.. oder wieso das alles in Deutschland vielleicht noch viel schlimmer ist
In einem Instagram Posting von “The Beat with Ari”, dem Podcast von Ari Melber (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre),
@thebeatwithari (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)The Beat with Ari Melber 📺 on Instagram: "Author @breteastonel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)…
erläutert der Autor Bret Easton Ellis die Rolle des Clans von Donald Trump im Rahmen seines Romans “American Psycho”:
“I didn’t expect to put [Trump] into the book’American Psycho’ until I was doing research on a book and I was hanging out with a lot of young guys who were working on Wall Street... they all were in love with Donald Trump. It was someone they aspired to be... and so l realized that in order to get this period correctly that my narrator, Patrick Bateman, was probably going to be referencing Donald Trump a lot.”
2. Februar 2021”
Die Entstehung dieses Werkes schildert Alexander Sorondo faszinierend im Substack “Big Reader, Bad Grades” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). “American Psycho” dürfte sich nicht zuletzt durch die Verfilmung in das kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Christian Bale verkörpert in dieser Kino-Version den Serienkiller Patrick Bateman. Ein Sohn reicher Eltern mit Harvard Business School-Abschluss - er arbeitet in einer Investmentfirma an der Wall Street, lebt in einer Welt aus Körperkult, Pflegeprodukten und teuren Marken und ermordet mit unfassbarer Brutalität andere Menschen.
Im Roman sind diese Akte mit einer Grausamkeit und einem Detailreichtum geschildert, dass viele Leser*innen ihn lieber zu Seite legten. Eingewoben in den Film wie auch den Roman sind ausführliche, essayistische Analysen Batemans ausgerechnet zu Huey Lewis and the News, Phil Collins bzw. Genesis und Whitney Houston. Nicht unbedingt, was in der Spex oder analogem Pop-Journalismus der damaligen Jahre Sujet gewesen wäre. Bei allem, was über die Qualitäten als Musiker im Falle Phil Collins oder die Stimmgewalt von Whitney Houston zu sagen wäre, sind doch eher Sonic Youth, Hip Hop oder REM in den “crediblen” Sphären der Musikkritik jener Jahre präsent gewesen.
Diese Exkurse sind für jemanden wie mich, der in der Spex-Welt zumindest teilweise aufgewachsen ist und Jahre seines Lebens mit TV-Musikjournalismus verbracht hat, sehr lustig. Weil sie eine bestimmte Form der Musikologie karikieren - obgleich sie in die oft brutalsten Szenen des Romans wie auch des Films integriert sind. In der Verfilmung mit Christian Bale erschlägt Bateman seinen Kollegen Paul Allen in einen Regenmantel gehüllt mit einem Beil, während er seinen Essay vorträgt. Er erklärt bedeutungsschwanger und erfreut an der eigenen analytischen Schärfe, das frühe Werk von Huey Louis and the News sei “too New Wave” gewesen, bevor sie mit Sports einen reiferen Sound gefunden hätten – das Aberwitzige liegt darin, dass diese Lobpreisungen einem formatierten Mainstream-Stadionrocks galten, vorgetragen wie musikwissenschaftliche Offenbarungen. Ellis illustriert damit die Geschmacklosigkeit Batemans. Er verwendet zwar entsprechendes Vokabular, kann es jedoch nicht anwenden. Er spricht über Mainstream-Popstars der 80er mit derselben aufgeblasenen Kennersprache, mit der seine Kollegen über Restaurantreservierungen oder Visitenkartenpapier reden. Distinktionsgewinn, der ins Leere läuft und auf nichts mehr referiert als die eigenen Oberflächlichkeit – was in Ellis Sichtweise den Habitus der Wall-Street-Broker jener Jahre treffend in einen Roman überführt.
Diese nihilistische Welt schildert Ellis bereits in seinem ersten Roman “Unter Null”. Clay, die Hauptfigur aus wohlhabendem Elternhaus, schlittert in Los Angeles in eine durch und durch oberflächliche Welt aus Parties, Sex, Drogen und Gewalt. In einer Szene wird ein 12jähriges Mädchen vergewaltigt - und Clay ist der einzige, dem auffällt, dass das moralisch verwerflich ist.
Ellis’ Stilistik operiert in beiden Roman so, dass ein flacher, markenversessener Reportagestil die Grausamkeit und den Luxuskonsum mit identischem Ton beschreibt. Alles nur noch konsumierbare Oberfläche in einer sinnentleerten Welt der Reichen und Schönen. Die Romane sorgten für erhebliche Unruhe, weil es erschien, als würde Ellis das als Lebensstil proklamieren.
Ich habe “Unter Null” schon Mitte der 80er Jahre als schockierend, aber dennoch als Kritik einer sich nur noch in stilisiertem, an Marken orientierten Ästhetizismus gelesen. Einem, der Moral noch nicht mal mehr denken kann und in einer vermeintlich totalen, auf das eigene Ego bezogenen Bedürfnisbefriedigung noch nicht mal mehr Erfüllung findet. Dass einem aktuell der Fall Epstein dabei in den Sinn kommt, das dürfte kein Zufall sein.
Ellis verortet die Gewalt auch nicht, wie üblich, bei den in die Bronx oder Chicagos South Side abgeschobenen, ethnischen Minderheiten - sondern mitten in der High Society. In eine ähnliche Richtung, nunmehr auf die Mittelklasse bezogen, zielte später Larry Clark mit Filmen wie “Kids”. Er öffnet die Figuren hin zu Skateboard und Hip Hop; sie könnten problemlos auch in den Videoclips jener Jahre mitspielen. Ellis entwickelte in seinen Romanen eine Schreibweise, die man als deadpan cruelty bezeichnen könnte: keine Verurteilung, kein Mitgefühl, keine Ironie im klassischen Sinne – nur registrieren. Clarks Kamera funktioniert ähnlich. Sie urteilt nicht, sie schaut zu. Dieser dokumentarische Impuls bei Clark – er fotografierte jahrzehntelang Jugendkulturen – erzeugt dieselbe moralische Ambiguität wie Ellis’ Erzählperspektive. Die Jugendlichen in Clarks Film bewegen sich durch Manhattan wie durch ein Vakuum. Moralische Kategorien existieren nicht, Konsequenzen werden kaum gespürt. Das erinnert stark an die affektlose Prosa von Ellis, der Gewalt und Sex in flachen, aufzählenden Sätzen beschreibt, als wären es Markenprodukte.
Ein wenig setzen diese Ästhetiken fort, was sich in “Blue Velvet” von David Lynch artifizieller und Grausamkeit noch als Grausamkeit, Sadismus noch als Sadismus inszenierend auch findet. Der zentrale Lynch-Gedanke in Blue Velvet zeigt sich im berühmten Einstieg: makellose Vorstadtidylle, rote Rosen, winkende Nachbarn – und dann das abgetrennte Ohr im Gras. Unter der gepflegten Oberfläche des amerikanischen Traums liegt Verwesung, Gewalt, Perversion. Das ist strukturell dasselbe wie bei Ellis, nur dass Lynch es als surreales Melodrama inszeniert, während Ellis es als hyperrealistisches Protokoll schreibt.
In American Psycho ist Patrick Bateman tagsüber der perfekte Yuppie – Visitenkarte, Frisur, Restaurantwahl – und nachts ein Mörder. Die Pointe ist dieselbe wie bei Lynch: Die Oberfläche ist nicht Tarnung einer dahinterliegenden Wahrheit, sondern selbst das Problem. Die Normalität ist das Monströse. Da dann plötzlich kommt zumindest mir auch Deutschland in den Sinn ...
Die aktuell mir relevant erscheinende Frage ist, wie und wo sich das tradiert hat. Der Bezug zu Trump, Epstein, aber auch der Welt der Technofaschisten scheint mir nahe zu liegen. Nur dass sie die zuvor noch implizite Gewalthaltigkeit nun offen ausagieren, soziale Hierarchien zementieren und, um Wähler zu ködern, eine weiße, christlich-ethnonationalistische Welt mitsamt Eugenik-Fantasien in offener Brutalität zelebrieren und ihre Amoral noch öffentlich feiern - triumphal. Hier hat sich etwas tradiert über verschiedene Zwischenstufen, die eigens zu rekonstruieren wären - New Economy und dot.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)-Blase, Profite noch in Finanzkrisen wie der 2008 generieren, obwohl diese durch die eigenen zynischen Praxen erst ausgelöst wurde - um dann nicht zufällig in dem Idol der 80er Jahre aus dem Trump-Tower die ideale Figur zu finden, eigene Interessen mit Hilfe von dessen durch das Privatfernsehen erlernten Techniken skrupellos durchzusetzen. Bis man sich fragt, ob es noch etwas außerhalb einer Welt von “American Psycho” gibt, was von den Technofaschisten nicht zur Disposition gestellt oder direkt mit Überwachung, Deportation oder Vernichtung bedroht wird.
Daran sind keineswegs Ellis oder Clark schuld. Sie heben lediglich gezeigt, auf was für einem Boden das alles gedeihen konnte. Das ist ja die Welt, in der Zuckerberg, Thiel und Altman aufgewachsen sind - dass Peter Thiel diese Leere mit einem kruden Katholizismus zu kompensieren versucht, das passt auch in das Schema. Manche versuchen halt, den totalen Nihilismus noch mit Sinn und Bedeutung aufzuladen. Die Seelenlosigkeit von KI-Slop dürfte eine dazu passende, zeitgemäße Ästhetik generieren. Diese Bildwelten können bekanntlich auch christofaschistischen Kitsch generieren.
Aber wie ist die Entwicklung in Deutschland? So ganz klar scheint mir das noch nicht begriffen worden zu sein.
In der Doku-Reihe “Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland” war ich als Autor für die 80er-Jahre-Folgen verantwortlich. Die Grundthese, die sich durch die drei 45-Minüter zog, war auf West-Deutschland bezogen das “Umschlagen von Politisierung in Ästhetisierung” - also die Entwicklung von den Neuen Sozialen Bewegungen, BAP und der Friedensbewegung, über das Umkippen von Der Plan, DAF und Fehlfarben hin zu Nena und Frollein Menke bis letztlich zum Synthie Pop; Alphaville und Comouflage, z.B.
Folge 9 folgte dann der Annahme “Unter dem Hochglanz west der Horror”, direkt von dem Ohr in Lynch’ “Blue Velvet” abgeleitet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Weil gleichzeitig Yuppies, TEMPO, Wiener, Modern Talking Pop-Oberflächen inszenierten (wenn auch im Falle der TEMPO gebrochen), im Falle von Milli Vanilli sogar sich selbst destruierten, alle auf einmal in Fitnesscenter liefen - und zu dieser Zeit auch AIDS wirkte, Gothic und parallel auch Neonazis sich formierten. Ja, im Westen, in Hannover besonders massiv. Im Osten gab es aber auch schon welche. Man konnte sie in “Flüstern und Schreien” sehen. Sie stürmten ein Konzert von Element of Crime in der Zionskirche, Prenzlauer Berg und schlugen Eugen Balanskat von den Skeptikern (“Deutschland halt’s Maul”) kurz nach der “Wende” die Zähne aus (den habe ich für Pop 2000 interviewt).
Trotzdem war die korrelierende Grundthese, dass in den letzten Jahren der DDR eine gegenläufige Entwicklung eingesetzt hatte: die Ästhetisierung wurde politisch und konnte sich nach Gorbatschows Perestroika auch ungestörter entfalten - bis sie in eine Neue Soziale Bewegung mündete, eben der Bürgerrechtsbewegung und Bands wie City in Kooperation mit dem Neuen Forum.
Ich frage mich immer, wo eigentlich letzteres geblieben ist außer bei Rammstein. Die Band war zunächst konzipiert von den Ex-Punks vonFeeling B. als Rache am West-Kommerz und assimilierte sich anschließend in dessen Nihilismus tief hinein. Oder von irgendwelchen AfD-Wähler*innen und Tellkamps, die m.E. latent psychotisch halluzinieren, diese Partei würde in irgendeiner Form und Weise an die DDR-Demokratiebewegung anknüpfen - während sie in Wahlprogrammen eine Welt entwirft, die keineswegs besser ist, als die DDR es war und mit Palantir-Software und Anbindung an die Regime von Trump und Putin über Mittel verfügt, von denen die Stasi nur träumen konnte …
Zumindest entstand das “Sinn-Vakuum” allenfalls bei wenigen Protagonisten wie Ulf Poschardt, der nur noch in dem ihm eigenen Nihilismus wildwütig in Kommentaren und Social Media vor sich hin triggert, seltsam fasziniert bis heute gerade von den “linksgrünen Milieus” und implizit wohl auch der versunkenen Spex-Welt, zu der er so gerne gehört hätte nach “DJ Culture” und die ihn doch nie ernstnahm.
Sinn ist hier ansonsten immer in der ungestörten Routine, der Macht der Gewohnheit zu finden, in der nach Möglichkeit nichts stören darf.
Es regiert ein Kanzler, der vergeblich suggeriert, in den Großfinanz-Welten von Blackrock Wirtschaftskompetenz erworben zu haben und dabei doch eher wie ein verkrampfter Sauerländer aus den Kohl-Jahren wirkt in seiner spießig-aggressiven Attitude - und genau das vermutlich auch geblieben ist. Auch die AfD betreibt eine durch und durch nihilistische Politik, imitiert dabei die Grausamkeit der US-Rechten, während sie sich in ihrer Vetternwirtschaft eher eine florierende ökonomische Infrastruktur für sich selbst schafft und große nationale Ideale proklamiert, die bei näherem Hinsehen schlicht die Welt rassistischer Provinzbürger ist ohne den Glamour, über den die US-Rechten zumindest teilweise noch verfügen.
Die AfD hat dabei keinen Trump Tower, keine glänzende Fassade, keinen Bateman-Lifestyle. Weidel simuliert ihn nur mühsam. Björn Höcke kommt ohne Glamour aus. Das Milieu, dem die AfD-Wählerschaft kulturell entspringt, ist nicht American Psycho – es ist der Bergdoktor. Provinz, Ressentiment, Gemütlichkeit als Waffe. Keine Visitenkarten aus Büttenpapier, sondern die letzte “urige” Kneipe im Nachbarort in der Uckermark oder auf Schalke.
Das ist aber keine Entwarnung – es ist eine andere, in gewissem Sinne noch unheimlichere Variante. Was bei Ellis und Lynch als Hochglanzoberfläche über dem Horror liegt, ist in Deutschland gar nicht mehr vorhanden - mögen manche in Berlin es auch simulieren wollen, während sie im Borchardt koksen (mutmaßlich natürlich nur). Hier gibt es keine Oberfläche zu durchdringen. Die Banalität ist das Böse, ohne die Umwegstrecke über ernstzunehmende Ästhetik und Glamour.
Was progressive Kreise daraus lernen könnten: Nicht nur in die USA schauen. Sondern eher das Piefige, die immer noch wirkenden 50er Jahre-Mentalitäten in den Mittelpunkt rücken. Das Abschottungsbedürfnis mag sich im Bible Belt auf zeigen - hier fehlt aber sogar die Religion (wenn es nicht gerade gegen Muslime geht), und es tarnt sich als “heimelig” in seiner Tristesse.
Die Verführungskraft des Faschismus liegt sonst im Spektakulären – in der Bundesrepublik liegt er jedoch gerade im Unspektakulären, im vermeintlich Normalen, im trotzigen Mittelmaß, das sich als authentisch inszeniert, als Zombie vergraben. In dem die Flachland-Phrasen eines Martenstein als “rhetorische Brillanz” und Gebirge des Geistes gefeiert werden und Bier statt Champagner sprudelt. Die deadpan cruelty ist hier keine ästhetische Kategorie, sie ist Alltagsprogramm.
Ellis’ Lektion wäre dann: Hör auf, nach dem Monster hinter der Maske zu suchen. In Deutschland ist die Maske schon das Monster – oder es gibt gar keine.
Zumindest bin ich mir mittlerweile sicher, dass man mit Moral in einer durch und durch Fossil gewordenen politischen Landschaft, in der alles nur noch wie verrottende Kohlkraftwerke müffelt und die Politik durchgängig der Logik des destruktiven Braunkohle-Tagebaus folgt, nicht allzu viel erreichen kann.
Und dann schweifen meine Erinnerungen zurück in die Zeit, als die TEMPO hier und da versuchte, inmitten der Hochglanz-Welten einer anarchischen und noch progressiven Idealen halbwegs verpflichtete Haltung zu folgen, die später von Leuten wie Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre ins durch und durch Deutsche, siehe oben, transformiert wurde. Als die Loveparade es tatsächlich besser als “Konzerte gegen rechts” schaffte, die Neonazis zu überstrahlen - selbst wenn deren “Baseballschlägerjahre” annähernd bruchlos in den NSU mündeten. Als wir bei BRAVO TV humorige Dr. Sommer-Beiträge zur Abschaffung des §175 in die Welt setzten und mit Acts arbeiteten, die später in Ausstellungen zur Geschichte von BPoC in Deutschland allesamt wieder auftauchten. Da war erheblich mehr BRAVO zu sehen als Antifa-Flugblätter.
Ob es also neben dem schäbigen Hochglanz nicht doch auch Ansätze gab, die eine progressive Politik mit Glamour zu verbinden wussten.
Ich habe in meinem Debut-Roman das Erbe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) so etwas zumindest mal versucht. Und vielleicht ist Substack ja die Plattform, auf der das auch von Anderen aufgegriffen und weiter gedacht werden kann ...