
Der rote Faden: Themen, die dich ein Leben lang begleiten
Du magst den kostenlosen Newsletter und möchtest mehr Gedanken und Texte und etwas zurückgeben? Vielleicht hast du Lust, Leser*in meiner Steady-Kolumne zu werden? Wöchentlich erreicht dich ein gut recherchierter Text – lebenspraktisch und wie eine verbale Umarmung für dich.
Du findest die Kolumne unter: https://steady.page/de/feelslikesina/about
1. Einstieg: Was ist ein „roter Faden“ und was nicht?
Wenn man mich nach dem roten Faden meiner Tagebuch-Einträge fragt, könnte ich das vermutlich sehr schnell auf den Punkt bringen, denn mir ist sehr bewusst, dass es um manche Themen seit vielen Jahren immer und immer wieder geht. Dabei kann ich nicht mal sagen, dass es sich dabei um die wichtigsten Themen meines Lebens handelt. Ich schreibe zum Beispiel, was überraschen mag, sehr wenig über meine Kinder. Das mag daran liegen, dass mein Tagebuch weniger „Erlebnisbericht“ ist (diese Funktion übernimmt seit etlichen Jahren mein Instagram Archiv), als vielmehr der Ort, an dem ich mich selbst reflektiere und versuche, neu auszurichten. Dass meine Kinder so wenig Raum in meinem Tagebuch einnehmen, bedeutet nicht, dass sie unwichtig wären, Gott bewahre, sondern vielmehr, dass ich mit diesem Bereich und dieser Rolle meines Lebens sehr im Reinen bin. Und wenn es doch Reflexionsbedarf gibt, dann reflektiere ich dies eher im Gespräch mit den Menschen, die außer mir noch im Leben meiner Kinder eine Rolle spielen.
Der rote Faden ist also kein Lebensplan und keine lineare Erfolgsgeschichte. Es geht dabei nicht um die sinnlogische Chronologie unseres Lebens oder darum, die wichtigsten Themen immer und an jedem Tag bedenken zu müssen. Der rote Faden unserer Journaling-Routine zeigt sich zudem oft erst im Nachhinein, rückblickend, nicht vorausschauend. Wer die Muße dazu hat, der wird sehr viel Erkenntnis daraus ziehen, wenn er sich zum Abschluss eines jeden Jahres die Zeit nimmt, um alte Eintragungen einmal durchzublättern und zu schauen: Was hat mich in diesem Jahr eigentlich zentral beschäftigt. Manchmal ahnt man es, doch häufig ist es auch überraschend, WIE VIEL Platz das eine oder andere Thema tatsächlich eingenommen hat. Der „rote Faden“ kann sich dabei durchaus widersprüchlich lesen, sich verwandeln und Pausen machen, weil wichtige Themen durch andere verdrängt werden. Dabei sind manche Fäden sind laut (bei mir zum Beispiel Beruf und Berufung und der Umgang mit meinen Routinen und Körperbewusstsein), andere wiederum sind leise (Haltungen, Sehnsüchte, Konflikte). Beim Aufspüren der eigenen roten Fäden geht es nicht darum, etwas Großes finden zu müssen. Stattdessen geht es darum mit einer forschenden, freundlichen Haltung mal die Meta-Ebene zum eigenen Schreibprozess einzunehmen. Denn wenn wir das tun, geschieht oft Folgendes: Wir hören uns selbst wirklich zu. Die roten Fäden aus der Draufsicht ausfindig zu machen, lässt und erkennen: Ah, schon wieder diese Erschöpfung, dieselbe Hoffnung zu Beginn jedes Jahres, dieselbe gedankliche Schleife, aus der ich noch nicht wirklich den Ausstieg gefunden habe. Ohne dieses Bewusstsein für die eigenen roten Fäden, erscheint vieles wie Zufall oder Schicksal. Der rote Faden zeigt unsere Wiederholungen auf und das ist Gold wert, weil Wiederholungen, die wir auf frischer Tat ertappen, zu Ansatzpunkten werden. Erst auf dieser Ebene kann man wirklich unterscheiden, ob es sich um einen Gedanken oder ein Thema im Leben handelt. Durch den Perspektivwechsel werden innere Kämpfe zu Prozessen, denn indem wir dem roten Faden neugierig folgen, werden uns kleinste Veränderungen bewusst, die vielleicht sonst im ja oft recht emotionalen Prozess des Schreibens untergehen würden.
2. Wiederkehr erkennen: Was taucht immer wieder auf?

Ich vermute, dass den meisten Schreiberinnen Wiederholungen erstmal suspekt vorkommen. Als würde man nicht „gut genug“ schreiben, nicht logisch oder stringent. Es braucht für viele, die mit den Journaling anfangen, erstmal einige innere Arbeit um sich von dem Anspruch de Deutschunterrichts in der Schule frei zu machen und da bringen Wiederholungen gemeinhin eher Punktabzug, es sei denn es handelt sich um ein besonderes Stilmittel. Wenn man immer wieder über ähnliche Themen schreibt oder sich sogar in der Wortwahl wiederholt, kommt einem das eher chaotisch vor, als würde man kein System in seine Schreibpraxis bekommen oder unter einem Mangel an Fokus leiden. Doch wer den roten Faden findet und seinen Gedanken nachspürt, kommt häufig zu der Erkenntnis: ich bin ja gar nicht chaotisch, ich bin komplex und folge einer Logik. Diese Logik besteht im Für und Wider, in der Komplexität, mit der wir alle Facetten ausleuchten und mal dieser mal jener Gedanke stärker in den Fokus rückt.
Wiederholungen zeigen uns unsere Lebensthemen und wie wir mit ihnen umgehen. „Themen“, das sind bestimmte Blickwinkel oder Werte, die sich durch unterschiedliche Bereiche, über die wir schreiben, durchziehen. Ein Thema kann so etwas sein wie z. B. Freiheit, Zugehörigkeit, Verantwortung oder Überforderung. So ein Thema wie „Überforderung“ oder „Selbstzweifel“ begegnet und dann immer wieder, ob wir von unseren Partnerschaften oder unserer Elternschaft schreiben und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was für uns gerade dran ist. Wiederholungen können spezifische Situationen betreffen und wie wir in ihnen agieren oder uns fühlen: ähnliche Konflikte, die nach gleichen Mustern ablaufen, spezifische Rollen, die wir immer wieder einnehmen, Übergänge, die uns in immer gleicher Weise schwer fallen und mit denselben Gefühlen zurücklassen. Aber auch Gefühle können sich wiederholen. Natürlich: die meisten Gefühle wiederholen sich bei allen Menschen, wir erleben immer wieder Freude und Wut oder Traurigkeit. Aber beim Journaling, auf der Suche nach roten Fäden kann es besonders erhellend sein sich zu fragen: Über welche Gefühle SCHREIBE ich denn immer wieder. Und da kann es sein, dass du zwar regelmäßig traurige und glückliche Momente erlebst, aber die eine Sorte Gefühle viel mehr Raum in seinem Tagebuch einnehmen. Manche Menschen schreiben auch in einer immer ähnlichen Grundstimmung: Schreibst du eher optimistisch und versuchst dir durch das Schreiben Mut zu machen? Oder ist der Journaling-Prozess eher dein Ventil, um auch mal Frust loszuwerden? Und wie steht es im Vergleich zu deinem Alltag und deinem „echten“ Leben, nicht dem zu Papier gebrachten? Bildet dein Journal ab, wie du dich Alltags auch fühlst oder klafft das auseinander? Bist du in deinem Alltag, für andere immer der oder die Optimistische – während du dir (nur) in der Zwiesprache mit dir selbst erlaubst, frustriert oder schwach zu sein?
Wiederholung ist kein Scheitern, sie ist ein Hinweis. Der rote Faden hilft dir zu verstehen, wer du bist.
3. Was dir deine roten Fäden sagen

Brüche und Wendepunkte
Der rote Faden zeigt sich nicht nur in Kontinuität, sondern auch in Brüchen. Ich habe zB gemerkt, dass sich der Ton meiner Tagebuch-Einträge stets im Urlaub zu ändern begann – und das ist mir schon in meiner Jugend ausgefallen: Wenn ich im Urlaub mehr Zeit für mich, mehr Entspannung erlebte durch weniger to dos und generell eine Vereinfachung des Lebens, wurde meine Schreibe optimistischer, planender, zielgerichteter. Wunderbar erkenntnisreich zeigt sich im Jahr 2018, das mit dem Aufblühen einer neuen Freundschaft im meinem Leben der Fokus meines Schreibens sich von meinem Dasein als Mutter verschob hin zu der Frage „Wer bin ich eigentlich und was wünsche ich mir noch von meinem Leben“. Manchmal können wir tatsächlich entdecken, dass es Lebensereignisse gibt, die alles verschoben haben. Es kann sein, dass dir Entscheidungen auffallen, die im Moment selbst klein wirkten, rückblickend aber sehr prägend waren. Mein Entschluss, draußen zu schlafen zu einem Jahresprojekt zu machen, markierte den Beginn von neuen roten Fäden und Lebensthemen. Wer beobachtet, was mit den eigenen roten Fäden an den Brüchen und Wendepunkten des Lebens geschieht (oder umgekehrt durch das Bewusstsein für rote Fäden Wendepunkte erst wirklich ausmachen kann) der fragt nicht „Was ist mir passiert?“, sondern „Was wurde dadurch sichtbar?“ Und das kann sehr erhellend sein. Neue Freundschaften, bestimmte Entscheidungen und mehr Freiheit von ewigen to do Listen verschieben Fokus, Gefühlslage und Lebensthemen? Aus der Erkenntnis kann man doch etwas machen.
Rollen und Masken
Wer es wagt, die Meta-Ebene des eigenen Schreibprozesses einzunehmen, der kann Anhand der roten Fäden erkennen, welche Rollen und Masken im eigenen Leben eine Rolle spielen. Erkennst du es: Wer warst du immer wieder? Zum Beispiel mit Blick auf deine Identität jenseits einzelner Lebensphasen? In meiner Arbeit als Beraterin erlebe ich immer wieder, dass Menschen schildern, wie neue Kontakte, die in ihr Leben kommen, gewisse Facetten ihrer Persönlichkeit aktivieren, die lange Zeit keiner Rolle mehr gespielt haben: „Diese Freundin weckt plötzlich meine Reiselust. Das ist mir mit den Kindern vollkommen abhanden gekommen!“ Oder „Ich habe einen Mann kennengelernt, bin aber nicht sicher, ob mir diese Beziehung gut tut. Ich fühle mich in seiner Gegenwart wieder so unsicher und übernehme die Rolle derer, die lieber anderen die Führung überlässt“ usw. Welche Rollen hast du oft übernommen? Welche Rollen hast du immer wieder abgestreift? Wo hast du dich selbst verraten und wo hat sich dein Leben du überraschend stimmig mit dir angefühlt? Der rote Faden zeigt sich oft darin, wo wir uns lebendig fühlen, nicht darin, wo wir funktionieren.
Werte unter der Oberfläche
Eine weitere Funktion roter Fäden ist, dass sie zeigen können, was bleibt, auch wenn alles andere sich ändert. Sehr oft machen diese Wiederholungen unsere Werte sichtbar, die uns gar nicht so bewusst sind. Kannst du erkennen, welche inneren Werte deine Entscheidungen gelenkt haben, auch unbewusst? Schau dir deine Wiederholungen und roten Fäden an: Wofür hast du immer wieder Energie aufgebracht, trotz Widerstand? Was konntest du nie ganz aufgeben, selbst wenn du es versucht hast? Gibt es Sätze, die du wie Mantren und Glaubenssätze immer wieder schreibst. In diesen „Refrains“ unserer Tagebuch-Einträge finden sich nicht selten die Werte, nach denen wir unser Leben folgen lassen wollen.
4. Integration: Den eigenen Faden würdigen

Am Ende geht es nicht darum, etwas festzulegen oder zu erklären. Der rote Faden deines Lebens muss nicht sinnvoll klingen, er muss nicht gradlinig sein und erst recht muss er niemandem gefallen. Es reicht einfach aus, ihn zu sehen. Möglicherweise wird es dir erstmal schwer fallen, rote Fäden überhaupt zu entdecken, aber wenn du dieses Thema im Hinterkopf behältst, wirst du aufmerksamer für diese Facette des Journalings und bist vielleicht weniger kritisch, sondern eher dankbar für die Wiederholungen, die du bemerkst. Den eigenen Faden zu würdigen kann bedeuten: die innere Logik deines Weges anzuerkennen. Wir schreiben keine 08/15 Normbiographien, auch wenn uns die sozialen Medien oft etwas anderes glauben machen wollen. Dein Leben ist besonders, liebenswert und dein Weg dadurch so wertvoll, dass es eben dein Weg ist. Auch dort, wo Entscheidungen tastend, Umwege nötig oder Brüche unvermeidlich waren. Rote Fäden machen das sichtbar und einmal richtig auf sie aufmerksam geworden, können sie uns helfen, uns selbst mehr sehen und dadurch schätzen zu lernen. Falls du dich fragst: Was mache ich jetzt aus dem Erkennen meiner roten Fäden? Dann lass mich dich beruhigen: du musst nichts daraus machen, du kannst sie einfach würdigen als etwas, was dich bis hierher begleitet und getragen hat. Denn in Zukunft wirst du vermutlich manchmal beim Schreiben das Gefühl von Stimmigkeit erleben: Ja, das bin ich. Die Rolle, die mag, die Werte, die mich ausmachen, die Gefühle, zu denen ich stehe, wenn ich mit mir alleine bin. Alles Weitere ergibt sich oft von selbst.
5. Journaling-Impuls-Fragen zum Abschluss

Wenn ich mein Leben wie ein Gewebe betrachte: Welche Farben tauchen immer wieder auf?
Welche Themen lassen mich nicht los, egal in welcher Lebensphase?
Welche Situationen oder Konflikte kenne ich so gut, dass ich sie fast blind erkenne?
Was habe ich früher als „Problem“ gesehen, das heute eher wie ein Hinweis wirkt?
Welche Umbrüche haben mich rückblickend näher zu mir selbst geführt?
Was ist durch Krisen in mir stärker geworden, nicht schwächer?
In welchen Momenten meines Lebens fühlte ich mich besonders „richtig“?
Welche Versionen von mir selbst tauchen immer wieder auf, auch unter anderen Umständen?
Wofür war ich bereit, einen Preis zu zahlen?
Was war mir selbst dann wichtig, als ich es niemandem erklären konnte?
Welcher rote Faden ist gerade besonders spürbar in meinem Leben?
Was darf sich verändern, ohne dass ich mich selbst verliere?
Wenn mein roter Faden sprechen könnte, was würde er mir heute sagen?
Welchen Teil meines Weges möchte ich rückblickend anerkennen – ohne ihn zu bewerten?
Viel Spaß beim Schreiben!

Sina