📍Roma / Napoli
Liebe Leserinnen und Leser,
Rom wurde bekanntlich nicht an einem Tag erbaut. Das gilt auch für die Metro dort. Gestern wurden nach jahrelangen Bauarbeiten zwei neue Haltestellen (Porta Metronia und Fori Imperiali/Colosseo) der linea C eröffnet.
Die Verlängerung der Metrolinie C bis Fori Imperiali/Colosseo ermöglicht endlich den Umstieg zur linea B. Etappenweise wird seit gut 20 Jahren Jahren an der Strecke der linea C gebaut, komplett fertig ist sie immer noch nicht, erst 2032 soll die Linie bis zur Endstation Piazza Venezia vollständig ausgebaut sein. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Feierlich eröffnete Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri gestern die neuen Stationen. Wie das war, kann man auf seinem Instagram-Profil sehen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Die modernen Stationen sind gleichzeitig Museen: An beiden Haltestellen sind archäologische Funde zu sehen. Wer neugierg ist und nicht bis zur nächsten Rom-Reise warten möchte, kann sich mit diesem Video einen ersten Eindruck verschaffen:
https://www.youtube.com/watch?v=uYW6hhSRmMI (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Sie haben es mitbekommen: Die italienische Küche ist nun immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Dabei handelt es sich nicht um bestimmte Gerichte oder Rezepte (übrigens: die Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers ist schon seit 2017 immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), sondern eher um das, was die italienische Küche besonders macht.
Die UNESCO drückt es so aus: „(…) Es handelt sich um eine gemeinschaftliche Aktivität, bei der die Vertrautheit mit Lebensmitteln, der Respekt vor den Zutaten und gemeinsame Momente am Tisch im Vordergrund stehen. Die Praxis basiert auf Rezepten gegen Lebensmittelverschwendung und der Weitergabe von Aromen, Fertigkeiten und Erinnerungen über Generationen hinweg (…)“.
Die italienische Küche, so die UNESCO, fördert den Austausch, stärkt Bindungen und sorgt für soziale Inklusion. Es geht also um die kulturelle Bedeutung von Kochen und Essen in Italien.

In den Schlagzeilen las man in den letzten Tagen oft, die italienische Küche sei die erste weltweit, die diese Auszeichnung erhalten hat. Stimmt nicht ganz: Die traditionelle mexikanische Küche wurde bereits 2010 in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Kritik von Alberto Grandi
Wenn Sie sich beim Lesen der UNESCO-Begründung dachten, die Formulierung ist irgendwie vage und austauschbar, sind Sie nicht allein. Kritik kam hierzu vor allem von Alberto Grandi.
Er ist Autor des Buches (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)„Mythos Nationalgericht. Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ und Historiker an der Universität Parma. In seinem Podcast DOI (Denominazione di origine inventata, erfundene Herkunftsbezeichnung) spricht er über Mythen und das Verhältnis der ItalienerInnen zum Essen. Sie ahnen schon: Dieser Mann kommt mit seinen Thesen nicht bei allen gut an.

Nach der der Verkündung der UNESCO meldete sich Alberto Grandi im britischen Guardian zu Wort (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Er schreibt dort unter anderem, dass viele Klassiker der italienischen Küche erst im späten 20. Jahrhundert zu dem wurden, was wir heute als „traditionell“ ansehen, und dass viele Gerichte durch Migration von Italienern und Italienerinnen im Ausland entstanden sind.
Er widerspricht damit auch Regierungschefin Giorgia Meloni, die diese Auszeichnung bewusst für ihre Identitätspolitik nutzt.
In einem auf Social Media veröffentlichten Video sagte sie: (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
„(…) Die Auszeichnung würdigt unsere unsere Identität. Die italienische Küche nicht nur Essen oder eine Sammlung von Rezepten. Sie ist mehr: Kultur, Tradition, Arbeit und Wohlstand. (…) Sie bewahrt ein jahrtausendealtes Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.“
Grandi hingegen ist der Meinung, dass die populäre Vorstellung von „traditioneller Küche“ vor allem vermeintlicher Identitätsbildung diene. Die verklärte Version der italienischen Küche helfe beim Tourismus-Marketing und Nationalstolz. Ein verlässlicher historischer Maßstab sei sie aber nicht.
Laut Alberto Grandi habe Italien bei der UNESCO nicht seine echte Geschichte eingereicht, sondern eine Postkarte: aufgehübscht und darauf angelegt zu gefallen. Ein Konsumprodukt, das wenig mit der Realität zu hat.
Etwas milder sieht es Luca Cesari, Koch und Historiker, der auf Instagram ein Video hochlud, in dem er davor warnt, diese Auszeichnung identitätspolitisch zu instrumentalisieren und in eine Art Gastronationalismus zu verfallen. Die italienische Identität sei, wie ihre Gerichte, etwas, das sich aus dem Zusammenspiel von verschiedenen Kulturen ergeben hat und sich ständig weiterentwickelt. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ganz egal, ob Sie heute alte, neue oder weiterentwickelte Rezepte kochen, ob Sie Tagliatelle, Lasagne, eine Carbonara, Tacos, Caldo tlalpeño, oder Pizza Hawaii zubereiten: Ich wünsche guten Appetit, anregende Tischgespräche mit Ihren Mitmenschen und vor allem Wärme.
Alles andere ist doch halb so wichtig.

Zu Besuch bei Napoli Women ⚽
Eine Stadt, in der man die kulturelle Bedeutung der italienischen Küche mit allen Sinnen erleben kann, ist Neapel. Im September reiste ich dort hin. Meine Mission lautete aber Fußball. Kulinarik spielte eine untergeordnete Rolle.
Auf dem Fußballplatz des Stadio comunale Arena Giuseppe Piccolo in Cercola, einem Vorort der Stadt am Vesuv, traf ich ein paar Spielerinnen und die Team-Managerin von Napoli Women, dem Frauenfußballteam Neapels. Siamo la Squadra di Partenope lautet ihr Slogan: Wir sind das Team von Parthenope. Sie beziehen sich damit auf die Stadtgöttin Parthenope, eine Figur aus der griechischen Mythologie.

Das Team von Parthenope
Napoli Women spielt in der Serie A Women / Serie A Femminile, der höchsten Spielklasse des italienischen Frauenfußballs. Für den stern wollte ich wissen:
Wie ist es, in Neapel Frauenfußball zu spielen? In einer Stadt, in der Fußball an jeder Ecke präsent ist. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)In einer Stadt, in der das Fußballnarrativ allerdings auch stark männlich geprägt ist.

Dass Neapel auch ein Frauenteam hat? Wissen selbst nicht alle Einheimischen. Die Geschichte von Napoli Women kreist immer wieder um ein Thema: Sichtbarkeit. Die erkämpft sich das Team nach und nach.
Napoli Women ist bisher der einzige professionelle Frauenfußballverein in Süditalien. Und noch eine Besonderheit gibt es: Napoli Women ist kein Ableger des SSC Neapel, sondern ein eigenständiger Verein. Gemeinsam mit Como Women gehört er damit zu den wenigen Ausnahmen. Sie setzen auf den Aufbau einer eigenen Identität und sportlichen Tradition.
Giovanna Canale, in Neapel aufgewachsen und Team-Managerin des Frauenteams, erzählte mir, dass der Verein vermehrt Angebote für junge Mädchen in der Region anbietet. „Immer mehr Mädchen beginnen mit dem Fußballspielen. Gleichzeitig sind auch immer mehr Familien bereit dazu, die Entscheidung ihrer Töchter zu unterstützen. Das ist Teil eines kulturellen Wandels,“ sagt Canale.

Dass Frauen in Italien mitreden und mitspielen passt nicht allen. Italien hat zwar eine Regierungschefin, gleichzeitig aber auch eine der niedrigsten Beschäftigungsquoten für Frauen, vor allem in Süditalien. Das Bild der Frau prägten lange der Einfluss der katholischen Kirche (Mutter, rein, gutherzig, unbefleckt) und gleichzeitig Shows im Fernsehen, in denen Frauen knapp bekleidet auftraten, aber inhaltlich keine tragende Rolle spielten (jung, sexy, unterhaltend, ohne eigene Meinung). Noch immer sind diese Stereotype und traditionellen Rollenbilder tief verwurzelt.
Veraltete Rollenbilder sind noch immer präsent
Und dieses Geschlechterbild haben einige junge Männer auch heute noch verinnerlicht: Vor wenigen Tagen kam es bei einem Spiel des U17-Teams von Napoli Women gegen eine männliche U14-Mannschaft zu sexistischen und homophoben Beleidigungen. Die Spieler kommentierten die Körper der Mädchen, stimmten zu vulgären Gesängen an und stellten nach dem Match Bilder der Spielerinnen mit sexistischen Kommentaren ins Internet.
Napoli Women sprach daraufhin in einem offenen Brief, (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) den man auf Instagram nachlesen kann, die Spieler und deren Verein direkt an:

Sie schreiben, dass sie die Taten nicht nur verurteilen, sondern dass sie Spieler und Verein dazu einladen, mit Napoli Women gemeinsam einen Tag bei einem Antidiskriminierungsworkshop zu verbringen. Damit die heranwachsenden Männer von heute nicht zu den Tätern von morgen werden.
Man versucht also in den Dialog zu gehen, um nachhaltig eine Veränderung zu bewirken. Möge es gelingen.

Übrigens: Wer kein stern-Abo hat, den Text über Napoli Women dennoch lesen möchte, schreibt mir kurz: kontakt@ornellacosenza.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
❄️ Schneeflocken in Neapel ❄️
Wir bleiben noch in Neapel. Gibt es dort eigentlich Schneeflocken? Ja! Das ganze Jahr über. Sie sind essbar. Und sie schmecken köstlich.
Als ich für meine Recherche in Neapel war, spielte Kulinarik zwar eine Nebenrolle, essen musste ich aber trotzdem. Da ich Süßes abgöttisch liebe und sich direkt um die Ecke meines Wohnorts die Pasticceria Poppella (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) im Viertel Sanità befand, ging ich dort jeden Morgen frühstücken und aß eine süße Schneeflocke, einen fiocco di neve.
Ein rundes, luftiges Teigbällchen, bedeckt mit Puderzucker. Fluffig, weich und gefüllt mit einer weißen Creme aus Milch und Ricotta. Das genaue Rezept der fiocchi di neve, der Schneeflocken, ist übrigens geheim. Und sehr jung: Entwickelt wurde es 2015 von Ciro, der die Pasticceria seiner Familie in der dritten Generation weiterführt.

Falls Sie bei Ihrem nächsten Neapel-Besuch also wissen wollen, wie Schneeflocken schmecken: Die Pasticceria hat drei Standorte in der Stadt.
Der Hauptsitz befindet sich in der Via Arena alla Sanità Nr. 28/29, im Viertel Rione Sanità. Die zweite Verkaufsstelle liegt in der Via Santa Brigida Nr. 69/70, nur wenige Schritte von der Galleria Umberto I und dem Teatro San Carlo entfernt, außerdem auf der Piazza Cavour, ganz in der Nähe des Archäologischen Museums.
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Deutsch-Italienisches Kino:
Paternal Leave
Zum Schluss möchte ich einen deutsch-italienischen Film empfehlen, der in Deutschland gerade in ausgewählten Kinos zu sehen ist, hoffentlich auch in Ihrer Stadt.
Gemeinsam mit einer guten Freundin sah ich letzte Woche Paternal Leave - Drei Tage Meer von der Regisseurin Alissa Jung im Arena-Kino in München an. Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Leo (Juli Grabenhenrich) aus Berlin.
Als diese herausfindet, dass ihr leiblicher Vater (Luca Marinelli) Paolo heißt und Italiener ist, bricht die Jugendliche heimlich mit dem Zug auf, um ihn in einer Kleinstadt am Meer zu besuchen. Dort arbeitet er nämlich als Surflehrer.

Das kleinste Problem beim Zusammentreffen von Vater und Tochter scheint dabei die Sprachbarriere zu sein: Leo spricht kein Italienisch. Paolo kein Deutsch.
Paolo allerdings versucht gerade sein Leben in den Griff zu bekommen, hat seine Tochter Emilia aus einer anderen Beziehung zu Besuch und würde Leo deshalb am liebsten so schnell wie möglich wieder loswerden.
Während Leo nach Liebe schreit und versucht eine Bindung zu ihrem Vater herzustellen, schafft es Paolo nicht einmal mit seiner eigenen Gefühlswelt klarzukommen. Annäherungsversuche kriegt er nicht hin, und wenn, dann sehr ungeschickt. Dass er dennoch neugierig auf seine Tochter Leo ist und dass er wissen will, was sie für ein Mensch ist, kann er nicht aussprechen.
„Man hält das fast gar nicht aus, wie er in manchen Szenen zu ihr ist“, sagte meine Begleitung nach dem Film zu mir. Und trotzdem will man wissen, wie es weitergeht, man fiebert mit Leo mit. Möchte das Mädchen umarmen. Den Vater eigentlich auch.
Der Film ist leise und zart erzählt, er lebt von den vielen Szenen, in denen zwar wenig gesprochen, dafür viel Zwischenmenschliches gezeigt wird. Die schmerzhaften Dialoge und Momente werden durch unterhaltsame und lustige Szenen aufgelockert, in denen mit Sprache gespielt wird.
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Ob Leo und Paolo zusammen finden und welche Rolle Flamingos in dem Film spielen? Gehen Sie unbedingt ins Kino, dort bekommen Sie alle Antworten. 🦩
Danke für’s Mitlesen. Jetzt und auch während der letzten Monate.
Ich wünsche buone feste und einen guten Rutsch. 🌟
Post gibt es im neuen Jahr wieder. A presto! 💌

Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙
Anmerkungen, Wünsche, Kritik, Liebesbriefe 💌 gern an: kontakt@ornellacosenza.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder via Instagram @ornella.cosenza (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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