
In deutschen Unternehmen gibt es für alles ein Formular. Für Reisekosten. Für Reisekosten, die man falsch ausgefüllt hat. Für den Antrag auf einen Zugang zum Formularportal, in dem man den Antrag auf Reisekosten stellen darf.
Was es nicht gibt – und das ist ehrlich gesagt organisationspsychologisch fahrlässig – ist ein offizielles „Ich-mach-es-gleich“-Formular.
Dabei ist „Ich mach es gleich“ der wahrscheinlich häufigste Satz in akademischen Berufen mit WLAN.
Nicht „Nein“.
Nicht „Ich bin überfordert“.
Nicht „Ich habe Angst, dass das nicht gut genug wird“.
Sondern dieses sozial kompatible, karrierefreundliche Schwebeversprechen: gleich.
„Gleich“ ist kein Zeitpunkt.
„Gleich“ ist ein emotionaler Wartebereich.
Dort sitzen sie:
die Präsentation,
der Arztbrief,
die Strategievorlage,
die Mail, auf die man seit drei Wochen „gleich“ antwortet.
Sie tragen Nummern wie am Amt. Nur dass niemand sie aufruft.
Gerade bei hochfunktionalen ADHS-Gehirnen passiert Folgendes:
Man ist intelligent genug, die Komplexität zu sehen.
Man ist verantwortungsbewusst genug, die Tragweite zu spüren.
Und sensibel genug, jede mögliche Bewertung innerlich schon einmal durchzuspielen.
Das Ergebnis?
Man sortiert den Desktop.
Man überarbeitet die Ordnerstruktur.
Man plant die Woche neu.
Man liest einen Fachartikel über Selbstorganisation.
Man denkt sehr intensiv darüber nach, wie wichtig Fokus ist.
Nur das Dokument selbst bleibt ungeöffnet.
Aus Respekt.
Hier kommt mein hochoffizielles „Ich-mach-es-gleich“-Formular ins Spiel.
https://claude.ai/public/artifacts/185468e4-e87c-4de1-810f-2ce8ba8dbc41 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Ein amtlich wirkendes Dokument, das automatisch aufpoppt oder aufploppen sollte, sobald man innerlich „gleich“ sagt.
Erste Seite:
„Benennen Sie die beschuldigte Aufgabe.“
Plötzlich steht da nicht mehr „alles“.
Sondern: „Präsentation Q1“.
Oder: „Antwort an Herrn Müller“.
Interessant.
Es ist gar nicht das ganze Leben.
Es ist eine Datei.
Zweite Seite:
„Bitte reichen Sie Ihre offizielle Beschwerde ein.“
Zu unklar.
Zu groß.
Zu langweilig.
Perfektionismus blockiert.
Angst vor Bewertung.
Scham, weil überfällig.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.
Und irgendwo zwischen „Ich brauche Druck“ und „Ich hasse Deadlines“ merkt man:
Das ist kein Motivationsmangel.
Das ist ein Nervensystem, das gerade denkt, es müsse ein Mammut mit PowerPoint erschlagen.
Dann die innere Talkshow.
„Es muss perfekt sein.“
„Jetzt lohnt es sich eh nicht mehr.“
„Ich brauche erst mehr Klarheit.“
„Nur noch kurz LinkedIn.“
Diese Gedanken wirken im Kopf wie Gerichtsurteile.
Im Formular sehen sie plötzlich aus wie sehr bemühte Praktikanten.
Dann kommt der Realitätscheck.
„Was passiert schlimmstenfalls wirklich?“
Und erstaunlicherweise lautet die Antwort selten:
„Sie verlieren sofort Ihre berufliche Existenz.“
Sondern eher:
„Jemand schreibt: Könnten Sie das bitte noch nachreichen?“
Das ist alles.
Das große Drama entpuppt sich als leicht genervte Nachfrage.
Und am Ende steht kein heroisches Ziel.
Kein „Jetzt reiße ich mich zusammen“.
Kein „Ab morgen neues Leben“.
Sondern:
Dokument öffnen.
Betreff schreiben.
Stichpunkte sammeln.
Zehn Minuten.
Das ist der Skandal.
Die Lösung ist peinlich klein.
Aber Initiierung ist der Engpass.
Nicht Intelligenz.
Nicht Kompetenz.
Nicht Wille.
ADHS blockiert nicht Faulheit.
Es blockiert Start unter innerem Druck.
Und vielleicht bräuchten wir im Unternehmenskontext weniger Durchhalteparolen und mehr strukturiertes Entdramatisieren.
Ein Formular, das sagt:
Du bist nicht unfähig.
Du bist gerade blockiert.
Und Blockaden lassen sich nicht mit Scham lösen.
Sondern mit Sichtbarkeit.
Also meine ernst gemeinte, vollkommen übertriebene Forderung:
Lasst uns ein offizielles „Ich-mach-es-gleich“-Formular einführen.
Nicht zur Kontrolle.
Sondern zur Entwaffnung dieses diffusen „gleich“.
Denn solange „gleich“ kein Formular hat,
hat es Macht.
Und wir wissen ja,
was in deutschen Organisationen wirklich zählt:
Was dokumentiert ist, existiert.
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