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Ich scheitere, weil ich zu klug für diese Welt bin

Warum ich Hochbegabung doof finde – und den wachsenden Markt der Hochbegabungs-Coaches noch viel mehr

Ich finde hochbegabte Menschen nicht doof.

Ich finde auch Intelligenztests nicht doof. Es gibt Menschen mit außergewöhnlich hohen kognitiven Fähigkeiten. Manche von ihnen erleben erhebliche Passungsprobleme in Schule, Studium, Beruf oder Beziehungen. Und ja, ich wurde selber in diese Kategorie eingeordnet und habe u.a. eine Hochbegabtenförderung an einer anderen Schule neben meinem Gymnasium besucht. Mit mässigem Erfolg, aber mit Beschäftigung für meine grauen Zellen.

Manche bleiben trotz hoher Intelligenz deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. Und selbstverständlich können hochbegabte Menschen zugleich ADHS, Autismus, Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen haben.

Was ich doof finde, ist der Kult um die Hochbegabung.

Ich finde es doof, wenn aus einem psychometrischen Testwert eine komplette Persönlichkeit gebaut wird. Wenn Hochbegabung plötzlich erklären soll, warum jemand ungeduldig, chaotisch, empfindlich, gelangweilt, perfektionistisch, beruflich erfolglos, beziehungserschöpft und von der Menschheit im Allgemeinen enttäuscht ist.

Und ich finde es besonders doof, wenn daraus ein Geschäftsmodell entsteht, das von angeblich halbwegs intelligenten Menschen (die sich selber in die Kategorie “Hoch- oder Höchstbegabte” einordnen ) nun zur Bauernfängerei von Kunden genutzt wird.

Ich scheitere nicht an meinen Schwierigkeiten.
Ich scheitere, weil ich für diese Welt zu klug bin.

Das ist eine außerordentlich attraktive Geschichte.
Aber solche Menschen finde ich eigentlich unsagbar oberflächlich und damit eigentlich dem totalen Gegenteil von Attributionen, die sich selber in der Kategorie Hochbegabung zusprechen.

Aber sie erschliessen eine Klientel:

Vor allem für Menschen, die im Leben weniger erreicht haben, als es ihrem Selbstbild entspricht.

Und für Coaches, die davon leben, dass diese Geschichte möglichst lange nicht überprüft wird.

Hochbegabung ist zunächst ein Messwert – kein Hogwarts-Brief

Intellektuelle Hochbegabung bezeichnet zunächst einmal eine außergewöhnlich hohe kognitive Leistungsfähigkeit. Häufig wird ein Intelligenzquotient von ungefähr 130 als Orientierungswert verwendet.

Ein IQ von 130 bedeutet jedoch nicht:

  • dass jemand besonders sensibel ist,

  • dass er tiefgründiger liebt,

  • dass er Small Talk nicht ertragen kann,

  • dass ihm andere Menschen geistig nicht gewachsen sind,

  • dass jede Routine seine Seele zerstört,

  • dass seine Karriere an Unterforderung gescheitert ist,

  • oder dass sein chaotisches Wohnzimmer Ausdruck multidimensionaler Kreativität ist.

Ein Intelligenztest untersucht bestimmte kognitive Fähigkeiten unter standardisierten Bedingungen.

Er misst nicht das „wahre Selbst“.

Er findet keine Berufung.

Er diagnostiziert keine moralische Tiefe.

Und er stellt auch keine nachträgliche Bescheinigung darüber aus, dass die anderen schon immer das Problem waren.

Der Test ist kein Hogwarts-Brief, der einem nach Jahrzehnten mitteilt:

Herzlichen Glückwunsch. Du warst nie schwierig. Du warst nur magisch.

Genau so wird er aber in Teilen des Coachingmarktes inszeniert.

Die perfekte Erklärung für eine gekränkte Selbstwahrnehmung

Viele Menschen tragen eine schmerzhafte Diskrepanz in sich:

Sie erleben sich als klug, kreativ und voller Möglichkeiten. Gleichzeitig entspricht ihr reales Leben nicht diesem inneren Potenzialbild.

Das Studium wurde abgebrochen.

Die Karriere stagniert.

Projekte werden begeistert begonnen und selten beendet.

Beziehungen scheitern wiederholt.

Andere Menschen erkennen die eigene Besonderheit nicht zuverlässig.

Die Welt reagiert erstaunlich wenig beeindruckt auf das gefühlte Potenzial.

Eine nüchterne Betrachtung müsste nun unangenehme Fragen stellen:

  • Wie hoch sind die Fähigkeiten tatsächlich?

  • Welche davon lassen sich zuverlässig in Leistung übersetzen?

  • Wie gut sind Selbststeuerung und Frustrationstoleranz?

  • Besteht ADHS?

  • Liegt eine affektive Störung vor?

  • Gibt es autistische Besonderheiten?

  • Werden eigene Fähigkeiten überschätzt?

  • Sind Ziele unrealistisch?

  • Fehlt es an Ausdauer, Struktur oder sozialer Anpassungsfähigkeit?

  • Dient das Selbstbild vielleicht dem Schutz vor Scham?

  • Und wurden möglicherweise in der frühen Kindheit sehr frühe Alarmierungen gesetzt, die viel eher eine Relevanz als ein Messerwert beim Coach hat?

Das kann weh tun.

Die Hochbegabungserzählung bietet dagegen eine wesentlich angenehmere Lösung:

Du bist nicht gescheitert. Die Welt war nur nicht klug genug, dich richtig einzusetzen.

Damit wird aus einer Selbstwertkrise eine Elitezugehörigkeit.

Aus Prokrastination wird Unterforderung.

Aus Sprunghaftigkeit wird Vielbegabung.

Aus fehlender Beharrlichkeit wird ein „Scannerprofil“.

Aus Konflikten mit Vorgesetzten wird außergewöhnliche Unabhängigkeit.

Aus einem unübersichtlichen Lebenslauf wird der Beweis, für normale Berufswege zu komplex zu sein.

Und aus chronischem Nichterledigen wird schließlich eine Superkraft, die bislang nur unzureichend gewürdigt wurde.

Das ist psychologisch elegant.

Man muss nichts verändern.

Man muss sich nur neu etikettieren.

Der Hochbegabungscoach als Lieferant einer intellektuellen Adelungsurkunde

Der Begriff „Coach“ ist in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Jeder kann sich so bezeichnen, unabhängig von Umfang, Qualität und wissenschaftlicher Fundierung seiner Ausbildung. Darauf weist selbst die Bundesagentur für Arbeit hin.

Natürlich gibt es hervorragende Coaches.

Es gibt Menschen mit fundierter psychologischer, pädagogischer oder wirtschaftlicher Ausbildung, die ihre Grenzen kennen, sauber arbeiten und ihre Klienten nicht mit Heilsversprechen füttern.

Aber es gibt eben auch den anderen Typus:

Menschen, die eine persönliche Erfahrung zur Fachqualifikation erklären, zahlreiche Zertifikate sammeln und anschließend genau den Personen eine außergewöhnliche Identität anbieten, die dringend eine außergewöhnliche Erklärung für ihr Leben suchen.
Mit der Hauptqualifikation : Ich bin hochbegabt. Aber mein Talent wurde immer nicht gesehen.

So treffen sich zwei Bedürfnisse:

Der Klient möchte hören, dass sein Scheitern Ausdruck besonderer Begabung ist.

Der Coach möchte eine Zielgruppe, die nach dem ersten Erklärungsangebot weitere Beratungen, Kurse, E-Books und Transformationsprogramme benötigt.

Der Kunde erhält eine intellektuelle Adelungsurkunde.

Der Coach erhält eine Rechnung, die bezahlt wird.

Win-win.

Nur die Ergebnisoffenheit hat leider verloren.

Anatomie einer Hochbegabungs-Marketingmaschine

Interessant ist die Struktur. Ich bin ja neugierig, wie Marketing funktioniert. Und Marketing für Hochbegabung ist eben nicht so doof gemacht.

So lernt man fast lehrbuchartig, wie man aus diffusem Unbehagen einen nahezu unangreifbaren Hochbegabungsfunnel baut.

Stufe 1: Man wirft ein sehr großes Netz aus

Zunächst werden Probleme beschrieben, in denen sich sehr viele Menschen wiedererkennen können:

  • ein chaotischer Lebenslauf,

  • mehrere Aus- und Weiterbildungen,

  • Arbeitsplatzwechsel,

  • Langeweile bei Routine,

  • zahlreiche Interessen,

  • Schwierigkeiten mit Entscheidungen,

  • viele angefangene Projekte,

  • Ablenkbarkeit,

  • fehlender Fokus,

  • das Gefühl, anders zu sein,

  • das Empfinden, das eigene Potenzial nicht auszuschöpfen.

Auf der Website wird Menschen mit einem „wilden und chaotischen“ Lebenslauf sinngemäß gratuliert: Das könne daran liegen, dass sie hochbegabt seien. Wechselnde Arbeitsplätze werden mit Unterforderung und Abneigung gegen Routine erklärt. Hoch- und Vielbegabte seien sogar die „Trüffelschweine unter den Mitarbeitenden“.

Das ist ein bemerkenswert effizientes Screeningverfahren.

Man benötigt kein Testmanual.

Man schaut einfach auf den Lebenslauf.

Viele Wechsel? Hochbegabung.

Viele Zertifikate? Hochbegabung.

Berufliche Unzufriedenheit? Hochbegabung.

Probleme mit Routinen? Hochbegabung.

Möglicherweise ist der Bewerber nicht schwer vermittelbar.

Möglicherweise ist er ein Trüffelschwein.

HR-Abteilungen sollten das künftig berücksichtigen.

Vielleicht buddelt er nicht planlos im Lebenslauf herum. Vielleicht sucht er nur intellektuelle Delikatessen.

Das Barnum-Prinzip

Diese Merkmalslisten funktionieren, weil sie zugleich allgemein und schmeichelhaft sind.

Viele Menschen kennen Ablenkbarkeit, Entscheidungsprobleme, unerledigte Projekte oder berufliche Unzufriedenheit. Werden diese Erfahrungen aber mit außergewöhnlicher Kreativität, hoher Verarbeitungsgeschwindigkeit, Empathie und besonderer Intuition kombiniert, entsteht ein attraktives Gesamtpaket:

Du hast Schwierigkeiten.
Aber nur, weil du ungewöhnlich viele Stärken besitzt.

Das ist keine nüchterne Hypothesenbildung.

Es ist emotionales Priming.

Bevor der Test überhaupt stattfindet, weiß der Kunde bereits, welches Ergebnis zu seiner Biografie passen soll.

Stufe 2: Der IQ-Test wird als Erlösung beworben

Der Test wird auf der untersuchten Website mit der Überschrift „Endlich Gewissheit!“ angekündigt. Angesprochen werden unter anderem Menschen, die sich anders fühlen, sowie Eltern von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder Schulproblemen.

„Endlich Gewissheit“ klingt zunächst harmlos.

Die Frage ist nur: Gewissheit worüber?

Ein standardisierter Intelligenztest kann relativ zuverlässig etwas über bestimmte kognitive Leistungsbereiche aussagen. Er kann aber nicht bestätigen, dass sämtliche Enttäuschungen, Konflikte und Lebensumbrüche auf Hochbegabung zurückzuführen sind.

Die emotionale Dramaturgie lautet trotzdem:

  1. Du hast dich immer anders gefühlt.

  2. Niemand hat dich richtig verstanden.

  3. Vielleicht bist du hochbegabt.

  4. Der Test bringt endlich Gewissheit.

  5. Danach ergibt dein Leben Sinn.

Damit wird aus einer psychometrischen Untersuchung eine biografische Offenbarung.

Der Test misst nicht mehr nur Intelligenz.

Er soll die Vergangenheit reparieren.

Stufe 3: Das Ergebnis steht emotional bereits vorher fest

Ein guter diagnostischer Prozess muss ergebnisoffen sein.

Das bedeutet:

Ein Mensch kann hochbegabt sein.

Er kann überdurchschnittlich intelligent sein, ohne hochbegabt zu sein.

Er kann durchschnittlich intelligent sein.

Und seine Probleme können mit seiner Intelligenz wenig zu tun haben.

Marketing kann mit dieser Offenheit schlecht umgehen.

„Möglicherweise sind Sie durchschnittlich intelligent und haben ein behandlungsbedürftiges Aufmerksamkeitsproblem“ ist kein besonders starker Slogan.

„Entdecke deine Superpower“ verkauft sich besser.

Auf der Website werden Menschen nach der Feststellung einer Hochbegabung mit einem E-Book begleitet, dessen Titel verspricht: „Endlich ergibt alles Sinn“. Es soll dabei helfen, die persönliche „Superpower“ zu entdecken.

Damit entsteht eine Erwartung:

Das Testergebnis soll nicht nur informieren.

Es soll erlösen.

Es soll entlasten.

Es soll die eigene Besonderheit bestätigen.

Ein durchschnittliches Ergebnis ist in dieser Dramaturgie ungefähr so willkommen wie eine Betriebsprüfung auf einer Manifestationsmesse.

Stufe 4: Wenn der IQ nicht reicht, gibt es zum Glück die Vielbegabung

Nun könnte der Test die gewünschte Hochbegabung nicht bestätigen.

Das wäre für ein ergebnisoffenes Modell kein Problem.

Für einen Verkaufsfunnel wäre es jedoch ungünstig.

Deshalb braucht das System eine Hintertür.

Sie heißt „Vielbegabung“.

Auf der Website wird Vielbegabung als Form der Hochbegabung beschrieben. Gleichzeitig wird erklärt, Vielbegabte könnten im IQ-Test unterhalb der üblichen Grenze von 130 bleiben, da Tests kreative und emotionale Intelligenz sowie die Vielzahl ihrer Begabungen nicht angemessen erfassten. Als typische Merkmale gelten unter anderem Ablenkbarkeit, Fokusprobleme, viele Interessen, ein vielseitiger Lebenslauf, Routineaversion, Entscheidungsschwierigkeiten und nicht abgeschlossene Projekte.

Das ist marketingtechnisch wirklich schön.

Ergebnis A: IQ über 130

Herzlichen Glückwunsch, hochbegabt.

Ergebnis B: IQ unter 130, aber viele Interessen

Herzlichen Glückwunsch, vielbegabt.

Ergebnis C: IQ unter 130 und wenig abgeschlossene Projekte

Noch herzlicheren Glückwunsch, vermutlich besonders vielbegabt.

Ergebnis D: IQ durchschnittlich und chaotischer Lebenslauf

Kein Problem. Der klassische Test kann deine kreative, emotionale oder multidimensionale Begabung eben nicht vollständig abbilden.

Der Test kann damit praktisch nur positive Ergebnisse liefern.

Nicht unbedingt psychometrisch.

Aber identitär.

Die Theorie ist nicht widerlegbar, weil jedes Ergebnis in die Theorie integriert wird.

Der IQ bestätigt die Hochbegabung.

Der nicht ausreichend hohe IQ bestätigt die Grenzen des IQ-Tests.

Das ist keine Diagnostik mehr.

Das ist ein Horoskop mit Untertests.

Und ich frage mich immer, wieso da noch Leute drauf reinfallen, die sich ja nun selber der Gruppe “Hochbegabung” zuordnen.

Das liegt dann vermutlich an Stufe 5 - denn wer möchte schon zum Mittelmaß gehören?

Stufe 5: Das Mittelmaß wird zum gemeinsamen Feind

Ein besonders wirksames Marketinginstrument ist die Abwertung der Normalität.

Auf der Website heißt es, vielbegabte Menschen müssten verstehen, dass „das Mittelmaß die falsche Messlatte für ihr Leben“ sei. Die eigene Vielbegabung wird als noch nicht ausreichend gewürdigte „Superpower“ beschrieben.

Das hat mehrere Vorteile.

Erstens wird eine durchschnittliche Testleistung psychologisch entwertet.

Zweitens wird Kritik von außen leicht erklärbar: Der Kritiker denkt eben mittelmäßig.

Drittens entsteht eine exklusive Gemeinschaft der Besonderen.

Die Kunden sind nicht einfach Menschen mit Stärken und Schwierigkeiten.

Sie sind komplexer.

Schneller.

Tiefer.

Sensibler.

Unkonventioneller.

Und vermutlich von Menschen umgeben, die noch bei Folie 1 sind, während sie selbst gedanklich längst die gesamte Präsentation transzendiert haben.

Das Mittelmaß wird zum Feindbild, obwohl fast jeder Mensch in den meisten Fähigkeiten irgendwo im Mittelmaß liegt.

Man kann hochintelligent sein und durchschnittlich empathisch.

Kreativ und organisatorisch schwach.

Sprachlich brillant und sozial anstrengend.

Analytisch hervorragend und praktisch vollkommen unbrauchbar.

Hohe Intelligenz adelt nicht die gesamte Persönlichkeit.

Sie macht den Menschen auch nicht automatisch zu einer unterschätzten Ressource für jedes Unternehmen.

Manchmal ist ein chaotischer Lebenslauf ein Zeichen vielfältiger Fähigkeiten.

Manchmal ist er ein Zeichen von ADHS.

Manchmal von Instabilität.

Manchmal von schlechten Entscheidungen.

Und manchmal hat jemand einfach sehr viele Seminare besucht und trotzdem nichts gelernt.

Stufe 6: Nun folgt der Upsell

Wenn die Hochbegabung erkannt oder die Vielbegabung vermutet wurde, beginnt die eigentliche Produktlandschaft.

Auf so einer Coaching-Seite kostet die Begabungsdiagnostik derzeit mehrere Hundert Euro. Zusätzlich wird ein Paket „IQ plus“ mit Coaching angeboten. Danach folgen weitere Beratungsangebote, E-Books und Transformationsprogramme. Eine zwölfwöchige Begleitung wird unter anderem als „Tiefste Transformation. Der ‚geile Scheiß‘“, mit der „Durchbruchskraft einer Rakete“ und als „Magie pur“ beworben.

Das ist eine interessante Eskalation.

Wir beginnen mit einem standardisierten Intelligenztest.

Wenige Klicks später befinden wir uns in einer Rakete aus Transformation, Magie und tiefstem Loslassen.

Der IQ-Test ist also nicht das Ende der Klärung.

Er ist der Beginn der Customer Journey.

Der perfekte Funnel

  1. Diffuses Unbehagen:
    Ich fühle mich anders.

  2. Schmeichelhafte Hypothese:
    Vielleicht bin ich hochbegabt.

  3. Kostenpflichtige Klärung:
    Ein Test bringt „endlich Gewissheit“.

  4. Identitäre Absicherung:
    Falls der IQ nicht reicht, bin ich vielbegabt, hochsensibel oder Scanner.

  5. Emotionaler Erklärungsbedarf:
    Warum wurde ich so spät erkannt?

  6. Folgeprodukt:
    Coaching, E-Book, Kurs oder Transformation.

  7. Fortbestehende Schwierigkeiten:
    Ich habe meine Superpower noch nicht vollständig integriert.

  8. Nächstes Folgeprodukt:
    Mehr Coaching.

Das Produkt ist nicht nur die Testung.

Das eigentliche Produkt ist eine dauerhaft anschlussfähige Erzählung.

Stufe 7: Hochbegabung, Hochsensibilität und ADHS werden zu einem Identitäts-Smoothie

Besonders problematisch wird es, wenn klinisch relevante Symptome in einen großen Topf mit Hochbegabung und Hochsensibilität geworfen werden.

Auf der von mir besuchten Website werden Zeitblindheit, Prokrastination, Hyperfokus, Ablenkbarkeit, Impulsivität und emotionale Dysregulation angesprochen. Gleichzeitig heißt es: „Du brauchst keine Diagnose, um anders zu ticken“. Die Anbieterin beschreibt ihre eigene Erleichterung darüber, „nur hochbegabt und hochsensibel“ zu sein.

Natürlich benötigt nicht jeder Mensch mit einzelnen ADHS-ähnlichen Eigenschaften eine Diagnose.

Aber wenn erhebliche Funktionsbeeinträchtigungen vorliegen, ist die diagnostische Frage nicht nebensächlich.

Denn ADHS ist nicht einfach ein bunter Denkstil.

Eine Diagnose kann Auswirkungen haben auf:

  • Behandlungsoptionen,

  • Medikation,

  • Psychoedukation,

  • Arbeitsplatzanpassungen,

  • familiäres Verständnis,

  • komorbide Erkrankungen,

  • Risikoverhalten,

  • Schlaf,

  • Suchtgefährdung,

  • langfristige Lebensplanung.

Wer einem Menschen mit erheblichen ADHS-Symptomen erzählt, er sei wahrscheinlich bloß hochbegabt und hochsensibel, bietet möglicherweise eine angenehmere Erklärung.

Aber nicht unbedingt die hilfreichere.

Die Frage lautet nicht:

Welche Identität fühlt sich schöner an?

Sondern:

Welche Hypothese erklärt Entwicklung, Verlauf und Funktionsbeeinträchtigung am besten?

Von der Superpower zur energetischen Stellvertretung

Auf derselben Website wird Hypnose gegen eine erstaunlich breite Palette von Schwierigkeiten angeboten: Prokrastination, mangelnde Impulskontrolle, emotionale Dysregulation, Zeitprobleme, RSD, Lese-Rechtschreibprobleme und Dyskalkulie.

Für Kinder wird zudem eine „Stellvertreter-Hypnose“ beschrieben. Ein Elternteil verbinde sich „energetisch mit dem Kind“, woraufhin sich die Wirkung beim Kind zeige. Der Text kommentiert selbst: „Funktioniert aber wunderbar!“

Spätestens hier hat die Rakete die evidenzbasierte Erdatmosphäre verlassen.

Außergewöhnliche Behauptungen benötigen außergewöhnlich gute Belege.

„Klingt verrückt, funktioniert aber“ ist kein Wirksamkeitsnachweis.

Es ist die verbale Version eines Glitzerfilters.

Hinzu kommen kinesiologische Reflexangebote, bei denen angeblich nicht integrierte frühkindliche Reflexe mit einer außerordentlich großen Bandbreite von Problemen verbunden werden: Konzentrationsschwierigkeiten, ADHS-Symptomatik, Schulangst, emotionale Instabilität, Lernprobleme, Hochsensibilität, geringes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten mit Autoritäten.

Das Muster bleibt dasselbe:

Viele unspezifische Beschwerden.

Eine verborgene Ursache.

Eine Methode, die diese Ursache erkennt.

Und ein kostenpflichtiger Prozess, der sie „harmonisiert“.

Für fast jedes Problem findet sich eine Erklärung.

Nur die Möglichkeit, dass die Methode selbst falsch sein könnte, ist bemerkenswert unterrepräsentiert.

Warum diese Marketingstrategie so gut funktioniert

1. Sie verwandelt Scham in Stolz

„Ich bin undiszipliniert“ tut weh.

„Mein Gehirn verweigert sich sinnlosen Routinen“ klingt besser.

„Ich bringe wenig zu Ende“ tut weh.

„Ich bin eine Scannerpersönlichkeit“ klingt nach Sonderedition.

„Ich habe beruflich keinen Platz gefunden“ tut weh.

„Normale Arbeitsplätze sind meiner Komplexität nicht gewachsen“ schützt den Selbstwert.

Die Hochbegabungserzählung bietet eine narzisstisch angenehme Umdeutung, ohne dass dafür eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen muss.

Sie reguliert Scham.

Das macht sie so attraktiv.

2. Sie macht jedes Gegenargument zum Beweis

Zweifelt ein anderer an der Hochbegabung, versteht er die besondere Person eben nicht.

Fällt der IQ-Test hoch aus, ist die Theorie bestätigt.

Fällt er nicht hoch genug aus, erfasst der Test die Vielbegabung nicht.

Gelingt das Coaching, war die Methode wirksam.

Gelingt es nicht, bestehen offenbar noch tiefere Blockaden.

Das Modell besitzt für jedes Ergebnis eine passende Erklärung.

Nur eine Erklärung ist nicht vorgesehen:

Vielleicht stimmt die Grundannahme nicht.

3. Sie verkauft Besonderheit in einer verunsicherten Gesellschaft

Viele Menschen fühlen sich austauschbar, überfordert oder nicht gesehen.

Der Hochbegabungsmarkt verspricht das Gegenteil:

Du bist nicht austauschbar.

Du bist außergewöhnlich.

Du bist nicht durchschnittlich.

Du wurdest lediglich noch nicht richtig erkannt.

Das ist ein kraftvolles Produkt.

Denn Anerkennung lässt sich verkaufen.

Besonders gut lässt sie sich an Menschen verkaufen, die lange zu wenig davon erhalten haben.

Hochbegabung ist keine psychische Erkrankung

Die populäre Vorstellung, Hochbegabte seien grundsätzlich psychisch instabiler, existenziell verzweifelter oder sozial unverträglicher, wird von größeren Untersuchungen nicht bestätigt.

Studien mit großen Stichproben fanden bei Menschen mit hoher Intelligenz insgesamt keine erhöhte Rate psychischer Störungen; teilweise zeigte sich hohe Intelligenz sogar als möglicher Schutzfaktor gegenüber allgemeiner Angst und posttraumatischen Belastungssymptomen.

Natürlich können hochbegabte Menschen psychisch erkranken.

Aber dann sollte man ihre Erkrankung nicht romantisieren.

Eine Depression wird nicht tiefgründiger, weil der Betroffene einen IQ von 137 hat.

ADHS wird nicht zur kreativen Superpower, nur weil jemand sprachlich brillant ist.

Und eine problematische Selbstüberschätzung wird nicht automatisch zur Unterforderung, weil der Betroffene sehr schnell sprechen kann.

Hochbegabung kann ein wichtiger Kontextfaktor sein.

Sie ist aber keine Universaldiagnose.

Die eigentliche Gefahr: diagnostische Verschleierung

Die Hochbegabungserzählung kann notwendige Diagnostik verzögern.

Ein Mensch mit ADHS hört dann möglicherweise:

Du kannst dich nur konzentrieren, wenn dich etwas intellektuell fordert.

Ein depressiver Mensch hört:

Du leidest an der Oberflächlichkeit der Welt.

Ein Mensch mit autistischen Schwierigkeiten hört:

Du findest nur deshalb keinen Anschluss, weil du komplexer denkst.

Ein Mensch mit instabilem Selbstwert hört:

Andere fühlen sich von deiner Stärke bedroht.

Ein Mensch mit wenig Frustrationstoleranz hört:

Dein Gehirn ist nicht für Routine geschaffen.

Jede dieser Erklärungen kann im Einzelfall einen wahren Anteil enthalten.

Gefährlich wird es, wenn sie zur einzigen Erklärung wird.

Denn eine schmeichelhafte Fehldiagnose bleibt eine Fehldiagnose.

Auch wenn sie sich deutlich besser anfühlt als die richtige.

Nicht jedes ungenutzte Potenzial ist ein verborgenes Genie

Es gibt Menschen, deren Fähigkeiten tatsächlich unterschätzt wurden.

Es gibt Hochbegabte, die in unpassenden Bildungs- und Arbeitsbedingungen scheitern.

Es gibt hochintelligente Menschen mit ADHS, Autismus oder Lernstörungen, deren Probleme aufgrund ihrer Kompensationsfähigkeit lange übersehen wurden.

Aber es gibt auch Menschen, deren Selbsteinschätzung höher ist als ihre messbaren Fähigkeiten.

Menschen, die sich für außergewöhnlich kreativ halten, aber wenig produzieren.

Menschen, die sich für strategische Denker halten, aber nie eine Strategie umsetzen.

Menschen, die Routine ablehnen, weil Routine anstrengend ist.

Menschen, die Autoritäten hinterfragen, vor allem wenn diese Ergebnisse erwarten.

Menschen, die jede Rückmeldung als Beweis verstehen, erneut nicht erkannt worden zu sein.

Nicht jeder Mensch, der sein Potenzial nicht entfaltet, besitzt außergewöhnlich viel davon.

Manchmal besteht das ungenutzte Potenzial vor allem aus einer sehr guten Presseabteilung im eigenen Kopf.

Man muss nicht hochbegabt sein, um Hilfe zu verdienen

Das vielleicht Traurigste am Hochbegabungshype ist die Vorstellung, gewöhnliches Leiden reiche nicht aus.

Man darf nicht einfach überfordert sein.

Man muss hochsensibel sein.

Man darf nicht einfach Konzentrationsprobleme haben.

Man muss ein besonders schnelles Gehirn besitzen.

Man darf nicht einfach beruflich unzufrieden sein.

Man muss unter intellektueller Unterforderung leiden.

Man darf nicht durchschnittlich intelligent sein und trotzdem mit dem Leben kämpfen.

Aber natürlich darf man das.

Die Würde eines Menschen hängt nicht von seinem IQ ab.

Ein Mensch braucht keine intellektuelle Adelung, damit seine Probleme ernst genommen werden.

Er muss nicht hochbegabt sein, um Unterstützung, Respekt und eine gute Behandlung zu verdienen.

Durchschnittliche Menschen haben komplexe Biografien.

Durchschnittliche Menschen können kreativ sein.

Durchschnittliche Menschen erleben tiefe Gefühle.

Durchschnittliche Menschen dürfen sich fremd fühlen.

Und durchschnittliche Menschen dürfen scheitern, ohne dass man ihnen nachträglich eine Superkraft verkaufen muss.

Woran erkennt man seriöse Hochbegabungsberatung?

Eine seriöse Beratung:

  • trennt Intelligenz, Persönlichkeit und psychische Gesundheit,

  • arbeitet ergebnisoffen,

  • erklärt Konfidenzintervalle und Grenzen des Tests,

  • prüft alternative Erklärungen,

  • verweist bei klinischen Auffälligkeiten an qualifizierte Fachpersonen,

  • macht aus einem IQ-Wert keine Gesamtidentität,

  • verspricht keine Berufung oder Transformation,

  • wertet durchschnittliche Intelligenz nicht ab,

  • immunisiert ihre Theorie nicht gegen negative Testergebnisse,

  • und kann einem Klienten auch sagen:
    „Ihre Schwierigkeiten werden durch Hochbegabung nicht ausreichend erklärt.“

Der wichtigste Qualitätstest lautet deshalb nicht:

Kann der Coach Hochbegabung erkennen?

Sondern:

Kann er sie auch überzeugend ausschließen?

Wer jeder Person, die sich anders, chaotisch oder unverstanden fühlt, eine besondere Begabung anbietet, betreibt keine Diagnostik.

Er betreibt Zielgruppenbindung.

Mein Fazit

Ich finde Hochbegabung nicht doof.

Ich finde ihre Vermarktung als intellektuelle Erlösungsreligion doof.

Ich finde es doof, wenn ein IQ-Test nicht mehr ergebnisoffen misst, sondern ein gewünschtes Selbstbild bestätigen soll.

Ich finde es doof, wenn ein Wert unter 130 nicht gegen Hochbegabung spricht, sondern plötzlich für eine noch viel komplexere Vielbegabung.

Ich finde es doof, wenn Hochbegabung, Hochsensibilität, Scannerpersönlichkeit und ADHS zu einem identitären Smoothie püriert werden.

Ich finde es doof, wenn anschließend E-Books, Superkräfte, Düsenjets, Raketen, Magie und tiefste Transformation verkauft werden. Die Website bezeichnet ihre Methoden tatsächlich als „Düsenjets“ und sich selbst als „Turbo in Sachen Veränderung und Wachstum“.

Und ich finde es gefährlich, wenn Menschen eine schmeichelhafte Erklärung erhalten, während eine behandelbare Störung, eine reale Funktionsbeeinträchtigung oder eine schmerzhafte Fehleinschätzung unbearbeitet bleibt.

Vielleicht scheitert ein Mensch tatsächlich an einer unpassenden Umwelt.

Vielleicht wurde seine hohe Intelligenz nie erkannt.

Vielleicht hat er ADHS, Autismus, eine Depression oder eine Traumafolgestörung.

Vielleicht fehlen ihm Unterstützung und passende Bedingungen.

Vielleicht überschätzt er sich aber auch.

Vielleicht ist er klug, aber nicht besonders ausdauernd.

Vielleicht hat er viele Ideen, aber wenig Selbststeuerung.

Vielleicht hält er seine Langeweile für einen Qualitätsnachweis.

Vielleicht ist er nicht zu klug für diese Welt.

Vielleicht ist die Welt nur nicht verpflichtet, sein Selbstbild durch entsprechende Ergebnisse zu bestätigen.

Das ist keine besonders schmeichelhafte Erkenntnis.

Aber echte Entwicklung beginnt häufig genau dort, wo die schmeichelhafte Geschichte endet.

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