte) Zusammenfassung heraus, weil das LLM versucht zu entscheiden, was in die Zusammenfassung gehört und was nicht, und das halt nicht zuverlässig kann. Das ist prinzipbedingt, das geht auch nicht weg, wenn man das LLM größer macht. Durch geschicktes Prompten und Nachfragen lässt sich ein LLM vielleicht dazu bringen, brauchbare Textzusammenfassungen zu schreiben, aber dann greift ja schon wieder ein Mensch steuernd ein.</p><p>Ich glaube, entlang dieses Unterschiedes von deterministisch/nicht deterministisch und kybernetisch/nicht kybernetisch bewegt sich auch die &quot;KI-Kritik&quot;, die ja immer wieder betont, dass Mustererkennung zum Beispiel auf medizinischen Röntgenbildern eine feine Sache sei, aber mit dem breiten Einsatz von LLMs Bauchschmerzen hat. Es gibt noch eine ganze Reihe von weiteren Gründen, warum der Einsatz von generativer KI kritisch zu sehen und sogar abzulehnen ist. Unter anderem <a href="https://tante.cc/">hat Jürgen “Tante” Geuter viel darüber geschrieben</a> und <a href="https://www.arte.tv/de/videos/122187-000-A/ki-der-tod-des-internets/">Mario Sixtus eine sehr gute Doku darüber gedreht</a>. Dazu vielleicht ein andermal mehr.</p><p>Viele Grüße, liebes Internet, und hoffentlich bis bald,</p><p>Dein Enno Park</p><p>Berlin, den 30. November 2025</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>P.S.: Dies ist mein erster Newsletter seit fast drei Jahren. Damals hieß er “Technik, Kultur und Katzencontent”. Doch dann bekam ich Covid und wurde einfach nicht wieder gesund. Longcovid/Postcovid hindert mich bis heute am Lesen, Denken und Schreiben, ja eigentlich am Leben. Deshalb kann ich nicht mehr arbeiten und deshalb werde ich diesen Newsletter nur unregelmäßig pflegen können. Vielleicht schreibe ich auch nochmal mehr über die Erkrankung und was ihre Auswirkungen für die Betroffenen bedeutet. Ich suche noch nach den richtigen Worten und der richtigen Balance aus Öffentlichkeit und Privatsphäre.</em></p><p><em>P.P.S.: Gefällt dir dieser Newsletter oder was ich auf </em><a href="https://mastodon.social/@ennopark/109541940808993400"><em>Mastodon</em></a><em>, </em><a href="https://bsky.app/profile/ennopark.de"><em>Bluesky</em></a><em> und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a><em> schreibe?</em></p><p>👉 <em> </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>Dann unterstütze mich hier!</em></a><em> </em>👈</p><p><em>Dieser Newsletter ist gratis für diejenigen, die sich einen Blick hinter eine Paywall nicht erlauben können. Deine Mitgliedschaft hilft, dass es so bleibt. Ich danke herzlich!</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 30 Nov 2025 14:58:18 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[15 Mythen, Halbwahrheiten und überraschende Fakten zur Corona-Warn-App]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, in letzter Zeit kommt wieder häufig die Frage auf, ob sich die Corona-Warn-App lohnt und wie wir uns im Falle einer Warnung verhalten sollten. Dabei…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2Fda30a05b-054e-4f54-845e-086c30243860%2Fuploads%2Fimages%2Ftjfjocy2mt%2FPXL_20211230_132249262.MP.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=00201f5a36be4d46573fc10fb12507ec" alt=""/>
<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>in letzter Zeit kommt wieder häufig die Frage auf, ob sich die Corona-Warn-App lohnt und wie wir uns im Falle einer Warnung verhalten sollten. Dabei ist häufig das gleiche Schauspiel zu beobachten: Sobald in der App eine „rote Kachel“ mit einer Warnung angezeigt wird, machen sich die so Gewarnten sofort auf die Suche nach Gründen, warum sie an dem genannten Tag höchstwahrscheinlich kein Risiko eingegangen sind und diese Warnung ignorieren können. „Da war ich eigentlich doch nur ganz kurz... und da und da kann doch nicht...“ und so weiter.</p>
<p>Seit die Omikron-Variante sehr hohe Infektionszahlen erzeugt, haben viele Menschen ständig solche „roten Kacheln“ und beginnen die App zu ignorieren, weil sie sich sonst ja ständig und testen und isolieren müssten. Doch leider ist genau das der Fall: Wenn viele Menschen ständig diese Warnungen bekommen, heißt das nicht, dass die App sinnlos ist, sondern dass die Regierung den Zeitpunkt verpasst hat, einen Lockdown auszurufen. Und da die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter (wozu auch die Luca-App gehört) schon seit langem zusammengebrochen ist, bleibt neben eigenem Herumtelefonieren nur noch die Corona-Warn-App einzige Möglichkeit zur Kontaktnachverfolgung.</p>
<p>Leider haben sich rund um die Corona-Warn-App ein paar Mythen und Halbwahrheiten, aber auch ein paar überraschende Fakten angesammelt. Zeit, sich diese genauer anzusehen:</p>
<p><strong>1. Die App funktioniert nicht und kann auch nicht funktionieren.</strong></p>
<p>Gemeint ist die Abstandsmessung mit Hilfe von Bluetooth, worauf die App basiert. Diese Kritik daran ist durchaus berechtigt. Kurz zur Funktionsweise: Die App sendet ständig über Bluetooth einen Code und lauscht zugleich, welche Codes die anderen Telefone in der Umgebung senden. Wenn Menschen sich mit Corona infiziert haben, können sie das in der App melden. Die betreffenden Codes, die diese Person in der Vergangenheit gesendet hat, werden dann veröffentlicht. Die App schaut regelmäßig in der Liste der veröffentlichten Codes nach, ob einem diese in der letzten Zeit begegnet sind. Ist es der Fall, gibt es eine Warnung. Die App versucht außerdem noch anhand der Dauer und Signalstärke zu berechnen, wie lang und nah der Kontakt mit der infizierten Person war, um das Risiko zu berechnen.</p>
<p>Tatsächlich funktioniert das ziemlich schlecht. Aus der Signalstärke lässt sich die Entfernung nicht berechnen, allenfalls schlecht schätzen. Auf freie Sicht kann ein Bluetooth-Signal manchmal weite Strecken zurücklegen, während der menschliche Körper mit seinem hohen Anteil an Wasser das Signal dämpft. Metall in den Wänden wie zum Beispiel in Bussen und Bahnen können das Signal auf verschiedene Weise reflektieren und verzerren. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, die Entwicklerïnnen der App hätten das mit der Risikoberechnung einfach bleiben lassen, um keine falschen Vorstellungen zu wecken.</p>
<p>Aus diesen technischen Problemen ziehen einige Kritikerïnnen den Schluss, die ganze App funktioniere nicht, und bezeichnen sie gar als „Voodoo“. Das ist falsch. Wenn meine App das Signal einer infizierten Person empfangen hat, hat meine App das Signal einer infizierten Person empfangen. Punkt. Das ist genauso unstrittig wie die Musik, die aus dem Bluetooth-Kopfhörer kommt. Wie nah und wie lang dieser Kontakt war, ist eine Frage für sich. Die App tut aber genau das, was sie soll: Warnen, dass jemand infizierten Personen begegnet ist.</p>
<p><strong>2. Wenn die Corona-Warn-App keine Warnung anzeigt, bin ich auch nicht infiziert.</strong></p>
<p>Manche Menschen scheinen die App wirklich wie eine Ampel aufzufassen. Natürlich ist das Unsinn. Es käme ja auch niemand auf die Idee, sich so lange sicher zu fühlen, wie kein Brief vom Gesundheitsamt kommt. Eine „grüne Kachel“ bedeutet also nicht, dass alles in Ordnung wäre und ich mich unvorsichtig verhalten darf. Psychologisch scheint die grüne Farbe bei vielen Nutzerïnnen aber genau diesen Effekt zu haben. In diesem Punkt sollte die App überarbeitet werden. Aber auch wenn die App ungünstig gestaltet ist, ist eines leicht zu verstehen: Nach Schätzungen des RKI wird die App von rund 20 Millionen Menschen in Deutschland genutzt. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie von mehr als 60 Millionen Menschen nicht benutzt wird. Und das sind natürlich alles Leute, bei denen ich mich infizieren kann. Es gilt also auch bei einer „grünen Kachel“, dass sich vorher testen sollte, wer Oma und Opa besuchen will – oder den Besuch bleiben lassen sollte.</p>
<p><strong>3. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach einer Warnung („rote Kachel“) infiziert bin, ist sehr niedrig.</strong></p>
<p>Das stimmt. Wie oben dargelegt, ist die App sehr schlecht darin, das tatsächliche Risiko festzustellen. Viele Begegnungen sind zu flüchtig, nicht nah genug, oder führen wegen guter Lüftung und des Tragens von Masken nicht zu einer Infektion. Außerdem bekommt die Warnung nicht nur, wer sich in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten hat, sondern auch, wer sich mit der App an einem Ort eingecheckt hat, für den später eine Warnung herausgegeben wird. Am gleichen Ort wie eine infizierte Person gewesen zu sein bedeutet natürlich nicht, Kontakt zu dieser Person gehabt zu haben bzw. längere Zeit in infektiösen Aerosolen gesessen zu haben.</p>
<p>Die allermeisten Warnungen sind also Fehlalarme und das ist dumm. Wer ein paar mal die Erfahrung eines Fehlalarmes gemacht hat, ignoriert schließlich die App. Eine Minderheit hat sich aber sehr wohl beim Risiko-Kontakt infiziert und es geht darum, diese Minderheit herauszufiltern. Und das funktioniert nur, wenn sich alle nach einer Warnung testen lassen und bis zum Ergebnis isolieren, wenn sie können.</p>
<p><strong>4. Die App funktioniert kaum besser als wenn die Leute einfach zufällig gewarnt würden.</strong></p>
<p>Dieses Argument soll belegen, dass die Ergebnisse der App, Infektionen zu vermeiden, statistisch nicht signifikant seien. Das Problem ist, dass sich diese Behauptung nicht belegen lässt. Wir wissen nicht, wie viele Infektionen durch die App verhindert wurden und werden es auch nie erfahren. Laut App gehen momentan mehr als 10.000 Warnungen täglich raus. Laut <a href="https://www.coronawarn.app/de/analysis/">Dashboard des Projektes</a> haben insgesamt mehr als 2 Millionen Menschen ihr positives Testergebnis über die die Corona-Warn-App geteilt.</p>
<p>Wie viele Infektionen durch diese Warnungen entdeckt werden konnten, lässt sich aber nicht beantworten. Anders in Dänemark: Dort wird beim Testen <a href="https://smittestop.dk/status/">erfasst, ob Menschen sich wegen einer Warnung in der App testen lassen</a>. Stand Ende Dezember 2021 sind 172.942 solcher Tests aufgrund einer App-Warnung durchgeführt worden, wobei 2458 Infektionen gefunden wurden.  (Die Zahlen wirken niedrig, allerdings hat Dänemark auch nur 5,8 Millionen Einwohner.) Etwa 1,4% der Menschen, die sich aufgrund einer Warnung testen lassen, hatten sich also auch wirklich infiziert. Das ist wenig, aber es ist durchaus besser als nichts.</p>
<p><strong>5. Die Corona-Warn-App kann die Pandemie nicht aufhalten.</strong></p>
<p>Von der Maske bis zum Lockdown kann keine Maßnahme für sich genommen die Pandemie aufhalten. Wichtig ist das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer-K%C3%A4se-Modell">Käsescheiben-Modell</a>: Jede Maßnahme entspricht einer Scheibe Käse, die ihre ganz spezifischen Löcher, also Schwächen hat. Mehrere solcher Scheiben hintereinander können aber eine Infektion gut verhindern. Die Corona-Warn-App ist eine Maßnahme unter vielen. Außerdem lässt sich die Pandemie sowieso nicht aufhalten, aber bremsen. Und das ist nunmal nötig, wenn Gesundheits- und andere Systeme nicht ausfallen sollen.</p>
<p><strong>6. Die Corona-Warn-App dient der staatlichen Überwachung.</strong></p>
<p>Nein. Der Staat in Form des RKI hat die App zwar in Auftrag gegeben, aber sie ist komplett „open source“, das heißt, wer will, kann <a href="https://github.com/corona-warn-app">in den Programmcode hineinsehen</a> und nachvollziehen, was die App tut. Dabei wird klar, dass die App vollständig anonym arbeitet. Wahrscheinlich ist die Corona-Warn-App das datenschutzfreundlichste, was du jemals auf deinem Telefon installiert hast.</p>
<p><strong>7. Übertriebener Datenschutz (auch bei der Corona-Warn-App) verhindert eine effektive Pandemiebekämpfung.</strong></p>
<p>Das ist insbesondere aus dem Mund der Verantwortlichen eine beliebte Ausrede für Versagen und Untätigkeit. Tatsächlich verhindert der Datenschutz in diesem Zusammenhang überhaupt nichts, weil sowohl die europäische Datenschutz-Grundverordnung wie auch das deutsche Datenschutzrecht den betreffenden Stellen erlaubt, die zur Pandemiebekämpfung notwendigen personenbezogenen Daten zu erheben. Denn nichts anderes tut das Gesundheitsamt und übrigens auch die Luca-App. Stünde der Datenschutz im Wege, hätte es die Luca-App in dieser Form gar nicht geben können. Dass für die Corona-Warn-App eine datensparsame, dezentrale Vorgehensweise gewählt wurde, bei der nirgendwo jemand eine Datenbank voller Namen und Adressen pflegen muss, erweist sich derzeit als Vorteil. Die mit Excel-Tabellen hantierenden Gesundheitsämter sind von der Kontaktnachverfolgung völlig überfordert. Die Corona-Warn-App funktioniert unabhängig von den Ämtern weiter.</p>
<p><strong>8. Die Corona-Warn-App ist dezentral, weil der Chaos Computer Club sich durchgesetzt hat.</strong></p>
<p>Das ist ein Mythos. Sachverständige des CCC sprechen regelmäßig in den Ausschüssen des Bundestages, nur um hinterher die Erfahrung zu machen, dass ihre Expertise ignoriert wurde. Dass die Corona-Warn-App so funktioniert, wie sie funktioniert, liegt an Apple und Google. Um dem Vorwurf zu entgehen, sie würden mit ihren Plattformen Staaten bei der Überwachung der Bevölkerung helfen, haben sie die Regeln festgelegt, nach welchen staatliche Contact-Tracing-Apps auf iOS und Android funktionieren dürfen. Nur Apps, die diesen Regeln entsprechen, dürfen in den App Store/Play Store. Die Kernfunktionalität, nämlich das Austauschen von Bluetooth-Signalen, wurde unter anderem an der ETH Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne entwickelt und von Apple und Google direkt in iOS und Android eingebaut. Die jeweiligen Warn-Apps greifen nur auf diese vom Betriebssystem zur Verfügung gestellte Funktionalität zu. Die Bundesregierung hatte also kaum eine andere Wahl, als sich der Systementscheidung von Apple und Google zu beugen, was für sich genommen natürlich auch wieder sehr kritisch gesehen werden kann.</p>
<p><strong>9. Der Hype um die App wird trotz ihrer Nutzlosigkeit von der Regierung befeuert, weil sie ein deutsches Produkt vorzeigen möchte.</strong></p>
<p>Dieser Vorwurf grenzt schon hart an verschwörungsideologisches Denken. Siehe Punkt 8: Der Vorwurf ergäbe nur Sinn, wenn die Kernfunktionalität nicht von Apple und Google vorgegeben wäre. Auf die Corona-Warn-App stolz sein zu wollen ist ungefähr so, als auf einen neuen Druckertreiber in Windows stolz sein zu wollen. Andere Länder als Deutschland, die auf die gleiche Basis aufsetzend ganz ähnliche Apps haben: Österreich, Brasilien, Belgien, Kanada, Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Irland, Italien, Japan, Lettland, Libanon, Niederlande, Neu-Seeland, Norwegen, Philippinen, Polen, Portugal, Russland, Südafrika, Spanien, Schweiz, Taiwan, Groß-Britannien, Uruguay sowie mehrere Bundesstaaten der USA.</p>
<p><strong>10. Die Corona-Warn-App war sehr teuer.</strong></p>
<p>Ja.</p>
<p><strong>11. Die Corona-Warn-App war zu teuer.</strong></p>
<p>Weiß ich nicht. Wie viele gerettete Menschenleben sind der Maßstab für „zu teuer“?</p>
<p><strong>12. Ich kann die Corona-Warn-App anstelle der Luca-App benutzen, um mich an einem Ort einzuchecken.</strong></p>
<p><a href="https://www.coronawarn.app/de/blog/2021-11-09-cwa-luca-qr-codes/">Das funktioniert seit dem 9. November 2021.</a> Auf die Luca-App kann seitdem getrost verzichtet werden, auch wenn an dem Ort nur Luca-Codes aushängen. Die Corona-Warn-App hat sogar den Vorteil, dass du auch dann eine Warnung erhältst, wenn die Gesundheitsämter überlastet sind, was für die Luca-App nicht zutrifft. Übrigens werden beim Checkin mit der Corona-Warn-App auch keine Daten an die Server der Luca-App übertragen. Aber bevor du dich mit der App an einem Ort eincheckst, denke nochmal darüber nach, ob es wirklich jetzt gerade nötig ist, diesen Ort überhaupt zu besuchen.</p>
<p><strong>13. Wer zum Testzentrum geht, sollte die App so lange ausschalten.</strong></p>
<p>Das stimmt. Wer ins Testzentrum geht, um dort einen Test vorzunehmen, sollte die Corona-Warn-App vorübergehend abschalten – <a href="https://twitter.com/coronawarnapp/status/1482099286384984067">sagen auch die Entwicklerïnnen</a>. Denn bei der momentan hohen Inzidenz ist es recht wahrscheinlich, dass sich in der Schlange vor dem Testzentrum infizierte Personen befinden, die später über die App warnen werden. Wer sich testen lässt, könnte also in eine Art Endlosschleife geraten und Warnungen nur aufgrund des Besuchs im Testzentrum erhalten, die wiederum einen erneuten Besuch im Testzentrum nach sich ziehen, die wiederum Warnungen nach sich ziehen und so weiter. Durch vorübergehendes Abschalten beim Schlangestehen lässt sich diese Endlosschleife vermeiden. Das RKI geht davon aus, dass die reale Infektionsgefahr in der Schlange vor dem Testzentrum eher gering ist, wenn alle im Freien warten, Masken tragen und Abstand halten.</p>
<p><strong>14. Mit der neuesten Version der Corona-Warn-App ist der Anonymität passé.</strong></p>
<p>Das lässt sich so sehen. Denn die Corona-Warn-App enthält seit der Version 2.15 vom 20. Dezember eine Funktion, die beim Buchen von Tickets helfen soll. Statt den Impfstatus erst beim Einlass zu einer Veranstaltung zu überprüfen, kann dies schon beim Buchen geschehen. Dafür wird ein QR-Code angezeigt, der dann mit der Corona-Warn-App eingescannt wird. Die App sagt dann über einen Validierungsservice den Veranstalterïnnen schon beim Buchen, ob die betreffende Person ein gewünschtes Impfzertifikat hat. Dabei verlassen erstmals personenbezogene Daten die Corona-Warn-App und werden nicht anonym auf externen Servern verarbeitet. Manche sehen darin einen Bruch mit dem bisherigen Konzept der App, aber das passiert natürlich nur, wenn jemand die App auch wirklich so nutzt. Ich habe eigentlich kein Datenschutzproblem, sondern ein Problem damit, dass diese Funktion den Eindruck erwecken kann, es sei gerade eine gute Idee, Veranstaltungen zu besuchen. Oder überhaupt zu veranstalten.</p>
<p><strong>15. Die App ist nutzlos, seit wegen Omikron dauernd alle „rote Kacheln“ haben.</strong></p>
<p>„Denn so oft, wie ich eine Warnung bekomme, müsste ich mich ja nur noch isolieren...“ Genau so ist es. Wie bereits eingangs erwähnt: Wenn die App bei vielen Menschen nur noch „rote Kacheln“ zeigt, heißt das, dass die Politik den richtigen Zeitpunkt für einen Lockdown versäumt hat. Es ist absolut verständlich, dass viele Leute nicht stundenlang für einen PCR-Test anstehen können und wollen, <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/bei-roter-app-nur-noch-schnelltest-laender-gesundheitsminister-wollen-verfuegbarkeit-von-pcr-tests-radikal-einschraenken/25560996.html">zumal der Zugang zu kostenlosen PCR-Tests eingeschränkt werden soll</a>. Hier bleibt nur übrig, dass diejenigen, die es sich beruflich erlauben können, in den „Bürgerïnnen-Lockdown“ gehen. Und dass Druck auf die Regierung ausgeübt wird, von ihrer Durchseuchungsstrategie Abstand zu nehmen.</p>
<p>Trotzdem eine gute Woche wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Mon, 17 Jan 2022 18:42:49 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Welchen Namen gibst du deinem Staubsaugeroboter?]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Wer denkt bei…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Wer denkt bei diesem berühmten ersten Satz in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ nicht notgedrungen an einen verunglückten Staubsaugeroboter, der festgefahren und käfergleich nicht vor, nicht zurück hilflos mit den antennengleichen Bürsten wirbelt, bis auch diese in einem letzten Zucken ersterben?</p>
<p>Ich musste meinen Staubsaugeroboter also „Gregor Samsa“ nennen, obwohl diese Namensgebung eigentlich ungerechtfertigt ist und auf schlechten Erfahrungen mit seinem Vorgänger beruht. Im Gegensatz zu Kafkas Figur macht mein Gregor überhaupt nicht den Eindruck, sich von seiner täglichen Arbeit entfremdet zu haben, die er zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.</p>
<p>Robotern Namen zu geben, scheint ein spielerisches Grundbedürfnis zu sein, sobald das Gerät hinreichend viel Eigenleben an den Tag legt, sodass es auch als Tier durchgehen könnte. Dass Menschen Robotern Namen geben und zu ihnen eine emotionale Bindung aufbauen, ist kein neues Phänomen. So berichten Soldatïnnen von Gefühlen der Trauer, wenn ihr Minen-Such-Roboter bei der Arbeit in die Luft flog.</p>
<a href="https://twitter.com/ennopark/status/1473671819802591238">https://twitter.com/ennopark/status/1473671819802591238</a>
<p>Eine nicht repräsentative <a href="https://twitter.com/ennopark/status/1473675150998573070">Umfrage, die ich auf Twitter gemacht habe</a>, ergab, dass 92 Prozent derjenigen, die einen Staubsaugeroboter besitzen, diesem auch einen Namen geben. Auf die Frage „Welchen Namen habt ihr euren Staubsaugeroboter gegeben, sofern ihr einen habt?“ erhielt ich mehr mehr als 1800 Antworten. Die Top 10 der Staubesaugeroboternamen lautet:</p>
<p><strong>1. Robi/Robbi/Robby</strong></p>
<p>Auch wenn ich weitere Spielarten wie <em>Robert, Roberta, Roberto, Robo, Robäärt, Botty, Robsi</em> und <em>Robertsky</em> nicht mitrechne, liegt <em>Robi</em> mit seinen verschiedenen Schreibweisen einsam an der Spitze der häufigsten Nennungen. Es ist ja auch der Name, der den meisten Menschen als erstes einfällt.</p>
<p><strong>2. Dobbie</strong></p>
<p>Doch bereits auf dem zweiten Platz liegt Dobbie, der Hauself aus Harry Potter, der von der Familie Malfoy versklavt wird. In der Geschichte erlangen Hauselfen ihre Freiheit, wenn ihre Herrïnnen ihnen ein Kleidungsstück schenken, was (Spoiler!) im Teil „Die Kammer des Schreckens“ auch passiert, nämlich in Form einer Socke. Den Roboter Dobbie zu nennen, ist also nicht nur eine einfache popkulturelle Referenz auf einen Hauselfen sondern hat den zusätzlichen Witz, dass die meisten Staubsaugeroboter herumliegende Socken in der Regel nicht gut vertragen.</p>
<p><strong>3. Staubi</strong></p>
<p>Was einem so in den Sinn kommt, wenn es keine Variation von Robi sein soll. Interessanterweise gab es jenseits von Staubi nur sehr wenig Wortspiele mit „Staub“.</p>
<p><strong>4. Marvin</strong></p>
<p>Marvin ist ein depressiver Roboter aus Douglas Adams Romanreihe „Per Anhalter durch die Galaxis“. Einen Roboter so zu nennen, scheint von Empathie zu zeugen, schließlich ist die Vorstellung, dass die gesamte Lebensaufgabe in nichts als Staubsaugen besteht, durchaus deprimierend, jedenfalls für ein intelligentes Wesen.</p>
<p><strong>5. R2D2</strong></p>
<p>Sehr beliebt war auch der Name R2D2. Der zylindrische Roboter aus „Star Wars“ hat zwar nicht viel mit einem Staubsauger gemein, ist aber mutmaßlich der bekannteste Roboter der Popkultur überhaupt und dürfte daher namensgebend für Millionen von Robotern und Geräten auf der Welt sein. Eine kreative Abwandlung, die genannt wurde, ist <em>R2saug2</em>.</p>
<p><strong>6. Fifi</strong></p>
<p>Diesen Namen kann ich nicht dekodieren. Ich denke dabei an Fußhupen (vulgo kleine Hunde). Das Internet behauptet, dass „fifi“ im englischen Sprachraum für eine künstliche Vagina beliebigen Materials steht, was zu klassischen Staubsaugern passen würde, aber eher nicht so zu Staubsaugerobotern. Es bleibt mir also ein Rätsel, warum ausgerechnet dieser Name so beliebt ist.</p>
<p><strong>7. Nono</strong></p>
<p>In verschiedenen Schreibweisen eine Referenz auf Noo-Noo, das staubsaugerartige Wesen aus den Teletubbies.</p>
<p><strong>8. Frau Kleinert</strong></p>
<p>Frau Kleinert ist die Putzhilfe in Loriots „Pappa ante portas“. Eine weitere, seltener genannte Loriot-Referenz ist der <em>Heinzelmann</em> („Es saugt und bläst der Heinzelmann…“) wobei nicht ganz klar ist, ob diejenigen, die ihren Roboter Heinzelmann nennen, damit den Loriot-Sketch oder das Märchen referenzieren wollen.</p>
<p><strong>9. Wall-E</strong></p>
<p>Der Roboter Wall-E aus dem gleichnamigen Pixar-Film hat die Aufgabe, Müll aufzuräumen, was ihn zu einem sehr guten Namensgeber für einen Staubsaugeroboter macht.</p>
<p><strong>10. Horst</strong></p>
<p>Ich weiß wirklich nicht warum, aber ein relevanter Anteil meiner Twitter-Followerïnnen nennt ihren Staubsaugeroboter Horst. Ich weiß noch nicht so genau, was ich mit dieser Information anfangen soll.</p>
<p>                                                       * * *</p>
<p>Jenseits der vielfach genannten Top 10 gab es eine sehr große Vielfalt von Einzel- und Wenignennungen, die sich grob in verschiedene Gruppen einteilen lassen. Eine wichtige Gruppe sind Wortspiele rund um das Wort „Saugen“. <em>Saugi</em> ist als Name durchaus nicht selten. Davon abgewandelt gibt es <em>Saugier</em>, <em>Saugfried, Saugron, Saugator (den Schrecklichen), Saugonaut</em> und <em>Herr Saugreich</em>. Abwandlungen von „Saugen“ sind eigentlich eine Untergruppe der Kategorie beschreibender Namen, die bildlich darstellen, was der Roboter tut oder ist. Dazu gehören auch <em>Drecksack, Kehrforce One, Dreckmeister, Krümelkiller, Dr. Säubert, Kehrbert, Putzilandro, Brummhilde</em> und das <em>Krümelmonster</em>.</p>
<p>Natürlich gab es neben Dobbie und berühmten Vorbildern noch viele andere popkulturelle Referenzen, zum Beispiel die Roboter <em>Eve</em> und <em>Mo</em> aus Wall-E, <em>Bender</em> aus der Serie Futurama und <em>Agent Johnson</em> aus „Matrix“. Doch es gibt auch zahlreiche unrobotische Namensgeberïnnen, etwa <em>Helene Wischer, Jane Bond, Consuela</em>, die lateinamerikanische Putzhilfe aus „Family Guy“, der FBI-Direktor <em>J. Edgar Hoover</em>, der seinen Namen mit einer Staubsaugermarke teilt, oder meinen <em>Gregor Samsa</em>. Besonders um die Ecke gedacht hat jemand, der seinen Roboter <em>Waldo</em> nach den „Wo ist Waldo“-Suchbildern nennt, offenbar weil den Roboter, der immer woanders liegenbleibt, ständig suchen muss. Erstaunlich selten genannt wurde hingegen <em>Sisyphos</em>, sagte doch Albert Camus, wir müssten uns Sisyphos als glücklichen Roboter vorstellen.</p>
<p>Verwandt mit der popkulturellen Referenz ist das Benennen von Robotern nach Politikerïnnen. Es gibt <em>Andi/Andreas Scheuer</em> („weil der seine Arbeit nicht ordentlich macht“), <em>Friedrich Merz, Jens Spahn, Boris Johnson</em> oder auch einfach nur: <em>Gesundheitsminister</em>. Motivation der Namensgebung ist hier vermutlich die Lust daran, die machtvolle Person damit zu bestrafen, einfache Tätigkeiten zu verrichten. Ähnlich motiviert dürften Leute sein, die ihre Roboter <em>Jeff Bezos</em> oder <em>Elon Musk</em> nennen, was durchaus auch vorkam. Teilweise werden Namen wohl auch vergeben, weil die Benachrichtigungen in der Smartphone-App dann lustiger klingen, etwa: „Friedrich Merz benötigt Ihre Aufmerksamkeit“ oder „Friedrich Merz hängt fest“. Ein Twitternutzer hat seinen Roboter deshalb nach eigenen Angaben Penis genannt.</p>
<p>Die letzte große Kategorie der Roboter-Namen sind einfache Vornamen ohne besondere Bedeutung bzw. deren Bedeutung wohl nur die jeweiligen Roboterinhaberïnnen kennen. Roboter heißen <em>Bernd, Horst, Michael, Heinrich, Sven</em> und <em>Paul</em> oder seltener auch <em>Laura, Lisbeth, Minna</em> oder <em>Hildgard</em>. Interessant ist, dass Frauennamen erheblich seltener vergeben werden als Männernamen. Die meisten Menschen scheinen sich ihren Roboter als eher männlich vorzustellen.</p>
<p>Alles in allem scheint die Namensvergabe nicht bloß daher zu kommen, dass verschiedene Geräte Namen brauchen, damit sie unterschieden werden können. Zwar gehört zu vielen Robotern eine App, die es Nutzerïnnen ermöglicht oder sie auffordert, einen Namen einzugeben, aber das Phänomen, dass Roboter Namen erhalten, findet auch dann statt, wenn keine solche App im Spiel ist und der Name nirgends hinterlegt wird. Mit dem Hang mancher Männer, ihre Autos, Motorräder und Flugzeuge mit weiblichen Kosenamen zu versehen, scheint die Roboter-Namensgebung hingegen wenig bis nichts zu tun zu haben.</p>
<p>Offenbar markieren Menschen mit der Namensgebung ihre Beziehung zum Gerät. Ich glaube nicht, dass die Inhaberïnnen ihre Roboter ernsthaft als Wesen betrachten. Die Namensgebung scheint mir eher spielerische Form der Auseinandersetzung mit den Emotionen zu sein, die ein solcher Roboter im Menschen durch seine Ähnlichkeit zu Tieren hervorruft. Viele Menschen freuen sich richtig, wenn eins sie fragt, wie ihre Roboter heißen, und erzählen gerne die Geschichte/Idee der Namensfindung.</p>
<p>Und wie heißt dein Roboter?</p>
<p>Ein gutes Jahr 2022 wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 09 Jan 2022 09:24:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Log4j für Dummies]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat am Wochenende „Warnstufe Rot“ ausgerufen. Eine Sicherheitslücke in der Java-Bibliothek…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat am Wochenende <a href="https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Presse/Pressemitteilungen/Presse2021/211211_log4Shell_WarnstufeRot.html">„Warnstufe Rot“ ausgerufen</a>. Eine Sicherheitslücke in der Java-Bibliothek „log4j“ stellt eine große Gefahr dar. Das hat viele Leute und ihre Oma alarmiert: Menschen, die sich überhaupt nicht mit Computern auskennen, schnappen die Meldung in der Zeitung und den Nachrichten auf und können sie einfach nicht dekodieren. Was zum Geier ist denn zum Beispiel eine Java-Bibliothek? Wer sich in Massenmedien darüber informieren möchte, ist bis auf wenige Ausnahmen <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/web/log4j-sicherheitsluecke-wie-loescht-man-ein-brennendes-internet-a-27729847-8e28-4187-b4a2-468a45137fb4">wie dem „Spiegel“</a> aufgeschmissen. Das liegt daran, dass auch die Journalistïnnen, die darüber berichten sollen, keine Ahnung haben, wovon sie reden. Eindrucksvolles Beispiel war da die Börsenreporterin Valerie Haller im gestrigen „heute journal“, die „log4j“ als „Server-Software von Java“ bezeichnete, wobei sich fragt, ob das ihre Schuld ist, wenn die Redaktion findet, es sei eine gute Idee, das Thema in den Börsennachrichten unterzubringen.</p>
<p>Alle ITlerïnnen, Computer-Affine und Menschen, die Fachmedien verfolgen, können hier aufhören zu lesen. Für alle anderen folgt ein kleines „log4j für Dummies“:</p>
<p>Wenn Computerprogramme so vor sich hinlaufen, protokollieren sie gerne, was so passiert. Sie schreiben alle möglichen Ereignisse oder manchmal einen Hinweis darauf, dass seit so und so viel Minuten nichts passiert ist, in so genannte „log-Dateien“. Das hat nichts mit Logarithmen zu tun, sondern kommt von Log-Buch. So eine Log-Datei kann sehr nützlich sein. Wenn beispielsweise Unbefugte ins System eindringen, lässt sich in den Log-Dateien nachsehen, wer sich wann im System angemeldet hat – jedenfalls wenn die Unbefugten die Log-Dateien nicht löschen, bevor sie wieder verschwinden. Oder es lässt sich in den Log-Dateien nachlesen, was als letztes passiert ist, bevor ein Programm oder Computer abgestürzt ist, um die Fehlersuche zu erleichtern. Kurz: Log-Dateien sind eine feine Sache.</p>
<p>Damit Computerprogramme aber in solchen Log-Dateien protokollieren, was alles so passiert, müssen die Programmierïnnen das auch ins jeweilige Programm hineinprogrammieren. Von alleine passiert das nicht. Deshalb haben viele Computerprogramme irgendwo ein Unterprogramm, das diese Protokollieren übernimmt. Nun ist es aber langweilig und aufwändig, wenn für jedes Programm immer wieder aufs Neue auch dieses Unterprogramm geschrieben werden muss. Deshalb gibt es so genannte Programm-Bibliotheken. Sie enthalten eine Reihe solcher Unterprogramme, die in vielen Programmiererïnnenlebenslagen nützlich sind. Wer eine Bibliothek einbindet, muss nicht mehr selbst programmieren, was andere vor einem schon zig mal programmiert haben. Eine solche Bibliothek ist „log4j“.</p>
<p>Eigentlich sind solche Bibliotheken eine gute Sache. Etwas jedes mal immer wieder neu programmieren zu müssen, erhöht nämlich die Fehleranfälligkeit, weil den Programmiererïnnen beim Immer-Wieder-Neu-Programmieren auch immer mal wieder Fehler unterlaufen. Normalerweise ist es also sicherer eine ausgereifte Bibliothek zu verwenden als etwas selber zu schreiben. Das Dumme ist nur: Nicht alle Bibliotheken, die dafür gehalten werden, sind auch ausgereift und fehlerfrei. Leider fliegen überall Bibliotheken voller Lücken herum, weil es langweilig ist, sie zu pflegen. Wer hat schon Lust, eine Bibliothek zum Protokollieren von Programmereignissen zu testen und zu überarbeiten, wenn er oder sie auch an der nächsten weltbewegenden App arbeiten könnte. Und übrigens im Fall von freier Software, die von allen beliebig benutzt werden kann, auch schlecht oder gar nicht für die Pflege bezahlt wird? Das ist übrigens der Grund, warum viele IT-Aktivistiïnnen und Netzplitikerïnnen die Pflege von Open-Source-Software auch als staatliche Aufgabe betrachten und entsprechende politische Forderungen stellen – einfach damit sich jemand der langweiligen Routine-Jobs annimmt, auf die sonst niemand Bock hat.</p>
<p>Aber zurück zu „log4j“. Der Name übersetzt sich in „Log für Java“. Java ist eine Programmiersprache, die potenziell vom High-End-Server bis zur smarten Glühbirne auf allem möglichen läuft, sofern jemand eine Java-Laufzeitumgebung eingebaut hat. Das ist von Haus aus bei einem Windows-Computer nicht der Fall. Insgesamt ist Java ziemlich aus der Mode gekommen, normale Anwenderïnnen setzen nur selten Java-Programme ein. Bei Servern und vielen Geräten sieht das jedoch anders aus. Deshalb entsteht der Eindruck, als seien vor allem Unternehmen von der Sicherheitslücke in „log4j“ betroffen, weshalb das Thema auch in den Börsennachrichten verbuddelt wird. Doch das stimmt nicht. Sehr viele Geräte vom DSL-Router bis zur smarten Glühbirne können „log4j“ intern benutzen, ohne dass eins es ihnen ansieht. Und auch der ganz normale Windows-PC kann betroffen sein, wenn Java und „log4j“ im Huckepack mit anderer Software installiert werden. Ob Du also Java und „log4j“ hast, ohne es zu wissen, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten. Im Internet kursieren Listen betroffener Software, die aber längst nicht vollständig sind und auch Nennungen enthalten können, wo die Sicherheitslücke bereits geschlossen wurde.</p>
<p>Aber worin besteht jetzt eigentlich die Sicherheitslücke in „log4j“? Viele Programme schreiben auch ins Protokoll, was Anwenderïnnen eintippen. Wenn ich mich an einem Server als „Enno“ anmelde, dann schreibt der Server vielleicht „Enno hat sich angemeldet“ ins Protokoll. Anstelle von „Enno“ kann ich aber auch einen Computer-Befehl nehmen und der wird dann von „log4j“ tatsächlich ausgeführt – etwa ein Kommando, das ein Computer-Virus von woanders herunterlädt und ausführt. Dass das überhaupt passieren kann, ist eigentlich schlechte Programmierung. Die „log4j“-Bibliothek hätte so geschrieben werden müssen, dass das gar nicht erst passieren kann und dass auch das Kommando zum Herunterladen eines Computervirus nicht wirklich ausgeführt, sondern lediglich in die Log-Datei geschrieben wird. Dummerweise wurde „log4j“ aber eben „schlecht programmiert“. Dieses „schlecht programmiert“ ist übrigens auch das, was Informatikerïnnen meinen, wenn sie über bestimmte Apps wie die Luca-App schimpfen, und wo es dann immer sehr schwer ist, für Laien verständlich zu erklären, was genau eigentlich das Problem ist.</p>
<p>Der Fehler in „log4j“ lässt sich relativ einfach beheben. In den Unternehmen schieben die Programmiererïnnen und Sysadmins gerade Überstunden, um den Fehler überall zu beheben. Ich glaube deshalb, dass sich die Schäden in Grenzen halten werden. Es gibt mittlerweile eine reparierte Version von „log4j“ und viele Software-Anbieterïnnen liefern derzeit Sicherheitsupdates aus, die entweder diese neue Version enthalten oder aber Maßnahmen treffen, „log4j“ am Ausführen von Kommandos zu hindern. Beim Windows-PC ist die Lage also einigermaßen unproblematisch, jedenfalls wenn er gut gepflegt ist. Anders sieht es bei vielen Geräten im Haushalt aus. Das veraltete Android-Handy oder der Billig-DSL-Router bekommen eben keine Sicherheitsupdates. Klarheit darüber, welche Geräte genau gefährdet sind, gibt es nicht, aber eine Daumenregel: Höherwertige Markengeräte bekommen Updates, Billigkrams bekommt keine. Es lohnt sich, den eigenen Gerätepark anhand dieses Kriteriums einmal durchzugehen, Schrott rauszuwerfen und ansonsten alle Geräte zu updaten, sofern sie das nicht von sich aus tun.</p>
<p>Gerade weil die Situation für normale Anwenderïnnen – auch die versierten unter ihnen – so undurchsichtig ist, ist „log4j“ aber ein politisches Thema. „Pass halt auf, welche Hard- und Software du so einsetzt“ funktioniert nicht, wenn niemand der Hard- und Software ansehen kann, ob sie „log4j“ enthält. Hier muss also der Staat regulierend eingreifen: Einerseits muss freie Software und ihre Pflege staatlicherseits gefördert werden, um solche Fehler zu vermeiden, andererseits müssen Herstellerïnnen verpflichtet werden, für einen bestimmten Zeitraum Sicherheitsupdates anzubieten und ein „Verfallsdatum“ auf der Verpackung anzugeben, wann dieser Zeitraum endet. Beides fordern IT-Expertïnnen seit vielen Jahren und beides hat sich nach langen Jahren großkoalitionärer Ignoranz die Ampel in den Koalitionsvertrag geschrieben.</p>
<p>Eine gute Zeit wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Tue, 14 Dec 2021 15:51:55 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Geschichten für den Lockdown – Technik, Kultur und Katzencontent]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, kurz vorweg: Ein erneuter Corona-Lockdown wurde bisher politisch nicht angeordnet, aber vernünftige Menschen reduzieren ihre Kontakte so weit es geht…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p><em>kurz vorweg: Ein erneuter Corona-Lockdown wurde bisher politisch nicht angeordnet, aber vernünftige Menschen reduzieren ihre Kontakte so weit es geht und gehen in eine Art persönlichen Lockdown, wenn und so weit sie es sich erlauben können. Deshalb habe ich hier ein paar Geschichten für den Lockdown zusammengestellt:</em></p>
<p><strong>Frédéric Valin: Pflegeprotokolle</strong></p>
<p><a href="https://freval.blog/">Frédéric Valin</a> ist der beste unbekannte Autor, den ich kenne. Sehr viele unbekannte Autorïnnen gehen einem „Brotberuf“ nach und im Fall von Frédéric Valin ist das die Pflege. Das ist normalerweise kein Beruf, der einem besonders viel Zeit für andere Dinge lässt, aber angesichts coronabedingter Kontaktvermeidung und Selbstisolation fand Frédéric Valin endlich die Zeit, ein Buch über die Zustände in der Pflege zu schreiben.</p>
<p><a href="https://www.verbrecherverlag.de/book/detail/1070">„Pflegeprotokolle“, kürzlich im Verbrecher-Verlag erschienen</a>, ist kein journalistisches Enthüllungsbuch – der Skandal findet wenn, dann im Nebensatz statt. Und auch kein Roman, in dem eine Protagonistïn sich in der Pflege verwirklicht, scheitert oder am Ende heiratet. Vielmehr hat Frédéric Valin Gespräche mit einer ganzen Reihe von Pflegerïnnen und Sozialarbeiterïnnen geführt, die er hier im Stile einer Oral History wiedergibt, in einer Weise, die am ehesten noch an Walter Kempowskis „Echolot“ erinnert.</p>
<p>Corona und Pflege, da denken wir impulsartig an die dramatischen Zustände auf den Intensivstationen und klatschen auf dem Balkon, wenn’s hoch kommt. Der Bereich der Pflege ist jedoch wesentlich größer. Was macht die Pandemie aus der Betreuung behinderter Menschen? Was aus den Wohngruppen und Heimen? Wie stellt sich die Situation in Seniorenheimen für Pflegende dar? Stellt sich raus: Nahezu jedes bereits vorhandene, bekannte oder unbekannte Problem in diesem Bereich verschärft sich nochmals.</p>
<p>Insgesamt 22 Pflegende berichten. Doch das Buch ist nicht einfach eine journalistische Transkription: Auf seine trocken lakonische Art gibt Frédéric Valin die Berichte wieder, verdichtet und pointiert, aber weder geschönt noch dramatisiert. Alle Texte wurden von den betreffenden Personen gegengelesen und freigegeben.</p>
<p>Das Lesen dieser Berichte stürzt in diverse Ambivalenzen: Dem Genuss an Frédéric Valins vollendetem Stil steht meine ständige mal leise, mal überwältigende Empörung über die geschilderten Zustände gegenüber. Die aus den Seiten quellende Sinnstiftung der Arbeit in der Pflege und dem psychischen wie körperlichen Verschleiß, den die meisten Pflegenden in den nach kommerziellen Kennziffern geführten Häusern ausgesetzt sind. Die Empathie für die zu Pflegenden einerseits und andererseits die Abstumpfung angesichts sich endlos wiederholenden, immer wieder gleichen Leids. Die Wut über ein hässliches Detail und das empathisch-galgenhumorige Auflachen wegen eines anderen, ebenso hässlichen aber noch absurderen Details.</p>
<p><strong>Mario Sixtus: Hyperland</strong></p>
<p>In der Episode „Nosedive“ der britischen Serie „Black Mirror“ geben die Menschen sich ständig gegenseitig Punkte auf einer Social-Media-Plattform, wobei die individuelle Punktzahl über den sozialen Status entscheidet. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verliert die Protagonistin Punkte und erlebt einen sozialen Absturz und Zusammenbruch. „Hyperland“ ist ein Film, der da weitermacht, wo „Nosedive“ aufhört.</p>
<p>Über die Frage, ob ein soziales Punktesystem gerechter sein könnte als Geld, ließe sich trefflich philosophieren. Der Absturz in eine solchem System lässt sich immer dystopisch und sadistisch erzählen, wie „Black Mirror“ das tut. Doch bestimmte Dimensionen fehlen in der Regel: Wie verhält sich Social Scoring eigentlich zu Sexismus? Zu Rassismus? Was passiert, wenn eine Person nur deshalb schlecht bewertet wird und abstürzt, weil andere schlicht und ergreifend mehr Sympathien und einen höheren Vertrauensvorschuss haben? Zum Bewertungssystem die guten alten Privilegien weißer Männer hinzukommen? Und wie ist eine solche Geschichte zu denken, wenn das Alltagsleben und Interaktionen in unserer Gesellschaft stärker virtualisiert sind als heute? Und wie funktioniert ein Social-Scoring-System angesichts von Social-Media-Kampagnen, Gegenkampagnen und Shitstorms?</p>
<p><a href="https://sixtus.net/">Mario Sixtus</a> hat all das durchdacht und zu einem ausgesprochen spannenden Plot mit mehreren Pointen und unerwarteten Wendungen verdichtet. Das Ergebnis ist das <a href="https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel/hyperland-100.html">kürzlich im ZDF ausgestrahlte kleine Fernsehspiel „Hyperland“</a>, das noch bis Anfang Februar in der ZDF-Mediathek angeschaut werden kann.</p>
<p>Dabei hat Mario Sixtus nicht nur einen feinen Plot gesponnen, sondern zeigt auch jede Menge visuellen Einfallsreichtum, etwa wenn in einem Club die verschiedenen Besucherïnnen jeweils zu ihrer eigenen Musik in ihrer eigenen virtuellen Welt tanzen. Oder indem im kompletten Film keinerlei Autos zu sehen sind, was unter anderem bewerktstelligt wurde, indem vielfach auf Hausdächern gedreht wurde.</p>
<p>Aber eigentlich ist „Hyperland“, wie so viele Dystopien, nicht wirklich Science Fiction, sondern zeigt zwischenmenschliche Dynamiken, wie es sie hier und heute längst gibt, in diesem Internet, in dem dieser Newsletter verschickt wurde, und mit den heute technisch Möglichen. In dieser Hinsicht ähnelt „Hyperland“ der Dystopie „The Handmaid’s Tale“ von Margret Atwood, die ja auch nicht wirklich eine Projektion ist, sondern nur jede Form von Sexismus und Misogynie zusammenstellt, die sich irgendwo auf der Welt, in irgend einer Kultur so schon einmal ereignet hat.</p>
<p>Einen Vorteil hat „Hyperland“ jedoch gegenüber „Black Mirror“ und „The Handmaid’s Tale“ (der Verfilmung, weniger dem Buch): Es ist kein sadistischer Dystopie-Porn. Das tut gut angesichts eines Alltags, der für vielem Menschen in vielerlei Hinsicht längst dystopisch geworden ist.</p>
<p><strong>The Billion Dollar Code</strong></p>
<p>Schonmal von Terravision gehört? Ich bis neulich auch nicht. Terravision war ein System, das so funktionierte, wie Google Earth, allerdings mehr als zehn Jahre früher. Entwickelt wurde das System Anfang der 1990er nicht von einem kalifornischen Startup sondern einem als Firma organisierten Berliner Kollektiv von Digital-Künstlerïnnen mit dem Namen Art+Com. Da Google ganz offensichtlich vom Original abgekupfert und einige Patente verletzt hatte, gingen Art+Com vor Gericht.</p>
<p>Die <a href="https://www.netflix.com/title/81074012">Netflix-Miniserie „The Billion Dollar Code“</a> erzählt die wahre Geschichte dieses Gerichtsprozesses und in Rückblenden auch, wie diese Software entstanden ist, mit einigen künstlicherischen Freiheiten. Gibt es etwas Trockeneres als Software-Entwicklung und etwas Abgeschmackteres als Court-Room-Dramatik und etwas Dooferes als Hackerïnnen-Klischees? Eigentlich nicht. Es war also zu befürchten, dass „The Billion Dollar Code“ ganz entsetzlich scheitert. Das Gegenteil ist passiert.</p>
<p>Die Miniserie entpuppt sich als mitreißendes Drama, das die Stimmung in Berlin der 1990er Jahre mitsamt Chaos Computer Club, illegalen Clubs, früher Internet-Kultur und digitaler Anarchie einfängt und mit der heutigen Zeit spiegelt. Das Ganze wird keine Sekunde langweilig und ist ist im höchsten Grade bingeable  – auch und gerade für Menschen, die sonst mit diesem Genre nichts anfangen können. Ihnen bringt die Geschichte unanstregend nahe, wie viel Kreativität im Programmieren steckt und lässt das Hochgefühl miterleben, das eintreten kann, wenn etwas Selbst-Entwickeltes und Programmiertes endlich funktioniert.</p>
<p>Einer der Beteiligten – im Film Juri Müller, im realen Leben Pavel Meyer – <a href="https://cre.fm/cre222-terravision">erzählt übrigens im Podcast „Chaos Radio Express“ noch einmal ausführlich</a>, wie das alles war und kam und wo der Film sich von der Realtität unterscheidet. Wegen allzu vieler Spoiler sollte der Podcast jedoch unbedingt erst nach dem Ansehen der Serie angehört werden.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 05 Dec 2021 15:26:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Corona und die "kybernetische Illusion"]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, „mütend“ ist ein Kofferwort, das im Frühjahr aufkam um die Frustration, die Mischung aus Wut und Müdigkeit angesichts der Corona-Krise zu beschreiben.…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>„mütend“ ist ein Kofferwort, das im Frühjahr aufkam um die Frustration, die Mischung aus Wut und Müdigkeit angesichts der Corona-Krise zu beschreiben. Ich habe den Eindruck, dass heute mehr Menschen denn je in diesem Gefühlszustand sind. RKI-Chef Lothar Wieler findet von Pressekonferenz zu Pressekonferenz immer deutlichere Worte. Die Wut geht längst nicht mehr von der verquerdenkenden Minderheit aus. Und die Philosophin Sabine Döring warnt davor, dass irgendwann auch einmal die Geduld derjenigen endet, die sich freiwillig vernünftig und solidarisch in der Pandemie verhalten.</p>
<p>Derzeit wird viel geredet über diese Wut, wie mit ihr umzugehen sei und woher sie komme. „Warum sind alle so wütend?“ fragt zum Beispiel der Podcast „Lakonisch elegant“, und unter der Prämisse, dass es keine dummen Fragen gebe, lässt sich das auch halbwegs anhören. Immerhin verleiht das Thema einem Gefühl Ausdruck, das gerade sehr viele Menschen teilen. Im Podcast versucht Philosoph und Journalist Nils Markwardt diese Frage mit einer These zu beantworten: Wir spürten gerade die „kybernetische Illusion“. Wir hätten eine Vorstellung von Gesellschaft, die so gesteuert werden könne, dass ein Ist-Wert in einen Soll-Wert verwandelt werden kann, zum Beispiel die Zahl der Neuinfektionen und der Bettenbelegung. Und uns frustriere die Desillusionierung von dieser Vorstellung.</p>
<p>Ich halte diese These für falsch und auch problematisch. Sie mag trösten und an stoisch denkende Menschen appellieren, nicht zu ändern zu versuchen, was sich nicht ändern lässt. Doch wird sie weder dem Begriff der kybernetischen Illusion gerecht (der auf die transzendentale Illusion nach Kant zurückgeht und nicht das meint, wonach er klingt) noch beschreibt sie das aktuelle Phänomen, sondern hilft eher, politisches Versagen zu beschönigen.</p>
<p>Gesellschaft lässt sich als komplexes kybernetisches System betrachten, das sich selbst regelt, um im Gleichgewicht zu bleiben. Politik ist ein wichtiger Bestandteil dieses Systems. Bei Politik geht es grundsätzlich darum, Entscheidungen zu treffen, die irgendwie auf die Gesellschaft wirken sollen. Die Annahme, es sei eine Illusion, dass sich Gesellschaft steuern ließe, bedeutet die Annahme, dass Regierbarkeit ganz an sich Illusion sei. Das Gegenteil ist der Fall, wie sich an zahllosen Beispielen zeigen lässt.</p>
<p>So ist die Zahl der Verkehrstoten bei steigendem Verkehrsaufkommen in den letzten Jahrzehnten ständig und enorm gesunken. Das liegt zum einen daran, das Auto technisch immer sicherer wurden, zum anderen aber auch an politischen Regularien von Gurtpflicht bis Promillegrenze. Die Reduktion der Zahl der Verkehrstoten passierte also nicht allein aufgrund von politischer Steuerung, aber eben auch. Hielten wir Gesellschaft für nicht steuerbar, wären diverse Institutionen vom Fiskus über die Justiz bis hin zum Militär absurd. Das Militär ist überhaupt ein gutes Beispiel: Wäre soziale Steuerbarkeit eine Illusion, würde die Organisation eines Heeres dem Versuch gleichen, ein Knäuel spielender Katzenbabys zu einem geordneten Morgenappell zu bewegen.</p>
<p>Selbstverständlich lässt sich auch eine Pandemie politisch steuern, wenn die wichtigsten Parameter wie Übertragbarkeit, Übertragungswege usw. bekannt sind. Ein gutes Beispiel ist China, dem es bisher mit totalitären Maßnahmen gelang, die Pandemie im eigenen Land unter Kontrolle zu behalten. Berichte aus anderen, nicht totalitär regierten Ländern klingen wie das Beispiel der Gurtpflicht: Teils wird erzählt, wie pflichtbewusst Menschen sich aufgrund ihrer Sozialisierung (oder auch aufgrund traumatischer Erfahrungen bei unkontrollierten Corona-Ausbrüchen) verhalten. Teils wird berichtet, dass die jeweilige Regierung eine gute Corona-Politik mache oder auch die nötigen Maßnahmen auf gute Weise kommuniziere.</p>
<p>Kommunikation ist an dieser Stelle das entscheidende Wort. Kommunikation findet durch politische Entscheidungen statt. Wer den Leuten sagt, sie sollten sich eigenverantwortlich richtig verhalten, muss in Kauf nehmen, dass viele das nicht tun, und kommuniziert damit automatisch, dass diese Angelegenheit, in der die Leute sich eigenverantwortlich verhalten sollen, nicht so wichtig sei. Ein Beispiel: Dieses Wochenende fand in Köln ein Fußballspiel mit 50.000 Zuschauerïnnen statt, die trotz entsprechender Verordnung keine Maske trugen. Da kann Lothar Wieler so oft in der Bundespressekonferenz ranten wie er will, sein Wort wird immer nicht so eindringlich wahrgenommen werden wie die Tatsache, dass ein solches Fußballspiel mit Publikum überhaupt stattfindet. Und wenn es stattfindet, also erlaubt ist, und alle selber wissen müssen, ob sie es für sich verantworten mögen, dorthin zu gehen, kann das mit der Pandemie ja nicht so schlimm sein. Wäre es schlimm, würde es ja verboten. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Steuern, Regeln, das Kybernetische in psychosozialen Systemen eben nicht als technokratisches Ziehen an Marionettenfäden gedacht werden darf, sondern als Akt der Kommunikation. Jegliches Gelaber über „Eigenverantwortung“, „Spaltung der Gesellschaft“, „Belastung der Wirtschaft“ und jede Talkshow-Einladung für Sahra Wagenknecht hämmert den Menschen ein, dass die Lage nicht besonders ernst ist.</p>
<p>Von einer „kybernetischen Illusion“ kann in diesem Sinne also keine Rede sein, denn es werden nicht Unregierbare wirkungslos regiert, sondern es werden Regierbare falsch regiert. Noch im Oktober, bei steigenden Fallzahlen und Warnungen durch die Expertïnnen, öffneten im Land die Clubs und Restaurants, wurden in den Schulen die Maskenpflichten gelockert und Impfwillige in damals weitgehend leeren Impfstellen abgewiesen, weil sie für ihre Booster-Impfung zwei Wochen zu früh kamen. All diese politischen Entscheidungen wurden bis heute nicht revidiert und wirken sich als Fehlsteuerung auf den Verlauf der Pandemie aus.</p>
<p>Der Grundgedanke der Kybernetik ist das Regeln anhand von Messwerten. Wird ein bestimmter Wert überschritten, wird eine Maßnahme eingeleitet, welche wieder gestoppt wird, sobald der Wert seinen Sollbereich erreicht hat. Das Standardbeispiel, mit dem dieser Grundgedanke meist veranschaulicht wird, ist eine Heizungsanlage mit Thermostat, die aufheizt, sobald eine bestimmte, vorgeingestellte Temperatur unterschritten wird, und wieder damit aufhört, wenn eine andere Temperatur überschritten wird.</p>
<p>Wer ein solches Steuerungssystem sabotieren möchte, hat mehrere Möglichkeiten: Den Thermostaten verstellen oder dafür sorgen, dass das System mit falschen Messwerten arbeitet. Ersteres wurde versucht, als in Deutschland die Grenzwerte für die 7-Tage-Inzidenz von 35–50 auf 100 und mehr hinaufgesetzt wurden. Letzteres passierte, als statt der Inzidenz der Hospitalisierungsindex als Leitwert genommen wurde. Das ist ungefähr so, als würden Rauchmelder auf dem Balkon statt im Zimmer aufgehängt. Falsch eingestellt und ohne sinnvolle Messwerte kann das System auch nicht mehr richtig regeln. Die Folge sind Lockerungen trotz steigender Zahlen. Das System ist nicht aufgrund einer &quot;kybernetischen Illusion&quot; unsteuerbar, sondern weil es wissentlich von den Verantwortlichen in eine unsteuerbare Situation gesteuert wurde.</p>
<p>Das Furchtbare an der Situation – um weiter über die Ursachen der Wut zu reden, statt über Kybernetik – ist, dass es mit dem Regierungswechsel nicht besser wird, sondern schlimmer. Die momentane Lage entstand zwar durch eine ganze Reihe von Versäumnissen der alten, noch geschäftsführend regierenden Bundesregierung und der Bundesländer, doch die fortgesetzte Katastrophe ist der Ampel-Koalition zu verdanken. Linksliberal orientierte Menschen hören das nicht gerne und finden es „unfair“, die Ampel verantwortlich zu machen, wo sie doch noch gar nicht regiere. Doch das geht leider an den Tatsachen vorbei.</p>
<p>Am 25. November endete die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“, auf deren Basis Bund und Länder Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Schulschließungen und all die anderen Dinge umsetzen konnten, die nötig werden, sobald nichts anderes mehr hilft. Das war ein Zeitpunkt, an dem die Inzidenz noch nie so hoch war und noch nie so steil stieg. Es wäre also rational gewesen, wenn der Bundestag diese „epidemische Lage“ um ein paar Monate verlängert hätte. Bund und Länder hätten dann aufgrund des bestehenden Infektionsschutzgesetzes agieren können.</p>
<p>Aber offenbar war es einer Frage der Wahlkampf-Ehre, insbesondere seitens der FDP, diesen Zustand für beendet zu erklären. Noch bevor die Ampel-Koalition eine Kanzlerïn wählte oder sich überhaupt auf einen Koalitionsvertrag geeinigt hatte, änderte sie das Infektionsschutzgestz. In der neuen Version ist die „epidemische Lage“ nicht nur aufgehoben, sondern es ist den Bundesländern auch noch ausdrücklich verboten worden, flächendeckend Schulen zu schließen, Lockdowns anzuordnen, Veranstaltungen zu verbieten oder andere Kontaktbeschränkungen zu erlassen. Das geht nur noch für Einzelfälle auf Landkreis-Ebene. Viele der bestehenden Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesländer – etwa Lockdown in Sachsen oder die Absage der Weihnachtsmärkte in Brandenburg – müssen am 15. Dezember enden, sofern sie pauschal und landesweit erlassen wurden. Liebe Brandenburgerïnnen, wenn ihr Glück habt, bekommt ihr also doch noch ein paar Tage Weihnachtsmarkt.</p>
<p>Währen die Bundesländer pandemiepolitisch also weitgehend entmachtet wurden, liegt jetzt alles in der Hand der Bundesregierung. Die ist aber geschäftsführend im Amt, hat keine Mehrheit im Parlament, und darf auch viele Maßnahmen gar nicht umsetzen, die Ländersache sind, die aber zugleich den Ländern verboten wurden. Da kann eins schon mal wütend werden, wenn Robert Habeck die Chuzpe hat, sich bei „Illner“ hinzusetzen und zu behaupten, es sei für die kommende Bundesregierung nicht leicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen, weil Apparat und Wissensgrundlage noch fehle und wir in einer politischen Übergangsphase seien.</p>
<p>Ja, wütend. Da ist sie, die Wut, und es lässt sich ziemlich klar sagen, warum ich und viele andere Menschen wütend sind. Und nein, es ist keine „kybernetische Illusion“ sondern die völlige Verantwortungslosigkeit fast aller politischen Akteurïnnen quer über alle Parteien hinweg.</p>
<p>Eventuell, mit etwas Glück, dämmert gerade den Ampel-Parteien, dass sie soeben einen katastrophalen Fehlstart hingelegt haben, der zehntausenden von Menschen das Leben kosten wird, was bisher nur viele noch nicht so richtig gemerkt haben. Das Auftauchen der Omikron-Variante ist ein gesichtswahrender Ausweg, diesen Fehlstart zu revidieren und wirksame Maßnahmen einzuleiten.</p>
<p>Bis dahin wünsche ich ein schönes Restwochenende und einen besinnlichen ersten Advent.</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 28 Nov 2021 18:59:46 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Neun Corona-Mythen und Fehlannahmen]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, vor zehn Monaten, im Verlauf der zweiten Corona-Welle, habe ich in meinem Blog 18 Corona-Mythen und Fehlannahmen aufgeschrieben. Denn im Verlauf der…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>vor zehn Monaten, im Verlauf der zweiten Corona-Welle, habe ich in meinem Blog <a href="http://www.ennopark.de/2021/01/19/16-corona-mythen-und-fehlannahmen-die-man-sich-abgewoehnen-sollte/">18 Corona-Mythen und Fehlannahmen</a> aufgeschrieben. Denn im Verlauf der Sars-CoV2-Pandemie haben sich allerlei Mythen und Legenden herausgebildet, die es erschweren, sinnvoll über Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung zu debattieren. Die meisten dieser Mythen und Legenden haben den Effekt, dass sie eine sinnvolle Diskussion über die jeweiligen Maßnahmen unterbinden.</p>
<p>An diese Liste musste ich wieder denken, seitdem uns politisches Vollversagen in die vierte Welle manövriert hat und die Gesellschaft einer Person gleicht, die schreiend im Kreis rennt, während die Intensivstationen langsam aber sicher in die völlige Überlastung fahren. Doch seit dem letzten Winter hat sich einiges geändert. Über bestimmte Dinge wird heute nicht mehr geredet, dafür ist anderer Unsinn im Umlauf. Neun weitere Punkte sind hinzu gekommen. Zeit für ein Update also.</p>
<p>Wichtig: Hier geht es eher nicht um die Hirngespinste aus der Querdenken-Bewegung. Nur falls sich Leserïnnen aus einer bestimmten Ecke schon freuten: Hier will ich weder das Virus oder seine Gefährlichkeit noch die Impfung oder den Sinn des Mund-Nasen-Schutzes in Frage stellen. Hier geht es nicht um Verschwörungsmythen, sondern um Ansichten, die sich festgesetzt haben und immer wieder geäußert werden, obwohl sie recht fragwürdig sind.</p>
<p><strong>1. Impfen bringe nichts</strong></p>
<p><a href="https://twitter.com/drluebbers/status/1459444370697080835">„Was hat Impfen eigentlich gebracht?“</a> lautet die „Bild“-Schlagzeile, und egal was im Artikel steht: Wer die Schlagzeile liest, ergänzt reflexartig: „Nichts“. Schließlich infizieren sich auch Geimpfte mit SARS-CoV2 und liegen auf Intensivstationen. Allerdings sind 80–90% der Corona-Intensivpatientïnnen ungeimpft, während nur etwa 23% der Deutschen ungeimpft sind. Würde die Impfung nicht helfen, müsste die Zahl der Geimpften auf den Intensivstationen viel größer sein. Tatsächlich haben fast alle Menschen, die trotz Impfung wegen Corona auf die Intensivstation kommen, entweder ein sehr hohes Alter, relativ schwere Vorerkrankungen oder beides. Leider machen Verquerdenkende gerade einen Treppenwitz draus:</p>
<a href="https://twitter.com/ennopark/status/1459209619344080900">https://twitter.com/ennopark/status/1459209619344080900</a>
<p><strong>2. Wir hätten eine „Pandemie der Ungeimpften“</strong></p>
<p>Leider nein. Der einfache Grund ist: Auch geimpfte Menschen können sich mit SARS-CoV2 infizieren und andere anstecken. Es passiert nicht so leicht wie bei ungeimpften, aber es passiert. Das ist weder neu noch überraschend. Die WHO <a href="https://www.who.int/publications/m/item/weekly-epidemiological-update-on-covid-19---24-august-2021">formulierte bereits im August</a> für die Delta-Variante: &quot;Similar transmissibility between vaccinated and unvaccinated individuals&quot;. Dummerweise haben die politisch verantwortlichen lange so getan, als sei das anders. Siehe Punkt 3.</p>
<p><strong>3. Die 2G/3G-Regeln würden bei der Pandemiebekämpfung helfen</strong></p>
<p>Die 3G-Regel unterstellt ja, dass nur Ungeimpfte sich testen lassen müssen und sich bei den anwesenden Geimpften nicht anstecken. <a href="https://steadyhq.com/de/ennopark/posts/db54e58c-9cd7-43e6-9e70-141f21b27612">Das macht 3G-Veranstaltungen zu Seuchenherden.</a> Dasselbe gilt für 2G-Veranstaltungen. Deren Teilnehmerïnnen haben zwar ein sehr geringes Risiko, selbst zu erkranken, aber tragen das Virus hinterher weiter und gefährden andere. Es müssten also bei 2G-/3G-Veranstaltungen eigentlich Masken und Abstand Pflicht sein, doch in der <a href="https://www.berlin.de/corona/massnahmen/verordnung/">Infektionsschutzmaßnahmenverordnung des Landes Berlin</a> heißt in fast allen Paragraphen, dass Abstandsgebote, Maskenpflicht und andere Einschränkungen in den jeweiligen Bereichen nicht gelten, wenn die Zusammenkunft unter „2G“ stattfindet. Die große Mehrzahl der Menschen wird also seitens ihrer Regierung noch ermuntert, sich zu verhalten, als gäb’s kein Corona, solange Geimpfte unter sich sind. Das Virus wird sich also wegen der 2G-Regelung noch schneller verbreiten als ohnehin schon.</p>
<p><strong>4. Eine Impfpflicht verstoße gegen die Verfassung</strong></p>
<p>Wird immer wieder behauptet, ist aber nicht so. Auch wurden in Deutschland bisher Pflichtimpfungen nicht aus juristischen Gründen abgeschafft, sondern weil sie medizinisch nicht mehr notwendig wahren, wie etwa die Pocken-Impfung nach Ausrottung der Pocken. Im Gegenteil: <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2020/05/rk20200511_1bvr046920.html">Im Mai 2020 hat das Bundesverfassungsgericht Beschwerden gegen eine Masern-Impfpflicht für Kitas abgewiesen</a>.</p>
<p><strong>5. Plexiglas-Barrieren</strong></p>
<p>Sie stehen in Arztpraxen, an Supermarktkassen und auf Kneipentresen und manchmal sogar in Parlamenten zwischen den Sitzen der Abgeordneten. Allerdings bringen sie wahrscheinlich kaum etwas. Zwar verhindern sie Tröpfchen-Infektionen beim direkten Ansprechen/Anhusten/Anniesen, allerdings verhindern sie nicht, dass sich Virus fein in Form von Aerosolen im Raum verteilt. Und das Aerosol wabert früher oder später auch hinter die Plexiglaswand. Unter bestimmten Umständen können sie sogar <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/coronaviren-forscher-raten-von-schutzwaenden-gegen-ab-a-dd7a6b46-4839-41eb-aa93-d3526c032dc4">kontraproduktiv sein</a>, weil sie beim Lüften den ungehinderten Luftaustausch blockieren. Wer hinter einer solchen Plexiglasscheibe sitzt, sollte also trotzdem eine FFP2-Maske tragen und für Luftaustausch sorgen.</p>
<p><strong>6. Kontaktbeschränkungen/Ausgangssperren seien nicht wirksam</strong></p>
<p>Ich wäre im Traum nie auf die Idee gekommen, diesen Punkt mit auf die Liste zu setzen, wenn FDP-Chef Christian Lindner ihn nicht in den Tagesthemen gebracht hätte. Selbstverständlich wirken Kontaktbeschränken. Wenn Menschen sich nicht begegnen, übertragen sie auch keine Viren. Allerdings ruderte Christian Lindner zurück und behauptet, er sei „missverstanden“ worden und habe nur Ausgangsbeschränkungen gemeint. Das ist dumm, denn aus wissenschaftlicher Sicht ist völlig unstrittig,<a href="https://twitter.com/ViolaPriesemann/status/1459431866340098051"> dass auch Ausgangsbeschränkungen die Verbreitung hemmen.</a> Viele Menschen nehmen das mit den Kontaktbeschränkungen nämlich nicht so genau und müssen dann per Ausgangssperre gehindert werden. Von Christian Lindner ist das aber auch ein klassisches Strohmann-Argument, denn eigentlich redet im Moment außer ihm niemand von Ausgangssperren.</p>
<p><strong>7. Die Inzidenz habe bei hohen Impfraten keine Aussage mehr</strong></p>
<p>Das ist falsch. Nicht nur weil auch Geimpfte andere anstecken können. Solange 20 Millionen Menschen im Land ungeimpft herumrennen, haben wir alleine mit denen genügend „kritische Masse“, um das Gesundheitssystem völlig zu überlasten. <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/corona-hospitalisierung-rate-rki-vorteile-nachteile-100.html">Die Zahl der Krankenhauseinweisungen als neuer Indikator anstelle der Inzidenz ist witzlos</a>, weil sie nachlaufend ist. Wenn die Leute im Krankenhaus landen, ist es für Vorsorgemaßnahmen zu spät. Und die Krankenhäuser können ihre Fallzahlen oft erst mit erheblichem Verzug melden, weil dafür schlichtweg kein einheitliches System existiert. (Auch eines von vielen, vielen Beispielen des Politik-Versagens: Einen Indikator einführen, der mangels System gar nicht richtig gemessen werden kann, ohne ein solches System vorher einzuführen.)</p>
<p><strong>8. Die Corona-Warn-App bringe nichts</strong></p>
<p>Wird immer bis heute wieder behauptet. Tatsächlich gibt es keine Zahlen. Niemand weiß, wie viele Infektionen durch Warnungen in der App verhindert werden konnten – es gibt allenfalls Schätzungen. Aber alleine heute warnen 5834 Menschen über die App andere Menschen, die ihnen begegnet sind. Selbst wenn nur ein Teil der so gewarnten sich isoliert und testen lässt, muss das einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Tatsächlich ist die Corona-Warn-App im Moment die einzige Chance, überhaupt Menschen davor zu warnen, dass sie Kontakt mit Infizierten hatten. Die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter ist nämlich längst zusammengebrochen. Wodurch ganz nebenbei auch die Verwendung der Luca-App sinnlos wird. Wir erinnern uns: Als Grenze, bis zu der die Gesundheitsämter noch Kontakte nachverfolgen konnten, um eine Welle zu verhindern, war eine Inzidenz von 35. Die hatten wir bundesweit das letzte mal im August. Bis wir diese Inzidenz wieder erreichen, ist das einzige, was wir tun können, uns per Corona-Warn-App gegenseitig zu warnen.</p>
<p><strong>9. Das Virus stammt aus einen Labor in Wuhan</strong></p>
<p>Ein Grund, warum dieser Verschwörungsmythos wieder aufgetaucht ist, ist ein Forschungsantrag. Im Jahr 2018 wollten Forscherïnnen am SARS-CoV1-Virus eine so genannte Furin-Spaltstelle ins Spike-Protein einbauen, um die Folgen für die Infektiösität zu studieren. SARS-CoV2 besitzt eine solche Furin-Spaltstelle, worin manche einen Hinweis sehen, dass es Ergebnis solcher Experimente sei. Problem: Der Forschungsantrag wurde abgelehnt. Das Experiment mit der Furin-Spaltstelle wurde nie durchgeführt. Dass SARS-CoV-2 im Spike-Protein eine Furin-Spaltstelle hat, ist auch kein Indiz dafür, dass ein solches Experiment stattfand. Solche Anpassungen kommen in der Natur häufig vor und sind erwartbar. Gerade deshalb wollten die Forscherïnnen es im Labor bauen, um es zu testen. Dass SARS-CoV2 aus SARS-CoV1 im Labor zusammengebaut wurde, ist theoretisch möglich, praktisch jedoch ausgesprochen unwahrscheinlich. Wäre es ein menschengemachter Umbau, hätten gäbe es zwei Viren, die weitgehend identisch sind, und sich an den wenigen Stellen unterscheiden, an denen umgebaut wurde. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/info/92-Coronavirus-Update-Woher-stammt-das-Virus,podcastcoronavirus322.html">SARS-CoV2 hat jedoch gegenüber SARS-CoV1 so viele verschiedene und unsystematische Veränderungen, dass es keine plausible Erklärung dafür gibt, wer die alles aus welchen Grund vorgenommen haben könnte und warum.</a> Und technisch wäre es absurd aufwendig gewesen, das so hinzubekommen.</p>
<p>Der letzte Punkt ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie Verschwörungsmythen und unrealistische Vorstellungen vom technisch Machbaren das Denken verkleben. Denn wahrscheinlich ist SARS-CoV2 durch den Konsum und Missbrauch von Wildtieren und dem zu engen Zusammenleben von Mensch und Tier entstanden. Was bedeutet, dass auf diesem Wege weitere Seuchen entstehen werden. Glauben wir jedoch an die Laborhypothese glauben, findet die Wildtierhypothese in unserem Denken erst gar nicht statt. Wir kommen nicht einmal entfernt auf den Gedanken, dass es eine gute Idee sein könnte, unseren Umgang mit Tieren zu verändern. Deshalb gibt es durchaus ein wirtschaftliches Interesse daran, dass viele Menschen an die Laborhypothese glauben, und verbreiten diese. Letzteres ist zwar nach aktuellem Stand eine Verschwörungstheorie, aber immerhin keine, die einen Mythos bemühen muss.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 14 Nov 2021 19:16:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Corona 4]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, mit 37.120 Neuinfektionen vergangenen Donnerstag und einer Sieben-Tages-Inzidenz von 191 ist die vierte Corona-Welle die bislang höchste in…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p></p>
<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>mit 37.120 Neuinfektionen vergangenen Donnerstag und einer Sieben-Tages-Inzidenz von 191 ist die vierte Corona-Welle die bislang höchste in Deutschland. In den nächsten Tagen und Wochen geraten die Intensivstationen über ihre Kapazitätsgrenze, an der einige sowieso schon arbeiten. Dementsprechend wird sich die Zahl der Todesopfer entwickeln. Bundes- und Landesregierungen bleiben weitgehend untätig. Als Ausweg gilt derzeit die Impfung, während fast alle anderen Schutzmaßnahmen bis auf Reste aufgehoben sind. Das ist fatal:</p>
<p>Wir haben ungefähr 25 Millionen ungeimpfte Menschen in Deutschland, darunter etwa acht Millionen Kinder unter 12 Jahren. Selbst wenn wir jetzt sofort anfangen, sie alle zu impfen, bestünde der Impfschutz für die schnellsten erst in rund sechs Wochen, nämlich 14 Tage nach der Zweitimpfung. Dann ist Weihnachten. Natürlich dauert es in der Praxis viel länger, 25 Millionen Menschen zu impfen. Das heißt, egal wie eins es dreht und wendet: Mit einer Impfkampagne, einer Impfpflicht und/oder der Freigabe des Impfstoffes für Kinder ist die vierte Welle nicht mehr vor dem Frühjahr zu brechen. Eine solche Kampagne hätte bereits im Hochsommer beginnen müssen. Doch da liefen bereits die Planungen dafür, die Impfzentren wieder zu schließen. (Übrigens auch auf Betreiben der Kassenärztlichen Vereinigung, die in den Impfzentren eine Konkurrenz zu niedergelassenen Ärzten sieht, die ihnen das Geschäft streitig macht.)</p>
<p>Auch wenn wir auf jeden Fall eine Impfkampagne brauchen, damit dieser Alptraum irgendwann mal endet, bleibt überhaupt keine andere Wahl, als die bisherigen Maßnahmen wiederzubeleben: FFP2-Masken, Abstand, Lüften, Kontaktbeschränkungen, Home-Office, Fernunterricht, Schulklassenteilung bis hin zur Schließung nicht systemrelevanter Betriebe, um die vierte Welle zu brechen. Eine moralische Argumentation, wonach die Impfverweigerïnnen selber Schuld seien und jetzt halt die Verantwortung tragen, wenn sie krank werden, ist hier leider zu kurz gedacht: Wenn die Opfer der vierten Welle die Intensivstationen überlasten, bedeutet das, dass monatelang nicht mehr genügend Betten bzw. Personal für die ganz alltäglichen Verkehrsunfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle zur Verfügung steht. Ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die aufgrund von „Long Covid“ langfristig erkranken, das Gesundheitssystem belasten und womöglich gänzlich berufsunfähig werden. Es ist nicht allein Problem und Verantwortung der Ungeimpften – den Schaden tragen wir alle.</p>
<p>Die momentan praktizierte Antwort auf die Misere lautet 2G/3G. Nur noch geimpfte (genesene und getestete) Menschen zuzulassen ist aber kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems. Denn üblicherweise wird auf 2G-/3G-Veranstaltungen so getan, als gäbe es Corona nicht. Meistens werden keine Masken getragen und keine Abstände eingehalten. Erst hieß es, dass Geimpfte nicht ansteckend seien, dann war die Sprachregelung, dass ihre Infektiosität für den Pandemieverlauf keine Rolle spiele. Das ist falsch. So untersucht eine frisch <a href="https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(21)00648-4/fulltext">bei Lancet veröffentlichte Studie</a> die „secondary attack rate“ in betroffenen Haushalten, also die Frage, wie viele weitere Personen sich anstecken, wenn sie in einem Haushalt mit einer Person leben, die mit der Delta-Variante infiziert ist. Bei Ungeimpften ist die Zahl 38%, bei Geimpften 25%. Zum Vergleich: Die „secondary attack rate“ des so genannten Wildtyps Anfang 2020 lag je nach Art des Haushaltes bei den damals sowieso Ungeimpften bei <a href="https://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099(20)30471-0/fulltext">12,4–17,1%</a>. Solche Studienergebnisse liefern nur Momentaufnahmen und können in verschiedenen Haushalten und Lebensweisen sehr unterschiedlich ausfallen, aber es gibt bis auf weiteres hinreichenden Grund anzunehmen, dass geimpfte Menschen, die mit Delta infiziert sind, mindestens genauso ansteckend wenn nicht sogar ansteckender sind, als die ungeimpft Infizierten der ersten Wellen des Jahres 2020 es waren.</p>
<p>Bei niedrigen Fallzahlen, wie wir sie im vergangenen Sommer hatten, mag das nicht so wichtig sein, aber bei der aktuell hohen und weiterhin steigender Inzidenz sieht das ganz anders aus. Restaurants, Clubs, Kneipen und Kinos sind gemeinschaftliche Aerosolbäder, in denen Geimpfte sich fröhlich gegenseitig infizieren. Das Risiko junger und gesunder Geimpfter, dabei schwer zu erkranken, ist verschwindend gering. Aber sie tragen das Virus halt in andere Bereiche, wo sie die 25 Millionen Ungeimpften infizieren können. Also im Fall von 2G. Bei 3G sind die Ungeimpften praktischerweise gleich vor Ort dabei.</p>
<p>2G/3G hat so, wie wir es anwenden, noch viele anderen Schwächen: Menschen fälschen Impfpässe. Impfpässe und Tests werden an vielen Orten nicht ernsthaft überprüft. Oder Menschen sind einmalig mit Johnson &amp; Johnson geimpft und bräuchten eigentlich eine Auffrischungs-/Booster-Impfung, haben aber trotzdem einen Impfpass, der sie als „vollständig geimpft“ ausweist. Eigentlich müssten alle getestet werden, auch die Geimpften. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass 2G-/3G-Veranstaltungen sicher sind. Im Gegenteil ist es recht wahrscheinlich, auf 2G-/3G-Veranstaltungen früher oder später auf infektiöse Menschen zu treffen. Zugleich schadet 2G/3G dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, weil Menschen sich diskriminiert fühlen – und zwar nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Geimpfte, die Abstand und Masken einfordern. „Bleib halt weg, wenn du Angst hast“, ist nicht das gesellschaftliche Klima, das ich mir wünschen würde. </p>
<p>Geimpfte Menschen fühlen sich unter 2G-Bedingungen oft sicher, weil ihnen monatelang eingetrichtert wurde, dass 2G sicher sei. Dabei können ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankung durchaus trotz Impfung schwer an Covid19 erkranken. Das passiert sehr viel seltener, als bei Ungeimpften, aber es passiert. Etwa 10-20% der Menschen, die wegen Covid19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, sind geimpft. Die meisten von ihnen sind alt und/oder in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Diese Menschen werden durch die 2G-Regeln nicht hinreichend geschützt. Weil dort nur selten auf Masken und Abstand geachtet wird, tragen diese Menschen auf 2G-Veranstaltungen sogar ein besonderes Risiko. 2G/3G heizt die Pandemie an.</p>
<p>Selbstverständlich heißt das nicht, dass Impfen sich nicht lohnt. Im Gegenteil. Geimpfte Menschen infizieren sich weniger leicht. Wenn sie infiziert sind, sind sie weniger und für kürzere Zeit ansteckend. Impfungen wirken deshalb bremsend auf das Infektionsgeschehen. Die Gefahr, schwer an Covid19 zu erkranken oder womöglich daran zu sterben, ist um Größenordnungen kleiner. So viele Menschen wie möglich sollten deshalb geimpft werden. Aber wir schaffen es eben nicht mehr rechtzeitig für die vierte Welle. Um diese zu brechen, muss zu den alt bekannten Maßnahmen zurückgekehrt werden.</p>
<p>Doch der Staat unternimmt trotz dramatisch steigender Zahlen gerade nichts. Im Gegenteil, es wirkt geradezu so, als sei die vierte Welle von unseren Politikerïnnen bewusst in Kauf genommen worden. Anders ist die Corona-Politik der letzten Wochen nicht zu erklären. Wer kann, schützt sich selbst, lässt sich impfen, trägt weiter Maske und achtet auf Abstand, geht nicht in Restaurants, Kinos oder Kneipen, testet sich vor privaten Zusammenkünften und besteht darauf, dass die anderen sich auch testen – und erntet dafür von den Mitmenschen oft genug Augenrollen, Häme und Unverständnis. </p>
<p>Mehr können wir individuell nicht tun. Bei allem anderen können wir leider nicht darauf vertrauen, dass der Staat uns schützt. Menschen in Pflegeeinrichtungen können sich nicht dagegen wehren, wenn ihre Pflegerïnnen ungeimpft sind und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen nicht einhalten. Kinder unter 12 Jahren bekommen Impfungen nur „off-label“, wenn sie hartnäckige Eltern haben. Minderjährige sind überhaupt einem eventuellen Querdenkerïnnentum der Eltern ungeschützt ausgeliefert. Vollkommen schutzlos sind Kinder im Schulunterricht. Test- und Maskenpflicht gibt es nur noch vereinzelt, Luftfilter-Anlagen sind weiterhin die Ausnahme, und Kleingruppen sowie Fernunterricht wurden fast überall abgeschafft. Am Arbeitsplatz sind alle dem guten Willen ihrer Arbeitgeberïn ausgeliefert, wenn sie vor Ort ausreichende Schutzmaßnahmen haben oder von Zuhause arbeiten möchten. Die staatlich verordneten Schutzmaßnahmen genügen nicht und Arbeitgeberïnnen haben wenig Anreize, diese überzuerfüllen. Ihre Rechtslage ist derzeit eher paradox: Angenommen, eine Arbeitgeberïn möchte eine betriebliche Weihnachtsfeier unter 2G-Bedingungen durchführen. Es ist streng genommen nicht möglich, <a href="https://rechtsbelehrung.com/99-arbeitsrecht-impfstatus/">weil Arbeitgeberïnnen den Impfstatus ihrer Angestellten gar nicht abfragen dürfen</a>. </p>
<p>Politikerïnnen kümmern sich derzeit nicht. Es wirkt, als ducken sich gerade alle, damit die Situation möglichst bald vorüberzieht, ohne dass jemand persönlich damit in Verbindung gebracht wird. Die Bildung einer neuen Bundesregierung ist keine Entschuldigung, schließlich ist die alte noch geschäftsführend im Amt. Wahlen können an so einer Situation nichts ändern. Abgesehen davon, dass gerade erst eine Bundestagswahl war: Von der Union über FDP, SPD und Grünen bis hin zur Linken praktizieren gerade alle Parteien über ihre Regierungsbeteiligungen in den Ländern im Großen und Ganzen die gleiche Corona-Politik. Nur die AfD nicht, die regiert zwar nirgends, aber ist noch schlimmer.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S.: Auf Twitter hat jemand den eventuell letzten guten Corona-Witz gemacht. </em></p>
<a href="https://twitter.com/SarahSurgey1/status/1444592424668520451">https://twitter.com/SarahSurgey1/status/1444592424668520451</a>
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      <pubDate>Sun, 07 Nov 2021 16:57:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Endzeit, eine Gedichtanalyse – Technik, Kultur & Katzencontent 16]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, bei unserer regelmäßigen Beschäftigung mit kalter Technik und seelenloser Digitalität muss gelegentlich auch einmal Zeit für etwas Erbauliches sein.…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>bei unserer regelmäßigen Beschäftigung mit kalter Technik und seelenloser Digitalität muss gelegentlich auch einmal Zeit für etwas Erbauliches sein. Deshalb komme ich heute einer <a href="https://twitter.com/colourpohl/status/1451947578816442374">Bitte aus dem Internet</a> nach, eine Gedichtanalyse zu verfassen. Die bemerkenswerte Elegie „Endzeit“ hat der allseits geschätzte Archäologe Mirko „Der Buddler“ Gutjahr bei einer gegenswartsarchäologischen Prospektion <a href="https://twitter.com/DerBuddler/status/1451940457932546057">in einem Leipziger Schaufenster gefunden</a>. (Zum Betrachten in höherer Auflösung bitte auf das Bild klicken/tappen.)</p>
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<p><em>(Fotos: </em><a href="https://twitter.com/derbuddler"><em>Mirko Gutjahr</em></a><em>)</em></p>
<p>Der Titel „Endzeit“ öffnet trotz seiner Schlichtheit eine monumentale Rahmung. Der Einstieg erfolgt mit dem Bild eines Virus. Das Gedicht entstand also während einer der großen Pandemien. Doch um welche Pandemie könnte es sich handeln? Die typografische Aufmachung deutet darauf hin, dass das Gedicht auf einem Windows-PC getippt wurde und deshalb frühestens Anfang der 1990er Jahren entstanden sein konnte. Natürlich ist es denkbar, dass hier lediglich ein viel älteres Gedicht abgetippt wurde, aber die Verwendung aktueller Ausdrücke wie „Chemtrails“ oder „Big Pharma“ dürfte eine solche Einstufung widerlegen. Es handelt sich also weder um die Pest noch um die Cholera und auch nicht um die spanische Grippe. Die Erwähnung von „5G“, einem derzeit in Einführung begriffenen Mobilfunkstandard, deutet darauf hin, dass es sich bei dem Gedicht um ein Produkt der Gegenwart handelt und mit Virus wahrscheinlich SARS-CoV2 gemeint ist.</p>
<p>Das Gedicht gliedert sich in mehrere Teile: Einem Einstieg mit zwei vierzeiligen Versen sowie einem Hauptteil mit fünf mal drei zweizeiligen Versen. Der Einstieg beschreibt ein Virus (lat.: „Gift“), das in die Welt gesetzt wurde, um die „Menschen gegeneinander aufzuhetzen“ und „zur Schlachtbank zu treiben“. Im Zentrum dieser Einleitung steht die rhetorische Frage an die Leserïnnen, ob sie das (hier in Versalien gesetzte) Gift (lat.: „Virus“) „auch schon in sich drin haben“. In der zweiten Hälfte der Einleitung wird dieses Bild mit Lügen, Angst und Geldverdienen verbunden sowie mit gesundem Menschenverstand und der Abwesenheit von Intuition gleichermaßen. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass dieses Gedicht weder rein intuitiv noch einem „gesunden Menschenverstand“ folgend zu deuten ist.</p>
<p>Es folgt der Hauptteil mit seinen fünf Sinneinheiten, die jeweils in drei zweizeilige Strophen unterteilt sind. Die erste zeichnet ein an apokalyptische Darstellungen erinnerndes Schreckensbild aus einer „Weltwirtschaft am Abgrund“, Obdachlosigkeit in Verbindung mit der Pharma-Industrie (gr.: φάρμακον: „Heilmittel, Gift“), die sich an einer „dahinsiechenden und langsam verreckenden Welt“ „Milliarden auf die hohe Kante“ schaufelt. Der Teil endet mit Rückbindung des Bildes an den Begriff der Lüge.</p>
<p>Der zweite Teil thematisiert so genannte „Chemtrails“, also einen Verschwörungsmythos, wonach von Flugzeugen aus Gift über dem ganzen Land versprüht würde, um einen langsamen Genozid zu verüben. Wir haben hier also wieder das Bild des „Giftes“, das erneut in der letzten Strophe dieses Abschnittes an das Thema „Lüge“ rückgebunden wird. Während der erste Abschnitt des Hauptteils noch mit einer Frage endete, schließt der zweite Teil mit der Quasi-Aufforderung, in den Himmel zu schauen, anstatt (erneut in Versalien gesetzt) medialen Lügen zu glauben. Liegt die Antwort im Himmel?</p>
<p>Ja, ganz offensichtlich, wie der dritte Abschnitt des Hauptteils verrät. Denn was kommt aus aus dem Himmel entgegen? UFOS! Wobei die Leserïnnen hier natürlich nicht einfach an unbekannte Flugobjekte denken, sondern an außerirdische Lebensformen, die die Erde besuchen. Oder auch nicht, denn es ist von einer „Fake Alien Invasion“ (in Versalien) die Rede, welche für das im Jahr 2022 auf einer Agenda (wessen?) stünde. Doch anders als die vorangehenden Abschnitte scheint das Thema der Lüge hier keine so wichtige Rolle mehr zu spielen. Stattdessen schließt es mit einem Bild, das an einen Weltuntergang gemahnt („Risse in die Raumzeit reißen“).</p>
<p>Nach diesem Höhepunkt kehrt das Gedicht wieder zum Thema Gift zurück, hier in Gestalt von Glyphosat. In diesem Abschnitt werden das klimaschädliche Gas CO2 (offenbar gut, aber verteufelt) und der Mobilfunkstandard 5G (offenbar böse) gegenüber gestellt. Wiederum ist der Begriff der Lüge auch hier im Verb „verteufeln“ präsent, steht aber erneut nicht im Vordergrund. Dafür werden Glyphosat, Muttermilch, CO2 und 5G mit dem Thema Digitalisierung verknüpft, welche als „Cyborg-Menschen Kreierung“ (in Versalien) bezeichnet wird.</p>
<p>Im letzten Teil schließlich scheint eine apokalyptische Naturkatastrophe stattzufinden. „Mutter Erde wehrt sich“ und zwar mit „ungezähmter Vulkan-Gewalt“ (in Versalien). Diese Katastrophe scheint aber nicht den Untergang zu bedeuten, sondern die Vernichtung eines „falschen Geistes“, der die Welt seit 6000 Jahren versklave. „Dann sind unsere Seelen wieder frei“ jubelt es in der letzten Strophe. Der Begriff der Lüge taucht ein letztes mal prominent in der letzten Zeile als „Lügen-Matrix“ (in Versalien) auf, allerdings ist es mit dem Lügen, das von Abschnitt zu abschnitt verblasste, nun ganz vorbei.</p>
<p>Inhaltlich handelt es sich also um eine Ansammlung gängiger und aktueller Klischees des verschwörungsmythischen Denkens in Verknüpfung mit apokalyptischen Vorstellungen, welche in scheinbar elegischer Form vorgetragen wird. Die vielen Aussagen wirken zwar oberflächlich betrachtet anklagend, doch ein Blick auf die äußere Form verrät, dass das Gedicht durchaus anders gemeint sein dürfte. Diese lehnt sich nämlich an keine der bekannten Strukturen wie Sonett, Limerick oder Haiku an. Und um konkrete Poesie handelt es sich eben so wenig: Keine Lautmalerei, kein Spiel mit Klängen, keine synästhetisch in Pastelltönen dahingetupften Wortbilder – dies ist trotz einiger in Versalien gesetzter Wörter kein Gomringer, und will ganz gewiss auch kein Gomringer sein.</p>
<p>Strukturell teilt sich das Gedicht, wie gesagt, in Einführung und Hauptteil, wobei sich der Hauptteil nochmals in fünf Teile gliedert, die den typischen fünf Phasen der Novelle folgen: Klimax (UFO-Invasion!) in der Mitte und Katastophe (Weltuntergang!) am Ende. Die vorgeschaltete Einleitung, also das Thema Pandemie, ist nicht wirklich wichtig, sondern soll in der Gegenwart abholen und diese mit der Apokalypse verknüpfen. Der Hauptteil wiederum signalisiert durch seinen strukturellen Aufbau als Novelle, dass er uneigentlich und symbolisch zu lesen sei. Die Apokalypse steht hier also für etwas anderes. Doch wofür? Dazu später mehr.</p>
<p>Anstelle eines typischen Versmaßes verwendet die Autorïn eine freie Form, die von Vers zu Vers variiert, ein Merkmal, das sich sonst bei der Hymne findet. Handelt es sich also um das glatte Gegenteil einer Elegie, um eine (Freuden-)Hymne? Der kraftvolle Duktus und das jubilierende Ende legen dies nahe! Auch das Metrum unterstützt diese Lesart: Haben wir beispielsweise in der ersten Zeile zunächst einen gewöhnlichen Jambus, wird dieser in der zweiten Zeile stakkatohaft durch das Wort „gegeneinander“ unterbrochen. In den folgenden Zeilen wird der Jambus aufrecht erhalten, jedoch immer wieder mit scheinbar chaotischen Silbenfolgen wie „aber keine Intuition“ erneut unterbrochen. Das ist natürlich Absicht und auf mehrfache Hinsicht ausgesprochen elegant. Während auf oberflächlicher Ebene die unterbrochenen Rhythmen wirken, als sollten sie ein Gefühl der Verstörung hervorrufen, unterstreichen sie heimlich die hymnische Freiheit der Form. Hier wird nicht geklagt, hier wird gefeiert.</p>
<p>Dabei erweckt der gekonnte Knittelvers geschickt den Eindruck, dass es sich um eine Art „Laiengedicht“ handele, wie es häufig auch auf Hochzeiten und ähnlichen Anlässen vorgetragen wird. Es täuscht eine bestimmte Form intellektueller Schlichtheit vor und will anti-elitär wirken, als ob es nicht von „denen da oben“, einer fähigen Autorïn stammen würde. <em>Dies ist ein Gedicht, das von deinesgleichen für dich geschrieben wurde</em>, will die Autorïn ihren Leserïnnen mitteilen – oder vormachen. Damit tritt sie hinter den eigentlichen Inhalt zurück.</p>
<p>Ob diese Deutung standhält, verrät vielleicht auch ein Blick auf die Autorïn. Sie bleibt leider namenlos, jedoch lässt sich aus der Fundstelle einiges an Kontext ableiten. Das Schaufenster, in dem das Gedicht ausgelegt ist, wird von Gutjahr auch als „<a href="https://twitter.com/DerBuddler/status/1451944680170704902">Gesamtkunstwerk</a>“ bezeichnet. Darin stehen zwei esoterische Bücher: „Jenseits des Greifbaren – Engel, Geister &amp; Dämonen“ sowie „Die Manipulationen der Anunnaki – Satanismus, andere Dimensionen und die Ursprüngen des Bösen“. Außerdem enthält es eine Statuette des altägyptischen Totengottes Anubis, eine Statuette, die zwei Eichhörnchen darstellt, sowie symmetrisch mit jeweils vier Füchsen bedruckte Servietten. Die Konstellation der Gegenstände ist wohlgeordnet. In symmetrischer Anordnung verbinden sich die beiden außen liegenden Blätter des „Endzeit“-Gedichtes über die Füchse, welche Sünde, List und Verschlagenheit symbolisierenden, mit Anubis im Zentrum, also derjenigen Gottheit, die uns bei unserem Tod ins Jenseits geleiten soll.</p>
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<p><em>(Fotos: </em><a href="https://twitter.com/derbuddler"><em>Mirko Gutjahr</em></a><em>)</em></p>
<p>Die Installation würde den Eindruck eines verwirrten Geistes vermitteln, der glaubt, in Esoterik und Verschwörungsglauben eine Ordnung der Dinge gefunden zu haben, wären da nicht die Eichhörnchen. Als Nager, die fleißig Wintervorräte sammeln, gelten sie gemeinhin als Sinnbild für vorausschauende Vernunft. Diese Eichhörnchen wurden losgelöst von der restlichen Elementen ganz in der Ecke platziert und betrachten die Szenerie mit erbaulicher Pose. Die Ratio der Autorïn liegt also nicht im Gedicht, den Esoterik-Büchern und der Anubis-Status sondern betrachtet all dies von außen. Im Gesamtkunstwerk spiegelt sich also, was wir schon für das Gedicht selbst vermuten konnten: Es geht hier nicht um die propagandiste Verbreitung verschwörungsideologischer Inhalte sondern um deren Betrachtung von einer Metaebene aus.</p>
<p>Also ist die wahre Bedeutung von „Endzeit“ sozusagen im Innern einer lyrischen Matroska verborgen. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass ein Gedicht chaotische Endzeitzustände feiern möchte, während es diese zu beklagen vorgibt, doch der Blick des Eichhörnchens verrät uns, dass auch diese Ebene eine uneigentliche ist. Ja, das Gedicht ist eine Hymne, die Autorïn möchte etwas feiern, aber eben nicht die Apokalypse sondern etwas ganz anderes: Sie zelebriert, Blödsinn zu behaupten und alles und jedes nach Belieben in Zusammenhang zu stellen, etwa 6000 Jahre Sklaverei, 5G und eine Pandemie. Glyphosat, Muttermilch, CO2, 5G, Digitalisierung und „Cyborg-Menschen Kreierung“ werden weder gefeiert, noch beklagt, sondern lustvoll zu einer wüsten Unsinnsgemengelage montiert und <em>dieses</em> dann gefeiert. Die Autorïn zelebriert Drama und Weltuntergang, wobei es ihr nicht um den Weltuntergang sondern um das Drama geht. Gefeiert wird die Lust, monumental und mit Anlauf groben Unfug zu reden. Was gesagt wird, ist egal. Ob es wirklich geglaubt wird, auch. Querdenken bringt Spaß und nur darum geht es.</p>
<p>Das Gedicht „Endzeit“ ist eine Hymne auf das Bullshitten aus Freude am Bullshitten. Oder zumindest diese Gedichtanaylse.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
<p></p>
<p><em>P.S.: Nächstes Wochenende dann wieder was Ernsthaftes mit Technikkultur oder Digitalisierung oder so und etwas weniger indirektem Katzencontent.</em></p>
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      <pubDate>Sun, 24 Oct 2021 14:15:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Von Büchern und Büchern – Technik, Kultur & Katzencontent 15]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, Im Kopf herumkramend kam mir das Zitat „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Bibliotheken ablesen.“. Das ist ein…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>im Kopf herumkramend kam mir das Zitat „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Bibliotheken ablesen.“. Das ist ein schönes Beispiel für ein trügerisches Gedächnis und die Konstruktion von Erinnerung, denn natürlich lautet das berühmte Dostojewski-Zitat: „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Gefangenen ablesen.“ und ich bin froh, diesen Satz nicht getwittert und damit nicht versehentlich zur unaufhörlichen Produktion von Fake-Zitaten in den sozialen Medien beigetragen zu haben.</p>
<p>Jedenfalls: Wir haben solch ein Glück, dass wir seit Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein zugängliche, öffentliche Bibliotheken haben. In der heutigen politischen Landschaft ließe sich so etwas kaum mehr durchsetzen. Eins stelle sich nun vor, jemand erfindet eine Technologie, die es auch benachteiligten Menschen, also zum Beispiel kranke, behinderte, alleinerziehende mit wenig Zeit usw., ermöglicht, Bücher auszuleihen, ohne zu Öffnungszeiten wo hingehen zu müssen. Das kann und darf nicht sein, das muss sofort unterbunden werden! Jedenfalls wenn es nach einer Initiative geht, die sich „Fair lesen“ nennt. <a href="https://www.initiative-fair-lesen.de/">Auf ihrer Webseite</a> zeichnet sie mit den Konterfeis von Großverdienerïnnen des Literaturbetriebs ein Bild von Literatïnnen, die am Hungertuch nagen müssen, weil Menschen Bibliotheken benutzen, statt ihre Bücher zu kaufen. Unter der Überschrift „Schreiben ist nicht umsonst“ stehen Sätze wie „Wer die Onleihe für E-Books nahe am Nulltarif fordert, der bedroht die literarische Freiheit in unserem Land.“ Als <a href="https://twitter.com/TiniDo/status/1449394067402629130">großflächige Zeitungsanzeige</a> sieht das so aus:</p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F8101e357-fb34-425a-a41c-96ca7a39b77b%2Fuploads%2Fimages%2Fwe3jfaelpk%2FFB1IOBUXsAICUXj.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=e899ab08c12002e75cf2b81478ae0cf5" alt=""/>
<p>Das ist pure Propaganda von Teilen der Verlagsbranche. Blicken wir auf die Fakten:</p>
<p>Anlass für die Kampagne ist der Streit um eine gesetzliche Grundlage für die Lizenzierung von E-Books. Die werden noch immer anders behandelt als Bücher aus gebundenem Papier. Am Verleih klassischer Papierbücher verdienen Verlage, Buchhandel und Autorïnnen ziemlich gut: <a href="https://service-wiki.hbz-nrw.de/display/DBS/01.+Gesamtauswertungen+-+Kerndaten%2C+dt.+ab+1999?preview=/99811333/662241482/dbs_gesamt_dt_2020.pdf">Die 7099 Bibliotheken in Deutschland gaben allein im Jahr 2020 112 Millionen Euro für Neuerwerbungen aus</a>, die ganz normal über den Buchhandel laufen, und zwar sobald die Bücher am Markt erhältlich sind. Die Bibliotheken haben aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit das Privileg, diese Bücher an ihre Nutzerïnnen zu verleihen. Dafür bekommen Autorïnnen eine Bibliothekstantieme, die bei einigen Cent pro Ausleihe liegt und über die VG-Wort ausgeschüttet wird. Das ist gesetzlich so geregelt.</p>
<p>Nicht gesetzlich geregelt ist der Bibliotheksverleih von E-Books, <a href="https://www.bibliotheksverband.de/e-books-bibliotheken">und verläuft deswegen ganz anders.</a> Die Bibliotheken erwerben die Bücher nicht im Buchhandel, sondern über Agenturen wie Overdrive oder Divibib, welche wiederum die Lizenzbedingungen für unterschiedliche Titel mit unterschiedlichen Verlagen verhandeln. Das heißt, der Buchhandel bekommt nichts und die Autorïnnen nur, wenn die Verlage ihnen etwas vom Kuchen abgeben. Das hängt letztlich von der Verhandlungsmacht der Autorïnnen gegenüber den Verlagen ab. Die Verlage haben auch die Kontrolle über die Konditionen und können bestimmte E-Books auch ganz aus den Bibliotheken halten, wenn sie sich davon höhere Einnahmen erhoffen. Die Konditionen sind nicht einheitlich, aber typisch ist, dass eine E-Book-Lizenz ungefähr doppelt soviel kosten kann, wie ein Papierbuch im Buchhandel. So eine Lizenz gilt dann beispielsweise für zwei Jahre, bis sie erlischt und die Bibliothek eine neue Lizenz erwerben muss.</p>
<p>Einen Grund für diese Ungleichbehandlung von papiernen und digitalen Büchern gibt es eigentlich nicht. Buch ist Buch. Das wichtigste Argument für diese Ungleichbehandlung scheint der Geruch von Büchern aus Papier zu sein, was romantische Gründe haben soll. Diesen Geruch scheinen manche wichtiger zu finden als den Inhalt, was an der berauschenden Wirkung von Stoffen wie Toluol in Leim und Druckerschwärze liegen könnte und als sozial anerkannte Variante des Klebstoffschnüffelns betrachtet werden kann. Aber das ist ein anderes Thema.</p>
<p>Buch ist Buch, findet auch die Gesetzgeberïn. Unter anderem deshalb gilt seit 2019 endlich auch derselbe ermäßigte Umsatzsteuersatz von sieben Prozent für Papierbücher und E-Books gleichermaßen. Und weil Buch eben Buch ist, hat der Bundesrat im Frühjahr 2021 einen <a href="https://www.heise.de/downloads/18/3/0/8/4/3/3/1/142-21_B_.pdf">Vorschlag für einen Gesetzesentwurf</a> gemacht, der E-Books auch im Bibliothekswesen mit papiernen Büchern gleichstellen soll. Das bedeutet wie gesagt: Erwerb im Buchhandel und die Autorïnnen erhalten Tantiemen von der VG-Wort.</p>
<p>Natürlich schmeckt das den Verlagen nicht. Sie müssen sich den Umsatz mit dem Buchhandel teilen, haben weniger Verhandlungsmacht und auch keine Kontrolle mehr darüber, ob und in welchem Ausmaß sie die Autorïnnen am Lizenzgeschäft beteiligen. Eine Aufrechterhaltung des Status Quo nützt also nur den Verlagen. Bibliotheken, ihre Nutzerïnnen, der Buchhandel und die Autorïnnen würden hingegen eher davon profitieren, wenn alle Bücher gleich behandelt würden. Und die Verlage gingen auch nicht vollständig leer aus, sondern bleiben wie bei Papierbüchern am Umsatz beteiligt, den der Neuerwerb generiert.</p>
<p>Es geht als letztlich um harte wirtschaftliche Interessen von – seien wir ehrlich – Großkonzernen. Die Verlage haben eine außergewöhnliche Stellung und ihr Ruf unterscheidet sich deutlich von dem anderer Medienunternehmen. Film- und Musikindustrie gelten längst als kommerzialisierte Haifischbecken, während es den Buchverlagen weiterhin gelingt, ihren Nimbus als Hort der Intellektualität und Bewahrende der abendländischen Kultur zu pflegen. Und das obwohl die Methoden, in mit denen in der Literaturindustrie gearbeitet wird, am Ende die gleichen sind wie in der Film- und Musikindustrie. Was nicht heißt, dass es nicht all die idealistischen Kleinverlage gibt, genauso wie es Indie-Filmproduktionen und ebensolche Plattenlabel gibt, aber die stecken halt nicht hinter Kampagnen wie „Fair lesen“.</p>
<p>Diese Kampagne geriert sich als Initiative von Autorïnnen, Buchhandel und Verlagen, orchestriert wird diese Kampagne aber vom Börsenverein des deutschen Buchhandels. Das ist einer dieser Orte, bei denen der Nimbus des Literarischen verbrämen soll, dass es ums Geschäft geht. Meistens vertritt der Börsenverein eher nicht so die Interessen von Autorïnnen. Das wurde zuletzt deutlich, als der europäische Gerichtshof urteilte, dass die Ausschüttungen der VG Wort alleinig den Autorïnnen zustehen und nicht mit den Verlagen geteilt werden müssen. In der Folge verschickten Verlage peinliche Bettelbriefe an ihre Autorïnnen mit der Bitte, doch Teile ihrer Tantiemen an die Verlage abzutreten. <a href="https://www.boersenverein.de/politik-positionen/verlegerbeteiligung/">An ihrer Seite lobbyiert der Börsenverein dafür, eine solche „Verlegerbeteilung“ wieder einzuführen.</a></p>
<p>Auch hier stellt sich der Börsenverein auf die Seite der Verlage und möchte mit der „Fair lesen“-Kampagne eine Gesetzesreform verhindern, die dazu führt, dass Autorïnnen in Zukunft auch für E-Books Bibliothekstantiemen erhalten. Dabei arbeitet die Kampagne mit Halb- und Unwahrheiten und Verdrehungen. So wird vielfach behauptet, dass ein Bereitstellen von E-Books in Bibliotheken direkt bei Erscheinen angeblich die gesamte Branche ruinieren würde, weil das E-Lending wie eine Flatrate funktioniere. Diesen Spin der Verlagslobby hat zum Beispiel gestern auch das „Heute Journal“ unhinterfragt übernommen. Er entspricht aber nicht der Realität: Die Bibliotheken erwerben virtuelle Exemplare von E-Books, die sie immer nur an eine Person gleichzeitig verleihen dürfen. Wer schon mal versucht hat, einen aktuellen Bestseller online in einer Bibliothek auszuleihen, dürfte festgestellt haben, dass es dafür wochen- und monatelange Wartezeiten gibt. Für Menschen, die ein neues Buch dringend lesen wollen, ist der Online-Verleih und die Frust der Wartezeit eher noch eine Werbemaßnahme, das gewünschte E-Book dann doch im Buchhandel zu erwerben.</p>
<p>Und E-Books im Buchhandel zu erwerben heißt übrigens ganz vor allem: bei Amazon. <a href="https://twitter.com/nachtbibliothek/status/1449393587888824320">Überhaupt bietet Amazon schon heute genau die angeblich so ruiniöse Flatrate</a>, die in der „Fair lesen“-Propaganda den Bibliotheken angedichtet wird. Für 10 Euro im Monat gibt es mit „Kindle Unlimited“ einen uneingeschränkten Zugriff auf 1 Million E-Books, die Leserïnnen dann nicht mehr kaufen müssen. Anders als in Bibliotheken gibt es weder Wartezeiten noch Rückgabefristen, und ähnlich wie bei Musik-Streamingdiensten landen bei den Autorïnnen nur Krümelbeträge, während die Verlage gut am Lizenzgeschäft mit Amazon verdienen.</p>
<p>Bitter ist, dass so viele Autorïnnen ihren Namen für die „Fair lesen“-Kampagne hergegeben haben. Bei vielen ist das nicht überraschend, weil es sich um populäre Bestseller-Autorïnnen handelt, die bei Verlagen wesentlich bessere Konditionen heraus verhandeln können. Vielleicht schließen sie von sich auf andere und glauben wirklich, dass es automatisch auch den Autorïnnen gut geht, wenn es den Verlagen gut geht. Vielleicht sind einige von ihnen auch einfach verpeilt und lebensfremd, was zwar wie ein Klischee klingt, aber vielleicht manchmal trotzdem zutrifft. Erste Unterzeichnerïnnen <a href="https://twitter.com/habibitus/status/1449352502319718400">rudern auch schon zurück</a> und sagen, sie hätten unterschrieben ohne richtig gelesen zu haben, was sie da unterschreiben. Ihr Armutszeugnis.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 17 Oct 2021 14:32:38 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Non Fungible Tokens – Technik, Kultur & Katzencontent 14]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, eigentlich war der 5. Oktober ein Tag, auf den ich mich gefreut hatte. Dann eröffnet in Berlin die Ausstellung "Game Over", die ein ähnliches Konzept…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>eigentlich war der 5. Oktober ein Tag, auf den ich mich gefreut hatte. Dann eröffnet in Berlin die Ausstellung „Game Over“. In einer ehemaligen Spielhalle am Nollendorfplatz, die demnächst abgerissen werden soll, zeigen die Dixons urbane und virtuelle Kunst vieler ganz unterschiedlicher Künstlerïnnen. Das gab&#39;s schonmal 2017, hieß &quot;The House&quot;, fand in einer ehemaligen Volksbank in der Nürnberger Str. statt, und die Berlinerïnnen standen Schlange. Auf &quot;Game over&quot; wollte ich mich eigentlich freuen, doch der folgende TV-Beitrag drehte meine Vorfreude in Ärger um (ab Minute 23:30):</p>
<a href="https://youtu.be/xrYnro5IBL4?t=1410">https://youtu.be/xrYnro5IBL4?t=1410</a>
<p>Das hier, liebe Kinder, ist der Grund, warum man auf Koks keine Interviews gibt. Aber mir geht es natürlich nicht um den Substanzkonsum der Dixons, sondern um NFTs. Die sind zwar gerade der heiße Scheiß im Kunstmarkt, aber was NFTs eigentlich sind, haben viele noch nicht so richtig verstanden. Jedenfalls nicht die Dixons. Nein, NFTs sind keine digitalen Kunstwerke, „wo nur du den Schlüssel hast, dir dieses Kunstwerk anzuschauen“.</p>
<p>Aber was sind &quot;Non Fungible Tokens&quot; (NFTs) dann? Folgendermaßen:</p>
<p>Der Begriff Token stammt aus dem Gebiet der Blockchains und Kryptowährungen. Ähnlich wie ein Eintrag ins Grundbuch das Eigentum an einer Immobilie dokumentiert, verbürgt ein Token in einer Blockchain das Eigentum an einem digitalen Gut, zum Beispiel an einer gewissen Anzahl an Bitcoin. Bei NFTs handelt es sich allerdings um Güter, die nicht austauschbar (fungible) sind und einen Wert haben, der über den reinen Gebrauchs- und Materialwert hinausgeht. Eine Münze lässt sich immer durch eine andere Münze gleichen Werts ersetzen, eine Bitcoin durch eine Bitcoin – aber nicht dieser eine ganz bestimmte Glückspfennig, dieser ist <em>non-fungible</em>. NFTs sind also auf einer Blockchain gespeicherte Zertifikate über das Eigentum an einem einzigartigen Objekt, einem Kunstwerk beispielsweise, das digital sein kann aber nicht muss. So hat kürzlich Tim Berners Lee, der Erfinder des World Wide Web, eben dieses als NFT versteigert. Der Käufer erhielt die Kopie einer Textdatei mit dem Quellcode der ersten Version des WWW und ein digitales Zertifikat, das ihn als Eigentümer ausweist.</p>
<p>Doch warum sind manche Menschen bereit, Unsummen für NFTs auszugeben? Dass mittlerweile virtuellen Gütern, die nur im Computer existieren, ein realer, auch monetärer Wert beigemessen wird, ist ein Produkt der Gaming-Kultur. In vielen Computerspielwelten können sogenannte Items erspielt werden, virtuelle Gegenstände, die im Spiel nützlich sind oder auch als Statussymbol dienen, weil sie zeigen, dass ihr Inhaber sie mit Ausdauer und Geschick erspielt hat. Andere Items können mit im Spiel erworbenem Geld gekauft werden. Viele Online-Spiele gingen schließlich einen Schritt weiter und ermöglichten den Kauf von Items mit echten Dollars oder Euros, zum Beispiel indem diese in virtuelle Währungen umgetauscht werden. »Fortnite«, eines der erfolgreichsten Games unserer Zeit, finanziert sich vollständig aus dem Handel mit solchen virtuellen Gütern, das eigentliche Spiel ist gratis. Ein anderer Pionier dieses Geschäftsmodells war das Online-Rollenspiel »World of Warcraft«, um das sich ein Markt bildete, auf dem Gamerïnnen ihre erspielten Items zum Kauf anboten.</p>
<p>Im virtuellen Gegenstand können also gleich mehrere Formen von Wert stecken: geronnene Arbeitszeit der Gamerïn, der soziale Wert des Statussymbols, der an Exklusivität geknüpft ist – und natürlich ein monetärer Marktwert, wobei sich der Preis, wie bei vielen Gütern, mit Knappheit in die Höhe treiben lässt. Kein Wunder, dass der Handel mit virtuellen Gütern auch den Kunsthandel erreicht hat.</p>
<p>Den Kunsthandel stellte die digitale Kunst bisher nämlich vor Schwierigkeiten: Als hätte es Walter Benjamin und seinen berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ nie gegeben, interessieren sich Kunstsammlende noch immer für das Eigentum am originalen Werk. Aber während die Mona Lisa in der Tat etwas verliert, wenn man sie als papierne oder digitale Reproduktion betrachtet statt als Ölgemälde im Louvre, ist Digitalkunst Software und als solche technisch einwandfrei kopierbar. Es gibt kein Original mehr, alle Kopien sind echt.</p>
<p>NFTs sind der Versuch, Aura, Einmaligkeit und Echtheit für virtuelle Kunstwerke mit digitalen Mitteln herzustellen. Echt, einmalig und nachträglich nicht änderbar ist zwar nicht das Kunstwerk selbst, aber das Blockchain-Zertifikat, das eine Art Eigentümerschaft bestätigen soll. Diese Eigentümerschaft ist allerdings nur symbolisch, denn mit ihr korrespondiert keine Verfügungsgewalt über ein Objekt. Das Original der Mona Lisa kann die Eigentümerïn in den Safe sperren. Eine Kopie des Quelltexts des World Wide Web in den Safe zu sperren, ist hingegen sinnlos, denn mit einer Google-Suche lässt sich binnen Sekunden eine identische Kopie finden.</p>
<p>Kritikerïnnen vergleichen NFTs deshalb mit dem Versuch windiger Geschäftemacherïnnen, Grundstücke auf dem Mond zu verkaufen. Das wird den NFTs jedoch nicht gerecht. Während es für Grundeigentum auf dem Mond bislang keine anerkannte rechtliche Grundlage gibt, haben digitale Kunstwerke Eigentümerïnnen. Es gibt zwar kein Original des WWW, das Tim Berners-Lee verkaufen konnte, aber eine zum Original erklärte Kopie des Quelltexts sowie die Tatsache, dass dieser Quelltext einst von ihm verfasst worden ist. Und offenbar ist es Menschen etwas wert, sagen zu können, dass diese „Originalkopie“ ihnen gehört.</p>
<p>Ist das eine Absurdität oder eine neue Form werthaltiger Rechtstitel? NFTs haben einen bilanzierbaren Wert, der oft sogar in die Millionen geht. Und dass Dinge, deren Materialwert gegen null geht, dennoch kraft sozialer Konvention einen monetären Wert besitzen, ist nichts Neues.</p>
<p>An NFTs wird dann auch weniger diese Form virtuellen Eigentums kritisiert, als dass diese in einer Blockchain gespeichert werden. Eine solche erfüllt den Zweck einer öffentlich geführten Buchhaltung, in der Transaktion für Transaktion festgehalten und die Einträge kryptographisch so miteinander verkettet werden, dass diese nachträglich nicht verändert werden können. Echtheit und Identität von digitalen Prozessen könnten natürlich auch ohne Blockchain mit mathematischen Verfahren belegt werden, sonst hätte es vor der Erfindung der Blockchain kein Online-Banking geben können. Auch NFTs könnten bestens ohne Blockchain funktionieren, doch offenbar macht die Verwendung des Buzzword, das wegen der Spekulation mit Kryptowährungen einen Hype erlebte, einen Teil ihrer Attraktivität aus.</p>
<p>Die Frage, wie sinnvoll es ist, NFTs auf einer Blockchain zu speichern, wäre kaum relevant, wären Blockchains aufgrund der für ihr Funktionieren notwendigen riesigen Rechenkapazitäten nicht so außerordentlich energieintensiv. Der Künstler und Ingenieur Memo Akten hat rund 18 000 Versteigerungen auf einem NFT-Marktplatz namens »Superrare« <a href="https://memoakten.medium.com/the-unreasonable-ecological-cost-of-cryptoart-2221d3eb2053">ausgewertet</a> und kam zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Versteigerung eines NFT auf der Ethereum-Blockchain 340 Kilowattstunden an elektrischem Strom verbrauche und damit schätzungsweise 211 Kilogramm CO2 erzeuge. Das entspricht dem Künstler zufolge ungefähr dem monatlichen Stromverbrauch einer durchschnittlichen EU-Bürgerïn. Beim täglich tausendfachen Handel mit NFTs auf den diversen Handelsplätzen kommt da einiges zusammen.</p>
<p>Von den Klimaschäden abgesehen stellt sich auch die Frage, ob der Verkauf von NFTs nicht doch als Schwindelei zu betrachten ist. Das hängt wohl auch davon ab, ob den Käuferïnnen klar ist, was sie da kaufen: Ein Token, das auf eine Adresse im Internet verweist. Mehr nicht. An dieser Adresse kann sich ein digitales Kunstwerk oder dessen Abbildung oder Beschreibung befinden, aber auch einfach nichts, wenn ein Server abgeschaltet wurde oder Daten verloren gegangen sind. Und das scheint längst nicht allen klar zu sein, die sich für NFTs interessieren.</p>
<p>Es häufen sich Klagen von Käuferïnnen, die die von ihnen erstandenen Kunstwerke im Internet nicht mehr auffinden können. Ihre NFTs sind und bleiben zwar in der Blockchain eingetragen, verweisen jedoch auf Nichts. Deshalb wird es vor allem bei teureren NFTs immer beliebter, den Käuferïnnen zusätzliches materielles Beiwerk zu übergeben, wie ausgedruckte und handsignierte Versionen des Quellcodes im Fall des WWW. Den Wunsch, eine einmalige, auratische, an Zeit, Ort oder wenigstens eine Adresse im Internet gebundene Manifestation eines Kunstwerkes zu besitzen, scheint ein reines Token wohl doch nicht zu aller Zufriedenheit zu erfüllen.</p>
<p>Dass die Dixons also mal wieder eine Ausstellung in einem Abrisshaus organisieren, kann eins sicherlich ganz geil finden, aber dass die Kunstwerke dort als NFTs verkauft werden sollen, ist angesichts der Klimakatastrophe sehr ungeil.</p>
<p>Ein schönes Restwochenende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 03 Oct 2021 13:41:39 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Konservative – Technik, Kultur & Katzencontent 13]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass es Konservativen darum geht, Wandel aufzuhalten, um Werte und Erhaltenswertes zu bewahren. Das ist…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass es Konservativen darum geht, Wandel aufzuhalten, um Werte und Erhaltenswertes zu bewahren. Das ist nicht ihr Ding. Folgendermaßen:</p>
<p>Kurz zum Begriff: Mit „Konservative“ meine ich hier im Wesentlichen die CDU, große Teile ihrer Wählerschaft, diverse Mittelstandsvereinigungen, Medien die sie umkreisen, und vielleicht auch noch Teile von AFD und FDP sowie selbstverständlich auch der SPD, wie sich gerade wieder im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus zeigt. Gemeint ist also nicht Konservatismus im Wortsinn sondern der tonangebende „real existierende“ Konservatismus.</p>
<p>Dieser „real existierende“ Konservatismus hat sich selten gegen Wandel gewehrt sondern ihn oft maßgeblich betrieben. Industrialisierung, Automatisierung, Digitalisierung sind alles Projekte, die auch von konservativer Seite nach Kräften gefördert wurden.</p>
<p>Konservative wollen in erster Linie nur eines bewahren: die gesellschaftliche Hierarchien und ihre eigene (meist gehobene) Stellung darin. Jeglicher Wandel, der diese Hierarchien (oder sie stützende Geschäftsmodelle) gefährdet, wird bekämpft. Alles andere wird begrüßt.</p>
<p>Die Märchenerzählung des Konservatismus lautet: Die Schöpfung bewahren, Lebensgrundlagen absichern, den Nachkommen etwas hinterlassen. Ginge es danach, müssten Konservative die krassesten Umweltschützerïnnen überhaupt sein. Sind sie aber nicht. Sie fühlten sich lange Zeit von der Existenz der Grünen in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht und bremsen bis heute Umweltschutz überall da, wo er Rendite und Geschäftsmodelle und damit indirekt ihre gesellschaftliche Stellung gefährdet.</p>
<p>Nach allem, was wir wissen, bedeutet eine ungebremste Klimakatastrophe das Ende menschlicher Zivilisation wie wir sie kennen innerhalb weniger Generationen. Konservative Politik bedeutet beispielsweise, darauf mit einem Hinauszögern des Kohleausstiegs zu reagieren. Milliarden Euro wurden aufgewendet, vordergründig um rund 20.000 Jobs in der Braunkohle zu sichern. Zugleich wurde mit immer neuen Regulierungen der Ausbau der Solar- und Windenergie in Deutschland abgewürgt. Dadurch sind in den betreffenden Branchen 120.000 Jobs verloren gegangen.</p>
<p>Dieses Verhalten folgt einer jahrzehntealten Tradition.</p>
<p>Die Regierung Kohl stoppte Anfang der 1980er das Glasfaserprojekt der Sozialliberalen und forcierte stattdessen das Privatfernsehen. Die Folge war ein krasser Wandel, der vielen eigentlich konservativen Werten widerspricht. Aber es half halt, gesellschaftliche Strukturen zu zementieren. Denke da nur an Reality-TV, das eben kein „Unterschichtenfernsehen“ war, sondern Menschen aller Schichten eine Gelegenheit gab, sich zu versichern, dass es immer „Freaks“ gibt, die noch unter einem stehen und auf die sich hinabblicken lässt.</p>
<p>Die „Bild“ hatte lange Zeit halbnackte Models auf Seite 3. Das widersprach völlig einer konservativen Sexualmoral, zementierte aber die Stellung der Frau.</p>
<p>Konservative finden das Internet ernsthaft toll, solange es in Gestalt von Vertriebswegen und Industrie 4.0 daherkommt. Erst da, wo es gesellschaftliche Hierarchien angreift, wird es bekämpft und reguliert (siehe z.B. EU-Urheberrechtsreform).</p>
<p>Den Grünen wird nachgesagt, sie seien konservativ, weil Umweltschutz. Stimmt im Wortsinn, außerdem sind sie ziemlich bürgerlich. Aber zugleich sind die Grünen Feindbild der Konservativen, sobald es um Sexismus, Feminismus oder jetzt gerade Inter- und Transexualität geht. Emanzipation und Kampf gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit greift immer auch die die Hierarchie an, die Konservative um jeden Preis verteidigen wollen.</p>
<p>Aus den gleichen Gründen verhindern Konservative bis heute eine Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, obwohl diese eigentlich seit 2009 rechtsverbindlich ist.</p>
<p>Konservative tendieren dazu, den Klimawandel zu leugnen oder nicht wirklich etwas gegen ihn zu unternehmen. Dafür regen sie sich pausenlos über „Genderwahn“, „Feminazis“ oder Greta Thunberg auf. Konservative schöpfen keine Hoffnung daraus, dass Schülerïnnen wegen des Klimawandels streiken, sondern pochen auf die Schulpflicht, weil es ihnen zutiefst unangenehm ist, dass die Jugendlichen da ausscheren, statt brav ihren angestammten Platz in der Hierarchie – also die Schulbank – einzunehmen.</p>
<p>Konservative lieben das Thema „Sprachverhunzung“, weil sie mit ihrer zur Norm erklärten Sprache, die sie brav an Schulen gelernt haben, ihren Status und ihre Position in der Hierarchie markieren. Jeglicher Sprachwandel ist daher abzulehnen.</p>
<p>Konservative haben Angst vor der „Antifa“ und linken Protesten z.B. zu G20-Gipfeln, weil sie selbst, ihre Autos, Geschäfte und der Kapitalismus™ und damit indirekt wieder Hierarchie und Stellung angegriffen werden. Rechtsradikale hingegenund deren Gewalt gegen Geflüchtete, Homosexuelle oder Obdachlose usw. sind ihnen weitgehend egal, weil sie sich von ihnen nicht bedroht fühlen. Bedroht fühlen sie sich eher von den Opfern der Nazis, also den Geflüchteten, den Homosexuellen und den Obdachlosen. Es ist also kein Zufall, dass es der CDU gerade nicht gelingt, sich etwa von Hans-Georg Maaßen zu distanzieren, sondern passt exakt ins Bild.</p>
<p>Konservative finden ihren (den Statusmarkierenden) Porsche/SUV/Tesla mitsamt der Freiheit auf der Autobahn toll. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung beschränkte diese Art, den Status zu demonstrieren. Sie findet Ablehnung auch bei all denen, die ihre Stellung nur mit einem Golf GTI markieren aber qua Autobahnfreiheit das Gefühl haben, bei den Schnellen dazu zu gehören.</p>
<p>Derzeit spalten sich die Konservativen in zwei Gruppen: Solche die offen oder insgeheim mit Rechtsradikalen kooperieren und solche, die sie ablehnen und bekämpfen. Ich fürchte, letztere tun es vor allem, weil sie Rechtsradikale politische auch als eine Gruppe wahrnehmen, die ihre Machtpositiongefährden könnte.</p>
<p>Ehrlich leid tun mir Menschen vom Typ „ehrenwerter Konservativer“. Die gibt es. Sie mögen Werte haben, die ich nicht immer Teile, aber ihnen geht es wirklich ums Bewahren und diese Werte, nicht um die eigene Stellung, wofür ich sie hoch achte. Mit solchen Leuten habe ich oft großartige Gespräche und sie erweisen sich immer wieder als bemerkenswert menschlich. Leider spiegelt der politische und mediale Konservativismus deren Haltung nicht wider, sondern missbraucht sie nur als Feigenblatt, damit CDU/CSU&amp; Co. weiterhin schön von &quot;Werten&quot; reden können, damit sich an Hierarchien nichts ändert.</p>
<p>So lange diese Hierarchien nicht gefährdet sind, darf sich alles andere jederzeit wandeln, besonders wenn dieser Wandel hilft, Geld zu machen und vor allem die Stellung der ohnehin schon Bessergestellten zu sichern.</p>
<p>Einen schönen Wahlsonntag wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 26 Sep 2021 09:35:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Von Stern, Gap und Trema – Technik, Kultur & Katzencontent Nr. 12]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, vielleicht ist einigen schon aufgefallen, dass ich gerne im generischen Femininum mit einem Trema auf dem i (also z.B. "Leserïnnen") schreibe, was…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>vielleicht ist einigen schon aufgefallen, dass ich gerne im generischen Femininum mit einem Trema auf dem i (also z.B. &quot;Leserïnnen&quot;) schreibe, was leider zu technischen und kulturellen Problemen führt.</p>
<p>In der deutschen Grammatik ist nach wie vor das generische Maskulinum Standard: Schreibe ich &quot;Liebe Leser&quot;, dann meine ich wahrscheinlich nicht nur männliche Leser, sondern auch weibliche Leserinnen und Leser mit anderen geschlechtlichen Identitäten. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass Leser beim Lesen des Wortes &quot;Leser&quot; in der Regel an männliche &quot;Leser&quot; denken und ihnen andere Geschlechter erst durch den Kontext in den Sinn kommen. Damit sind seit langem viele Menschen unzufrieden und der Wunsch entstand, die Sprache so zu gebrauchen, dass klar wird, dass alle Geschlechter gemeint sind.</p>
<p>Doch wer anders als mit dem generischen Maskulinum gendert, stößt schnell auf das Problem, dass verschiedene Geschlechtsidentitäten sich in unterschiedlicher Weise oder gar nicht von den verschiedenen sprachlichen Formen angesprochen fühlen. Es gibt eine riesige Debatte darum, welche Formen geschlechtergerechter Sprache angemessen sind und welche nicht.</p>
<p>Völlig neutral scheinen Partizipialformen wie &quot;Lesende&quot;, doch auch bei ihnen kommen Experimente zum Ergebnis, dass sie fast die gleichen Geschlechtsbilder im Kopf erzeugen wie das generische Maskulinum. Währens sie also kaum neutralisieren, machen sie trotzdem nicht sichtbar. Das feministische Binnen-I (&quot;LeserInnen&quot;) stammt aus der Zeit der Schreibmaschine und ist aus der Mode gekommen. Das generische Feminium oder gar im gleichen Text abwechselnd die maskuline und die feminine Form zu verwenden, adressiert keine nonbinären Geschlechtsidentitäten. Das geht mit dem Gender-Gap (&quot;Leser_innen&quot;) oder dem Gender-Sternchen (&quot;Leser*innen&quot;), doch mensch ist sich uneins, womit sich die verschiedenen Geschlechtsidentitäten besser ansprechen lassen. Leitfäden, Verlage und Redaktionen wiederum arbeiten meistens mit dem Doppelpunkt (&quot;Leser:innen&quot;), falls sie überhaupt Satz- und Sonderzeichen mitten im Wort erlauben. Wenn doch, scheint mir der Doppelpunkt in journalistischen Medien die derzeit am weitesten verbreitete Form zu sein. Gesprochen werden alle Varianten mit dem Glottisschlag, dem stimmlosen Pausenlaut, mit dem wir die Stimmbänder zwischen den Vokalen in Wörtern wie &quot;beenden&quot;, &quot;naiv&quot; oder &quot;Spiegelei&quot; kurz verschließen.</p>
<p>Es ist durchaus nicht einfach, sich für eine dieser Formen zu entscheiden, denn die Frage nach einer angemessenen Form geht weit über das Abbilden von Geschlechtern hinaus. Manche Formen erschweren Migrantïnnen das Verständnis bzw. das Erlernen der Sprache. Oder beißen sich mit Leichter/Einfacher Sprache für Menschen mit unterdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten. Manche Formen lassen sich nicht sinnvoll von Screenreadern für sehbehinderte Menschen wiedergeben. Die lesen dann beispielsweise gnadenlos &quot;Leser Stern Innen&quot; vor. Außerdem sind fast alle vom generischen Maskulinum abweichenden Formen derzeit sprachliche Marker für eine Form von Bildungsbürgerlichkeit, die für bestimmte Gruppen exkludierend wirken kann.</p>
<p>Es geht hier also nicht nur um Sexismus/Genderismus, sondern auch um Ableismus (die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Behinderung), Klassismus und sogar die Augrenzung von Migrantinnen. Kurz gesagt: Intersektionalität führt zu Zielkonflikten, die sich nicht immer auflösen lassen. (No shit, Sherlock!)</p>
<p>Ich bin cis-männlich, behindert, mein erster Ausbildungsberuf war Schriftsetzer und ich arbeitete jahrelang als Programmierer. Sprachliche Männlichkeit ist die unausgesprochene gesellschaftliche Norm. Deshalb möchte ich als männliche Person, die wegen ihrer Behinderung aus eigenem Erleben weiß, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert und sich anfühlt, versuchen, mich selbst nicht als die Norm zu denken und dies auch meinen Leserïnnen mit einer sprachlichen Markierung zu kommunizieren.</p>
<p>Als behinderte Person möchte ich Barrierefreiheit und habe hier erfahren müssen, dass Satzzeichen in der Mitte von Wörtern zu Barrieren führen. Als Informatiker merke ich, dass sie sich gegen verschiedene Formen der Textverarbeitung sperren. (Test: Einfach mal versuchen, per Doppelklick ein Wort mit Doppelpunkt drin zu markieren.) Die sprachlich sauberste Form wäre, an Stelle von Stern, Unterstrich und Doppelpunkt ein Auslassungszeichen zu verwenden. Als Typograph weiß ich, dass das Zusammenziehen von Buchstaben und Zeichen zu Ligaturen eine lange und schöne Geschichte hat.</p>
<p>Ich habe mich deshalb bis auf Weiteres dafür entschieden, dass ich beim Gendern auf Satz- und Sonderzeichen mitten im Wort verzichten möchte. Eine halbwegs elegante, halbwegs angemessene Methode ist meiner Meinung nach, anstelle von Sternchen, Unterstrich und Doppelpunkt ein Trema aufs &quot;ï&quot; zu legen. Das ist eine typographische Abbildung des Glottisschlages.</p>
<p>Im Englischen und Französischen ist es (zumindest in älteren Texten) üblich, auf diese Weise zu markieren, wenn Vokale nicht zu einem Diphthong zusammengezogen werden, etwa bei dem Wort &quot;naïve&quot;. Ich benutze mit dem Trema also etwas, das nicht komplett ausgedacht ist, sondern in anderen europäischen Sprachen schon ähnlich hervorgebracht wurde. Diese Art zu gendern führt fast automatisch zu einer Art generischem Femininum. Ein Gedanke, den ich nach Jahrhunderten des generischen Maskulinums charmant finde – zumindest als Überbrückung zu neutralen Formen, die sich hoffentlich irgendwann noch entwickeln.</p>
<p>Ich behaupte nicht, dass meine Methode die beste ist, bezeichne sie nicht als <em>richtig</em> im Gegensatz zu anderen <em>falschen</em> und bin mir ihrer Schwächen bewusst: Sehbehinderte Menschen können die zwei Punkte nicht so gut erkennen wie einen Stern. Screenreader lesen den Buchstaben einfach nicht vor, was ich allerdings im Vergleich zum ständigen Aussprechen von &quot;Stern&quot; oder &quot;Unterstrich&quot; jetzt nicht für die schlechteste Variante halte. Das Trema macht vielleicht nicht genauso gut wie ein Stern oder ein Unterstrich alle Geschlechter sichtbar, aber es erfüllt seinen Zweck: Deutlich machen, dass Männlichkeit nicht die gedankliche Norm des Textes ist. </p>
<p>Egal ob Trema, Unterstrich, Doppelpunkt oder Stern: Es melden sich fast immer Leute, die finden, mensch gendere <em>falsch</em> und hätte keine Ahnung<em>. </em>Das finde ich unangemessen: Wer diese Formen benutzt, hat sich wahrscheinlich etwas dabei gedacht. Oder ist in einer Findungsphase und gendert mal so und mal so. Passiert mir (Jahrgang 1973) sowieso ständig, dass ich ins generische Maskulinum zurückfalle, ohne es zu merken, oder immer mal wieder andere Formen benutze. Es ist deshalb arrogant, Menschen die Trema, Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich benutzen, zu erklären, dass sie falsch gendern würden. Denn es gibt im Moment kein &quot;richtig&quot; oder &quot;falsch&quot;.</p>
<p>Einige sehen das anders. Sie sagen, wir müssten da auf &quot;die Betroffenen&quot; hören und uns nach ihren Wünschen richten. Andere Formen als Sternchen und Unterstrich würden sie wieder unsichtbar machen. Völlig ernsthaft wollte mir jemand erklären, jede andere Form als das Gendersternchen zu verwenden sei ein wenig wie Schwarze mit dem N-Wort zu bezeichnen. Da verwechselt jemand individuelle und identitäre (Selbst-)Bezeichnungen und Grammatik. Eine der vielen Selbstbzeichnungen einiger Gruppen ist &quot;queer&quot;. Also schreibe ich zum Beispiel &quot;liebe queeren Leser&quot; wenn ich die Leser mit einer Geschlechtsidentität außerhalb gesellschaftlicher Normvorstellungen meine und &quot;liebe Leserïnnen&quot;, wenn ich <em>alle</em> meine. Wie dieses <em>alle</em> bezeichnet und verstanden wird, bestimmt nicht eine Teilgruppe sondern ist Sache eines Aushandlungsprozesses, an dem <em>alle</em> zu beteiligten sind. Zu diesem Aushandlungsprozess gehört auch, sich typographische Lösungen auzudenken wie zum Beispiel den Doppelpunkt durch ein Trema zu ersetzen.</p>
<p>Weil es um Sprache und ihre Verständlichkeit geht, genügt es nicht, bestimmte Formen nur mit Blick auf Sexismus/Genderismus zu bewerten. Es muss auch geprüft werden, ob ein Sprachgebrauch für behinderte Menschen, Migrantïnnen, oder auch Menschen bestimmter Klassen/Schichten exkludierend wirkt. Das unbefriedigende Ergebnis ist, dass in verschiedenen Kontexten ein Text unterschiedlich gegendert werden muss, um seine Zielgruppen gut zu erreichen – etwa wenn bei Leichter/Einfacher Sprache auf neue Formen des Genderns mit Absicht gänzlich verzichtet wird.</p>
<p>Es ist leider nicht möglich, vollständig inklusiv zu schreiben. Die Wortwahl eines Textes wird immer auch irgendwelche Marker enthalten, die bestimmte Identitäten einschließt und andere ausschließt. Bringe ich ein Loriot-Zitat? Eine Fußball-Metapher? Schreibe ich grundsätzlich alles klein? Wir sprechen und schreiben immer mit Adressatïnnen im Kopf, auch wenn wir uns das nicht bewusst machen. Texte sind voraussetzungsreich, haben einen Kontext und eine (Fach-)Sprache, die nicht immer von allen verstanden werden kann. Ein Text ist immer ein Kompromiss.</p>
<p>Um solche Kompromisse herum lassen sich verbissene Kulturkämpfe führen – oder eins kann sich mal entspannen und das ganze spielerisch auffassen. Denn wie traurig ist eine Sprache, mit der nicht gespielt werden kann, ohne dass jemand ankommt und sagt, diese Spielerei sei <em>falsch</em>? Sprache ist nicht fertig. Die perfekten Ausdrucksformen sind nicht da. Aber wir können immer bessere und schönere finden. Gendert wie ihr wollt und wie ihr es für angemessen haltet! Spielt mit der Sprache! Probiert euch aus! Lebt die Vielfalt! Gendert mit Doppelpunkt oder Sternchen oder Trema oder Partizipialformen. Und bitte unterstellt kein negatives Statement, wenn Menschen weiterhin das generische Maskulinum verwenden. Die meisten haben es so in der Schule gelernt. Anders schreiben und reden kostet Energie und erzeugt Mental Load. Manche Leute bringen diese Energie spielerisch auf, andere Leute haben aufgrund ihres Alltags schon sehr viel Mental Load und wenig Energie und priorisieren deshalb anders. </p>
<p>Zur technischen Seite: Am einfachsten schreibt sich das Trema auf Smartphones, weil es nach langem Druck aufs &quot;i&quot; in der Auswahl sichtbar wird. Auf klassischen Computern gibt es verschiedene Tastenkombinationen. Unter Linux wird das Trema geschrieben, indem zunächst &quot;Alt+ü&quot; gleichzeitig und anschließend das &quot;i&quot; getippt wird, sofern die Tastatur nicht mit &quot;nodeadkeys&quot; konfiguriert ist. Auf dem Mac funktioniert es ähnlich, allerdings mit &quot;Alt+u&quot;. Sehr umständlich ist es leider unter Windows, wo bei ständigem Gedrückthalten von &quot;Alt&quot; auf dem Ziffernblock &quot;0207&quot; einzutippen ist.</p>
<p>Ein schönes Restwochende wünscht</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 19 Sep 2021 05:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Was passiert in El Salvador? – Technik, Kultur & Katzencontent Nr. 11]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, am 7. September 2021 hat El Salvador den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt – so heißt jedenfalls die offizielle Verlautbarung, die von…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>am 7. September 2021 hat El Salvador den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt – so heißt jedenfalls die offizielle Verlautbarung, die von den meisten Medien relativ unkritisch so weitergegeben wurde und den Eindruck erweckt, dass nun plötzlich alle ihre Brötchen mit Bitcoin bezahlen. Das war auch zunächst die später zurückgenommen Aussage von Präsident Nayib Bukele: Alle Menschen in El Salvador sollen Bitcoin akzeptieren müssen und damit bezahlen können. Doch einiges spricht dafür, dass diese Bitcoin-Einführung nur Propaganda ist.</p>
<p>Folgendermaßen:</p>
<p>Seit 20 Jahren ist der US-Dollar die offizielle Währung von El Salvador. Das ist gut fürs Alltagsgeschäft, weil die Menschen im Land eine stabile Währung benutzen können, aber schlecht für den Staat El Salvador, der keine eigene Währungspolitik über eine eigene Notenbank betreiben kann. El Salvador ist ein armes Land, dessen Wirtschaft auf dem Austausch von Bargeld beruht. Laut Statista haben weniger als 30% der Einwohnerïnnen ein Bankkonto.</p>
<p>Die Einführung des Bitcoin verkauft Präsident Bukele unter anderem als Akt der Inklusion armer Schichten, die mangels Bankkonto von Geldgeschäften ausgeschlossen sind. Doch das ist grober Unfug: Bis vor kurzem gab es im ganzen Land nur zwei Geldautomaten. Ich konnte nicht herausfinden, wie viele Menschen ein Smartphone besitzen, aber es scheint eine Minderheit von erheblicher Größe zu geben, die keines hat. Angeblich haben die meisten Menschen, die ein Smartphone besitzen, keinen Datentarif. Ebenfalls angeblich hat El Salvador das zweitschlechteste Mobilfunk-Netz in Mittelamerika. Die meisten Menschen dort können also mit einer Digitalwährung und digitalen Bezahldiensten, egal ob Bitcoin, Paypal oder sonstwas, schlicht und ergreifend nichts anfangen. (Das gilt umso mehr für den Bitcoin, bei dem Transaktionen sehr langsam und sehr teuer sind und dabei auch noch massiven Kursschwankungen unterliegen, weshalb Bitcoin nicht als Währung geeignet ist.) Solange nicht ein krasses Infrastrukturprojekt hinzukommt, das diese Probleme behebt, ist Bukeles Behauptung, mit der Reform armen Menschen Zugang zum Finanzsystem zu geben, nichts als ein Propagandamärchen.</p>
<p>Ähnlich sieht es mit einem weiteren Argument aus: Die Gebühren für internationale Zahlungsdienstleister wie Western Union oder Moneygram seien zu hoch. Oberflächlich betrachtet wirkt das schlüssig: Jährlich fließen sechs Milliarden US-Dollar ins Land, die von Ausgewanderten geschickt werden, um ihre daheimgebliebenen Familien zu unterstützen. Die Regierungspropaganda lautet: Wer Bitcoin nach El Salvador überweist, spart diese Gebühren ein. Das stimmt allerdings nicht. Zum einen werden auch für Bitcoin-Transaktionen Gebühren verlangt, die deutlich höher ausfallen können, besonders wenn die Bitcoin-Transaktion zügig abgewickelt werden soll. Zum anderen verlangen die Bitcoin-Geldautomaten, die gerade überall im Land aufgestellt werden, eine Transaktionsgebühr von 5%. Das liegt deutlich oberhalb der Gebühren, die von Zahlungsdienstleistern wie Western Union verlangt werden und in El Salvador angeblich bei durchschnittlich 2,85% liegen. Das Argument, die Bitcoin-Einführung umgehe Transaktionsgebühren, ist also auch nur Propagandabehauptung.</p>
<p>Vor allem aber: Solange das System so bleibt, werden Migrantïnnen nicht anfangen, Bitcoin nach Hause zu überweisen. Das ist nicht nur teurer, die Empfängerïnnen können auch weniger damit anfangen als mit den Dollarscheinen, die sie sich aus der Western-Union-Filiale abholen. Denn – und das ist die nächste Propagandalüge – von einer Einführung des Bitcoin als Landeswährung kann in der Praxis nicht die Rede sein. Der Bitcoin ist zwar jetzt gesetzliches Zahlungsmittel, allerdings nur als Zweitwährung neben dem US-Dollar, der weiter Hauptwährung bleibt. Geschäfte müssen Bitcoin akzeptieren, aber nur wenn ihnen das technisch möglich ist. Renten und Gehälter werden weiterhin in US-Dollar ausgezahlt. Bankkonten werden ebenfalls nicht konvertiert und weiterhin in US-Dollar geführt. Auszahlungen an Geldautomaten finden logischerweise in US-Dollar statt, schließlich kennt der Bitcoin keine Scheine. Und die staatliche Wallet-App „Chivo“ führt das eigene Guthaben jeweils in Bitcoin und Dollar. Und der Dollar bleibt allein wegen der mangelhaften Infrastruktur die unangefochtene Alltagswährung. Defacto fand also am 7. September gar keine Umstellung der Landeswährung statt.</p>
<p>Doch halt – eine staatliche Wallet-App? Ausgerechnet für Bitcoins? Die Grundidee von Kryptowährungen ist nähmlich, dass sie ohne jede staatliche Kontrolle funktionieren. Keine Notenbanken, keine Geldschöpfung per Kreditvergabe in Geschäftsbanken, keine Kontoführung.  Eine Wallet funktioniert wie ein digitales Portemonnaie und nicht wie ein Bankkonto, was auch bedeutet: Geht die Wallet verloren, ist das Geld futsch. Wie Portemonnaies sind Wallets anonym. (Streng genommen sind sie nur pseudonym, weil alle Menschen, die Bitcoin haben, eine Nummer zugeteilt bekommen, die einem Namen zugeordnet werden kann, sobald Bitcoin in Währungen getauscht wird. Aber mit entsprechendem Aufwand lässt sich eine Wallet nahezu anonym betreiben, weshalb der Bitcoin auch ein entscheidender Faktor für das Ausmaß von Internet-Kriminalität ist.) Bitcoin ist seinem ganzen Wesen nach anti-staatlich, eine staatliche Bitcoin-Wallet eine Absurdität.</p>
<p>Wer die staatliche Wallet Chivo benutzt, muss persönliche Daten wie Namen, Geburtsdatum und ein Foto angeben. Chivo sorgt also dafür, dass Bitcoin in El Salvador de-anonymisiert wird. Das ist geradezu eine Perversion des Bitcoin-Gedankens. Offiziell heißt es, Chivo sei zu allen anderen Bitcoin-Wallets kompatibel und wer will, könne beliebige andere Wallets verwenden. In der Praxis bleibt den Menschen in El Salvador aber nichts anders übrig, als Chivo zu verwenden, denn nur mit Chivo ist es möglich, die neuen Geldautomaten zu verwenden, von denen gerade 200 Stück im Land aufgestellt werden. Und nur in der Chivo-App garantiert der Staat einen Umtausch in US-Dollar. Und wie gesagt: Bitcoin, die nicht in US-Dollar getauscht werden können, sind für viele Menschen El Salvador nichts wert. Und ganz nebenbei bekommen alle, die die Chivo-App installieren, 30 US-Dollar geschenkt. Außerdem sieht das Gesetz zur Einführung des Bitcoin vor, dass andere Wallets als Chivo jederzeit verboten werden können. Die Aussage, beliebige Wallets könnten benutzt werden, stimmt also technisch irgendwie, ist praktisch aber die nächste Propaga-Halbwahrheit.</p>
<p>Es kursieren eine Reihe von Theorien darüber, warum Präsident Bukele die ganze Aktion durchzieht, die alle mehr oder weniger unbefriedigend sind. Die naivste ist, dass Nayib Bukele ein libertärer Idealist ist, der Bitcoin aus ideologischen Gründen einführt. Wäre dem so, würde er nicht die  Chivo-App in den Markt drücken, die den Bitcoin lokal de-anonymisiert.</p>
<p>Eine weitere Theorie ist, dass Bukele gute Verbindungen zur Unterwelt hat und diese an einem einfachen Weg interessiert ist, Bitcoin einzutauschen. Auch diese Idee scheitert an der mangelhaften Anonymität der Chivo-App. Aber auch das Gegenteil ist verkehrt: Bukele würde den Bitcoin und eine Kontrolle der Zahlungsströme über die Chivo-App einführen, um Schattenwirtschaft und Kriminalität austrocknen zu können. Das funktioniert nicht, wenn die Wirtschaft defacto weiter auf Cash in US-Dollar basiert. Und wenn irgendwer kein Problem haben sollte, Bitcoin jenseits der Chivo-App außer Landes in andere Währungen zu tauschen, dann wohl Drogenbaronïnnen.</p>
<p>Ich hielt die Bitcoin-Wallet zunächst für eine Möglichkeit, auf digitalem Wege US-Dollar zu drucken, aber bei einem Wechselkurs, der dem freien Markt unterliegt, funktioniert das nicht. Manche sehen darin auch eine Verzweiflungstat, weil El Salvador überschuldet ist. Doch die Staatsschulden müssen in Dollar beglichen werden. Doch Nayib Bukele gibt die Staatsdollar nicht aus, um Schulden zu bedienen, sondern um sie in Bitcoin zu stecken: Er schafft einen Fonds über 150 Millionen US-Dollar um den Umtausch von Bitcoin in Dollar garantieren zu können, und hat in den letzten Tagen die ersten 400 Bitcoin am Markt gekauft. Geld, das dringend an anderer Stelle fehlt.</p>
<p>Natürlich könnte El Salvador selber in das Bitcoin-Mining-Geschäft einsteigen. Auch hierzu gibt es ein Propganda-Märchen: Die Energie zum Schöpfen eigener Bitcoin solle aus Vulkanhitze gewonnen werden. Wenn das so einfach geht, fragt sich, wieso El Salvador etwa die Hälfte seiner Energie importiert und nicht selbst produziert und warum das beim Bitcoin künftig anders sein soll. Wie dem auch sei: Würde El Salvador Bitcoin schürfen, um damit seine Staatsschulden zu begleichen, wäre der ganze Zinnober mit Währungseinführung und staatlicher Wallet-App unnötig.</p>
<p>Warum also macht Nayib Bukele das? Ich weiß es nicht, aber ich habe eine Idee: Bukele ist ein Kleptokrat, der versucht, sich durch seine Präsidentschaft zu bereichern. Dafür spricht einiges: Er ist ein Populist, der ursprünglich aus einer rechten Partei kommt und Wahlkampf damit gemacht hat, mit Korruption aufzuräumen und mehr Transparenz und Mitbestimmung im Staatswesen einzuführen. Zum Thema Korruption fällt auf, dass die Umsetzung der Chivo-App ohne jegliche Ausschreibung an die US-Firma Strike vergeben wurde. Und in Sachen Transparenz und Mitbestimmung macht keinen besonders guten Eindruck, dass die Bitcoin-Einführung als erstes in einem englischsprachigen Video von der Bitcoin-Konferenz 2021 in Miami verkündet wurde. Und das mehrere Tage, bevor Parlament und Bevölkerung in El Salvador offiziell und auf Spanisch informiert wurden. Nayib Bukele benimmt sich sich außerhalb des Landes nicht wie ein Präsident, sondern als sei El Salvador eine Firma, die ihm gehört. Wie autoritär er agiert, zeigt ein Zwischenfall: Im Februar ließ er das Parlament durch das Militär besetzen, um die Abgeordneten zur Zustimmung zu einem Gesetz zu nötigen. (Es ging um einen Kredit, mit dem der Ausbau von Polizei und Geheimdiensten finanziert werden sollte.)</p>
<p>Warum also Bitcoin? Bitcoin ist eine Geldanlage und eignet sich aus einer Reihe von Gründen nicht für den Einsatz als Währung. Normalerweise stehen Geldanlagen direkt oder indirekt einem Wert gegenüber, einer Immobilie zum Beispiel oder bei Aktien ein Anteil an dem, was ein Unternehmen erwirtschaftet. Bitcoin hat keinen solchen Gegenwert. Sein einziger Wert liegt in der Spekulation, dass sich morgen jemand findet, der so dumm ist, mir für Bitcoin noch mehr Geld zu geben, als ich heute dafür bezahlt habe. Bitcoin funktioniert also wie ein Schneeball-System, ein Pyramidenspiel oder ein Ponzi-Schema. Wer bei diesem Spiel mitmacht, hat ein Interesse daran, dass so viele Menschen wie möglich einem „das Produkt“ abkaufen, bevor die Blase platzt. Das Produkt sind in diesem Fall Bitcoins und Nayib Bukele nutzt seine politische Macht, um die sechseinhalb Millionen Einwohnerïnnen von El Salvador für die Teilnahme am Schneeballsystem zu gewinnen. Dies geschieht über einen so genannten „Airdrop“. Airdrops sind ein beliebtes Marketingmitteln in der Kryposzene: Wer Krypowährungen auflegt, verschenkt die ersten Einheiten, um Aufmerksamkeit dafür zu erregen. Interessanterweise bekommt hier niemand Bitcoin geschenkt. Stattdessen gibt es echtes Geld aus dem Staatshaushalt: Wer in El Salvador die Chivo-App nutzt, erhält automatisch 30 US-Dollar gutgeschrieben, die aber nicht beliebig ausgegeben sondern ausschließlich in Bitcoin eingetauscht werden können. Einen Präsidenten, der mit Bitcoin spekuliert (oder dessen spekulierende Freundïnnen und Hintermenschen), kann das reich machen – oder noch reicher.</p>
<p>Das ist natürlich nur eine Theorie. Ähnlich wie bei Trump ist es bei Nayib Bukele schwer einzuschätzen, ob er rätselhaft oder erratisch agiert. Durchschaubar ist nur, dass seine Propaganda nicht der Realität standhält, was immer er vorhat. Deshalb ist es ausgesprochen interessant, zu beobachten, wie es in El Salvador weitergeht. <a href="https://www.aljazeera.com/gallery/2021/9/8/salvador-protest-breaks-out-against-bitcoin-adoption">Derzeit gehen die Menschen in El Salvador gegen den Bitcoin auf die Straße.</a>  Laut Umfragen wollen 70% die Bitcoin-Einführung rückgängig machen. Kein Wunder: Die meisten hatten noch nie zuvor davon gehört und konnten in Befragungen nur selten annäherungsweise einschätzen, was ein Bitcoin wert ist. Ich hoffe, dass daraus kein Sozialexperiment wird, unter dem am Ende die Bevölkerung von El Salvador zu leiden hat.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 12 Sep 2021 17:32:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Digitale Impfzertifikate – Technik, Kultur und Katzencontent Nr. 9]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, derzeit werden im ganzen Land die Corona-Sicherheitsmaßnahmen zurückgefahren, als sei die Pandemie vorbei, während die Infektionszahlen und die…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen, </p>
<p>derzeit werden im ganzen Land die Corona-Sicherheitsmaßnahmen zurückgefahren, als sei die Pandemie vorbei, während die Infektionszahlen und die Bettenbelegung wieder steigen und steigen. Dies passiert mehr oder weniger unverhohlen mit dem Argument, selber Schuld, wer sich nicht impfen lässt. Der deutsche Ethikrat <a href="https://www.ethikrat.org/mitteilungen/mitteilungen/2021/besondere-regeln-fuer-geimpfte/">lehnt Privilegien für Geimpfte ab</a>. Doch während Debatten auf ethischer Ebene hitzig geführt werden, wird leider ein Haken auf der technischen Ebene übersehen: Die digitalen Impfzertifikate sind leider <a href="https://www.gdata.de/blog/digitaler-impfnachweis-schwaechen-bei-der-sicherheit">nicht zuverlässig</a>.</p>
<p>Folgendermaßen:</p>
<p>Nach der Impfung stellt die Arztpraxis oder das Impfzentrum ein digitales Zertifikat aus, welches für ein Jahr gültig ist. Wie bei einem klassischen Papierdokument braucht auch ein digitales Zertifikat eine Signatur, eine Unterschrift, aus der hervorgeht, welche Stelle bezeugt, dass da eine Person geimpft wurde. Eigentlich sollte das die Praxis sein oder das Impfzentrum oder die ausstellende Apotheke – praktisch wurde das jedoch unsinnig umgesetzt: Alle digitalen Impfzertifikate tragen die Signatur des Robert-Koch-Institutes.</p>
<p>Das ist, als würde Angela Merkel allen ihr unterstehenden Ämtern ihre Blanko-Unterschrift zur Verfügung stellen und als seien dann sämtliche Bescheide nur noch von Angela Merkel unterschrieben, ohne das klar wäre, wer da im Einzelfall unterschrieben hat. Das ist ein Problem, weil so Arztpraxen und Apotheken völlig frei darin sind, gefälschte Impfzertifikate auszustellen, ohne dass diese sich später zurückverfolgen oder von korrekten Zertifikaten unterscheiden ließen.</p>
<p>Sicherlich ist derlei verboten. Wer das tut, riskiert bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe. Allerdings gibt es sowohl einen Markt wie auch die nötige kriminelle (oder ideologische) Energie für solche Dienstleistungen, was zum Beispiel deutlich wurde, <a href="https://www.rnd.de/gesundheit/maskenpflicht-gefalschte-atteste-arztekammern-prufen-verdacht-DWWGNU4N3ZNHJSQEK6MR3FBS6Q.html">als manche Arztpraxen recht freigiebig Masken-Atteste ausstellten</a>, oft sogar ohne die die jeweilige Praxis persönlich betreten zu müssen.</p>
<p>Die General-Signatur des RKI verhindert leider auch, nachträglich digitale Zertifikate zu sperren oder zurückzuziehen, die in ein einem bestimmten Zeitraum von einer bestimmten Stelle ausgegeben wurden. Warum das nötig ist: Offenbar arbeitete im Impfzentrum Roffhausen bei Wilhelmshaven eine fanatische Impfgegnerin und zog tausende von Spritzen mit Kochsalzlösung statt mit Impfstoff auf. Wie viele Menschen auf diese Weise eine Scheinimpfung erhielten, lässt sich nachträglich kaum klären, <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Impfskandal-in-Schortens-Mehr-als-10000-Betroffene,impfskandal102.html">aber es ist von Tausenden auszugehen</a>, die jetzt nochmal richtig geimpft werden müssen.</p>
<p>Dass ungeimpfte Menschen tausendfach mit gültigen Impfausweisen und digitalen Impfzertifikaten herumlaufen, ist also kein theoretisches Szenario, sondern konkret so passiert. Sicherlich werden viele von ihnen sich schon aus Eigennutz nochmal impfen lassen. Aber ob sie es tun oder lassen ändert nichts daran, dass sie überall hineinkommen, wo die „2G“- oder „3G-Regel“ gilt.</p>
<p>Dabei ist der eigentlich äußerst leicht zu fälschende Impfpass aus Papier noch etwas sicherer als das digitale Zertifikat. Der Ausweis gibt Aufschluss, wer wann geimpft hat und welche Charge des Impfstoffs verabreicht wurde. Damit hätten Türsteherïnnen wenigstens noch theoretisch die Möglichkeit, dann Leute nicht reinzulassen, wenn sie laut Impfpass im fraglichen Zeitraum in Roffhausen geimpft worden sind. Was in Papierform mühselig und eher nicht sinnvoll umsetzbar ist, wäre eine Paradeanwendung für ein durchdachtes digitales Impfzertifikat. Leider bieten unsere digitalen Zertifikate designbedingt diese Möglichkeit nicht. Ihr IT-Design ist sogar dermaßen verbockt, dass sich solche Funktionen auch nicht mehr nachträglich implementieren lassen, ohne alle Impfpässe komplett für ungültig zu erklären und nochmal völlig neu auszugeben.</p>
<p>Aber vielleicht lohnt es sich auch nicht, sich über die technische Tauglichkeit der digitalen Impfnachweise groß Gedanken zu machen, schließlich werden sie auch in der Praxis nicht korrekt angewendet. Vorzeigen alleine genügt nicht, der QR-Code muss abgescannt und auf Gültigkeit geprüft werden. Dabei muss zusätzlich ein Personalausweis vorgezeigt werden, denn das Zertifikat belegt nur, dass Erika Mustermann (eventuell) geimpft wurde, aber nicht, ob Erika Mustermann auch vor einem steht. Dazu muss Erika Mustermann zusätzlich ihren Perso zeigen. Womit sämtliche Menschen schon einmal exkludiert wären, die aus verschiedenen Gründen keinen Perso vorzeigen können, beispielsweise Migranten ohne gültige Papiere.</p>
<p>Aber in der Praxis wird natürlich der Impfnachweise so gut wie nie verlangt. Und wenn gelegentlich mal doch, dann nur selten auch der Perso. Das entspricht nicht nur meiner Erfahrung, das sagen in meinem Umkreis <a href="https://twitter.com/anncathrin87/status/1418472381748858880">alle</a>, die <a href="https://twitter.com/larsmb/status/1429893598527594502">gefragt</a> <a href="https://twitter.com/MKreutzfeldt/status/1430865815063117825?s=19">werden</a>. Das bedeutet, an Orten, wo die „2G“- oder „3G-Regel“ gilt, laufen mit hoher Wahrscheinlichkeit immer mal auch ungeimpfte Menschen ohne aktuelles negatives Testergebnis herum.</p>
<p>Das kann den meisten Geimpften zwar relativ egal sein. Ihr Risiko schwer zu erkranken ist sehr gering. Aber die Impfung sterilisiert nicht. Geimpfte Menschen können sich infizieren und die Infektion an andere weitergeben. Und weil sie geimpft sind, bekommen sie nur leichte oder gar keine Symptome und werden so gut wie nie getestet, weshalb niemand sagen kann, in welchem Ausmaß geimpfte Menschen am Infektionsgeschehen beteiligt sind. Die Standard-Antwort der Expertïnnen, wonach der Anteil geimpfter Menschen am Infektionsgeschehen vernachlässigbar gering ist, stammt noch aus der Zeit, bevor sich die wesentlich ansteckendere Delta-Variante ausbreitete.</p>
<p>Wer sich selbst außer Gefahr wähnt, kann also immer noch unwissentlich direkt oder indirekt eine ungeimpfte Person anstecken. Zusammenkünfte geimpfter Menschen können also zur weiteren Verbreitung des Virus beitragen, das irgendwann auf ungeimpfte Menschen trifft oder solche mit eingeschränktem Immunsystem. Ich möchte daran erinnern, dass es hier nicht nur um verbohrte Impfgegnerïnnen geht, sondern um Kinder unter 12, <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-021-01935-7">die durchaus an Long-Covid erkranken</a>, oder beispielsweise Menschen, die nach einer Organtransplantation dauerhaft ihr Immunsystem unterdrücken müssen oder aus anderen Gründen ein geschwächtes Immunsystem haben.</p>
<p>Wie sehr die momentane Corona-Politik von Bundes- und Landesregierungen nicht funktioniert, zeigt sich unübersehbar an den dramatisch steigenden Fallzahlen. „2G“ und „3G“ brauchen wir ethisch und rechtlich gar nicht erst zu diskutieren, wenn die technische Basis dafür offensichtlich Murks ist. Die Impfung schützt – aber eben nur die allermeisten Geimpften. Bis zum Abebben der vierten Welle kommen wir um Masken, Abstand, Lüftung usw. nicht herum. Wir sollten testen, testen und nochmals testen und die positiv Getesteten konsequent in Isolation schicken. (<a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/grossbritannien-corona-app-ping-leere-supermarktregale-quarantaene-101.html">Übrigens genau die Strategie, mit der Groß-Britannien seine katastrophal hohen Zahlen im Frühjahr/Sommer wieder senken konnte</a>). Leider machen wir gerade in ungefähr jeder Hinsicht das Gegenteil.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 05 Sep 2021 13:38:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wahlmaschinen – Technik, Kultur und Katzencontent Nr. 10]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, das Wählen hat auf den ersten Blick wenig mit Technik zu tun, dabei gibt es durchaus interessante Alternativen zum gewohnten Setting aus Wahlkabine,…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F032bf882-dd0e-4e30-bee4-7ac2c63d7842%2Fuploads%2Fimages%2Fuc6prufqkc%2FPXL_20210817_121948345.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=92d0a28e32884bb0c49a87ef90f70f39" alt=""/>
<p>Liebe Leserïnnen, </p>
<p>das Wählen hat auf den ersten Blick wenig mit Technik zu tun, dabei gibt es durchaus interessante Alternativen zum gewohnten Setting aus Wahlkabine, Kugelschreiber, Stimmzettel und Wahlurne. Wenn im Vatikan ein neuer Papst gewählt wird, Schreiben die Kardinäle einen Namen auf einen Zettel. Den werfen sie in eine Urne und zugleich eine Kugel in eine Schale, die anzeigt, dass alle genau einmal eine Stimme abgegeben haben. Die Stimmzettel werden vorgelesen und anschließend  mit einer Nadeln auf einen Faden gespießt. Vor aller Augen am Faden hängend können sie nicht so einfach manipuliert werden. Gibt es kein klares Ergebnis, werden die Wählenden so lange eingeschlossen, bis schließlich ein Wahlgang einen klaren Sieger hervorbringt. Das Einschließen des Wahlvolkes bis zu einem brauchbaren Ergebnis hätte sicherlich auch Vorteile bei der Wahl zum deutschen Bundestag, deren Ausgang Politikerïnnen vor fast unlösbare Probleme der Koalitionsbildung stellen kann, aber natürlich ist so ein barocker Vorgang nicht praktikabel.</p>
<p>Technisch gesehen hat sich am Vorgang des Wählens seit Jahrhunderten kaum etwas verändert und das wurmt natürlich Digitalisierende. Es kann ja nicht sein, dass das so umständlich mit Stift und Papier passiert, wenn doch das Aufaddieren von Stimmen geradezu prädestiniert scheint, vom Computer erledigt zu werden. Das ist aber nicht so einfach. Folgendermaßen:</p>
<p>An Wahlen sollen hierzulande drei Kriterien geknüpft werden: Sie sollen frei, gleich und geheim stattfinden. Jedermensch soll beim Wählen und Auszählen zuschauen und sich davon überzeugen können, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Da scheiden Computer völlig aus, denn dem kann eins nicht ansehen, ob durch eine Manipulation im Laufe des Prozesses das Wahlergebnis verfälscht wird. Um das zu überprüfen, sind fortgeschrittene IT-Kenntnisse nötig. Schließlich reicht es nicht, sich einen Quellcode zeigen zu lassen, es muss geprüft werden, ob die Maschine wirklich das tut, was sie soll. Wir erinnern uns, wie VW die Motoren so programmierte, dass sie erkannten, wenn sie sich im Prüfstand befanden. Nur dort produzierten sie die gewünschten Abgaswerte, was erst nach Jahren auffiel. Eins stelle sich einmal vor, was es für Demokratie und Gesellschaft bedeutet, wenn Jahre Regierungs- und Parlamentsarbeit in Frage gestellt werden, weil dann eine solche Manipulation an Wahlmaschinen auffällt.</p>
<p>Informatikerïnnen kommen immer wieder mit kreativen Scheinlösungen für das Problem. Die meisten drehen sich um kryptographische Schlüssel und Verfahren, die eine Manipulation sicher stellen sollen, aber nur mit höheren Mathematikkenntnissen nachvollziehbar sind, weshalb auch sie für das Kriterium der Nachvollziehbarkeit ausscheiden. Andere verzichten auf das Wahlgeheimnis: Die Stimme wird gezählt und zugleich mit der Identität der Wählerïn gespeichert, sodass alle sich davon überzeugen können, ob ihre Stimme richtig gewertet wurde. In Vereins- und Gesellschaftsversammlungen mag es völlig in Ordnung sein, offen abzustimmen und nur bei Bedarf geheime Abstimmungen durchzuführen. Aber ich glaube, wir sind uns einig, dass das für politische Wahlen in einer Demokratie so nicht geht. Nicht nur weil es Stimmenkauf ermöglicht, sondern auch weil Wählerïnnen nie sicher gehen können, ob sie einst Repressionen zu befürchten haben, sollte der Staat irgendwann mal weniger demokratisch sein als heute. Trotzdem hat sich <a href="https://www.bpb.de/apuz/255967/e-voting-in-estland-vorbild-fuer-deutschland">Estland für diesen Weg entschieden</a>, um unbedingt die Wahl über das Internet zu ermöglichen. Deren Argument läuft darauf hinaus, dass sie schwören, die Daten niemandem zu zeigen.</p>
<p>Jedenfalls: Wahlcomputer sind keine gute Idee. Und nein, Eugene, auch nicht in der <a href="https://www.kaspersky.de/about/press-releases/2017_kaspersky-lab-business-incubator-new-polys-solution-enables-secure-on-line-election-on-blockchain-basis">Blockchain</a>. Das sieht auch das <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2009/bvg09-019.html">Bundesverfassungsgericht</a> so. Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, <a href="https://wahlcomputer.ccc.de/">findet Informationen beim CCC</a>. Das hindert natürlich niemanden daran, trotzdem Wahlcomputer auf höherer Ebene einzusetzen. In den Wahllokalen werden die Auszählungsergebnisse in eine Software namens &quot;PC Wahl&quot; übertragen und an die höheren Stellen übermittelt, um die Zahlen nicht telefonisch oder per Fax durchgeben zu müssen. Natürlich fällt &quot;PC Wahl&quot; mit <a href="https://www.heise.de/security/meldung/Bundestagswahl-Eingesetzte-Wahl-Software-hat-eklatante-Sicherheitsluecken-3824053.html">Sicherheitslücken</a> auf. Eins möchte es nicht so genau wissen.</p>
<p>Bleibt der Wahlvorgang der alte, so hat die Digitalisierung doch einigen Einfluss auf Wahlkampf und Wahlentscheidung. Zu den Medien Rede, Plakat, Flyer, Fernsehen und Radio ist noch das Internet mit den sozialen Medien und Platformen hinzu gekommen und die Parteien, besonders die so genannte AFD, genießt es, ihre Propaganda mit Facebook, Twitter, Instagram, Youtube und Tiktok ohne journalistische Intermediäre, die womöglich widersprechen oder einordnen könnten, direkt an ihre Zielgruppen bringen zu können.</p>
<p>Diesem größeren Potenzial an politischen Fake News stehen aber auch immer bessere  Möglichkeiten gegenüber, sich informieren zu können. Eines der wichtigsten Mittel, sich zu informieren, ist der <a href="https://www.wahl-o-mat.de/">Wahl-O-Mat</a> der Bundeszentrale für politische Bildung. Ich sehe den durchaus kritisch. Warum, habe ich <a href="https://t3n.de/news/wahl-o-mat-demokratie-858679/">ausführlich im t3n-Magazin aufgeschrieben</a>. Der wichtigste Aspekt: Im Wahl-O-Mat geht es um Themen, wir wählen aber Köpfe. Die Erfahrung zeigt, dass Wahlprogramme ein fiktionales Genre sind, und zwar schon deshalb, weil keine Partei auch nur ansatzweise in der Nähe der Chance ist, alleine ohne Koalitionspartner regieren zu können. Wichtiger als Versprechen, die sich vielleicht ein wenig verwässert und kompromissbehaftet im Tausch gegen drei fette Kröten im Koalitionsvertrag wiederfinden, der vielleicht abgearbeitet wird, vielleicht aber auch nicht – wichtiger als das sind die Köpfe, die wir wählen. Das sind die Kanditatïnnen, denen wir unsere erste Stimme geben, aber auch die Menschen auf den Listen, die wir mit der zweiten Stimme wählen. Trauen wir diesen Köpfen zu, zu regieren und dabei unsere Interessen zu vertreten? Wie gehen diese Köpfe mit Problemen um, von denen wir gerade noch nichts ahnen?  Die Frage kann uns kein Wahl-O-Mat beantworten.</p>
<p>Oder doch? Es gibt da nämlich noch <a href="https://btw21.deinwal.de/">Deinwal.de</a>. Die Seite nimmt nicht die Parteiprogramme als Grundlage, sondern die Abstimmungen der letzten vier Jahre im Bundestag: Beantworte eine Reihe von Fragen und am Ende wird angezeigt, wie stark das Abstimmungsverhalten der Parteien mit den eigenen Ansichten übereinstimmt. Das bedeutet leider auch, dass Deinwal keine Parteien berücksichtigen kann, die nicht im Bundestag sitzen. Das ist schade, aber der Hauptwitz liegt meiner Meinung nach auch darin, das eigene Wahl-O-Mat-Ergebnis mit dem Deinwal-Ergebnis zu vergleichen. Nur im Parlament können Programmatik und Abstimmungsverhalten miteinander verglichen werden. In meinem Fall war das Ergebnis durchaus überraschend. </p>
<p>Der Wahl-O-Mat sagt mir, dass ich mit der SPD inhaltlich zu 72% übereinstimme und mit der CDU/CSU zu 29%. Bei Deinwal komme ich für beide Parteien auf 50%. Gut, das ist nicht wirklich überraschend sondern zeigt den Effekt der (nicht mehr so) Großen Koalition: Sie trifft sich in der Mitte. Die SPD stimmt weniger links ab, als sie möchte, die CxU weniger rechts, in der Mitte liegt der Kompromiss und ich finde erstaunlich, dass ich tatsächlich bei akkuraten 50% für beide Parteien lediglich mit Abweichungen hinterm Komma herausgekommen bin. Das erklärt auch den Effekt, warum die CDU besonders unter Rechten als fast schon sozialdemokratisch wahrgenommen wird und sich linke Wählerïnnen immer wieder von der SPD verraten fühlen.</p>
<p>Ganz anders müsste es bei den Oppositionsparteien aussehen. Die sind schließlich an keine Koaltionsverträge gebunden und können abstimmen, wie sie wollen. Eigentlich müssten also die Wahl-O-Mat-Ergebnisse mit denen von Deinwal grob übereinstimmen. Tun sie aber nicht. (In meinem Fall jedenfalls.) Wahl-O-Mat sagt mir, ich habe 92% Übereinstimmung mit der Linken, konkret im Parlament stimmt sie laut Deinwal aber nur zu 72% so ab, wie ich es gut fände. Eins könnte also auch formulieren: Teilweise hält die Linke ihre Wahlversprechen und Programmatik nicht ein, obwohl sie in der Opposition ist. Das gleiche gilt auch für die FDP nur umgekehrt. Der Wahl-O-Mat findet, dass ich nur zu 37% inhaltlich mit der FDP übereinstimme, beim Abstimmen im Bundestag sind es dann aber 47% laut Deinwal. Aus meiner Perspektive ist die FDP also besser als ihr Ruf, aber aus Perspektive derer, die inhaltlich mit ihr übereinstimmen, schneidet die FDP änlich schlecht ab wie die Linke.</p>
<p>Nur Grüne und AfD stuft der Wahl-O-Mat in etwa genauso ein wie das konkrete Abstimmungsverhalten nach Deinwal. Das empfinde ich als echte Entscheidungshilfe, wobei es sich natürlich nur um eine Stichprobe handelt, die bei anderen Menschen auch ganz anders ausfallen kann. Selber experimentieren lohnt sich.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
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      <pubDate>Sun, 05 Sep 2021 13:34:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Hackerïnnencultureclash – Technik, Kultur und Katzencontent Nr. 8]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, die Gesellschaft hat ein konkretes Bild von Hackerïnnen: Sinistre Kellerkinder, die in fremde Computer eindringen, um dort Daten zu verschlüsseln und…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2Fcbaf58ec-b4e2-4d8d-9dd6-be09f2469aa4%2Fuploads%2Fimages%2Fjbulykijkw%2FPXL_20210623_112255877.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=e6e5e31ce7c34ca5938d71a7ee576a91" alt=""/>
<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>die Gesellschaft hat ein konkretes Bild von Hackerïnnen: Sinistre Kellerkinder, die in fremde Computer eindringen, um dort Daten zu verschlüsseln und Lösegeld für die Entschlüsselung zu verlangen. Oder wenigstens Daten zu entwenden und an den nächstbesten Geheimdienst zu verticken. Auf jeden Fall kriminell.</p>
<p>Nur Hackerïnnen haben ein anderes Bild von Hackerïnnen. Da geht es um den Spaß am Gerät, die Freude am Verstehen von Systemen und am kreativen Zweckentfremden. Abgesehen von der Frage, inwiefern ein Selbstbild immer auch ein Zerrbild ist, ist es glaubich einigermaßen sicher anzunehmen, dass das Selbstbild der Hackerïnnen eher der Realität entspricht als das Fremdbild. Hackerïnnen haben sich eine eigene „<a href="https://www.ccc.de/de/hackerethik">Ethik</a>“ gegeben und nehmen in Deutschland über den Chaos Computer Club positiv Einfluss auf die Gesellschaft.</p>
<p>Das Negativbild der Hackerïn ist so tief eingegraben, dass böse Hackerïnnen medial einfach nur &quot;Hackerïnnen&quot; genannt werden, während die guten Hackerïnnen das Attribut &quot;ethische Hackerïnnen&quot; erhalten. Wenn solche ethischen Hackerïnnen auf IT-ferne Menschen, die alle Hackerïnnen für kriminell halten, treffen, ist der Hackerïnnencultureclash programmiert.</p>
<p>Folgendermaßen:</p>
<p>Lilith Wittmann ist IT-Sicherheitsexpertin und im CCC engagiert. In ihrer Freizeit sucht sie also ehrenamtlich nach Sicherheitslücken in Computersystemen. Tüftlerïnnen macht so etwas Spaß und am Ende hat das Ganze einen guten Zweck, nämlich wenn gefundene Sicherheitslücken nach Bekanntwerden geschlossen werden. Hierfür hat sich international ein bestimmtes Vorgehen unter der Bezeichnung &quot;Responsible Disclosure&quot; eingebürgert. Hackerïnnen veröffentlichen Sicherheitslücken nicht einfach, sondern melden diese an die betreffenden Unternehmen. Die haben in der Regel drei Monate Zeit, um die Lücken zu schließen. Ist die Lücke geschlossen oder läuft die Zeit ab, werden die Details veröffentlicht, nicht selten von der betroffenen Firma selbst. Manche Firmen zahlen als Dank für die gefundene Lücke sogar ein Honorar. Völlig ahnungslose Firmen fühlen sich angegriffen und verklagen die Hackerïnnen.</p>
<p>Völlig ahnungslos in diesem Sinne ist die Christlich-Demokratische Union Deutschlands. Die benutzt für ihren Wahlkampf eine App mit dem Namen „CDU connect“. Darin geben Wahlkampfhelfende an, wie sie die Partei am besten unterstützen können, etwa durch Bereitschaft zum Plakatehängen oder auch Social-Media-Kenntnisse. Wer im Wahlkampf von Tür zu Tür geht, kann in der App Punkte sammeln. Das ist ein Bisschen lustig, weil die CDU unter anderem damit wirbt, in der Pandemie „digitalen Wahlkampf“ machen zu können, aber das Ermuntern an viele Haustüren zu Klopfen weder besonders digital ist noch dabei hilft, in der Pandemie Kontakte zu reduzieren. Eher im Gegenteil. Ob die CDU hier ahnungslos oder zynisch oder beides ist, ist nicht ganz klar aber Nebensache.</p>
<p>Die Hauptsache ist, dass die oben genannte Lilith Wittmann sich die CDU-App einmal näher angesehen hat. Und dabei auf Sicherheitslücken stieß. Und diese Sicherheitslücken mustergültig der CDU meldete. Der Kontakt muss eher unangenehm verlaufen sein: Die CDU bot ihr einen Vertrag über eine Beratungstätigkeit an, was Lilith Wittmann ablehnte. Das ist üblich, damit Sicherheitsforschende nicht von den Firmen beeinflusst werden, deren Systeme sie untersuchen. Oft enthalten solche Verträge auch Schweigeklauseln, die eine Veröffentlichung unter Responsible Disclosure unmöglich machen, allerdings ist nicht überliefert, ob das Vertragsangebot der CDU eine solche Schweigeklausel enthielt. Offenbar ist aber Lilith Wittmann gedroht worden, dass die Angelegenheit rechtliche Konsequenzen haben würde, wenn sie das Angebot ausschlägt.</p>
<p>Sie schlug es aus und es hatte rechtliche Konsequenzen.</p>
<a href="https://twitter.com/LilithWittmann/status/1422546380275556352">https://twitter.com/LilithWittmann/status/1422546380275556352</a>
<p>Lilith Wittmann erhielt Post vom zuständigen LKA, dass ein Strafantrag gegen sie vorliege, den sie öffentlich machte. Als ein Imageschaden drohte, ruderte der Bundesgeschäftsführer der CDU schnell zurück.</p>
<a href="https://twitter.com/StefanHennewig/status/1422899625397264387">https://twitter.com/StefanHennewig/status/1422899625397264387</a>
<p>Das Problem an der Entschuldigung: Wenn Lilith Wittmann wirklich ein Vertragsangebot erhielt und ihr rechtliche Konsequenzen angedroht wurden, dann hat Hennewigs Entschuldigung keine Glaubwürdigkeit. Und die polizeiliche Ermittlung ist mit so einer Entschuldigung auch nicht aus der Welt. Die Polizei muss nämlich in einer Strafsache ermitteln, wenn eine Straftat vorzuliegen scheint und sie Kenntnis davon erlangt – unabhänig davon, ob jemand die Straftat anzeigt oder nicht anzeigt oder eine Anzeige zurückzieht. Ein Verfahren wird nicht einfach so eingestellt, solange die Polizei sich nicht ein Bild gemacht hat.</p>
<p>Entschuldigung hin oder her: Lilith Wittmann halt also erst einmal Ärger mit den Ermittlungsbehörden und muss <a href="https://www.patreon.com/LilithWittmann">Geld sammeln, um einen Anwalt bezahlen zu können</a>. Der Chaos Computer Club gibt eine Pressemitteilung heraus, wonach er unter diesen Umständen leider <a href="https://www.ccc.de/de/updates/2021/ccc-meldet-keine-sicherheitslucken-mehr-an-cdu">keine Sicherheitslücken mehr an die CDU melden</a> wolle. Menschen, die die CDU im Großen und Ganzen für unfähig, zynisch oder beides halten, haben einen weiteren Beleg für ihre Annahme gefunden. Menschen, die an das Gute in der CDU glauben, aber Hackerïnnen grundsätzlich für böse und kriminell halten, werden in der Affaire einen Angriff auf die CDU sehen. Und letztere werden ersteren natürlich nicht glauben, egal was diese erzählen.</p>
<p>Wo es eine Hackerïnnenkultur gibt, gibt es eben irgendwann auch einen Hackerïnnencultureclash.</p>
<p>Ach so: Die Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin hat ein <a href="https://www.heise.de/news/Luecken-in-der-CDU-connect-App-Datenschutzbeauftragte-leitet-Pruefverfahren-ein-6157570.html">Prüfverfahren gegen die CDU eingeleitet</a>, weil jene durch den Betrieb der unsicheren &quot;CDU connect&quot;-App schlampig mit personenbezogenen Daten umgegangen sei. Am Ende eines solchen Verfahrens kann ein Bußgeld für die Partei stehen. To be continued.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a> <em>und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a> <em>hilfreich oder unterhaltsam findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Als Dankeschön erhältst du zusätzlich zum kostenlosen Newsletter &quot;Technik, Kultur und Katzencontent&quot; noch regelmäßig eine sorgfältig ausgewählte und kommentierte Zusammenstellung aktueller Links zu Beiträgen in Technikkultur, Digitalität, Netzpolitik und angrenzenden Themen. Und ganz nebenbei unterstützt du mich bei meiner Arbeit. Ich danke herzlich!</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 08 Aug 2021 05:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, bitte installiert die Luca-App nicht auf euren…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, bitte installiert die Luca-App nicht auf euren Telefonen. Wenn ihr sie installiert habt, werft sie wieder raus. Wenn ihr irgendwo seid, wo eine…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>bitte installiert die Luca-App nicht auf euren Telefonen. Wenn ihr sie installiert habt, werft sie wieder raus. Wenn ihr irgendwo seid, wo eine Registrierung mit Luca verlangt wird, besteht stattdessen auf Zettel und Stift oder auf eine der vielen <a href="https://t3n.de/news/kontaktverfolgung-luca-app-alternativen-1383638/">Alternativen</a>. Dafür gibt es eine lange Liste von Gründen. Folgendermaßen:</p>
<p>Viele glauben, eine Veranstaltung oder ein Ort sei sicher, wenn eins sich mit Luca eincheckt. Das ist ein Trugschluss. Die Verwendung von Luca hat keinerlei Einfluss darauf, ob Infektionen passieren oder nicht. Auch mit Luca senken nur die AHAL-Regeln die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung. Auch mit Luca ist eine Aerosolwolke in einem Innenraum eine Aerosolwolke in einem Innenraum. Auch mit Luca bleibt ein Impfdurchbruch ein Impfdurchbruch.</p>
<p>Es ist nicht plötzlich sicher, eine Kneipe zu öffnen oder eine Feier durchzuführen, weil die Luca-App benutzt wird. Es kann vertretbar sein, eine Kneipe zu öffnen oder eine Feier durchzuführen, weil die Fallzahlen gerade niedrig sind und ein stringentes Hygiene-Konzept vorliegt und dieses sogar von den Anwesenden eingehalten wird.</p>
<p>Luca dient lediglich dazu, nach der Feier oder dem Kneipenabend die Anwesenden ausfindig zu machen und zum Testen und/oder in Quarantäne zu schicken, falls sich nachträglich herausstellt, dass eine infizierte Person dabei war. Luca könnte also helfen, in so einem Fall eine weitere Verbreitung zu unterbinden. Wenn Luca zuverlässig funktionieren würde. Was Luca nicht tut.</p>
<p>Zum Beispiel hat die App kürzlich bis zu drei Tage lang (Luca-Entwicklerïn Nexenio spricht von drei Stunden) niemanden gewarnt, <a href="https://twitter.com/HonkHase/status/1421106486789423106">zunächst ohne dass dies auffiel</a>. Derzeit ist es <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/luca-app-probleme-sonderzeichen-100.html">nicht ohne weiteres möglich, eine Veranstaltung in Halle (Saale) anzulegen</a>. Ich vermute, dass es ein Folgefehler ist, der daraus entstand, dass die App Sonderzeichen unterdrückt, um (auf recht unprofessionelle Weise) eine Sicherheitslücke zu schließen. Denn bis vor kurzem war es möglich, durch geschicktes Einfügen von Befehlen, die in der Datenbank-Abfrage-Sprache SQL geschrieben sind, <a href="https://www.chip.de/news/Gravierende-Sicherheitsluecke-in-Luca-App-Hacker-koennten-Gesundheitsaemter-lahmlegen_183630821.html">die Datenbanken der angeschlossenen Gesundheitsämter zu manipulieren</a> und Gesundheitsämter womöglich lahmzulegen.</p>
<p>Immer wieder gibt es Klagen darüber, dass das automatische Auschecken beim Verlassen von Orten nicht funktioniert. Zugleich ist es möglich, <a href="https://twitter.com/janboehm/status/1379692110098628610">sich an Orten einzuchecken, an denen eins sich gar nicht aufhält</a>. Das macht Luca nicht nur für die Gesundheitsämter unbrauchbar, die den Datensalat sortieren müssen, sondern auch für Wirtïnnen und Veranstalterïnnen, die eine Obergrenze  Anwesender einhalten müssen. Die brauchen trotz Luca weiterhin eine Person, die am Eingang die Anwesenden mit Strichlisten zählt.</p>
<p>Dass Datensätze keinen Sinn ergeben, wenn sich bei der „Corona-Party“ des Berliner Museumsbetreibers Enno Lenze <a href="https://www.berlinstory-news.de/virtuelle-corona-party-beendet/">mehr als 600.000 Menschen einchecken</a>, ist klar. Weniger offensichtlich sind Fakes, wenn Menschen sich mit falscher Identität anmelden. So ist (oder war) es möglich, sich <a href="https://www.rostock-heute.de/luca-app-datenschutz-luecke-falsche-telefonnummer/115938">ganz ohne Eingabe einer Telefonnummer mit beliebigem Namen zu registrieren</a>. Wer Fake-Checkins an beliebigen Orten machen will, für die ein QR-Code vorliegt, kann dafür auch ganz ohne eigene IT-Kenntnisse die „luci-App“ verwenden, die vom Peng-Kollektiv ins Netz gestellt wurde, um die Unsicherheit des Luca-Systems zu demonstrieren.</p>
<p>Was ebenfalls nicht einwandfrei funktioniert, sind die Schlüsselanhänger, die für diejenigen herausgegeben werden, die kein Smartphone haben. Anhand dieser Schlüsselanhänger lassen sich von Außenstehenden, die weder Luca, noch Wirt noch Gesundheitsamt sind, <a href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kontaktnachverfolgung-corona-app-tracking-datenschutz-1.5263996">Bewegungsprofile ihrer Inhaberïnnen erstellen</a>. Jedenfalls wenn die Schlüsselanhänger überhaupt <a href="https://www.mopo.de/hamburg/der-aerger-mit-den-luca-schluesselanhaengern/">funktionieren</a>.</p>
<p>Immerhin stellte sich ein angeblicher Ausfall auf Sylt hinterher als Design-Fehler heraus. <a href="https://www.berliner-zeitung.de/news/corona-fall-auf-sylt-zustaendiges-amt-korrigiert-sich-li.174061">Das dortige Gesundheitsamt konnte die Besucherïnnen einer Bar nicht mehr über Luca erreichen.</a> Der Fehler lag nicht bei Luca, sondern bei der Bar, die einen digitalen Schlüssel auf ihrem Computer gelöscht hatte. Eigentlich ist das schlimmer als ein Ausfall. Denn warum können Bar-Betreiberïnnen durch Rumspielen an ihren Computers so einfach die Funktionalität von Luca kaputt machen? Warum ist dieser Schlüssel überhaupt nötig, wenn die Daten sowieso zentral auf den Luca-Servern vorgehalten werden?</p>
<p>Der <a href="https://github.com/lucaapp">Programm-Code der Luca-App</a> lässt sich mittlerweile einsehen, nachdem er auf öffentlichen Druck hin als Open Source veröffentlicht wurde. Offenbar enthielt er so viele Sicherheitslücken, Verstöße gegen Qualitätskriterien und in der Software-Entwicklung übliche Standards, dass 77 Expertïnnen für IT-Sicherheit sich gezwungen sahen, einen <a href="https://digikoletter.github.io/">offenen Brief</a> zu schreiben, dem sich fast 500 weitere Expertïnnen anschlossen. Sie <a href="https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2021-04/luca-app-sicherheitsluecken-datenschutz-kritik-corona/komplettansicht">forderten unter anderem</a>, dass die Verwendung von Luca kein „de facto Zwang“ sein dürfe.</p>
<p>Zum Glück sehen, soweit ich weiß, alle oder die meisten Infektionsschutzverordnungen der Bundesländer vor, dass Luca nicht die alleinige Methode des Eincheckens darstellt. Trotzdem kommt es leider immer wieder vor, dass Menschen nicht in Läden gelassen werden, wenn sie die Luca-App nicht haben. Und diese App nicht haben zu wollen, lässt sich sehr gut mit ihren Datenschutzmängeln begründen.</p>
<p>Abgesehen von den <a href="https://netzpolitik.org/2021/it-sicherheit-schon-wieder-desastroese-sicherheitsluecke-in-luca-app/">immer neuen Sicherheitslücken</a> sitzt Luca-Betreiberïn Nexenio auf einem Berg von Daten, an welchen Orten sich Millionen von Menschen in den letzten Monaten aufgehalten haben. Das oben erwähnte Experiment von Enno Lenze hat sogar gezeigt, dass sie in Echtzeit diese Daten beobachten und darin nach Belieben löschen können. Unklar ist, wer irgendwann einmal Zugriff auf diese Daten bekommt, sollte sich die Gesellschafterïnnenstruktur verändern. Fest steht, dass die App nicht nur entwickelt wurde, um damit die Pandemie zu bekämpfen. Unter anderem <a href="https://twitter.com/Linuzifer/status/1381516218176303105">scheint es Pläne zu geben</a>, später einmal Veranstaltungstickets über die App zu verkaufen.</p>
<p>Gesundheits- und Positionsdaten möchte eins eigentlich nicht so gerne Leuten anvertrauen, die immer wieder damit aufgefallen sind, <a href="https://twitter.com/evawolfangel/status/1397458263801798657">nachgewiesene Sicherheitslücken zu leugnen</a>. Beim Veröffentlichen des Quell-Codes wurde zunächst <a href="https://twitter.com/ralf/status/1377127671017054212">eine Lizenz gewählt, die kein ernsthaftes Analysieren der App erlaubt</a>, wobei die Open-Source-Lizenzen Dritter verletzt wurden.</p>
<p>Die Benutzungsoberfläche verwendet so genannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dark_Pattern">Dark Patterns</a>: In Apples App Store und dem Google Playstore hatte die App miese Bewertungen. Doch sind die Bewertungen der Android-App in letzter Zeit wieder besser geworden, nachdem die App so gestaltet wurde, dass <a href="https://www.heise.de/tp/features/Fuenf-Sterne-fuer-die-Luca-App-Das-Essen-war-sehr-gut-6149776.html">viele Menschen bei flüchtiger Nutzung glauben, sie bewerten das Restaurant, in das sie sich eingecheckt haben</a>. Und Smudo sowie andere Vertreterïnnen von Nexenio und der Luca-App versuchen immer wieder, ihre <a href="https://twitter.com/annalist/status/1377048686623096834">Kritikerïnnen öffentlich zu diskreditieren</a>.</p>
<p>Leider haben Landesregierungen mittlerweile mehr als <a href="https://netzpolitik.org/2021/digitale-kontaktverfolgung-fast-20-millionen-euro-fuer-luca/">20 Millionen Euro für Luca-Lizenzen</a> ausgegeben. Das taten sie unter fragwürdigen Umständen, da es oftmals keine Ausschreibung und keine nennenswerte Prüfung der Funktionalität oder Datenschutzkonformität gab. Politikerïnnen fällen solche Entscheidungen aufgrund von wirtschaftlichem Druck. Wirtïnnen und Eventveranstalterïnnen üben diesen Druck aus, damit sie in der Pandemie geöffnet haben dürfen. Jeder einzelne Checkin, der mit Luca passiert, erhöht diesen Druck und die Wahrscheinlichkeit, dass die öffentliche Hand noch mehr Geld für Luca ausgeben wird. Jedes mal, wenn Luca verweigert wird, wird den Wirtïnnen und Ladenbesitzerïnnen Luca ein klein wenig lästiger.</p>
<p>All dies scheint nur einer relativ kleinen Zahl IT-affiner Menschen bekannt zu sein, während an fast allen Geschäften Luca-Codes hängen. Wer unter „normalen Leuten“ die Luca-App kritisiert, wird bisweilen angeschaut, als ob sie oder er gerade mit einem UFO gelandet wäre, und nicht für voll genommen. Dabei hat die kurze Geschichte der Luca-App so viele unappetitliche Details, dass ein Buch nötig wäre, um alles aufzuschreiben. Der IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug sammelt alle in einem Twitter-Thread. <a href="https://twitter.com/HonkHase/status/1397436253944131586">Bisher besteht er aus 709 Tweets.</a> (Korrektur)</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Der weitaus größte Teil meiner Arbeit ist frei im Web zugänglich und soll es überwiegend auch bleiben. Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a> <em>und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a> <em>hilfreich oder unterhaltsam findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 01 Aug 2021 09:51:06 +0000</pubDate>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>bitte, bitte, bitte ladet nicht eure Kontakte hoch, wenn eine App euch dazu auffordert. Folgendermaßen:</p>
<p>Im Darknet wird eine Datenbank versteigert, die 3,8 Milliarden Telefonnummern enthalten soll und von Clubhouse-Servern stammt. Darunter dürften auch viele dienstliche und private Telefonnummern von Prominenten sein, die häufig auf Clubhouse vertreten sind. Wer als prominente Person, Politikerïn, Aktivistïn usw. Grund zur Sorge hat, Opfer von Doxing, Übergriffen Rechtsradikaler oder anderer Hassgruppen zu werden, sollte sich schonmal eine andere Telefonnummer zulegen.</p>
<a href="https://twitter.com/mruef/status/1418693478574346242">https://twitter.com/mruef/status/1418693478574346242</a>
<p>Das gilt auch für Leute, die selbst Clubhouse gar nicht benutzen. Es genügt, wenn Freunde oder Bekannte es tun, denn Clubhouse kopiert das gesamte Adressbuch des Telefons mit sämtlichen Kontakten auf die eigenen Server. Das passiert nicht nur einmal nach dem ersten Start der App. Clubhouse schaut anschließend auch regelmäßig nach, ob neue Einträge hinzugekommen sind, und lädt auch diese hoch. So erklärt sich, warum eine App, die von einigen zehn Millionen Menschen installiert wurde, 3,8 Milliarden Kontaktdaten erntet.</p>
<p>Wer es nicht kennt: Clubhouse ist ein Audio-Chat. Wer dort einen Account hat, kann einen „Clubraum“ eröffnen und sich in diesem mit anderen Menschen verabreden, um über ein bestimmtes Thema oder auch Gott und die Welt zu quatschen. Diese Clubräume sind öffentlich und können von allen betreten werden, wobei nur diejenigen sprechen können, die dazu freigeschaltet sind. Deshalb ist Clubhouse eine – je nach Sichtweise – ziemlich exklusive oder elitäre Angelegenheit und nicht mit anderen sozialen Medien und Netzwerken zu vergleichen.</p>
<p>Gesteigert wurde der Effekt noch dadurch, dass Clubhouse zunächst ausschließlich für iPhones und nicht für Android-Telefone zur Verfügung stand und nur teilnehmen konnte, wer von einem Freund oder Bekannten eine Einladung erhielt. Diese Kombination führte zu Beginn des Jahres zu einem ziemlichen Hype in Deutschland, weil Prominente offenbar das Gefühl hatten, dort im relativ kleinen, exklusiven Kreis reden zu können. Das verleitete unter anderem Bodo Ramelow zu sexistischen Sprüchen über Angela Merkel, während Philipp Amthor sich sicher genug fühlte, in seinem Clubraum das heute als rechtsradikal verstandene Pommernlied zu singen. Nach einigen solcher Skandale ging die Freizügigkeit vieler Prominenter auf Clubhouse schnell zurück und genauso schnell ebbte der Hype wieder ab. Mittlerweile existiert auch eine Android-App und das Interesse scheint so weit gesunken zu sein, dass es seit wenigen Tagen auch ohne Einladung möglich ist, Clubhouse beizutreten.</p>
<p>Zynisches Details am Rande: Dass eine Audio-App nicht ohne weiteres für gehörbehinderte Menschen zugänglich gemacht werden kann, ist nachvollziehbar. Dass sie aber so gestaltet wird, dass blinde Menschen sie auch nicht verwenden können, zeigt deutlich, wie wenig sich die Entwicklerïnnen für ihre Nutzerïnnen interessieren. Besonders weil iOS eine Bedienung durch sehbehinderte Menschen unterstützt und ziemlich viel Faulheit dazu gehört, die Bedienelemente in der Entwicklung nicht entsprechend anzupassen.</p>
<p>Dass Clubhouse gehackt wurde und eine entsprechende Menge an Nutzerïnnen-Daten erbeutet werden konnten, ist sehr plausibel. Wie schludrig die Clubhouse-Entwicklerïnnen arbeiteten, zeigen die diversen Sicherheitslücken, die bekannt wurden, darunter einige, die haarsträubend einfach auszunutzen waren. Unter anderem war es möglich, die Audiochats anderer Leute unbemerkt aufzuzeichnen oder Räume heimlich wieder zu betreten, selbst nachdem eins hinausgeworfen wurde. Bereits früher im Jahr wurde eine kleinere Zahl von Nutzerïnnendaten geleakt. Wenig überraschend verstößt Clubhouse in mehreren Punkten gegen die Datenschutz-Grundverordnung. Von Anfang an legte Clubhouse wie ein Klischee-Startup eine „Move fast and break things“-Attitüde an den Tag.</p>
<p>Clubhouse ist also genau die Sorte App, der niemand das eigene Adressbuch anvertrauen sollte. Zumal das Auslesen und Speichern der vielen Kontakte keinen unmittelbaren Nutzen hat. Bei WhatsApp war es vor rund 10 Jahren noch das Erfolgsgeheimnis, dass WhatsApp-Nutzerïnnen sich aufgrund des automatischen Abgleichs der Telefonnummern gegenseitig finden konnten, ohne sich absprechen zu müssen. Das ist zwar aus Perspektive des Datenschutzes ein No-Go, ergab aber immerhin Sinn. Bei Clubhouse hingegen ist völlig unklar, wozu diese Daten geerntet wurden. Weder für den Betrieb noch für das Verschicken von Einladungen waren sie nötig. Wenn sich ein solcher Datenzugriff nicht mit der Funktionalität einer App begründen lässt, liegt die Unterstellung nahe, dass die Daten anderweitig missbraucht werden sollen.</p>
<p>Unabhängig von Clubhouse und WhatsApp sollte eins niemals dem Upload der Kontakte im eigenen Smartphone zustimmen. Dabei ist es völlig egal, welche Haltung du in Datenschutzfragen hast und ob es dir egal ist, was mit deinen Daten geschieht. Einigen Leuten in deinem Adressbuch ist es vielleicht nicht egal, und auf diese Leute Rücksicht zu nehmen, gebieten Respekt und Höflichkeit.</p>
<p>Es gibt übrigens durchaus Apps, die Kontakt-Daten abgleichen können ohne sie zu sammeln. Ein Beispiel ist der (überhaupt sehr empfehlenswerte) Messenger Signal. Wer Signal den Zugriff auf die eigenen Kontakte gewährt, bekommt genau wie bei WhatsApp mitgeteilt, wenn Freunde und Bekannte den Messenger ebenfalls benutzen. Dies geschieht aber, ohne dass deren Namen und Telefonnummern hochgeladen werden. Stattdessen erzeugt Signal für jeden Eintrag einen so genannten Hash-Wert, aus dem nicht auf den ursprünglichen Inhalt geschlossen werden kann. Wenn Signal die Telefonnummern der Nutzerïnnen vergleicht, vergleicht es also nicht wirklich Nummern, sondern nur diese Hash-Werte.</p>
<p>Clubhouse hat jetzt gerade nur das Pech, als Paradebeispiel für eine ganz grundlegende Frage der Technik-Ethik zu dienen: Solange es nicht zwingend notwendig ist oder ihr euch nicht wie im Fall von Signal einigermaßen sicher sein könnt, was eine App mit den Daten eurer Mitmenschen anstellt, gewährt den Apps bitte, bitte, bitte keinen Zugriff auf die Kontaktdaten in euren Telefonen. Nicht nicht nur für euch selbst, sondern vor allem auch den Menschen zuliebe, die ihr gern habt. Danke.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a> <em>und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a> <em>hilfreich oder unterhaltsam findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 25 Jul 2021 05:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Einige Jahre meiner Kindheit habe…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Einige Jahre meiner Kindheit habe ich buchstäblich hinterm Deich verbracht. Nicht direkt der Nordseedeich, sondern der Emsdeich, aber…]]></description>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>folgendermaßen:</p>
<p>Einige Jahre meiner Kindheit habe ich buchstäblich hinterm Deich verbracht. Nicht direkt der Nordseedeich, sondern der Emsdeich, aber doch an der Küste, eine Autostunde von der See entfernt. Hoch muss ein Deich auch am Fluss sein, für den Fall, dass sich bei Nordwestlage die See in den Mündungen staut und das Wasser flussaufwärts fließt. Natürlich sind wir bei Sturmflut rauf auf den Deich. Gucken. Dort oben stehend zu sehen, wie auf der anderen Seite das vom Sturm aufgewühlte Wasser dicht unter der acht Meter hohen Deichkrone steht, erzeugt einen tiefen Respekt vor den Naturgewalten. Es wird schlagartig klar, wie wenig fehlt, bis riesige Gebiete überflutet werden.</p>
<p>Die Naturgewalt der Flut und die Technik des Deichbaus haben sich tief in die Kultur der Küstenbewohnerïnnen eingegraben. Ich hatte das Glück, keine schlimme Sturmflut erleben zu müssen. 1962, als Teile von Hamburg und das Alte Land unter Wasser standen und 340 Menschen in den Fluten umkamen, war ich noch nicht auf der Welt. Aber ein Bewusstsein dafür, dass es immer wieder zu Sturmfluten kommt, nehmen in Ostfriesland Aufwachsende mit der Muttermilch auf. Katastrophen wie die Weihnachtsflut von 1717, in der weit über 10.000 Menschen umkamen, sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Die Sturmflut ist eine Naturgewalt, die jederzeit und willkürlich hereinbrechen kann. Sie lässt sich weder beschwören noch verhindern. Die Menschen müssen sich damit arrangieren.</p>
<p>Seit der Antike errichten die Küstenbewohnerïnnen ihre Dörfer auf Warften, das sind runde Hügel, auf denen üblicherweise die Kirche steht. Steigt die Flut, konnten sich alle Dorfbewohnerïnnen auf die Warft retten und warten, bis das Wasser wieder abzieht. Hinterher wurde aufgeräumt, was aufgeräumt werden musste. Der friesische Deichbau begann früh im Mittelalter. Bereits um 1300 herum war die gesamte Küste von Westfriesland in den Niederlanden bis hinauf nach Nordfriesland und Dänemark durch Deiche geschützt. Ganze Landstriche wurden durch Eindeichung dem Meer abgetrotzt. Darin liegen heute noch Stolz und bisweilen Sturheit der Ostfriesen. Wir überleben jede Flut.</p>
<p>Doch die Welt, in der sich die Menschen mit ihrer Kultur und Technik einerseits und die Natur mit ihren chaotischen Gewalten andererseits dichotomisch gegenüberstanden, ist untergegangen. Sie verbrannte in unzähligen Öfen, Motoren und Feuern der menschengemachten Erderwärmung. Zwar gilt weiterhin, dass eine solche Katastrophe ein Wetterereignis ist, für das niemand etwas kann. Aber es ist nicht mehr die Frage, ob Extremwetterereignisse und Katastrophen durch das ungebremste Verbrennen von immer mehr Kohlenstoff häufiger und stärker werden, sondern nur noch, wie sehr. Angefangen hat es längst. So stellt <a href="https://www.researchgate.net/publication/280223472_Increased_record-breaking_precipitation_events_under_global_warming">eine Studie des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung</a> 2015 fest, dass die Zahl der Wetterrekorde, die so nie zuvor gemessen worden sind, seit 1981 um 12% angestiegen ist. Zahlen dieser Art kristallisieren sich erst langsam heraus, aber Einschätzungen, wonach Jahrhundertereignisse bei zunehmender Erwärmung alle 10 bis 20 Jahre stattfinden könnten, dürften angemessen sein.</p>
<p>Sicherlich ist die Flutkatastrophe, die ein riesiges Gebiet von den Benelux-Ländern über Eifel, Rheinland bis zum Bergischen Land heimsuchte und bisher mehr als 100 Menschenleben kostete, ein Wetterereignis und als solches chaotisch. Niemand kann etwas dafür. Das verführt dazu, in die alten Denkmuster zu verfallen und die Katastrophe einfach als Schicksal hinzunehmen. Katastrophen passieren, Talsperren laufen über, Rettungsdienste retten Leben und das Technische Hilfswerk räumt auf. Das hat Priorität, derweil die Toten betrauert werden. Politisch ist da wenig, solange alle ihren Job machen. Wer also jetzt die Katastrophe „politisiert“, sei „pietätlos“ und „unanständig“, so verschiedene Politikerïnnen und Medien, die überwiegend dem liberal-konservativen Lager sowie dem Springer-Verlag zuzuordnen sind.</p>
<p>Selbstverständlich ist das perfide Klugscheißerei. Der Vorwurf an die Grünen, sie würden eine Katastrophe parteipolitisch instrumentalisieren, brach noch am selben Tag zusammen, als Armin Laschet selbst vor die Mikrofone trat und „mehr Tempo beim Klimaschutz“ forderte. Was vormittags noch als pietätlos und unanständig gelten sollte, war dann nachmittags schon die lösungsorientierte Art des Kanzlerkandidaten. Hauptsache, viele Menschen halten solche Katastrophen weiterhin für „gottgegeben“. Hauptsache niemand fragt nach Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Doch wenn eine Attribution wissenschaftlich möglich ist, bedeutet das: Es gibt „Schuldige“. Die Schuld lässt sich nur bedingt bestimmten Personen zuordnen, auch wenn einige Konzernlenkerïnnen und die von ihnen korrumpierten Parteien hier verbrecherisch agiert haben und es weiterhin tun. Die Schuld ist eine der gesamten Gesellschaft, die die Klimakatastrophe mit ihrer Lebensweise, ihren Politikeïnnen, Normen und Gesetzen herbeigeführt hat, und sie trotz seit Jahrzehnten offensichtlicher Faktenlage auch weiterhin zulässt.</p>
<p>Die konkrete Bekämpfung der Katastrophe vor Ort ist eine Sache der Menschen vor Ort. Woanders können wir nicht viel mehr tun als Hilfe zu organisieren, zu spenden, zu kondolieren und das Leid irgendwie zu verarbeiten. Wie allerdings durch Bremsen der Erderwärmung vermieden werden kann, dass solche Katastrophen künftig immer häufiger stattfinden, ist eine politische Frage. Sie darf nicht nur, sie <em>muss </em>debattiert werden, damit es in einer Demokratie zu Kurskorrekturen kommen kann. Und da sich in der repräsentativen Demokratie die Einflussnahme der allermeisten Menschen auf das (Ab)Wählen von Parteien/Regierungen alle paar Jahre beschränkt, <em>muss</em> das Versagen von Parteien, Regierungen und Kandidatïnnen angesichts der Klimakatastrophe auch und gerade im Wahlkampf ein Thema sein. Wer das Thema jetzt aus dem Wahlkampf halten will, agiert undemokratisch und will die eigene Verantwortung kaschieren.</p>
<p>Im April <a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/co2-wende-100-dinge-die-schieflaufen-eine-maengelliste-a-cccd07e2-1daa-4825-b2e0-b5cd2795065a-amp?__twitter_impression=true">erschien übrigens im „Spiegel“ eine knappe aber dennoch detaillierte Aufzählung</a>, wie die letzten Bundesregierungen klimapolitisch verzögert, behindert und verhindert haben.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a> <em>und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a> <em>hilfreich oder unterhaltsam findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 18 Jul 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, vor einer Woche twitterte ich:…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, vor einer Woche twitterte ich: https://twitter.com/ennopark/status/1411232084572659712 Auf diesen Tweet habe ich einige Reaktionen bekommen, dass der…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>vor einer Woche twitterte ich:</p>
<a href="https://twitter.com/ennopark/status/1411232084572659712">https://twitter.com/ennopark/status/1411232084572659712</a>
<p>Auf diesen Tweet habe ich einige Reaktionen bekommen, dass der R-Wert keine Aussagekraft habe. Hat er wohl, und zwar folgendermaßen:</p>
<p>(Mini-Exkurs: R besagt, wie viele weitere Menschen eine infizierte Person ansteckt. Wenn R kleiner als 1 ist, steckt jede infizierte Person weniger als eine weitere Person an, und die Verbreitung eines Virus wird eingedämmt. Ist R größer als 1, steckt jede infizierte Person mehrere weitere Personen an und ein Virus verbreitet sich. Machen wir Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder das Tragen von FFP2-Masken, sinkt R.)</p>
<p>Nun ist es aber schwierig, R korrekt zu messen, insbesondere bei relativ niedrigen Fallzahlen. Deshalb ist der R-Wert, den das Robert-Koch-Institut veröffentlicht, ein auf Messdaten basierender Schätzwert, der mit statistischen Verfahren (Nowcast) ermittelt wird. Ein Blick in die Suchmaschine fördert zu Tage, dass es über den Sinn und Unsinn von R eine sehr breite Debatte im Frühsommer 2020 gab.</p>
<p>Dies ist eine gute Stelle, um eine Nebelkerze zu werfen. In etwa so:</p>
<p><em>Verquerdenkerïn:</em>&quot;R kann nicht genau gemessen werden und taugt als Kennzahl nichts.&quot;</p>
<p><em>RKI:</em> &quot;Deshalb glätten wir R mit statistischen Verfahren, sodass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit einen realistischen Wert bekommen.&quot;</p>
<p><em>Verquerkdenkerïn:</em>&quot;R taugt nichts, weil das RKI Statistik-Voodoo mit den Messwerten macht. Trau keiner Statistik, die du nicht selbst bla…&quot;</p>
<p>Ohne sauber zu messendes R stecken wir argumentativ in der Falle. R ist als Messzahl verbrannt, wenn eins will, dass R als Messzahl verbrannt ist. R ist als Messzahl tauglich, wenn eins will, das R als Messzahl tauglich ist. Kommunikation zwischen den beiden Ansichten ist unmöglich. Wer in dieser Debatten-Sackgasse stecken bleibt, ignoriert, dass die Wissenschaft™ einschließlich dem RKI selbst <a href="https://www.pharmazeutische-zeitung.de/professor-schaade-erklaert-den-r-wert-117562/">immer wieder betont hat</a>, dass R mit Vorsicht zu genießen und <em>nicht isoliert</em> zu betrachten ist, also in Kontext mit anderen Werten gestellt werden muss.</p>
<p>Also betrachten wir R mal nicht isoliert, sondern setzen den Wert in Kontext:</p>
<p>Erste Frage: Trend oder Ausreißer? Hier eine Grafik des Pandemieverlaufes, die von <a href="https://corona-in-zahlen.de/r-wert/">&quot;Corona in Zahlen&quot;</a> stammt (rote Markeriungen von mir).</p>
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<p>Wir sehen, dass R schwankt aber seit April stetig sinkt. Das entspricht zeitversetzt recht genau dem Verlauf der zurückgehenden dritten Welle. Wir sehen weiter, dass R seit einiger Zeit stetig steigt und sich seit mehr als einem Monat fast stetig aufwärts bewegt. Wir haben also einen Trend.</p>
<p>Zweite Frage: Gehen andere Parameter in die gleiche Richtung? Ja. Die 7-Tage-Inzidenz ist vor einer Woche das erste Mal seit langem nicht gefallen und steigt seitdem täglich. Ein exponentieller Anstieg mit explosivem Wachstum in den nächsten Wochen ist zumindest zu befürchten.</p>
<p>Dritte Frage: Gibt es einen plausiblen Grund, warum R steigt? Ja. Wir beobachten seit längerem einen Anstieg der Delta-Variante, von der wir wissen, dass sie erheblich ansteckender ist. Tatsächlich ließ die Entwicklung von Delta seit Wochen befürchten, dass die Zahlen bald wieder steigen. Viele Menschen wollten das nicht gelten lassen, solange die Inzidenz sinkt. Kaum steigt R über 1, behaupten viele wieder, R bedeute nichts.</p>
<p>Vierte Frage: Gibt es Vorbilder für das Geschehen? Ja, in mehreren Ländern, besonders in Groß-Britannien und zuletzt explosionsartig in den Niederlanden. Die Frage ist nicht mehr, ob sondern wie schnell und wie sehr Delta &quot;kommt&quot;.</p>
<p>Wir fassen zusammen: R ist für sich genommen ein unsicherer Wert. Aber R&gt;1 ist nach wochenlang stabilem Aufwärtstrend zu beobachten und trifft mit wieder steigender Inzidenz sowie einer plausiblen und bereits erwarteten Ursache zusammen. Und es ist woanders schon genauso passiert.</p>
<p>In diesem Kontext ist es töricht, abzuwiegeln und die aktuelle Entwicklung von R für ein statistisches Artefakt zu halten. Selbstverständlich weckt das Ängste: Es kamen Reaktionen wie &quot;Noch einen Lockdown halte ich nicht durch&quot;. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Wir brauchen gerade keinen weiteren Lockdown, wir wollen nur die niedrigen Zahlen niedrig halten. Das geht mit entsprechenden Maßnahmen, wie sie unter den Stichworten #NoCovid und #ZeroCovid beschrieben werden, wobei ein Teil dieser Maßnahmen gerade läuft. Impfen, Testen, Kontakt-Nachverfolgung, Mund-Nasen-Schutz, strenge Quarantäne-Regeln, lokale Lockdowns bei Ausbrüchen, strenge Einreisequarantäne – und das alles jetzt und nicht erst, wenn die Zahlen wieder hoch sind. Stattdessen haben wir: Fußball-Europameisterschaft als Superspreader-Event mit Ansage und ohne Einreisequarantäne, in vielen Bundesländern fallen die Masken, wie letzten Sommer werden die Schulen nicht auf eine entsprechende Entwicklung im Herbst vorbereitet, die Homoffice-Pflicht wurde vorschnell abgeschafft usw. usw. usw.</p>
<p>Machen wir und die uns regierenden Politikerïnnen die gleichen Fehler zum dritten Mal? Wir haben es in der Hand.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a><em> und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a><em> gut findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 11 Jul 2021 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, ich frage mich, wie es sein kann, dass alle in…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, ich frage mich, wie es sein kann, dass alle in diesem Ausmaß auf Annalena Baerbock herumhacken. Vielen Leserïnnen, die wegen meines Twitter-Threads auf…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>ich frage mich, wie es sein kann, dass alle in diesem Ausmaß auf Annalena Baerbock herumhacken.</p>
<p>Vielen Leserïnnen, die wegen meines Twitter-Threads auf diesen Newsletter aufmerksam geworden sind, wird das Folgende bekannt vorkommen. Extra für euch wird es dieses Wochenende noch eine weitere Ausgabe von &quot;Technik, Kultur und Katzencontent&quot; geben. Ihr könnt an dieser Stelle aufhören zu lesen, aber stattdessen gerne diese Mail an Freunde, Bekannte und Familienmitglieder weiterleiten, die nicht auf Twitter sind.</p>
<p>Aber zurück zum Thema. Ich glaube, ich weiß jetzt, warum #AlleGegenBaerbock so gut funktioniert. Folgendermaßen:</p>
<p>Armin Laschet verdankt seine Karriere teilweise der Protegierung durch christliche Aachener Lokalgrößen. Als Lehrbeauftrager hat er sich Klausurnoten einfach ausgedacht. Als Minister hat er seine Untergebenen ein Buch für sich schreiben lassen, das er unter seinem Namen veröffentlichte. Als dies bekannt wurde, spendete er die Buch-Einnahmen, allerdings nicht ohne diese Spende von der Steuer abzusetzen. Er agiert wissenschaftsfeindlich, argumentiert postfaktisch und stellt in seiner Corona-Politik Profit-Interessen über Menschenleben, etwa wenn es obskure Ausnahmen für Möbelhäuser gibt. &quot;Wissenschaftliche&quot; Studien finanziert er danach, ob sie seine Politik stützen, und er ist in einen Korruptionsfall um unbrauchbare medizinische Kittel verwickelt. In seinem Bundesland hat er kürzlich die Demonstrationsfreiheit drastisch eingeschränkt und trotz Klimakatastrophe eine 1000-Meter-Abstandsregel für Windräder festgesetzt, die für eine Abnahme von Windrädern sorgen wird, während weiterhin Dörfer enteignet und abgerissen werden, um Braunkohle zwecks Verbrennen aus der Erde zu holen, wobei für Tagebauen und Kraftwerke geringere Mindestabstände zu Siedlungen gelten als für Windräder.</p>
<p>Olaf Scholz führte als Innensenator in Hamburg den polizeilichen Einsatz von Brechmitteln gegen Verdächtige ein, der vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als menschenrechtswidrig eingestuft wird und in Hamburg zu mindestens einem Todesfall führte. Bei den Protesten beim Hamburger G20-Gipfel kam es zu zahlreichen und massiven Fällen von Polizeigewalt gegen Demonstrierende aber auch gegen Pressevertreterïnnen und Verstöße gegen die Pressefreiheit, was der als Bürgermeister mitverantwortliche Olaf Scholz leugnete. Als Finanzminister trägt er Mitverantwortung für das Versagen der Bafin im Wirecard-Skandal. Lediglich bei der Verwicklung in Cum-Ex-Geschäfte der Warburg-Bank sieht es danach aus, als ob ihm das zu unrecht vorgeworfen würde.</p>
<p>Annalena Baerbock hat ihren Lebenslauf geschönt und das offenbar im Umfang dessen, was Bewerbungscoaches durchaus mal raten. Sie und ihr Ghostwriter haben offenbar freizügig Textpassagen aus fremden Quellen für ihr Buch benutzt, ohne dies kenntlich zu machen, wobei es sich – das ist hier wichtig – nicht um ein Plagiat in einer wissenschaftlichen Prüfungsarbeit handelt wie beispielsweise bei Franziska Giffey. Das ist hässlich, aber:</p>
<p>Die jeweiligen Verfehlungen der drei Kandidatïnnen stehen in keinem Verhältnis zueinander, das auch nur ansatzweise das Ausmaß rechtfertigt, in dem sich Medien und Öffentlichkeit an Baerbock abarbeiten. Wie kann es sein, dass diese Kampagne so erfolgreich ist? Wie zur Henkerïn kann ein denkendes und fühlendes Wesen sich in dieser Situation an ihr und nicht den anderen beiden abarbeiten wollen?</p>
<p>Dass Leute aus dem rechten Lager mit jedem Schmutz werfen, den sie haben, ist klar. Aber wie kommen Leute aus der politischen Mitte oder sogar links auf die Idee, Baerbock &quot;sei hochnäsig&quot; und &quot;stünde sich irgendwie selbst im Weg&quot; und das sei jetzt schlimmer als Laschet oder Scholz? Wie kann &quot;Hochnäsigkeit&quot; im Kontrast zu Korruption und menschenverachtender Politik ein Argument sein, das nicht nur von den üblichen Feinden der Grünen, sondern dermaßen breit und bereitwillig aufgenommen und wiedergegeben wird? Die Antwort liegt meiner Meinung nach in der konservativen Struktur unserer Gesellschaft.</p>
<p>An dieser Stelle möchte ich auf meinen <a href="https://twitter.com/ennopark/status/1102892841745948672">Twitter-Thread zum Thema Konservatismus</a> verweisen, den ich gelegentlich unbedingt noch außerhalb von Twitter veröffentlichen muss. Ich habe dort herausgearbeitet, dass es Konservativen beim &quot;Bewahren&quot; zu allererst immer darum geht, die bestehende Hierarchie und damit auch den eigenen Status darin zu bewahren. Und genau dieses Denken schlägt auch im Fall Baerbock wieder zu.</p>
<p>Laschet und Scholz kann allerlei vorgeworfen werden, aber sie handeln von einer Position aus, die dem Status entspricht, der ihnen von der Gesellschaft zugesprochen wird. Baerbock bricht diese Erwartung immer wieder an Stellen, die den Status markieren. Ein Buch geschrieben haben, hebt den Status. Werden in dem Buch Fehler gefunden, wird das so interpretiert, als maße Baerbock sich einen Status an, den sie eigentlich nicht habe. Beschäftigt sie (wie nahezu alle anderen Spitzenpolitikerïnnen auch) einen Ghostwriter, wirkt das wie eine ebensolche Status-Anmaßung.</p>
<p>Auch der Lebenslauf zeigt den Status einer Person an. Schönungen daran wirken ebenfalls, als wolle wer sich einen höheren Status anmaßen als ihm oder ihr eigentlich zukomme. Bei Leuten, die sich statusgemäß verhalten, sind solche Verfehlungen nie ein Problem, wohl aber für Baerbock, die hier vor einer doppelten Schwierigkeit steht: Für viele ist es (oft unbewusst) noch immer eine Status-Anmaßung, als Frau für ein Spitzenamt zu kandidieren(*). Und sie tut es ausgerechnet in der Partei, die erst 1979 zum Parteiensystem hinzukam. Die Grünen sind quasi ein &quot;Emporkömmling&quot; im altbundesrepublikanischen Parteiensystem. Die Vorwürfe sind ein einziges pikiertes und blasiertes &quot;Was erlauben Baerbock?&quot;</p>
<p>Genau so, wie sich die Empörung über Panama-Papers und zahllose Korruptionsfälle auf enttäuschende Weise in Grenzen hält, können Laschet und Scholz (und Trump) mit ihrem Verhalten durchkommen, weil sie sich im konservativen Sinne rollen- und statuskonform verhalten. Verhält sich eine Person aus konservativer Sicht nicht statuskonform, wie zum Beispiel Baerbock das tut, sind die kleinsten Fehler plötzlich unverzeihlich, insbesondere wenn sie Indizien für eine vermeintliche Status-Anmaßung sind. Da reagieren die Leute, heftig, das geht gar nicht.</p>
<p>Ganz ähnlich war das bei Rezo zu beobachten, der vor allem deshalb von vielen abgelehnt wird, weil er in ihren Augen als blauhaariger Youtuber aus der Rolle fällt. Da ist ganz egal, ob seine Argumente richtig, stringent und mit Quellen belegt sind. Oder im US-Wahlkampf 2016: &quot;Grab &#39;em by the pussy&quot; ist hässliches, aber rollenkonformes Verhalten für einen privilegierten Patriarchen. Boys will be boys. Aber Präsidentin werden wollen ziemt sich für eine ehemalige First Lady nicht. Da wurde neben dem gebetsmühlenartigen „But her emails!“ auch dauernd Clintons Qualifikation in Frage gestellt.</p>
<p>Das traurige Fazit: Viel mehr als wir das wahrhaben wollen, besteht unsere Gesellschaft bis weit nach links noch immer aus in Hierarchien denkenden Anhängerïnnen des DaKönntJaJederKommismus, die bereitwillig auf ein Baerbock-Bashing einrasten, wenn nur der geringste Anlass geboten wird.</p>
<p>(*) Bleibt noch eine Fußnote: Ihr höre schon, wie Leute sagen, Quatsch, das kann nichts mit Baerbocks Geschlecht zu tun haben, wir hatten 16 Jahre lang eine Kanzlerin. Das stimmt nur auf den ersten Blick. Wir übersehen, dass Angela Merkel nur durch die Kohl-Parteispendenaffaire an die Spitze der CDU gelangen konnte, und sie konnte nur Kanzlerkandidatin werden, nachdem sie dem &quot;Patriarchen&quot; Stoiber einmal den Vortritt gelassen hat und dieser scheiterte. Angela Merkel wurde jahrelang auf rüdeste Weise öffentlich verhöhnt (&quot;das Merkel&quot;) und ihr wurde bis in die Elefantenrunde hinein noch die Qualifikation abgesprochen. (Übrigens damals auch von mir. Mann lernt dazu.)</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich einen kühlen Kopf in einem heißen Wahlkampf.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a><em> und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a><em> gut findet und meine Arbeit gerne finanziell unterstützen möchte, </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>kann das hier tun</em></a><em>. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 11 Jul 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Nordrhein-Westfalen,…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin starten diesen Sommer das digitale Schulzeugnis im Testbetrieb. Wenn diese Nachricht…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F46e4fb01-0da9-4b4b-920c-aba1b2a287c2%2Fuploads%2Fimages%2F5oqithxcre%2FPXL_20210320_165728642.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=4e01edfe4b9e3156e8d08ae32ee1bd25" alt=""/>
<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>folgendermaßen:</p>
<p>Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin starten diesen Sommer das <a href="https://www.bundesdruckerei.de/de/Newsroom/Pressemitteilungen/Digitales-Zeugnis-einfach-und-sicher">digitale Schulzeugnis</a> im Testbetrieb. Wenn diese Nachricht überhaupt wahrgenommen wurde,  zog sie eher enttäuschte Reaktionen nach sich. Das soll jetzt die Digitalisierung der Schule sein?</p>
<p>Es gibt kaum einen Bereich in der Gesellschaft, der aus technischer Sicht dermaßen vorgestrig ist wie das öffentliche Schulwesen. Weil es um Informationsvermittlung und den Umgang mit Informationsmedien geht, spielen Bücher, Hefte, Arbeitsblätter sowie Lesen und Schreiben eine sehr wichtige Rolle im Unterricht. Wenn es weiterhin darum gehen soll, den eigenständigen Umgang mit Informationsmedien zu vermitteln, müssen digitale Medien künftig eine ebenso wichtige Rolle im Unterricht spielen. Das und nichts anderes ist das zentrale Versprechen der Digitalisierung von Bildung. Dass Kinder nicht mehr so schwere Ranzen voller Bücher schleppen oder fast wie selbstverständlich im Notfall auf Heim- und Wechselunterricht umgestellt werden kann, sind die Effekte, die sich als Folge einstellen und zeigen, warum wir das überhaupt alles machen.</p>
<p>Dieses Digitalisierungsversprechen wurde bisher allenfalls rudimentär eingelöst und entsprechend konsterniert reagieren manche Leute, wenn ihnen das digitale Schulzeugnis als &quot;Fortschritt bei der Digitalisierung von Bildung&quot; verkauft wird. Das ist tatsächlich ein Bisschen ungerecht, denn die digitalen Zeugnisse bringen ja durchaus was, vor allem für die Abschlussjahrgänge. Die sollen eines Tages keine papiernen Kopien mit ihrer Zeugnisse umständlich und teuer von Notarïnnen oder öffentlichen Stellen beglaubligen lassen, sondern verschicken einfach das digitale, mit Echtheitszertifikat versehene, Zeugnis mit ihrer Bewerbung per E-Mail. Also super Sache, danke, go for it.</p>
<p>Moment. Stand da wirklich &quot;Blockchain&quot;?</p>
<p><a href="https://www.bundesdruckerei.de/de/Newsroom/Pressemitteilungen/Digitales-Zeugnis-einfach-und-sicher">Ja, da steht wirklich &quot;Blockchain&quot;.</a> Die Bundesdruckerei, die Infrastruktur fürs digitale Schulzeugnis bereitstellen will, nicht die Zeugnisse selbst aber Tokens in einer Blockchain ablegen, wo die dann auf Richtigkeit geprüft werden sollen. Das ist eine dieser dummen Ideen, an denen deutlich wird, warum das Land dringend eine bessere Digitalbildung benötigt.</p>
<p>Ein kleiner Exkurs zu Blockchains, ich versuche wirklich, mich kurz fassen: </p>
<p>Blockchains sind nicht besonders neu sind und hießen im vergangenen Jahrhundert noch &quot;Hash-Ketten&quot;, was natürlich kein Name war, der sich besonders für einen Hype eignet. Die Blockchain, wie wir sie heute kennen, kam mit dem Bitcoin auf. Der Bitcoin benötigte einen Mechanismus, um sicher zu stellen, dass niemand sein virtuelles Geld einfach erfindet oder kopiert. Deshalb kam Bitcoin-Begründer Satoshi Nakamoto auf die Idee, die &quot;Kontoführung&quot; in aller Öffentlichkeit stattfinden und alle mitmachen zu lassen. Es gibt eine verteilte, öffentliche Liste aller Transaktionen aller Beteiligten, aus der sich jederzeit berechnet lässt, wer wieviel Bitcoin besitzt. Diese Liste ist in Blöcke unterteilt, und jeder Block bekommt eine kryptografische Prüfsumme, die im folgenden Block gespeichert wird. Möchte ich ausrechnen, ob der Inhalt eines Blockes korrekt ist, muss ich lediglich die Prüfsumme berechnen und mit der vom folgenden Block vergleichen. Diese Liste, die dem Journal in der Buchhaltung entspricht, gehört niemanden und existiert in vielen Kopien. Um diese Kopien identisch zu halten, wurde ein kompliziertes Verfahren namens &quot;Mining&quot; entwickelt, <a href="https://www.cnet.com/personal-finance/heres-how-much-energy-it-really-takes-to-mine-bitcoin-and-why-people-are-concerned/">das schrecklich viel Energie verbraucht</a>, was alle, die in Zeiten der Klimakatastrophe noch mit Bitcoin spekulieren, automatisch zu Arschlöchern macht. (Für andere Kryptowährungen und Blockchain-Systeme muss das nicht gelten.)</p>
<p>Die Blockchain löst also genau ein Problem: Eine Internet-Währung, die ohne zentrale Instanz wie eine Bank oder eine Notarïn auskommt. Will ich Daten firmenintern und nicht öffentlich speichern, brauche ich keine Blockchain. Kann ich sicher gehen, dass Daten korrekt sind, weil sie mir von einer Bank, einer Notarïn oder einer anderen vertrauenswürdigen Stelle genannt werden, brauche ich keine Blockchain. Habe ich lauter unzusammenhängende Einzeldaten und keine fortlaufenden Transaktionen wie bei einem Bankkontoweiterhin kaum Klassenzimmer mit Luftreinigungsanlagen ausgestattet werden, brauche ich keine Blockchain. Ich <em>kann</em> das alles per Blockchain erledigen, aber das wäre ungefähr so, als würde ich mit einem 7,5-Tonnen-Lkw zum Bäcker um die Ecke fahren, um meine Sonntagsbrötchen zu holen.</p>
<p>Aber wie wird jetzt sicher gestellt, dass das digitale Schulzeugnis keine Fälschung ist? Mit einem kryptografischen Zertifikat. Ein Beispiel: Wenn wir im Browser das Online-Banking aufrufen, möchten wir sicher sein, dass wir tatsächlich mit unserer Bank verbunden sind und mit niemand anderem. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hypertext_Transfer_Protocol_Secure">Das stellt ein ditigales Zertifikat sicher, das die Bank an den Browser überträgt und dessen Echtheit kryptografisch überprüft werden kann.</a> Und das funktioniert seit mittlerweile Jahrzehnten ausgezeichnet ohne Blockchain. </p>
<p>Online-Banking funktioniert also ohne Blockchain. Digitale Impfausweise benötigen keine Blockchain. Abstimmungssysteme benötigen keine Blockchain. Digitale Schulzeugnisse benötigen keine Blockchain. Firmen, die ausdrücklich Blockchain-Systeme als Lösung für Probleme anbieten, die keine Blockchain brauchen, sind Scharlatane. Wenn sie mit dem Begriff &quot;Blockchain&quot; werben, ist die wahrscheinlich hoch, dass ihr Business-Modell darin besteht, Unwissende mit wolkigen Buzzwords auszunehmen.</p>
<p>Und an dieser Stelle ist er dann doch wieder berechtigt, der Ärger darüber, dass unter dem Stichwort &quot;Ditigalisierung der Bildung&quot; unnötiges Geld für obskure Blochchain-Systeme verbraten wird, auch wenn das digitale Zeugnis an sich eine gute Idee ist. Besonders ärgerlich ist das, wenn ganz grundlegende Basics nicht ausreichend finanziert sind. Zum Beispiel dass – eins verzeihe mir an dieser Stelle den Whataboutismus – trotz nahender vierter Corona-Welle und ungeimpfter Kinder <a href="https://www.change.org/p/bundesregierung-mobile-hepa-raumluftreiniger-f%C3%BCr-alle-schulen-und-kitas-in-deutschland-jetzt-531330ad-8bea-4219-819f-437c543c243c?utm_source=share_petition&amp;utm_medium=custom_url&amp;recruited_by_id=1cc75920-d454-11eb-96c1-ef9b7b9f6be4">weiterhin kaum Klassenzimmer mit Luftreinigungsanlagen ausgestattet werden</a>. Ich wette, wenn jemand den Verantwortlichen blockchainbasierte Luftfilter anbietet, geht das ratzfatz.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a><em> und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a><em> gut findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, kann das </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>hier</em></a><em> tun. Ich danke herzlich.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 04 Jul 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Der Staat muss oder möchte (je nach…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, folgendermaßen: Der Staat muss oder möchte (je nach persönlicher Sichtweise) uns gelegentlich mal über die Schultern schauen, damit wir keinen…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
<img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fsteady.imgix.net%2Fproduction%2Fpost%2F9fb012ef-93d0-4480-88e6-50b1dd392343%2Fuploads%2Fimages%2Ffrz7zkkb5m%2Fstaatstrojaner.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=5e20485857e76ea3419c854db59ecdf7" alt=""/>
<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>folgendermaßen:</p>
<p>Der Staat muss oder möchte (je nach persönlicher Sichtweise) uns gelegentlich mal über die Schultern schauen, damit wir keinen Schabernack treiben. Deshalb ist der Staat unter die Hacker gegangen und dringt ab und zu in unsere PCs, Tablets und Smartphones ein, um sich dort umzusehen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Online-Durchsuchung_(Deutschland)">Online-Durchsuchung</a>) oder unsere WhatsApp-Chats mitzulesen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Telekommunikations%C3%BCberwachung#Quellen-Telekommunikations%C3%BCberwachung">Quellen-TKÜ</a>). Die Techniken und Schadsoftware, die für ein derartiges Eindringen nötig sind, sind im Kern die gleichen, die auch von kriminellen Hackern benutzt werden, und können sehr vereinfachend unter dem Begriff &quot;Trojaner&quot; zusammengefasst werden. &quot;Staatstrojaner&quot;, so die polemische Bezeichnung der Kritikerïnnen staatlichen Überwachungsdranges, gibt es sei Jahren und sie werden in unterschiedlichem Ausmaß in ganz Deutschland eingesetzt. </p>
<p>Um so erstaunlicher ist, was einige Abgeordnete der FDP aus dem Bundesrat zu berichten wissen, etwa <a href="https://twitter.com/MarcoBuschmann/status/1408380957309165568">Marco Buschmann</a> (parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion):</p>
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<p>Und <a href="https://twitter.com/koehler_fdp/status/1408364786992173060">Lukas Köhler</a> (klimapolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion):</p>
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<p>Und <a href="https://twitter.com/BraFDP/status/1408378709577506817">Mario Brandenburg</a> (MdB, FDP):</p>
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<p>Und <a href="https://twitter.com/bstrasser/status/1408374353075580930">Benjamin Strasser</a> (MdB, FDP):</p>
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<p>Und <a href="https://twitter.com/sandra_weeser/status/1408386915347406851">Sandra Weeser</a> (MdB, FDP): </p>
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<p>Und <a href="https://twitter.com/reinholdmdb/status/1408372215989641217">Hagen Reinhold</a> (MdB, FDP), w</p>
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<p>Durften wir also diese Woche in einer Sternstunde der parlamentarischen Demokratie und des Föderalismus eine netzpolitische Großtat des Liberalismus erleben? Die Wirklichkeit ist ernüchternder. <a href="https://www.bundesrat.de/DE/service/mediathek/mediathek-node.html;jsessionid=2BEA583623BF806DD5B2D7FF3F9E8614.1_cid391?cms_id=2015306">Im Bundesrat standen zwei Gesetzesänderungen zur Abstimmung</a>:</p>
<p>Unter TOP 26 sollten alle 19 deutschen Geheimdienste die Befugnis bekommen, die so genannte &quot;Quellen-TKÜ plus&quot; einsetzen zu dürfen, eine Kombination aus Abhörung und eingeschränkter Online-Durchsuchung.</p>
<p>Unter TOP 29 sollte diese Befugnis für die Bundespolizei dahingehend erweitert werden, dass sie die &quot;Quellen-TKÜ plus&quot; einsetzen darf, ohne dass es dafür eines konkreten Tatverdachts und einer begangenen Straftat bedarf. Es sollte genügen, dass Ermittlerïnnen kraft ihrer Wassersuppe der Ansicht sind, dass eine Person einfach mal überwacht gehöre.</p>
<p>TOP 26 wurde glatt durchgewunken. Lediglich TOP 29 wurde unter anderem auf Betreiben der FDP in den Vermittlungsausschuss überwiesen.</p>
<p>Das heißt: Die FDP hat einer Ausweitung der bereits bestehenden Überwachungsmöglichkeiten zugestimmt und nur eine Sonderregelung für die Bundespolizei abgelehnt – und damit in den Vermittlungsausschuss überwiesen, wo sie vielleicht untergeht, vielleicht aber auch fortbesteht. Ich weiß ja nicht, wie es Euch und Ihnen geht, liebe Leserïnnen, aber &quot;Verhindert&quot;, &quot;Zustimmung verweigert&quot;, &quot;gestoppt&quot;, &quot;gescheitert&quot; sieht für meine Begriffe anders aus. Vielmehr handelt es sich um ein Musterbeispiel für politisches Lügen: Das eine behaupten, das Gegenteil tun.</p>
<p>Technisch korrekt sind die Tweets von Marco Buschmann und Mario Brandenburg, die sich tatsächlich nur auf die Bundespolizei beziehen. Das als Erfolgsmeldung zu verbreiten und einfach die andere Abstimmung bzgl. der Geheimdienste zu unterschlagen, ist natürlich ein geschickter Spin. So lässt sich lügen, ohne die Unwahrheit zu sagen. Die übrigen FDP-MdB waren für diesen Spin offenbar zu doof: Sie haben einfach platt behauptet, da sei ganz allgemein ein Staatstrojaner verhindert worden. Es ist allerdings in Betracht zu ziehen, dass viele dieser MdB nicht wissen, wovon sie reden.</p>
<p>Weil Wahlkampf ist:</p>
<p>Allerdings ist es falsch, nur auf die FDP zu zeigen. Wie stehen die anderen Parteien zu dem Thema? Fast alle haben in Programmen und Beschlüssen schon einmal geäußert, dass sie den &quot;Staatstrojaner&quot; ablehnen. Zuletzt hat der Parteitag der Grünen einen Passus aus dem Wahlprogramm gestrichen, der sich für den Einsatz von &quot;Staatstrojanern&quot; aussprach. Leider helfen programmatische Aussagen nicht weiter, wenn ihnen das konkrete Regierungshandeln widerspricht. In der Praxis ist staatliches Hacken ein gemeinsames Projekt von CDU/CSU, SPD, FDP und den Grünen. Sie alle haben in den Regierungskoalitionen der Bundesländer irgendwann dem Einsatz von Staatstrojanern zugestimmt oder diesen zumindest toleriert. Lediglich die Linkspartei verhindert deren Einsatz in Thüringen und Berlin. Im Stadtstaat wurden unter der großen Koalition geschlossene Verträge zwischen LKA und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/FinFisher">FinFisher</a>, einem dubiosen Anbieter für Spionagesoftware, unter Rot-Rot-Grün wieder gekündigt.</p>
<p>Aber nochmal: Warum ist das so schlimm?</p>
<p>Staatliches Hacken ist ganz grundsätzlich ein Problem, weil es auf Sicherheitslücken angewiesen ist. Das heißt, der Staat hat ein Interesse daran, Sicherheitslücken nicht den Software-Herstellern zu melden, sondern diese möglichst lange offen zu halten, und beteiligt sich sogar am Schwarzmarkthandel mit diesen Sicherheitslücken. Also den gleichen Lücken, die auch von kriminellen Hackern ausgesenutzt werden, zum Beispiel um <a href="https://jungle.world/artikel/2021/22/game-over">Computer-Inhalte zu verschlüsseln und anschließend Lösegeld zu verlangen</a>. Das heißt, der Staat arbeitet daran, unser aller Computer unsicher zu halten und verstößt damit gegen das 2008 vom Bundesverfassungsgericht definierte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Grundrecht_auf_Gew%C3%A4hrleistung_der_Vertraulichkeit_und_Integrit%C3%A4t_informationstechnischer_Systeme">Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme</a>.</p>
<p>Aber ist das nicht eine Frage der Rechtsgüterabwägung? Muss die Polizei nicht auch gelegentlich Kriminelle abhören können, um ihren Aufgaben nachzugehen? Darüber lässt sich streiten. Vielleicht ist es in Strafverfahren angemessen, wenn bei entsprechender Schwere der Tat ein Gericht eine solche Überwachung anordnet. Leider ist der so genannte &quot;Richtervorbehalt&quot; in der Praxis eine reine Formsache. Theoretisch ist es immerhin möglich, sich juristisch gegen eine solche Überwachung zu wehren. Bei der Überwachung durch Geheimdienste ist weder ein Rechtsweg vorgesehen, noch unterliegt sie einer richterlichen Kontrolle.</p>
<p>Es ist gar nicht nötig sich auszumalen, welchen Schaden solche Überwachungsmöglichkeiten in der Hand einer möglicherweise irgendwann an die Macht kommenden totalitären Regierung anrichten könnten. Es genügt völlig, sich die zahllosen Fälle von Übergriffen, Rassismus, Polizeigewalt, <a href="https://www.rnd.de/politik/rechtsextreme-chats-bei-polizei-in-hessen-verfahren-gegen-weitere-beamte-VXLXCRDIOJMX4W6NBMD7YHGCLY.html">rechtsradikaler</a> Unterwanderung und Korpsgeist in den Polizeien anzusehen. Möchten wir wirklich Polizistïnnen, immer wieder und wieder und nochmal und nochmal die Polizeidatenbanken zum Stalking missbrauchen oder Daten an Nazis durchstechen, derart weitreichende Befugnisse geben? Und wie wollen wir sicherstellen, dass belastendes Material, welches auf den überwachten Geräten gefunden wird, schon vorher dort war und nicht erst von politisch motivierten oder ehrgeizigen Ermittlerïnnen dort hinterlassen wurde?</p>
<p>In der FDP, um zurück zum ursprünglichen Thema zu kommen, sind diese ganzen Argumente bekannt. Sonst würden sich die MdB nicht so sehr mit der angeblichen Verhinderung von &quot;Staatstrojanern&quot; brüsten. In diesem Kontext ist vielleicht ein anderes Gesetzesvorhaben von Interesse: In Nordrhein-Westfalen plant die CDU unter Ministerpräsident Armin Laschet gemeinsam mit der immer um Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte bemühten FDP gerade ein <a href="https://netzpolitik.org/2021/nrw-laschet-regierung-will-demonstrierende-wie-kriminelle-behandeln/">außerordentlich restriktives und so gar nicht liberales Versammlungsgesetz</a>, das schärfer als in allen anderen Bundesländern einschließlich Bayern ausfällt. Bei der Landtagsabstimmung nach der Sommerpause ist wieder Gelegenheit, der FDP beim Verhindern, Stoppen und Verweigern zuzusehen.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>
<p><em>P.S. in eigener Sache: Wem dieser Newsletter oder mein sonstiger Output auf </em><a href="https://twitter.com/ennopark"><em>Twitter</em></a><em> und </em><a href="http://www.ennopark.de/"><em>anderswo</em></a><em> gefällt und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, kann das </em><a href="https://steadyhq.com/de/ennopark"><em>hier</em></a><em> tun. </em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 27 Jun 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Liebe Leserïnnen, Folgendermaßen: Rezo und Tilo Jung laden Annalena…]]></title>
      <description><![CDATA[Liebe Leserïnnen, Folgendermaßen: Rezo und Tilo Jung laden Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet zum Kanzlerïnnen-Duell auf Youtube und Twitch ein mit der…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p>
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<p>Liebe Leserïnnen,</p>
<p>Folgendermaßen:</p>
<p>Rezo und Tilo Jung laden Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet zum Kanzlerïnnen-Duell auf Youtube und Twitch ein mit der &quot;Zeit&quot; als Medienpartner. Aber Laschet sagt ab. In einem Wahlkampf, in dem Schlammschlachten fast vollständig politische Themen verdrängt haben, klingt das wie eine Fußnote. Auf den zweiten Blick ist der Vorgang durchaus bemerkenswert. Denn was sich hier abzeichnet, ist ein Culture-Clash zweier Teilöffentlichkeiten, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Leider sind beide Teilöffentlichkeiten ausgesprochen groß und relevant.</p>
<p>Unter dem Hashtag <a href="https://twitter.com/search?q=%23LaschetKneift&amp;src=typeahead_click">#LaschetKneift</a> beginnt sogleich eine Debatte auf Twitter. Eine Gruppe ist enttäuscht, weil Laschet ganz offenbar die Jugend und ihre Bedürfnisse ignoriere. Die andere Gruppe ist der Ansicht, dass die Absage schlau war, weil Laschet in so einem Format nichts zu gewinnen habe. Beide Gruppen haben aus ihrer Perspektive recht, da sie ganz unterschiedliche Maßstäbe an das Handeln Wahlkämpfender anlegen. Aber in der Debatten reden sie ganz fürchterlich aneinander vorbei.</p>
<p>Ich glaube, dass Youtube/Twitch/Tik-Tok einerseits und die klassischen Medien andererseits einfach sehr verschiedene Medienkulturen haben, die sich untereinander nicht verstehen. Das zeigt ja schon die Aufregung um die &quot;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ">Zerstörung der CDU</a>&quot;. Auf Youtube ist mit &quot;Zerstörung&quot; gemeint, einen Standpunkt in einer Debatte kunstvoll argumentativ zu zerlegen, am besten so, dass kaum noch Widerspruch möglich ist. Viele Menschen vestehen das nicht, nehmen das Wört &quot;zerstören&quot; wörtlich und glauben, jemand wolle die CDU als solche zerstören – fassen das also als Drohung auf. Natürlich will niemand mit Leuten reden, von denen er oder sie sich bedroht fühlt.</p>
<p>Ein Beef auf Youtube funktioniert aber so, dass auf die Zerstörung eine Antwort folgen sollte, eine Rechtfertigung oder ihrerseits wieder eine Zerstörung. Das ist verwandt mit einem Hip-Hop-Battle. Der Gesichtsverlust tritt nicht ein, wenn jemand verliert, sondern wenn eine Person &quot;kneift&quot;. Da stellt sich die Frage, ob es nicht ein zivilisatorischer Rückschritt, eine Art Ehrenritual sei, wenn die absagende Person für ihre Absage gedisst wird, <a href="https://twitter.com/ennopark/status/1405929977854533633">wie Christoph Kappes auf Twitter anmerkt.</a></p>

<p>Aus der Perspektive der &quot;alten&quot; Politik- und Medienwelt muss das so wirken, aber das soziale Gefüge ist hier ein anderes: Eine &quot;Zerstörung&quot; ist längst nicht so brachial ist wie sie klingt. Danach darf die unterlegene Person weiter &quot;mitspielen&quot; und ist beim nächsten Battle vielleicht die überlegene. Beim Battle geht es darum, Auseinandersetzung verbal, rhetorisch kunstvoll und ohne physische Gewalt auszutragen. So ein Battle ist also keinesfalls mit dem klassischen Duell zu vergleichen. Im Gegensatz zum Duell wird ein Battle gerade deshalb ausgetragen, damit eine Frage anhand von Argumenten entschieden wird und nicht mit Gewalt. Beefs auf Youtube funktionieren ähnlich, auch wenn gelegentlich durchaus verbal unter die Gürtellinie gezielt wird, und im Kontext dieser Beefs sind Rezos Vidoes zu begreifen.</p>
<p>Aus der Sicht der Netzkultur ist Armin Laschet eine Person, die als Ministerpräsident, Vorsitzender der CDU und Kanzlerkandidat mit Macht und Autorität ausgestattet ist. Beim Kanzlerïnnenduell abzusagen wirkt für sie so, als wolle Armin Laschet anstehende politische Fragen und seine Kandidatur nicht argumentativ debattieren sondern Kraft seiner Autorität durchsetzen. In einer Welt, in der Wählerïnnen unter 50 in der Minderheit sind und dies der konkreten Regierungspolitik auch anzumerken ist, wird eine solche Autorität als sehr real empfunden.</p>
<p>Es ist ein wenig wie im Märchen &quot;Des Kaisers neue Kleider&quot;. Laschets Absage (und auch die Art, wie er in vielen Situationen argumentiert) steht in Diskrepanz zu der Autorität, die ihm qua Amt verliehen wurde und zwar gelegentlich in fast <a href="https://bilder.t-online.de/b/87/62/11/78/id_87621178/tid_da/armin-laschet-bei-einem-auftritt-in-aachen-der-mundschutz-muss-eigentlich-auch-ueber-die-nase-gezogen-werden-dafuer-erntete-er-spott-.jpg">lächerlichem</a> Ausmaß. Es handelt sich nicht um eine Zerstörung sondern eine Bloßstellung: Armin Laschet will Kanzler werden. Die Netz-/Jugendkultur sagt: Dann zeig doch mal was du kannst. Und Laschet will dann nicht. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=0WcZ8PwZvGQ">Rezos Kommentare</a> mögen da von einigen wie Gejammer werden, sind aber eigentlich vor allem Spott über denjenigen, der auf dicke Hose macht aber dann kneift.</p>
<p>Das wäre egal, würde es sich bei Youtube, Twitch und Tik-Tok um alternative Medien irgendwelcher kleinen, wenig relevanten Gruppen handeln. Das ist nicht der Fall. Diese Medien und ihre Protagonistïnnen erreichen ein Millionenpublikum, und zwar genau diejenigen, die von klassischen Medien kaum noch erreicht werden. Und das eben auch, weil diese Gruppen spüren, dass die klassischen Medien ihre Sprache nicht sprechen und ihre Geflogenheiten nicht verstehen. Viele Kommentatorïnnen, darunter leider auch viele gestandene Journalistïnnen, zeigen mit ihrem Unverständnis dieser Abläufe, dass sie den Kontakt zu diesem Teil der Gesellschaft verloren haben.</p>
<p>Dabei kann ich verstehen, dass Armin Laschet bei diesem Kanzlerïnnenduell nicht mitmachen will. Die Wahrscheinlichkeit, in einem solchen Format auf Peinlichkeiten wie seine <a href="https://www.derwesten.de/politik/armin-laschet-cdu-lebenslauf-kanzlerkandidat-noten-rwth-aachen-annalena-baerbock-gruene-id232473935.html">ausgedachten Klausurnoten</a> angesprochen zu werden, ist eben höher als in den klassischen Medien.</p>
<p>Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.</p>
<p>Enno Park</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 20 Jun 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
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