Oder auch: Intermediale Verschränkungen. Oder so etwas.
Manchmal bin ich ja selbst etwas verwirrt angesichts dessen, was ich parallel so alles zu gestalten versuche. So durch und durch seriöse Dokus über Philosph*innen - “Hannah Arendt - eine Jüdin im Pariser Exil” strahlt ARTE jetzt am 10. Dezember um 22.05 h aus. Ab dem 27.11. kann die Dokumentation in der ARTE-Mediathek angeschaut werden.
Am 4.12. können Interessierte zudem im Rahmen von 3Sat KULTURZEIT einen Beitrag von mir anschauen, der eine mögliche Sicht Hannah Arendts auf das Trump-Regime spekulativ durchspielt. Mit Hilfe von Experten, die auch in der Doku auftauchen: Omri Boehm, Thomas Meyer und Seyla Benhabib. Ich verarbeite Material, das wir in New York extra für den KULTURZEIT-Beitrag gedreht haben und das nun Einsatz findet.
Das ist im Bettges-Verse, meinem philosophischen, filmischen, literarischen, künstlerischen, ästhetischen Universum sozusagen das Doku-Paradigma. Dazu habe ich seit 1993 veröffentlicht - zunächst die “Pop-History”-Rubrik in BRAVO TV, dann eine 90minütige Dokumentation über Elvis Presley 1997 auf ARTE, die Reihe “Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland”, das ARTE-Popkulturmagazin TRACKS auf ARTE, davon die ZDF-Ausgabe. In verschiedenen Funktionen, als Autor, Executive Producer, auch Produzent verantwortete ich Doku-Reihen wie “Sex’n’Pop”, “Birth of …” und “Soul Power” und ein paar andere mehr, ebenfalls für ARTE. In den letzten Jahren fertigte ich die für den Adolf Grimme-Preis nominierte Dokumentation “Habermas - Philosoph und Europäer”, zudem “Roy Lichtenstein - wie Pop Art die Kunst revolutionierte” und nun der Film über Hannah Arendt.
Klar sind das auch Sujets, also Inhalte, die mich in meinen Zugängen zu den Gegenständen und Menschen, mit denen ich dabei umgehe, beeinflusst haben. Arendt ist seit den frühen 90er Jahren Bezugspunkt in dem, was ich denke. Pop Art hat mich konzeptionell auch in meinen Doku-Arbeiten geprägt. Im Falle der 10-teiligen Doku-Reihe “Europas Erbe - Die großen Dramatiker” (ZDF/SWR/ARTE), ich fungierte als Executive Producer, haben wir “warholisierte” Bilder von Shakespeare, Goethe, Moliére, Brecht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Becket als Opener verwendet. Habermas’ System/Lebenswelt-Differenz und Kommunikatives Handeln als Komplementärbegriff zur Lebesnwelt bildete den Rahmen meiner Dissertation “Docutimelines (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”, in der ich das Doku-Paradigma und somit auch meine eigene Arbeit reflektierte.
Im Laufe der Jahre trat jedoch noch einiges hinzu. Musik, Malerei (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), nun auch ein Roman - “Das Erbe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”. Wie schon im Falle der Dokumentationen verschränken sich in diesem Roman Medien. Da ist zwar nichts zu hören oder zu sehen, die Figuren gehen jedoch mit dem um, was sie Kino zu sehen, machen Musik, und Falk Fischer, die Hauptfigur, lässt sich von Philosophen und dem “Queer Nation Manifesto (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” inspirieren. Die System-Lebenswelt-Differenz nach Habermas spielt in diesem Roman auch eine Rolle, implizit.
“Das Erbe” bewegt sich im wesentlichen im Rahmen dessen, was ich als mein “House-Paradigma” bezeichnen würde. Gemeint ist House-Music, klar. In das Paradigma gehört für mich alles, was im Computer ensteht und mit Samples und Elektronik, Artifiziellem, auch Pattern arbeitet, diese rhythmisiert, umarrangiert, mit Dramaturgien versieht und so etwas Neues erzeugt - ein wenig so wie auch die Pop Art Warhols und Lichtenstein mit den Mitteln ihrer Zeit. “Das Erbe” ist zwar nicht durch und durch so gestaltet, aber es sind durchaus Verweise darin versteckt, die ein wenig wie stark bearbeitete Samples funktionieren.
Der “Spirit” des Romans hängt eng zusammen mit den Musikvideos, die ich seit geraumer Zeit in meinem Youtube-Kanal hochlade. Sie arbeiten vor allem mit Stock Footage, das lizenzfrei genutzt werden kann. Bilder samplen. Die Musiken wie auch die Filmschnipsel sind situiert in queeren Welten, die auch BPoC-Perspektiven und “Gender-Trouble” einbeziehen und mit philosophischen und kulturwissenschaftlichen, auch aktivistischen Aussagen spielen. All das sind aicb Themen in meinem Roman; waren dieses aber auch schon in einigen Dokus.
https://www.youtube.com/watch?v=k1NlhQK5hX8&t=2s (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ich habe deshalb einfach mal ein paar von diesen Videos aneinandergehängt und die Trailer für “Das Erbe” eingefügt, siehe oben. Nicht, weil die Tracks, die in diesem Zusammenschnitt auftauchen - sie habe ich alle selbst gebaut, das ist eher ein Basteln in Digital Audio Workspaces als klassische Komposition -, in dem Roman selbst als Soundtrack auftauchen. Sie bewegen sich aber im selben ästhetischen Paradigma.
Mein Traum war immer, Intermedialität über das, was im digitalen Schnitt möglich ist, hinaus zu konzipieren. Also nicht fertige Musiken unter das zu legen, was ich in Paris drehe, sondern von eigenen Tracks ausgehend auf Bilder zuzugehen. Aktuell habe ich noch nicht das Kapital, solche Videos selbst zu drehen, kann aber noch kommen. Sie mit Literatur, Philosophie und Malerei so zu verbinden, dass aus den wechselseitigen Verweisen so etwas wie ein Gesamtkunstwerk entsteht. Dem das Dokumentarische aber auch nicht vollständig äußerlich bleibt. “Das Erbe” arbeitet auch mit quasi-dokumentarischen Bezügen zur Hamburger Stadtgeschichte und zur Queer History.
Derzeit arbeite ich an meinem zweiten Roman, der, wenn er fertig wird, in Paris 1959 spielen sollen. Es war die Zeit kurz vor der Pop Art im Sinne Warhols (Jasper Johns und Rauschenberg arbeiteten vor), des Übergang von eher existentialistisch geprägten späten 40er und 50er Jahren hin zu poststrukturalistischen Ansätzen und der Zeit der Beatles, der Stones und des Prog-Rock. Hier versuche ich mich in meinem andere ästhetischen Paradigma, dem “Exi-Paradigma”. Das folgt eher Bildern aus dem Film Noir, Prinzpien des Jazz, setzt sich mit Sartre und Camus auseinander, die an Roland Barthes (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zerschellen - und dabei ging auch einiges verloren. Eher ein erweiterter “Stream of Consciousness”, der sich mit Freiheitspielräumen und dem Absurden auseinandersetzt. Es ist in queerer Hinsicht eine Zeit der Verbote und doch zugleich jene, in der James Baldwin groß wurde. “Giovannis Zimmer” spielt ja auch in Paris.
Es ergibt sich auch aus der Hannah-Arendt-Doku. Die endet 1951 mit dem Erscheinen von “Elemente und Ursprümge sozialer Herrschaft”. Danach verfasste sie “Vita Activa”, ein durch und durch existenzphilosophisches Werk. Sie konnte Sartre nicht ausstehen, manche Motive nähern sich dennoch an. Gerade auch in der französischen Rezeption Arendts.
Der Soundtrack des “Eix-Pardigmas” ist eher durch das Saxophon geprägt, hoffentlich auch ein wenig der Rythmus des Schreibens. Ein paar Videos mit meinem Sax-Sound finden sich auch schon in meinem Youtube-Kanal.
https://www.youtube.com/watch?v=rcXfBnMFL5g (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)So erweitern sich h0ffentlich die Verweise innerhalb der verschiedenen ästhetischen und inhaltlichen Praxen, in denen ich operiere.
Hoffentlich löse ich damit ein, was ich so oft fordere: Intermedialität auch durchzuspielen, auszuprobieren, zu erweitern. Formen miteinander kommunizieren zu lassen. Freue mich, wenn es gefällt.