Ein ehemals intelligenter Schutzmodus kann später wie ADHS aussehen – ohne deshalb ADHS zu verursachen.
Dr. Martin Winkler ·

Willkommen im Spektrum.
Was passiert, wenn ein Kind früh lernt, dass Regeln, Stimmungen, Beziehungen und Tagesabläufe nicht zuverlässig vorhersehbar sind?
Es wird vermutlich nicht einfach „unaufmerksam“. Möglicherweise geschieht zunächst etwas ziemlich Intelligentes: Das Gehirn beginnt, die Umgebung besonders aufmerksam zu überwachen. Es achtet auf kleine Veränderungen, hält mehrere Reaktionsmöglichkeiten offen und legt sich innerlich nicht zu früh fest. Denn wer jederzeit mit einer neuen Lage rechnen muss, darf nicht zu tief in einer einzigen Aufgabe versinken.
Dieser Funktionsmodus kann Schutz bieten. Er kann später aber auch zum Problem werden – insbesondere dann, wenn das Nervensystem weiter im Lagezentrum arbeitet, obwohl die aktuelle Situation längst sicherer und berechenbarer geworden ist.
Von außen kann das erstaunlich ähnlich wie ADHS aussehen: Ablenkbarkeit, innere Unruhe, Vergesslichkeit, impulsives Wechseln, Schwierigkeiten mit Planung und Organisation sowie heftige emotionale Reaktionen. Ähnliche Symptome bedeuten jedoch noch lange nicht, dass dieselbe Ursache vorliegt.
Genau deshalb ist eine neue Studie aus der Zeitschrift Development and Psychopathology so interessant. Sie beweist mein Modell der Orientierungserschütterung nicht. Sie liefert aber einen spannenden wissenschaftlichen Anschluss an die Frage, wie frühe Unvorhersehbarkeit spätere Aufmerksamkeits- und Regulationsprobleme beeinflussen könnte.
Was hat die neue Studie untersucht?
Die am 20. Juli 2026 online veröffentlichte Arbeit trägt den bemerkenswert weitreichenden Titel „Developmental origins of ADHD: sex-specific influences of early life unpredictability on symptom profiles“.
Untersucht wurden zwei voneinander unabhängige Gruppen:
99 Kinder mit einem Durchschnittsalter von etwa sieben Jahren
217 Jugendliche mit einem Durchschnittsalter von etwa 14 Jahren
Die Forschenden erfassten mit dem Questionnaire of Unpredictability in Childhood, wie instabil oder inkonsistent die bisherigen Lebensbedingungen erlebt worden waren. Dabei geht es nicht nur um klassische schwere Traumatisierungen. Gemeint sind beispielsweise wechselnde Routinen, unklare Regeln, unstete familiäre Erfahrungen und mangelnde Verlässlichkeit in wichtigen Beziehungen.
Die ADHS-nahe Symptomatik wurde mit mehreren Instrumenten erfasst. Dazu gehörten die ADHS-Problem-Skala der Child Behavior Checklist, der Behavior Rating Inventory of Executive Function und ein ADHS-Screener aus dem K-SADS.
In beiden Gruppen zeigte sich ein ähnliches Bild: Mehr berichtete Unvorhersehbarkeit war mit ausgeprägteren Aufmerksamkeits-, Hyperaktivitäts- und exekutiven Problemen verbunden. Der Zusammenhang fand sich sowohl im Kindes- als auch im Jugendalter. Bei weiblichen Teilnehmenden war er stärker ausgeprägt als bei männlichen.
Das ist ein interessanter Befund, gerade weil er in zwei unterschiedlichen Altersgruppen und mit mehreren Messinstrumenten auftauchte. Trotzdem muss man genau lesen, was diese Untersuchung zeigt – und was nicht.
Nein: Unvorhersehbarkeit verursacht nicht einfach ADHS
Die Überschrift der Studie klingt kausaler, als es die Daten erlauben. Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang zwischen berichteter Unvorhersehbarkeit und ADHS-nahen Symptomen. Sie beweist nicht, dass aus einem vorher neurotypischen Kind durch einen chaotischen Familienalltag ein Kind mit ADHS wird.
ADHS ist eine hochgradig erbliche neurobiologische Entwicklungsvariante. Gene bestimmen dabei keinen unveränderlichen Einzelschicksalsplan. Sie beeinflussen aber die Entwicklung von Aufmerksamkeitssteuerung, Aktivierungsregulation, Impulskontrolle, Belohnungsverarbeitung und exekutiven Funktionen.
Außerdem wurden in der Studie keine neu entstandenen, umfassend diagnostizierten ADHS-Erkrankungen beobachtet. Erfasst wurden überwiegend Symptomdimensionen und exekutive Alltagsprobleme. Diese sind klinisch relevant, aber nicht spezifisch für ADHS.
Konzentrationsprobleme können auch auftreten bei:
chronischem Stress und Hypervigilanz
Angst und Depression
Schlafmangel und gestörtem Schlaf
Traumafolgestörungen
familiärer oder sozialer Überforderung
anhaltender Unsicherheit
körperlichen Erkrankungen
Substanzkonsum
Der entscheidende Satz lautet deshalb:
Unvorhersehbarkeit kann mit mehr ADHS-nahen Symptomen verbunden sein, ohne damit ADHS zu verursachen.

Das Gehirn lebt von Vorhersagen
Unser Gehirn reagiert nicht nur auf das, was gerade passiert. Es versucht fortlaufend vorherzusagen, was als Nächstes wahrscheinlich geschehen wird.
Diese Fähigkeit entlastet uns enorm. Wir müssen nicht jeden Morgen neu lernen, wie eine Tür funktioniert, was ein bestimmter Tonfall bedeutet oder in welcher Reihenfolge wir uns anziehen. Wiederkehrende Erfahrungen werden zu inneren Modellen. Diese Modelle ermöglichen es uns, Energie zu sparen, Handlungen vorzubereiten und unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten.
Vorhersagbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass immer alles gleichbleiben muss. Es bedeutet, dass das Gehirn Zusammenhänge erkennen kann:
Auf eine Ankündigung folgt meistens das angekündigte Ereignis.
Regeln ändern sich nicht ohne Erklärung.
Eine Irritation bedeutet nicht automatisch den Abbruch einer Beziehung.
Nach einer Unterbrechung kann ich wieder an meinen Ausgangspunkt zurückkehren.
Wenn sich etwas ändert, bleibt der Rest der Welt trotzdem bestehen.
In einer stark unvorhersehbaren Umgebung werden solche Modelle immer wieder entwertet. Die innere Landkarte stimmt nicht zuverlässig mit dem Gelände überein. Das Gehirn muss häufiger neu prüfen, neu bewerten und neu entscheiden.
Wenn Aufmerksamkeit zum Radarsystem wird
Ein Kind in einer unvorhersehbaren Umgebung kann es sich möglicherweise nicht leisten, seine Aufmerksamkeit über längere Zeit eng auf eine Sache zu richten.
Es muss gleichzeitig beobachten:
Wie ist die Stimmung im Raum?
Gilt die eben genannte Regel noch?
Ist die Bezugsperson gerade erreichbar oder gereizt?
Muss ich mit einer Unterbrechung rechnen?
Wird mein Verhalten gleich ganz anders bewertet als gestern?
Muss ich mich schnell anpassen?
Die Aufmerksamkeit ist dann nicht einfach schwach. Sie ist anders verteilt. Statt tief in einer Aufgabe zu bleiben, überwacht das System fortlaufend die Umgebung.
Was in Schule oder Beruf als Ablenkbarkeit erscheint, kann unter früheren Bedingungen eine sinnvolle Überlebens- oder Anpassungsleistung gewesen sein:
Die einzelne Aufgabe darf nie wichtiger werden als die Kontrolle der Gesamtlage.
Dieses Radarsystem kann sehr leistungsfähig sein. Manche Menschen registrieren kleinste Stimmungsänderungen, erkennen Konflikte früh und reagieren erstaunlich schnell auf neue Situationen. Sie können improvisieren, Krisen bewältigen und für andere mitdenken.
Der Preis zeigt sich oft erst später.
Wenn Schutz zum Fluch wird
Ein erlernter Schutzmodus schaltet sich nicht automatisch ab, nur weil die Umgebung sicherer geworden ist.

Das System rechnet weiterhin mit Änderungen. Es vertraut Plänen nur bedingt, hält sich innerlich Ausweichmöglichkeiten offen und überprüft Entscheidungen immer wieder. Jede Unterbrechung kann eine vollständige Neuorientierung auslösen.
Dann entstehen Probleme wie:
Eine Aufgabe wird begonnen, aber nach einer Irritation nicht wieder aufgenommen.
Eine E-Mail verändert plötzlich die gesamte innere Prioritätenordnung.
Ein kritischer Gesichtsausdruck überschreibt den vorherigen Gesprächsverlauf.
Eine kleine Planänderung macht den ganzen Tag gefühlt unbrauchbar.
Nach einer Unterbrechung ist nicht nur der Gedanke, sondern der gesamte Handlungsrahmen verschwunden.
Entscheidungen werden immer wieder neu geöffnet, obwohl sie längst getroffen waren.
Ein klarer Plan ist vorhanden, fühlt sich innerlich aber nicht verlässlich an.
Das ist mehr als gewöhnliche Ablenkung. Und genau hier beginnt für mich das Modell der Orientierungserschütterung.
Was ist eine Orientierungserschütterung?
Mit Orientierungserschütterung beschreibe ich einen vorübergehenden Verlust der inneren Landkarte.
Der Mensch weiß vielleicht noch, wo er sich körperlich befindet. Aber die innere Einordnung der Situation ist erschüttert:
Was gilt jetzt?
Was war gerade meine Aufgabe?
Welche Erwartung muss ich erfüllen?
Ist mein bisheriger Plan noch richtig?
Was bedeutet diese Reaktion des anderen?
Wie komme ich an die Stelle zurück, an der ich vor der Unterbrechung war?
Eine solche Erschütterung kann durch auffällig große Ereignisse ausgelöst werden. Häufig genügen aber kleine Signale: ein veränderter Tonfall, eine unerwartete Nachricht, eine zusätzliche Aufgabe, eine unklare Rückmeldung oder eine E-Mail, die möglicherweise peinlich sein könnte.
Von außen sieht man anschließend vielleicht Aufschieben, hektischen Aktionismus, Vermeidung, Themenwechsel oder scheinbare Desorganisation. Innerlich ist die Person jedoch nicht unbedingt an der Aufgabe selbst gescheitert. Das System versucht zunächst, seine Orientierung wiederherzustellen.
Mein Modell der Orientierungserschütterung ist ein klinisches Arbeitsmodell. Es ist keine etablierte Diagnose und wurde in der neuen Studie nicht direkt untersucht. Die Studie hat weder Orientierungserschütterungen noch ein „inneres Lagezentrum“ gemessen.
Die wissenschaftlich interessante Hypothese wäre aber:
Wiederholte Unvorhersehbarkeit könnte die Schwelle senken, ab der ein Mensch seine innere Situationskarte neu berechnen muss.
Diese Hypothese müsste künftig gezielt untersucht werden.
Warum das so ähnlich wie ADHS aussehen kann
ADHS und ein chronischer Orientierungsmodus können sich auf der Verhaltensebene stark überschneiden.
Bei beiden können auftreten:
rasche Ablenkbarkeit
Verlust des roten Fadens
Schwierigkeiten mit Arbeitsgedächtnis und Planung
Probleme beim Beginn und Abschluss von Aufgaben
innere oder äußere Unruhe
impulsives Umschalten
emotionale Überreaktionen
Vermeidung komplexer oder unklarer Aufgaben
Schwierigkeiten mit Übergängen
Das bedeutet aber nicht, dass man beides gegeneinander ausspielen sollte. Es gibt nicht nur die Wahl zwischen „echtem ADHS“ und „eigentlich Trauma“.

Mindestens drei Konstellationen sind denkbar:
1. Eine primäre ADHS-Disposition
Die Auffälligkeiten bestehen früh, relativ durchgängig und in unterschiedlichen Lebensbereichen. Stress und Unvorhersehbarkeit können sie verstärken, erklären sie aber nicht vollständig.
2. Ein erworbener Orientierungs- und Schutzmodus
Aufmerksamkeits- und Organisationsprobleme entwickeln oder verschärfen sich im Zusammenhang mit anhaltender Unsicherheit. Sie schwanken möglicherweise stärker mit Beziehungssicherheit, Belastung und Vorhersehbarkeit.
3. ADHS und Orientierungserschütterungen treten gemeinsam auf
Das dürfte klinisch besonders häufig übersehen werden. Eine angeborene Schwierigkeit mit Aufmerksamkeitssteuerung, Arbeitsgedächtnis und Übergängen trifft auf eine Umwelt, die selbst wenig Orientierung bietet. Beide Ebenen können sich gegenseitig verstärken.
Ein Kind mit ADHS erlebt häufiger Korrekturen, Konflikte, Missverständnisse und negative Rückmeldungen. Gleichzeitig kann elterliches ADHS Routinen, Zeitplanung und emotionale Verlässlichkeit erschweren. So entsteht ein wechselseitiger Prozess aus neurobiologischer Disposition, familiärer Belastung und erlernter Alarmbereitschaft.

Warum die einfache Ursachenfrage scheitert
Die neue Studie kann nicht eindeutig beantworten, in welche Richtung der Zusammenhang verläuft.
Mehrere Erklärungen sind gleichzeitig möglich:
Unvorhersehbarkeit verstärkt Aufmerksamkeits- und Regulationsprobleme.
Elterliches ADHS trägt genetisch zur ADHS-Disposition des Kindes bei und erschwert zugleich stabile Routinen.
Ein schwer regulierbares Kind macht den Familienalltag selbst unvorhersehbarer.
Dritte Faktoren wie Armut, Schichtarbeit, Schlafprobleme, psychische Erkrankungen oder familiäre Konflikte beeinflussen sowohl die Vorhersehbarkeit als auch die Symptomatik.
Die Prozesse verlaufen wechselseitig und schaukeln sich über Jahre auf.
Gerade deshalb wäre es falsch, aus dem Befund eine neue Variante der Elternbeschuldigung zu machen.
Unvorhersehbarkeit bedeutet nicht automatisch lieblose oder unfähige Eltern. Familien können durch Krankheit, soziale Not, Trennung, wechselnde Arbeitszeiten oder eigene Neurodivergenz an die Grenzen ihrer Planbarkeit kommen. Manche Eltern kämpfen selbst täglich darum, Zeit, Aufgaben und Emotionen zu regulieren.
Die richtige Frage lautet nicht: „Wer hat das Kind so gemacht?“
Hilfreicher ist: „Wo können wir heute mehr verlässliche Orientierung ermöglichen?“
Was bedeutet der stärkere Zusammenhang bei Mädchen?
In der Studie war die Verbindung zwischen Unvorhersehbarkeit und ADHS-nahen Symptomen bei weiblichen Teilnehmenden stärker.
Das bedeutet nicht, dass ADHS bei Mädchen hauptsächlich umweltbedingt sei. Ebenso wenig zeigt es, dass Jungen von Unvorhersehbarkeit unberührt bleiben.
Mögliche Erklärungen wären unterschiedliche Formen der Stressverarbeitung, geschlechtsspezifische Erwartungen, andere Symptomprofile oder Unterschiede darin, wie Verhalten von Erwachsenen wahrgenommen und bewertet wird. Auch statistische Effekte durch unterschiedliche Ausgangsniveaus sind denkbar.
Gerade bei Mädchen und Frauen wird eine ausgeprägte soziale Wachsamkeit häufig als Sensibilität, Perfektionismus, Ängstlichkeit oder Überanpassung beschrieben. Hinter diesem Erscheinungsbild können sich eine ADHS-Disposition, ein erlernter Orientierungsmodus oder beide Ebenen verbergen.
Die Stichproben sind für weitreichende Schlussfolgerungen über Geschlechtsunterschiede zu klein. Der Befund ist deshalb vor allem ein Hinweis, genauer hinzuschauen.
Vorhersehbarkeit ist mehr als ein Stundenplan
Wenn Unvorhersehbarkeit ein Risikofaktor ist, liegt die scheinbar einfache Lösung nahe: mehr Routinen, mehr Struktur und ein fester Tagesplan.
Das kann hilfreich sein. Aber es reicht häufig nicht.
Ein Mensch kann einen perfekt ausgefüllten Kalender besitzen und seinem Plan trotzdem nicht innerlich vertrauen. Sobald etwas Unvorhergesehenes passiert, wird nicht nur ein Termin verschoben. Die gesamte innere Ordnung gerät ins Wanken.
Vorhersehbarkeit muss deshalb auf mehreren Ebenen entstehen.
Beziehungsvorhersagbarkeit
Ich weiß, dass eine Irritation nicht automatisch den Verlust der Beziehung bedeutet. Konflikte können geklärt werden. Fehler führen nicht sofort zu Beschämung oder Ausschluss.
Regelvorhersagbarkeit
Regeln sind nachvollziehbar und verändern sich nicht willkürlich. Wenn sie angepasst werden, wird erklärt, was sich ändert und warum.
Übergangsvorhersagbarkeit
Veränderungen werden angekündigt. Das Gehirn erhält Zeit, einen inneren Zustand zu beenden und den nächsten vorzubereiten.
Handlungsvorhersagbarkeit
Nach einer Unterbrechung existiert ein klarer Rückkehrpunkt. Die Person muss nicht die gesamte Aufgabe neu rekonstruieren.
Reparaturvorhersagbarkeit
Missverständnisse und Störungen dürfen passieren. Entscheidend ist die Erfahrung, dass anschließend wieder Orientierung hergestellt wird.
Fünf konkrete Hilfen für den Alltag
1. Benenne, was gleich bleibt
Bei einer Veränderung sollte nicht nur gesagt werden, was anders wird.
Hilfreicher ist:
„Der Termin verschiebt sich. Der Ort, die Gesprächspartnerin und unser Ziel bleiben gleich.“
So muss das Gehirn nicht die gesamte Situation neu berechnen.
2. Markiere vor einer Unterbrechung die Parkposition
Vor einem Telefonat, einer Pause oder einem Themenwechsel wird kurz festgehalten:
Hier bin ich gerade.
Das ist bereits erledigt.
Das ist der nächste konkrete Schritt.
Ein einziger Satz kann reichen: „Danach öffne ich die Datei wieder und schreibe den zweiten Absatz.“
3. Stelle Orientierung vor Leistung her
Wenn ein Mensch seine innere Landkarte verloren hat, helfen zusätzlicher Druck und längere Erklärungen selten.
Zunächst braucht es Antworten auf vier Fragen:
Was ist passiert?
Was hat sich verändert?
Was gilt weiterhin?
Was ist jetzt der kleinste nächste Schritt?
Erst danach wird Leistung wieder wahrscheinlicher.
4. Plane Veränderungen mit ein
Vorhersehbarkeit bedeutet nicht starre Kontrolle. Ein guter Plan enthält auch einen Umgang mit Abweichungen:
„Wenn der Termin ausfällt, entscheide ich nicht den ganzen Tag neu. Dann gilt Plan B.“
Das System lernt: Eine Veränderung zerstört nicht automatisch die gesamte Ordnung.
5. Reduziere unnötige Beschämungsalarme
Manche Aufgaben sind nicht organisatorisch schwierig, sondern emotional aufgeladen. Eine zehn Tage unbeantwortete E-Mail ist objektiv vielleicht in drei Minuten erledigt. Innerlich kann sie aber die Gefahr von Kritik, Peinlichkeit oder Zurückweisung signalisieren.
Dann hilft nicht nur ein besserer Kalender. Zuerst muss die Alarmbedeutung kleiner werden. Das kann durch Selbstmitgefühl, eine vorbereitete Standardsprache, gemeinsames Bearbeiten oder therapeutische Verarbeitung geschehen.
Nicht jeder Widerstand gegen Pläne ist mangelnde Motivation
Menschen im Orientierungsmodus erleben Pläne manchmal widersprüchlich.
Einerseits sehnen sie sich nach Struktur. Andererseits kann ein Plan selbst zum Alarm werden: Er legt fest, was gelten soll – und damit auch, woran man scheitern könnte. Wer gelernt hat, dass Pläne ohnehin jederzeit überschrieben werden, investiert möglicherweise nicht vollständig in sie.
Von außen wirkt das inkonsequent:
„Du wolltest doch Struktur. Warum hältst du dich dann nicht daran?“
Innerlich kann die Antwort lauten:
„Weil mein System noch nicht glaubt, dass diese Struktur mich wirklich trägt.“
Deshalb muss hilfreiche Struktur drei Eigenschaften besitzen:
Sie ist klar.
Sie ist flexibel genug für Veränderungen.
Sie ermöglicht einen leichten Wiedereinstieg nach Störungen.
Eine Struktur, die beim ersten Ausfall zusammenbricht, bestätigt nur die alte Erfahrung: Pläne sind nicht verlässlich.
Was bedeutet das für Diagnostik und Therapie?
Eine sorgfältige ADHS-Diagnostik darf weder jede Konzentrationsstörung zu ADHS erklären noch ADHS vorschnell als Folge von Stress oder Trauma umdeuten.
Hilfreiche Fragen sind unter anderem:
Waren die Auffälligkeiten bereits früh vorhanden?
Zeigten sie sich in mehreren Lebensbereichen?
Welche Symptome bleiben auch unter sicheren und gut strukturierten Bedingungen bestehen?
Welche Probleme treten besonders nach Irritationen, Konflikten oder Planänderungen auf?
Gibt es längere Phasen, in denen die Symptomatik deutlich geringer ist?
Welche Rolle spielen Schlaf, Angst, Depression, Substanzen und körperliche Belastungen?
Gibt es in der Familie Hinweise auf ADHS oder andere neurodivergente Merkmale?
Die Antwort muss nicht entweder ADHS oder Orientierungserschütterung lauten. Häufig ist eine Mehr-Ebenen-Betrachtung sinnvoll:
neurobiologische Grunddisposition
aktuelle Regulationsfähigkeit
gelernte Schutz- und Alarmmuster
Schlaf und körperlicher Zustand
soziale und familiäre Vorhersehbarkeit
vorhandene äußere Orientierungshilfen
Medikamente können bei einer ADHS-Disposition die Aufmerksamkeitssteuerung und Aktivierungsregulation verbessern. Sie stellen aber nicht automatisch Beziehungssicherheit her, lösen keine beschämungsbesetzten Alarme und bauen nicht von selbst eine innere Landkarte nach wiederholter Unvorhersehbarkeit auf.
Umgekehrt ersetzt die Arbeit an Sicherheit und Orientierung keine indizierte ADHS-Behandlung.
Mein Fazit
Die neue Studie liefert keinen Beweis dafür, dass Unvorhersehbarkeit ADHS verursacht. Sie zeigt aber, dass frühe Instabilität mit einem Symptomprofil verbunden sein kann, das ADHS ähnelt – und dass dieser Zusammenhang möglicherweise bei Mädchen besonders relevant ist.
Für mich steckt darin eine wichtige klinische Botschaft:
Ein Verhalten, das heute dysfunktional wirkt, kann gestern eine intelligente Anpassung gewesen sein.
Das Gehirn hat gelernt, die Lage zu überwachen, schnell umzuschalten und Plänen nur begrenzt zu vertrauen. Dieser Modus konnte Schutz bieten. Später bindet er Aufmerksamkeit, erschwert Vertiefung und macht bereits kleine Irritationen zu Orientierungserschütterungen.
Die Aufgabe besteht dann nicht darin, dem Menschen seine Wachsamkeit vorzuwerfen. Wir müssen ihm helfen, wieder zwischen tatsächlicher Unsicherheit und einem alten Alarm zu unterscheiden.
Vorhersehbarkeit bedeutet dabei nicht ein vollkommen kontrolliertes Leben. Sie bedeutet die Erfahrung:
Ich darf mich auf etwas einlassen.
Eine Veränderung zerstört nicht alles.
Nach einer Unterbrechung finde ich zurück.
Ein Fehler beendet nicht die Beziehung.
Meine innere Landkarte darf korrigiert werden, ohne vollständig zu zerbrechen.
Vielleicht sollten wir deshalb bei Aufmerksamkeitsproblemen nicht nur fragen: „Warum kannst du dich nicht konzentrieren?“
Sondern auch:
„Welchen Teil deiner Aufmerksamkeit brauchst du gerade, um überhaupt zu wissen, was gilt?“
Quellen und wissenschaftliche Einordnung
Sweiss, E. C., Vargas, V., Sandman, C., Davis, E. P., Hankin, B. L. & Glynn, L. M. (2026). Developmental origins of ADHD: sex-specific influences of early life unpredictability on symptom profiles. Development and Psychopathology. Online veröffentlicht am 20. Juli 2026.
Glynn, L. M. et al. (2019). Measuring novel antecedents of mental illness: The Questionnaire of Unpredictability in Childhood (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Neuropsychopharmacology, 44, 876–882.
Davis, E. P. & Glynn, L. M. (2024). The power of predictability: Patterns of signals in early life shape neurodevelopment and mental health trajectories (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Journal of Child Psychology and Psychiatry, 65, 508–534.
Davis, E. P. et al. (2017). Exposure to unpredictable maternal sensory signals influences cognitive development across species (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Proceedings of the National Academy of Sciences, 114, 10390–10395.
Faraone, S. V. et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818.
LG Martin