đ§ đ„ Resonanz statt Pathologisierung: Warum das Konzept von PDA mehr ĂŒber unsere Systeme aussagt als ĂŒber die Kinder
Eine Replik auf Kamp-Becker et al. (2023): âPathological Demand Avoidance â aktueller Forschungsstand und kritische Diskussionâ

1ïžâŁ Vorbemerkung: Wenn Wissenschaft den Resonanzanschluss verliert
Ich bereite mich auf Webinare im Rahmen der PDA-Woche vor und dazu gehört auch, dass ich / man Fachliteratur liest. Nicht ohne einen gewissen Widerstand (mĂŒsste ich wohl man analysieren lassen), was da âProfessorinnenâ so von sich geben.
Manchmal liest man einen Fachartikel und hat das GefĂŒhl, dass er aus einer Zeit stammt, in der Neurodivergenz noch als âVerhaltensstörungâ galt und nicht als menschliche Vielfalt.
Genau so wirkt die Ăbersichtsarbeit von Kamp-Becker et al. ĂŒber Pathological Demand Avoidance (PDA) (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre) â ein Text, der sich zwar kritisch gibt, aber eigentlich nur zeigt, wie sehr die klassische Psychiatrie noch im Defizitdenken verhaftet ist. Auch wenn der Artikel von 2023 ist, so ist diese Zeit aber immer noch âJETZTâ.
Der Grundtenor: PDA sei kein Subtyp von Autismus, keine eigene Diagnose, sondern ein âVerhaltensprofilâ, das durch Angst, KontrollbedĂŒrfnis und elterliche Psychopathologie geprĂ€gt sei.
Mit anderen Worten: wieder einmal wird ein kindliches Schutzverhalten als âgestörte Interaktionâ gedeutet.
Das ist keine Forschung â das ist die Fortsetzung des alten Narrativs mit wissenschaftlicher Grammatik. G
2ïžâŁ Das alte Lied: Wenn Selbstschutz zur Störung erklĂ€rt wird
Der Artikel spricht von âzwanghaftem KontrollbedĂŒrfnisâ, âsozial manipulativen Strategienâ und âfehlender Schamâ.
Klingt nach moralischer Bewertung, nicht nach Wissenschaft.
Aus resonanzdynamischer Sicht ist dieses Verhalten kein Symptom, sondern eine Regulationsstrategie in einem Umfeld, das chronisch ĂŒberfordert.
Ein Kind, das Anforderungen vermeidet, tut das, weil es gelernt hat: Anforderungen = Kontrollverlust = Schmerz.
Dass diese Schutzbewegung als âoppositionellâ beschrieben wird, zeigt vor allem eins â wie wenig die Autor:innen verstehen, was im Inneren dieser Kinder passiert.
Das ist nicht âpathologicalâ, das ist physiologisch klug.
Nur eben im falschen Kontext.
Nicht umsetzt sprechen wir ja heute lieber statt von Pathological Demand Avoidance von âPersistentâ Demand Avoidance.
Was also ist da pathologisch und wird nicht dann die angebotene Therapie der Psychiater zur eigentlichen Störung?
3ïžâŁ Die eigentliche Pathologie liegt im System
Es ist fast ironisch: Der Artikel kritisiert zwar, dass PDA als biologische Störung âĂŒberpathologisiertâ wird, tut aber genau dasselbe auf Beziehungsebene.
Statt die Resonanzbedingungen im Umfeld zu untersuchen â ReizĂŒberflutung, Kontrolle, Machtasymmetrien, fehlende Ko-Regulation â wird die Verantwortung hĂŒbsch im Kind und in der âelterlichen Psychopathologieâ verortet.
Das ist die klassische Schuldverschiebung des klinischen Systems:
Wenn wir das Verhalten nicht verstehen, erklÀren wir es zur Störung.
Und wenn das nicht reicht, erklÀren wir die Eltern zu Co-Störern.
Resonanzdynamisch gesprochen:
Hier wird nicht verstanden, dass das ganze Familiensystem im Resonanzkollaps steckt â nicht, dass ein einzelnes Kind âoppositionellâ ist.
4ïžâŁ âZirkularitĂ€t der Methodikâ â oder: Wie man ein Konstrukt diskreditiert, das man selbst missversteht
Die Autor:innen monieren, dass PDA-Forschung methodisch zirkulÀr sei, weil Eltern aus PDA-Foren rekrutiert wurden.
Das ist sicher ein Punkt.
Aber spannend ist: die gleiche Logik gilt umgekehrt fĂŒr klinische Forschung, die ausschlieĂlich aus Kliniken stammt, die selbst das alte Störungsmodell vertreten.
Und im Autismus-Bereich laden sich eine Art Inzucht-Truppe von Professoren gerade zu ohne Aussenkontrolle ein, um ihre eigenen kruden Vorstellungen von Autismus weiter zu bestÀtigen. Das ist in etwa so, wie man sich den Beraterstamm von Trump im Weissen Haus vorstellen mag. Und inzwischen wieder alte Unwahrheiten von Autismus-Genese durch Impfungen salonfÀhig werden.
Wann in einigen hohen Zentren der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie auf Uniebene dort das letzte Mal selbst Kontakt mit einer Familie aus dem Neurodivergenz-Spektrum bestand, mag ich mir gar nicht vorzustellen. Denn entweder die Eltern mĂŒssten entrĂŒstet davon laufen oder aber sie wĂŒrden durch die Haltung der Ărzte / âTherapeutenâ ja noch weiter in eine Negativspirale der Abwertung und Hilflosigkeit zementiert.
Und dann wĂŒrden sich doch alle Eltern quasi so verhalten, dass Frau K-P. dies als BestĂ€tigung ihrer Pathologie-Sicht sehen mĂŒsste. EntrĂŒstet und quasi im âWiderstandâ.
Die ZirkularitĂ€t liegt also weniger in der Datenerhebung â als im Paradigma.
Wer in einem defizitorientierten Denkrahmen forscht, findet auch nur Defizite.
5ïžâŁ Das fehlende Wort: Resonanz
Kein einziger Absatz im gesamten Artikel thematisiert, was bei diesen Kindern innerlich geschieht, wenn Anforderungen gestellt werden.
Es fehlt der Begriff Resonanz â das vielleicht wichtigste Konzept, um PDA wirklich zu verstehen.
Ich habe immer nicht verstanden, warum sich dann meine Kolleginnen und Kollegen Kinderpsychiater nennen, wenn sie gar nicht in die Innensicht der Kinder und Jugendlichen sich hineinversetzen wollen oder könnnen. Weil das ja nicht deskriptiv und wissenschaftlich wÀre.
Denn PDA ist im Kern kein âWiderstand gegen Anforderungenâ, sondern ein Resonanzabbruch-PhĂ€nomen:
Wenn eine Anforderung nicht in emotionaler, sensorischer oder sozialer Resonanz mit dem Kind steht, kollabiert das System.
Das fĂŒhrt zu Kontrollverhalten, RĂŒckzug oder Aggression â aber die Ursache ist der Verlust von Sicherheit, nicht âFeindseligkeitâ oder âManipulationâ.
Das Kind versucht, die Welt zu synchronisieren, weil die Welt es nicht mitfĂŒhlend reguliert.
Und bei diesen Kinder- und Jugendpschiaterinnen wĂŒrde ich als PDA-Jugendlicher nun mich ganz sicher nicht verstanden und gesehen fĂŒhlen. Und schon gar nicht eine MitfĂŒhlende Sicht erfahren.
6ïžâŁ Neuroaffirmative Perspektive: Von der Störung zur Sprache
Die Community spricht lĂ€ngst anders ĂŒber PDA:
Nicht als âSyndromâ, sondern als Sprache der Autonomie.
Kinder mit PDA sagen in ihrem Verhalten: âIch brauche Sicherheit, Wahlfreiheit und Sinn, bevor ich in Resonanz gehen kann.â
Das ist keine Störung, sondern eine hochfeine Wahrnehmung sozialer Energie.
Das Kind spĂŒrt unbewusst, wann eine Anforderung aus Kontrolle, Druck oder Angst kommt â und verweigert Resonanz mit dysfunktionaler Energie.
Das ist kein âVermeidungsverhaltenâ.
Das ist intuitive Ăkologie.
7ïžâŁ Fazit: PDA ist nicht pathologisch â unser Umgang damit schon
PDA ist kein Störungsprofil, sondern eine Systemreaktion auf Resonanzmangel.
Was Kamp-Becker et al. als âVerweigerungâ deuten, ist in Wahrheit ein SOS-Ruf eines ĂŒberforderten Nervensystems.
Und solange die klinische Forschung diesen Ruf als âStörung der Complianceâ interpretiert, bleibt sie selbst Teil des Problems.
Eine stufe hĂ€rter polarisiert : Die Kinder- und Jugendpsychiatrie schafft und chronifiziert sich ihre eigenen Verweigerer. Das ist Vernunft- Verweigerung auf Seiten der Ărzte und Therapeuten. Mit einer gesunden und verstĂ€ndlichen Gegenreaktion der Kinder und Jugendlichen.
8ïžâŁ Ausblick: Resonanz als neue Forschungsperspektive
Eine wirklich moderne PDA-Forschung mĂŒsste:
die InteraktionsqualitÀt zwischen Kind, Eltern und System erfassen,
neurophysiologische Resonanzindikatoren (z. B. HRV, Pupillometrie, Mikroexpressionen) einbeziehen,
die subjektive Autonomieerfahrung des Kindes zum Kern machen,
und PDA nicht als Diagnose, sondern als ResonanzphÀnomen verstehen.
Neue Methoden der Stress-Regulation bzw Bearbeitung von sekundĂ€ren Traumatisierungen durch Helfer- / Therapeuten anbieten, die zur Chronifizierung und Pathologisierung ĂŒberhaupt erst beigetragen haben (hier sehe ich in unserem Emoflex-Ansatz wirklich pragmatische und schnelle Hilfsmöglichkeiten)
Das wĂ€re nicht weniger âwissenschaftlichâ â aber unendlich menschlicher.
Kurz gesagt:
Kamp-Becker et al. haben PDA âkritisch diskutiertâ â aber nicht verstanden.
Sie beschreiben das, was sie sehen, ohne zu begreifen, was sie fĂŒhlen mĂŒssten.
Oder um es resonanzdynamisch zu sagen:
Dieser Artikel ist kognitiv kohÀrent, aber emotional taub.
Er klingt, aber er schwingt nicht.
Bin ich zu pathologisch oder gar Nestbeschmutzer, weil ich mich so adhs-mĂ€sssig ĂŒber solche Fachartikel aufrege? Oder mĂŒssten wir stĂ€rker auf die Unipsychiatrie im KJP- und Erwachsenenbereich (z.B. ĂŒber die DGPPN) einwirken, damit solche Fachartikel zumindest nicht unkommentiert als âState of the-Artâ weiter zitiert und ĂŒbernommen werden?