ADHS und / oder Autismus-Spektrum : Verarbeitung sozialer Informationen
Diese Übersichtsarbeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) fasst eher theoretisch nach einer Theorie der Sozialen Informationsverarbeitung Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei ADHS und Autismus-Spektrum zusammen. Naturgemäss muss es etwas plakativ sein und so erscheint mir die Konzeption von ADHS, aber auch von Autismus eher sehr holzschnittartig und damit eher zum Widerspruch und Kritik anregend.
Dennoch finde ich die Grundüberlegung dazu erstmal wichtig. Auf irgendeiner Grundlage muss man ja diskutieren bzw. das Modell weiter differenzieren oder korrigieren.
Gemeinsame Ergebnisse, unterschiedliche Wege:
Defizite bei der sozialen Informationsverarbeitung bei Autismus-Spektrum-Störung und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Obwohl beide Störungen ein gemeinsames Ergebnis in Form einer sozialen Beeinträchtigung aufweisen, sind die genauen Wege, die jede Störung entlang der sechs Schritte der sozialen Informationsverarbeitung durchläuft, unterschiedlich.
Kernaussage: Sowohl die Autismus-Spektrum-Störung als auch die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung weisen Defizite bei der Verarbeitung sozialer Informationen auf, aber ihre Art und ihre Ursprünge sind unterschiedlich.
Mit anderen Worten, es gibt eine Besonderheit des Mangels an Wissen und Fähigkeiten bei ASD im Vergleich zu relativ intakten Fähigkeiten, aber problematischen Leistungen bei ADHS.
Kinder mit ASD zeigen Defizite in beobachtbaren sozialen Verhaltensweisen, einschließlich weniger sozialem Spiel und weniger sozialer Anbahnung sowie schlechterer verbaler und nonverbaler sozialer Kommunikation, was die Effektivität ihrer sozialen Interaktionen verringert. Wobei ich jetzt die Wertung in schlechter oder besser falsch finde. Denn das ASD-Gehirn interessiert sich einfach für andere Dinge als nun ausgerechnet die soziale Interaktion. Oder findet die Auswertung dieser Informationen einfach unlogisch, irritierend und damit widersprüchlich wie Doppelbilder, die es zu vermeiden gilt)
ADHS wäre demnach eher ein Implementationsproblem in sozialen Situationen. Man weiss also eigentlich, wie und was man in der Situation tun sollte. Aber man tut es dann eben nicht.
Warum auch immer. Aus meine Sicht werden hier die Besonderheiten der Emotionsregulation bzw. des Handelns unter emotionaler Alarmierung noch nicht wirklich erfassst. Letztlich also die Rolle der sogenannten hot executive functions / Exekutivfunktionen.
Während diese jüngste Übersichtsarbeit die potenziell unterschiedlichen Grundlagen der Defizite, die zu einer Beeinträchtigung des offenen Sozialverhaltens bei beiden Störungen führen, gut beschreibt, hat sie die zugrunde liegenden Defizite nicht in einen kohärenten und umfassenden theoretischen Rahmen der sozialen Informationsverarbeitung eingeordnet, der in aufeinanderfolgenden Schritten beschreibt, wie ein Individuum in einer sozialen Situation zunächst eingehende Stimuli, einschließlich der Gedanken und Gefühle anderer, wahrnimmt und verarbeitet, um dann eine Entscheidungsfindung zu treffen und am Ende eine angemessene soziale Reaktion auszuwählen und auszuführen.
Modell von Dodge und Crick
In dieser Übersichtsarbeit wird das Modell der sozialen Informationsverarbeitung von Crick und Dodge als theoretischer Rahmen verwendet, der gut definiert und erprobt ist, um die sozialen kognitiven Prozesse zu erläutern, die dem gemeinsamen Ergebnis der sozialen Beeinträchtigung bei ASD und ADHS zugrunde liegen. Das von Crick und Dodge vorgeschlagene Modell der Verarbeitung sozialer Informationen beschreibt eine Hierarchie verdeckter, mentaler Mechanismen, die eingesetzt werden, um externe soziale Hinweise in offene Verhaltensreaktionen zu übersetzen.
Die im Folgenden systematisch durchgeführten Studien zu den einzelnen Stufen der sozialen Informationsverarbeitung zeigen, dass die festgestellten Defizite bei ASD und ADHS unterschiedlicher Natur sind und geben Aufschluss darüber, wie diese störungsspezifischen Defizite, obwohl sie unterschiedliche Wege entlang der hierarchisch festgelegten Stufen der sozialen Informationsverarbeitung durchlaufen, schließlich zu einem gemeinsamen Endergebnis der sozialen Beeinträchtigung bei beiden Störungen führen.
Eine andere Studie wies ebenfalls auf ein Defizit an sozialer Leistung bei ADHS hin, im Gegensatz zu dem Mangel an sozialem Wissen und den inhärenten Defiziten in der sozialen Kommunikation, die bei ASD beobachtet werden. So wiesen zwar sowohl ASD- als auch ADHS-Gruppen erhebliche Schwierigkeiten im Sozialverhalten auf, doch waren die Defizite bei Kindern mit ASD durch deutlich weniger adaptive und angemessene soziale Verhaltensweisen gekennzeichnet, was auf ein Wissensdefizit hindeutet, während bei Kindern mit ADHS mehr unangemessenes Durchsetzungsvermögen festgestellt wurde, was auf Impulsivität hindeutet.
Wie oben beschrieben, wird das gemeinsame soziale Ergebnis auf verschiedenen Wegen erreicht, die die sechs Stufen der sozialen Informationsverarbeitung durchlaufen und zwei kaskadenartige Ketten von Defiziten entlang der sechs Stufen hervorrufen.
Diese kumulieren schließlich in suboptimalen Reaktionen, die soziale Beziehungen behindern, nämlich in zurückgezogenen/vermeidenden Reaktionen von Kindern mit ASD, aber in aufdringlichen/impulsiven Reaktionen von Kindern mit ADHS. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ASD inhärente Kodierungsdefizite bei der sozialen und emotionalen Verarbeitung aufweist, während ADHS-Symptome die Leistung bei der Verarbeitung sozialer Informationen beeinträchtigen, obwohl der Pool an erworbenem sozialem Wissen relativ intakt ist, d. h. es handelt sich eher um ein soziales Leistungsdefizit als um ein Wissensdefizit bei ADHS. Die Verarbeitung sozialer Informationen stand im Mittelpunkt von Interventionen zur Verringerung aggressiver und gewalttätiger Verhaltensweisen und zur Steigerung prosozialer Verhaltensweisen bei Kindern[].
Daher ist ein wissensbasiertes Training sozialer Fähigkeiten, das den Bestand an sozialem Wissen und Verhalten erhöht, von entscheidender Bedeutung, um die sozialen Beeinträchtigungen von Kindern mit ASD zu beheben.
Bei Kindern mit ADHS handelt es sich bei der sozialen Beeinträchtigung um ein Leistungsdefizit, das durch Störungen verursacht wird, die sich aus den ADHS-bedingten Defiziten bei Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Verhaltenshemmung bzw. eben der emotionalen Regulation stammen
Chan JKY, Leung PWL. Common outcome, different pathways: Social information-processing deficits in autism spectrum disorder and attention-deficit/hyperactivity disorder. World J Psychiatry. 2022;12(2):286-297. Published 2022 Feb 19. doi:10.5498/wjp.v12.i2.286