Passer au contenu principal

Postpatriarchales Chaos: Zeit für tatkräftigen Feminismus

Markus Spiske / Unsplash

“Das Ende des Patriarchats ist nichts, worüber viel zu lachen wäre - weder heute noch in der Zukunft“, Libreria delle donne di Milano, 1996.

Liebe Verbündete,

neuerdings ist oft von einer Rückkehr ins Patriarchat die Rede. Und wenn man sich anschaut, was rund um die Welt geschieht, kann ich das natürlich nachvollziehen. Aber es ist trotzdem falsch. Es ist eine geschickte Propagandaerzählung von Rechtspopulisten. Sie versprechen ihren Fans, die göttliche Ordnung der Natur wieder herzustellen und uns zurückzuführen in Zeiten, als Männer noch Männer und Frauen noch Frauen, Familien groß und Kinder gehorsam waren. Als die Verhältnisse noch nicht von wildgewordenen Feministinnen durcheinander gebracht worden waren.

In Wahrheit ist das, was sie anstreben, alles andere als eine Rückkehr zur patriarchalen Weltordnung. Die klassischen Patriarchen des 19. Jahrhunderts hatten eine klare Vorstellung davon, wie die Welt geordnet sein sollte, nämlich durch die Autorität von Institutionen wie Kirchen, Universitäten, Parlamenten und Gerichten. Im Austausch für Wohlstand und Ansehen fühlten sie sich bis zu einem gewissen Grad auch für das Wohlergehen der Menschen verantwortlich, die von ihnen abhängig waren. Frauen, Kinder, arme Menschen, Menschen in den Kolonien hatten im Patriarchat keine Bürgerrechte, doch auch die Patriarchen selbst standen nicht über dem Gesetz. Auch sie waren einem höheren Willen unterworfen, Gott, König oder Vaterland.

Die Machthaber von heute funktionieren anders. Mit Gesetzen, Bibelzitaten oder gesellschaftlichen Normen muss man ihnen nicht kommen: Das einzige, was ihn stoppen könne, sei seine eigene Moral, sagte Donald Trump kürzlich in einem Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit der New York Times. Und mit seiner Moral ist es bekanntlich nicht allzu weit her. Korruption wird nicht mehr versteckt, sondern offen zelebriert: Die Trump-Familie hat im Lauf des Jahres 2025 ihr Vermögen um 3,4 Milliarden Dollar fast verdoppelt, schätzt das Wirtschaftsmagazin Forbes. Und Trump ist kein einzelner Durchgeknallter, sondern Prototyp für eine neue Form männlicher Dominanz. Vladimir Putins Vermögen etwa wird von Ökonomen noch um ein Vielfaches höher geschätzt.

Diese Sorte Männer findet man heute in vielen Regionen der Welt, nicht nur in Regierungen, sondern auch an der Spitze von Terrororganisationen, Tech-Unternehmen, in Form von Warlords oder als Oligarchen. Anders als die klassischen Patriarchen folgen sie keiner konsistenten weltanschaulichen Idee. Die religiösen Eiferer unter ihnen reißen Stellen aus der Bibel oder dem Koran, die zur eigenen Ideologie passen, willkürlich aus dem Zusammenhang. Milliardäre wie Peter Thiel und Elon Musk basteln sich aus alten Science Fiction Romanen und esoterischen Theorien ein krudes Weltbild zusammen, das auf Transhumanismus, Unsterblichkeit und Marsbesiedelung baut, ohne Anspruch auf Kohärenz, dafür aber mit umso mehr Geld, Größenwahn und politischem Einfluss im Rücken.

Darauf müssen sich feministische und demokratische Bewegungen einstellen.

Es ist sinnlos, von Autokraten Gleichberechtigung einzufordern oder von rechten Kulturkämpfern Anerkennung zu erhoffen. Postpatriarchale Chaoten lachen über unsere berechtigten Forderungen, und aus unserer Empörung schlagen sie Kapital für sich selbst. Die alten Formen von Politik wirken nicht mehr.

Stattdessen gilt es, die eigenen Handlungsoptionen realistisch einzuschätzen und entschlossen auszuschöpfen: Was können wir selbst tun? Welche Macht, welchen Einfluss haben wir? Wen können wir als Verbündete gewinnen und mit wem lassen wir uns besser nicht auf eine Zusammenarbeit ein? Worauf können wir in Zukunft bauen?

Das erfordert auch eine selbstkritische Bilanz bisheriger feministischer Praktiken: Was hat uns die Gleichstellungspolitik gebracht – und wo stößt sie an ihre Grenzen? Warum gelingt es so schlecht, innerfeministische Debatten fruchtbar zu führen? Ist es wirklich klug, sich von Infrastrukturen wie Parteien, Fördertöpfen oder Social Media Plattformen abhängig zu machen? Und welche anderen Optionen haben wir?

Die mächtigen Männer von heute kämpfen nicht „für Familie, Volk und Vaterland“, sondern folgen dem Motto, das Seeräuber-Kapitän Jack Sparrow in dem Hollywood-Blockbuster „Fluch der Karibik“ ausgegeben hat: „Nimm was du kriegen kannst, gibt nichts zurück.“ Wir haben es nicht mehr mit Patriarchen zu tun, sondern mit Piraten.

Aber das bedeutet nicht, dass der Feminismus gescheitert ist. Ja, es gibt institutionelle Rückschläge bei dem Versuch, Gleichberechtigung und Diversität quasi von oben, von Staats wegen zu implementieren. Aber das ändert nichts daran, dass die grundlegende Errungenschaft des Feminismus Bestand hat: die Erkenntnis, dass Frauen vollwertige Menschen sind, denen Freiheit, Würde und Selbstbestimmung zukommt.

„Die wahre Emanzipation beginnt weder an den Urnen noch vor den Gerichten. Sie beginnt in der Seele der Frau“, schrieb die anarchistische Revolutionärin Emma Goldman 1906 in einem Text, in dem sie sich kritisch mit dem Gleichheitsstreben weißer bürgerlicher Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit auseinandersetzt. Und sie hatte Recht: Das Entscheidende an den Erfolgen der Frauenbewegung war nicht das Frauenwahlrecht, nicht die gesetzliche Gleichstellung, nicht staatliche Programme für Frauenförderung und geschlechtliche Diversität, sondern ein grundlegend neues Selbstbild:

Der Feminismus hat Schluss gemacht mit der Idee, dass Menschen mit Penis irgendwie besser, stärker, wichtiger, maßgeblicher wären als andere. Frauen haben aufgehört, das zu glauben, und in Folge hat sich ihr gesellschaftlicher Status grundlegend gewandelt.

Dieses neue Verständnis vom Frausein hat sich so nachhaltig verbreitet, dass auch die die Protagonist*innen des antifeministischen Rechtsrucks daran nicht vorbei kommen. Selbst diejenigen, die die Freiheit der Frauen faktisch einschränken wollen, bedienen sich einer emanzipatorischen Rhetorik. „Such dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist“, empfiehlt zum Beispiel die evangelikale deutsche „Christfluencerin“ Jana Highholder in einem letztlich absurden, aber eben vielsagenden argumentativen Twist.

Die so genannten „Tradwife“-Influencerinnen, die im Internet so tun, als würden sie für traditionelle Geschlechterrollen werben, sind in Wahrheit das genaue Gegenteil von dem, was im traditionellen Patriarchat unter einer klassischen Frauenrolle verstanden wurde. Das binäre patriarchale Geschlechtermodell beruhte auf der strikten Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Eine gute bürgerliche Ehefrau im 19. Jahrhundert konnte nicht unbedingt gut kochen und putzen, wichtig für ihre Rolle war, dass sie nicht öffentlich in Erscheinung tritt. Nach außen wurde sie von ihrem Mann repräsentiert und hatte nichts zu sagen.

Wenn Frauen sich heute beim Kuchenbacken und Kühemelken filmen und dieses vermeintlich „traditionelle“ Leben für Millionen Follower live ins Internet streamen, hat das mit einer traditionellen bürgerlichen Frauenrolle also nichts zu tun.

Das Hausfrauendasein ist für sie lediglich eine Inszenierung, ein Business-Modell, und zwar eines, mit dem sich derzeit richtig gut Geld verdienen lässt. „Rechte Frauen“ sind zwar antifeministisch in ihren politischen Zielen und in ihrer Selbstdarstellung, aber ihr Vokabular ist dem Feminismus entlehnt. Sie versprechen Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und individuelle Autonomie, weil sie genau wissen, dass ihre Zielgruppe – konservative Frauen – keineswegs zurück will in die Zeit des Patriarchats, als Frauen buchstäblich „nichts zu wollen“ hatten.

Und was ist mit all der brutalen Gewalt gegen Frauen und queere Personen, die wir heute erleben, in der Mannosphäre des Internets, in den Schlafzimmern der häuslichen Gewalt, in den unerträglich vielen Femiziden?

Das alles ist ein großes Problem, aber kein Beweis für eine Rückkehr des Patriarchats, sondern ebenfalls eine Begleiterscheinung des postpatriarchalen Chaos. Sexistische Unterdrückung funktioniert nicht mehr einfach so über Sitten und religiöse Gebote, sondern ist heute nur noch mit roher Gewalt möglich. Die Brutalität ist notwendig, weil Frauenhass in der Breite keine symbolische Legitimation und Autorität mehr hat.

Das augenfälligste Beispiel dafür ist der Iran. Fast fünf Jahrzehnte Entrechtung, Polizeistaat und kulturelle Propaganda konnten das Selbstbewusstsein der Frauen nicht brechen. Und nicht nur das: dort wird deutlich, dass weibliche Freiheit inzwischen zum Symbol für Demokratie und Gerechtigkeit schlechthin geworden ist: „Frauen, Freiheit, Leben“ gehören zusammen.

Die Maßstäbe, die die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts gesetzt haben, wird kein antifeministischer Backlash wieder ausradieren. Wer heute die weibliche Freiheit bekämpft, muss gleichzeitig auch Demokratie, Liberalität, Wissenschaft und Vernunft bekämpfen. Die Zeit für tatkräftigen Feminismus ist jetzt.

Liebe Grüße,

Antje

Mein neues Buch ist ab heute in den Buchläden. Es kostet 20 Euro, und wenn du eines mit Widmung haben willst, schreib mir gerne eine Mail an post@antjeschrupp.de.

In diesem Video erzähl ich, warum ich es geschrieben habe und um welche Themen es geht.

https://www.youtube.com/watch?v=DOvTIocEhGs (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Lesungen sind auch schon etliche geplant, die der kommenden Wochen stehen unten in diesem Newsletter, weitere sowie alle aktuellen Infos auf meiner Terminseite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dort werdet ihr sehen, dass es auch für das andere aktuelle Buch “Unter allen Umständen frei” weiterhin Lesungen gibt!

PPS: Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kannst du eine Mitgliedschaft für diesen Kanal abschließen - hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Links

Das Ende des Patriarchats, Teil 1. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Die These vom Ende des Patriarchats ist nicht neu, sondern schon dreißig Jahre alt. Erstmals formuliert hat sie die italienische Philosophin Luisa Muraro in einem Artikel vom Herbst 1995. In deutscher Übersetzung könnt ihr den im Forum bzw-weiterdenken.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nochmal lesen. (Es wird euch womöglich angezeigt, dass die Seite unsicher sei, wir haben grade Probleme mit den Zertifikaten. Ihr könnt sie aber aufrufen).

Das Ende des Patriarchats, Teil 2. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Das Kollektiv vom Mailänder Frauenbuchladen hat diese Idee dann aufgegriffen und weiter entwickelt, woraus 1996 eine Flugschrift, das “Rote Sottosopra” (Titel: Es ist passiert, nicht aus Zufall) hervorgegangen ist. Vor einigen Tagen erschien darüber ein wunderschöner kluger Text von Milo Probst, der nochmal die in der Tat erstaunliche Aktualität dieser nun eben schon dreißig Jahre alten Debatten aufzeig. Aber lest selbst. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Warum wählen Frauen rechts? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Eine gute Analyse von Franziska Schutzbach über "rechte Frauen". Ich habe im Buch auch ein Kapitel dazu und sehe es sehr ähnlich. Ein Unterschied zum traditionellen Patriarchat darin liegt, dass die "Häusliche Sphäre" politisiert wird (während sie im Patriarchat dem Bereich des Politischen gerade entzogen war). Diesen Move vollzogen schon die Hitler-Nazi, die den Frauen staatsbürgerliche Rechte entzogen, ihnen als "Hausfrauen und Mütter" aber eine politische Aufgabe zusprachen. Das Thema ist extrem wichtig, denn ein Manko der nicht feministisch geschulten Politikwissenschaft ist, dass sie die Bedeutung des Hausfrauen-Motivs für die Mobilisierung des neuen Faschismus unterschätzt. Sie denkt häufig noch in alten patriarchalen Kategorien und hält das für “privat” und dementsprechend “unpolitisch”.

Antjelas ein Buch

Neu in der Youtube-Reihe „Antje las ein Buch“

Andrea Böhm: Fighting like a Woman. Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Rowohlt 2024 - Feminismus und Gewalt, immer ein spannendes Thema.

Termine

Donnerstag, 19. Februar 2026 | FRANKFURT AM MAIN
Achtung Patriarchat!
Kurzvorträge von mir und Shila Behjat mit anschl. Diskussion in der Ev. Akademie Frankfurt, Am Römerberg 9, 19 Uhr (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Mittwoch, 25. Februar 2026 | ONLINE
Intersektionaler Feminismus im „Goldenen Zeitalter“
Vortrag, Lesung und Diskussion (dieses Buch), (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) 18-20 Uhr, Veranstaltet von fem! Feministische Fakultät und Akademie Frankenwarte (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Freitag, 27. Februar 2026 | ZÜRICH
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung und Buchvorstellung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Paulusakademie, 18.30 Uhr, Pfingstweidstraße 28, Moderation: Caroline Krüger (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Samstag, 28. Februar 2026 | ZÜRICH
Affidamento und politische Freund:innenschaft
Gespräch (begrenzte Teilnehmer:innenzahl) in der Paulusakademie, Pfingstweidstraße 28, Moderation: Caroline Krüger, 10-11.30 Uhr (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Donnerstag, 5. März 2026 | BERLIN
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung und Buchvorstellung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Literaturforum im Brechthaus, Chausseestr. 125, 20 Uhr, Moderation: Stephanie Lohaus (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Freitag, 6. März 2026 | MÜNCHEN
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Lesung und Buchvorstellung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Kulturzentrum Louise, Ruppertstraße 5, veranstaltet von Frauenstudien e.V., Moderation: Barbara Streidl, 19.30 Uhr (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Montag, 9. März 2026 | HAMBURG
Feminismus in Zeiten des postpatriarchalen Chaos
Lesung und Buchvorstellung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Petruskirche, Winfridweg 22, Moderation Joy Devakani Hoppe, 18.30 Uhr (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Dienstag, 10. März 2026 | HANNOVER
Tradwives – über Sehsüchte, Rollenbilder und Finanzen
Impulsvortrag zur Podiumsdiskussion, Ev. luth. Landeskirche Hannover, Lutherkirche Hannover, 19 Uhr. (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Dienstag, 17. März 2026 | HAMBURG
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Philosophisches Cafe im Literaturhaus, Schwanenwik 38, Gastgeberin: Catherine Newmark, 19 Uhr (mehr) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Buch-Geschenke

PS: Die Buchverlosung fällt diesmal aus, stattdessen könnt Ihr eins meiner aktuellen Bücher mit Widmung kaufen:

Postpatriarchales Chaos. Wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Aufbau Verlage, 20 Euro)
Unter allen Umständen frei. Revolutionärer Feminismus bei Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Helmer Verlag, 20 Euro)

Bei Interesse Mail an post@antjeschrupp.de.

Sujet Newsletter

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de Antje Schrupp et lancez la conversation.
Adhérer