
Wenn heute fundierter über ADHS bei Mädchen und Frauen gesprochen wird, fällt ein Name inzwischen immer häufiger: Lotta Borg Skoglund. Sie ist eine schwedische Ärztin, Forscherin und Autorin mit einem klaren Schwerpunkt auf ADHS, insbesondere auf den Besonderheiten bei Frauen. Auf ihrer eigenen Website beschreibt sie sich als schwedische M.D., Ph.D., spezialisiert auf Psychiatrie, Suchtmedizin und Familienmedizin mit besonderem Fokus auf ADHS/ADD. Sie promovierte 2015 am Karolinska Institutet zu ADHS und Suchterkrankungen und arbeitet heute als Associate Professor an der Uppsala University im Bereich Frauen- und Kindergesundheit. Dort forscht sie weiter zu ADHS, Komorbiditäten und geschlechtsspezifischen Einflüssen.
Warum gerade sie so interessant ist
Das Besondere an Borg Skoglund ist nicht einfach, dass sie „auch etwas zu Frauen mit ADHS“ geschrieben hat. Interessant ist vielmehr, wie sie das Thema aufzieht. Auf ihrer Website formuliert sie sehr deutlich, dass der männliche Körper historisch die medizinische Norm gewesen sei und dass das Ignorieren biologischer Faktoren wie weiblicher Hormone langfristige Folgen für Mädchen und Frauen habe. Genau darin liegt ihre Relevanz: Sie rückt ADHS bei Frauen nicht als Randthema, sondern als systematisch übersehenes Feld ins Zentrum.
Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Punkte in der gesamten aktuellen ADHS-Diskussion: Viele Frauen wurden über Jahre nicht erkannt, falsch eingeordnet oder nur über Begleitdiagnosen wie Angst, Depression, Essstörungen oder Erschöpfung wahrgenommen. Borg Skoglund gehört zu den Autorinnen, die dazu beigetragen haben, dass sich dieser Blick verändert. Dass ihre deutsche Ausgabe „Mädchen und Frauen mit ADHS (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ genau diesen Fokus betont, passt dazu sehr gut: Dort wird herausgestellt, dass ADHS bei Mädchen und Frauen oft anders erscheint, leichter verdeckt wird und deshalb häufiger unerkannt bleibt.
Eine Autorin zwischen Klinik, Forschung und Aufklärung
Viele Bücher über ADHS sind entweder sehr alltagsnah oder sehr fachlich. Borg Skoglund bewegt sich eher an der Schnittstelle von beidem. Ihre Autorinnenrolle wirkt deshalb nicht wie die einer reinen Ratgeberstimme, sondern wie die einer Ärztin und Wissenschaftlerin, die versucht, klinische Erfahrung, Forschung und Lebenswirklichkeit zusammenzubringen. Ihre englischsprachige Website zeigt auch, dass sie nicht nur publiziert, sondern sich ausdrücklich in Aufklärung und Wissensvermittlung engagiert.
Hinzu kommt, dass sie nicht nur auf das klassische Bild von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität schaut. Bereits bei „ADHD Girls to Women: Getting on the Radar“ wurde hervorgehoben, dass Themen wie Hormone, psychische Gesundheit, Familie und Arbeit mitgedacht werden. Genau das macht ihre Perspektive für viele Frauen so anschlussfähig: ADHS erscheint nicht als isolierte Diagnose, sondern als etwas, das sich über Lebensphasen, Rollenanforderungen und Belastungskontexte verändert.
Warum das Thema Hormone mehr ist als ein Modetrend
Besonders spannend ist, dass Borg Skoglund das Feld inzwischen noch konsequenter weiterentwickelt. Laut ihrer Website und weiteren Verlagsankündigungen erscheint demnächst das neue englischsprachige Buch „Female Hormones and ADHD: The Impact on Brain and Body (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, gemeinsam mit Helena Kopp Kallner; ein Vorwort stammt von Sandra Kooij.
Wichtiger als der Titel selbst ist aber die dahinterliegende Entwicklung: Das Buch zeigt, dass die Debatte um ADHS bei Frauen sich weiter ausdifferenziert. Es geht nicht mehr nur um die längst überfällige Sichtbarkeit von Mädchen und Frauen, sondern um die nächste Ebene: Was bedeuten hormonelle Veränderungen über die Lebensspanne für Symptomatik, Belastung und Behandlung? Die Ankündigung beschreibt genau diesen Fokus und nennt Zusammenhänge mit Angst, Essstörungen, PCOS, hormonellen Behandlungen und Verhütung.
Das ist fachlich relevant, weil viele betroffene Frauen seit Jahren berichten, dass ADHS-Symptome nicht statisch sind: Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft, postpartale Phase, Perimenopause und Menopause können Regulation, Stimmung, Reizverarbeitung und Exekutivfunktionen deutlich beeinflussen. Borg Skoglund arbeitet daran, diesen Erfahrungsraum stärker mit Wissenschaft und klinischer Versorgung zu verbinden. Auf ihrer Website schreibt sie explizit, dass sie sich besonders dafür interessiert, wie Hormone die psychische Gesundheit über die weibliche Lebensspanne beeinflussen und dass dieses Feld noch längst nicht ausreichend erforscht ist.
Gerade die Schnittmenge Frauenheilkunde und hier Hormone / Endokrinologie zu ADHS-Symptomatik bzw. Psychiatrie ist nahezu unbesetzt bzw. es ist für Frau (und für mich auch) verdammt schwer, hier Empfehlungen auszusprechen. Eine gute Empfehlung ist hier aber immer wieder der tolle Podcast “Hormongesteuert” (der sich aber nicht nur mit ADHS bei Frauen beschätigt)
Ich versuche gerade selber ein Ebook zu ADHS in der (Peri-)Menopause zu machen, gerade weil es so wenig fundierte Infos gibt, ich aber wirklich jede Woche in der Klinik mit der Thematik konfrontiert bin
GODDESS ADHD: Forschung mit einem klaren Schwerpunkt
In diesem Zusammenhang ist auch ihr Forschungsengagement wichtig. Über ihre Website wird das Projekt bzw. die Forschungsinitiative GODDESS ADHD (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sichtbar. Dort wird das Ziel beschrieben, Wissen in der Gesellschaft zu erhöhen und die Versorgung von Mädchen und Frauen mit ADHS durch eine präzisere, geschlechtersensible Medizin zu verbessern. Als zentrale Beteiligte werden Lotta Borg Skoglund, Helena Kopp Kallner und Lisa Thorell genannt.
Das ist mehr als ein nettes Forschungslabel. Es zeigt, wohin sich das Feld entwickelt: weg von der Idee, ADHS sei ein einheitliches Störungsbild, das bei allen gleich aussieht, hin zu einer differenzierteren Betrachtung von Entwicklung, Geschlecht, Hormonen, Komorbidität und Versorgungslücken. Genau darin liegt vermutlich auch der Grund, warum Borg Skoglund inzwischen international so viel Resonanz bekommt.
Was ihre Bücher so wertvoll macht
Ich finde, der eigentliche Wert ihrer Bücher liegt nicht darin, dass sie „noch ein ADHS-Buch“ geschrieben hat. Ihr Beitrag ist eher dieser:
Sie verschiebt den Blick.
Nicht mehr nur:
Warum passt jemand nicht in die alten Diagnosebilder?
Sondern:
Warum waren diese Diagnosebilder so lange zu eng?
Warum wurden Frauen übersehen?
Warum spielen Lebensphase, Hormone und psychosoziale Rollenanforderungen eine größere Rolle, als viele Leitbilder lange wahrhaben wollten?
Auch bei der deutschen Ausgabe wird genau das sichtbar: Die Buchbeschreibung betont die andere Symptompräsentation bei Mädchen und Frauen, die häufige Überdeckung durch andere psychische Probleme und die besondere Rolle weiblicher Hormone.
Für wen ihre Arbeit besonders wichtig ist
Borg Skoglunds Arbeit ist vor allem für drei Gruppen relevant.
1. Für Frauen mit spätem Verdacht oder später Diagnose
Viele erleben über Jahre das Gefühl, „zu sensibel“, „zu chaotisch“, „zu emotional“, „zu erschöpft“ oder „nicht belastbar genug“ zu sein, ohne dass ADHS ernsthaft mitgedacht wurde. Der frauenbezogene Blick kann hier entlastend und klärend sein. Dass ihre Bücher von Fachleuten als validierend und hilfreich beschrieben werden, passt genau dazu.
2. Für Fachpersonen
Wer ADHS bei Frauen diagnostiziert oder behandelt, kommt an hormonellen und lebensphasenspezifischen Fragen kaum noch vorbei. Die neue Buchankündigung macht deutlich, dass Borg Skoglund und Kopp Kallner dieses Wissen gezielt für Praxis und Alltag aufbereiten wollen.
3. Für die öffentliche Debatte
ADHS bei Frauen wird noch immer oft zu eng erzählt: als „versteckte Unaufmerksamkeit“ oder als reine Spätdiagnosegeschichte. Borg Skoglunds Arbeit erweitert diese Erzählung um körperliche, endokrinologische und entwicklungsbezogene Aspekte. Genau das könnte die nächsten Jahre in Forschung und Versorgung stark prägen.
Mein Eindruck
Lotta Borg Skoglund steht für eine Entwicklung, die ich sehr wichtig finde: ADHS bei Frauen wird nicht länger als Sonderfall des männlichen Standards betrachtet. Stattdessen entsteht ein eigenes, ernst zu nehmendes Verständnis dafür, wie sich ADHS bei Mädchen und Frauen zeigen kann, warum es so oft übersehen wurde und warum Hormone dabei nicht bloß ein Nebenthema sind. Diese Perspektive wirkt nicht modisch, sondern längst überfällig. Gestützt wird das auch durch ihre akademische Einbindung, ihre Website, ihre Forschungsschwerpunkte und die klare Linie zwischen ihren bisherigen und neuen Publikationen.
Wer sich also mit ADHS bei Frauen beschäftigt, sollte Borg Skoglund nicht nur als Autorin einzelner Bücher sehen, sondern als eine der Stimmen, die gerade dabei sind, das gesamte Feld neu zu sortieren.
Weitere Bücher u.a. mit Schwerpunkt ADHS bei Frauen findest du übrigens hier :