TV-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Eine Trennung, ein Weggang sei auch immer (wie) ein kleiner Tod, heißt es. Dass Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) sehr unter dem Ruhestandsabgang der Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) leiden würde, dürfte den meisten Franken-Tatort-Zuschauer*innen klar gewesen sein. Dass er sich nun noch eine fiese Schulterverletzung zugezogen hat, die ihn auf Hilfe angewiesen sein lässt, entspannt den intuitiven Dauerdenker nicht gerade. Chef Dr. Kaiser (Stefan Merki) drückt ihm die Unterstützung des kurz vor der Rente stehenden Polizei-Archivars Fred (Sigi Zimmerschied, bekannt aus den Eberhofer-Krimis) auf.

Diese stoisch ruhige Hilfe soll sich im Verlauf des Films wie des Falls als nützlich erweisen und uns einen der lustigeren Tatort-Sätze der letzten Zeit bringen (jaja, wir steigen jetzt erst wieder in die neue Sonntags-Krimi-Saison ein, wissen wir). Worum geht es also im Krimi mit dem vielsagenden Titel Ich sehe dich?!
In einer Flussaue nahe Nürnberg wird in einem zwei Meter tiefen Grab ein skelettierter Leichnam gefunden. Voss und Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) finden heraus, dass es sich beim Mordopfer um den seit zwei Jahren vermissten, zum Todeszeitpunkt 37-jährigen Fahrradhändler Andreas Schönfeld (Benjamin Schaefer) handelt. Umfeld und Familie, insbesondere die (an)getroffene Mutter Erika Schönfeld (Marion Reuter), Freunde und Ex-Partnerinnen, etwa eine Vikarin (Lisa Oertel), beschreiben den Toten durchweg als gutmütig, liebevoll, empathisch, geduldig, aufopfernd, usw. usf.

Voss fällt es als Kenner der menschlichen Natur mitsamt ihrer Hänge und Abgründe schwer, daran zu glauben, dass ein Mensch NUR gut und gütig gewesen sein soll. Als Anhaltspunkt oder indirekte Bestätigung dienen hier zwei Dinge, die auch die vergleichsweise aufmüpfige Wanda ein wenig skeptisch werden lassen: Die pathetische Schwarz-Weiß-Fotografie des Ermordeten, in der er sich scheinbar ausschließlich Menschen in prekären Verhältnissen widmet. Und der Umstand, dass alle seine Ex-Partnerinnen beschreiben, dass er die Beziehung immer schuldbewusst-altruistisch beendete, wenn es ernst wurde – und dass sie nie Sex miteinander hatten.
Da stimmt doch etwas nicht! Stimmt! Und was das unter anderem mit der blonden und blinden Lisa Blum (Mavie Hörbiger) zu tun hat, erfahren im Laufe dieses von Max Färberböck und Danny Rosness getragen inszenierten und von Daniela Knapp teils artsy gefilmten Tatort: Ich sehe dich. Das Drehbuch (Färberböck und Catharina Schuchmann) nimmt sich Zeit, lässt uns Voss quasi beim Denken, später Blum beim Entdecken und den düsteren Geheimnissen beim Auftauchen zuschauen. Im Kontrast dazu die getriebene Musik Diego Nogueras, die in etwa das Gedanken-Wirrwarr Voss' beschreiben dürfte.

Die neue Tatort-/Polizeiruf 110-Saison mit einem solchen Film zu beginnen, ist schon beinahe mutig zu nennen. Wir werden nicht schmissig mit den Münsteraner Kaspern, nicht vertraut sozial(istisch) mit den Kölner Weltrettern oder bräsig zankend mit den Münchener Kommissaren ins neue Krimi-Halbjahr geschickt, sondern mit einem ambitionierten und recht düsteren Krimi-Drama, das einige irritieren, ja manche gar vor den Kopf stoßen dürfte. Dies wohlgemerkt nach dem letzten Franken-Tatort, der Manzels Abschied mit reichlich Leichen pflasterte.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/ccf8d323-44a5-4ccb-93a4-51f8bb16de94 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der Tatort: Ich sehe dich ist definitiv nicht jederpersons Sache – unsere war er allemal. Inhaltlich und stilistisch ist er rund, das Drama ummantelt den Krimi hervorragend, es gibt keinen Hauruck-Täter-Zauber und nicht zuletzt gewährt das größtenteils sensible Drehbuch solide Einblicke in die menschliche Seele. Solcher die leiden, jener, die Leid lindern wollen (und womöglich selber unter die Räder geraten) und jener, die es mit voller Absicht und Wucht verursachen.
AS
PS: Ein Buch, das einigermaßen gut zum Tatort: Ich sehe dich passt, ist Gefährliches Ego – Wenn Narzissmus tödlich endet von Maximilian Pollux, das soeben erschienen ist. Neben Beschreibungen diverser recht bekannter True-Crime-Fälle gibt es Input zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wodurch die Fälle teils neu beleuchtet werden, Einschätzungen eines Experten und sehr viel Persönliches vom Narzissten Pollux selbst. Eine ausführliche Besprechung folgt in Kürze.
PPS: Eigentlich schade, dass Das Erste keinen Tatort aus Österreich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zeigt, wo wir doch gerade die FeelAustria Week 2025 begehen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)! Diverse Events zu Musik und Buch, Kulinarik und Kunst bringen verschiedene Facetten Österreichs nach Berlin. Ein paar unserer Eindrücke schildern wir euch in den kommenden Tagen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/9f1aac09-b9bb-439f-a8c0-9d3e2027b2d4 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)PPPS: In der kommenden Woche gibt es schon den ersten Polizeiruf 110 aus Magdeburg - der wird intensiv. Anschließend zeigt sich Zürich mal wieder inhaltlich kreativ und bietet uns einen Krimi, der mit Kammerflimmern schon einen bezeichnenden Titel trägt. Anfang Oktober lernen wir dann das neue Cold Case-Team (Melika Foroutan und Edin Hasanovic) mit True-Crime-Anstrich aus Frankfurt am Main kennen - wird spannend!
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Das Erste zeigt den Tatort: Ich sehe dich am Sonntag, den 14. September 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).