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It’s done! Gedanken nach der Fertigstellung “meiner” Dokumentation “Hannah Arendt - Eine Jüdin im Pariser Exil”

Es ist annähernd genau zwei Jahre her, dass ich ein paar Themenvorschläge direkt zu ZDF/ARTE sandte – an den dort als Redakteur tätigen Christopher Janssen. Er hatte mich bereits bei den Dokumentationen zu Jürgen Habermas und Roy Lichtenstein begleitet, lektoriert und unterstützt; ich kenne ihn seit über 20 Jahren. Unter diesen Vorschlägen befand sich auch die Idee, anlässlich des 50. Todestages von Hannah Arendt eine Dokumentation zu erstellen.

Nadja Frenz von Vincent Productions (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zeigte sich auf Anhieb begeistert und stieg in das Projekt ein. Zu dritt erarbeiteten wir – ich lieferte den Stoff, er wurde diskutiert, filetiert und lektoriert, von mir dann finalisiert – ein Konzept, das gar nicht erst versuchen würde, einen Werküberblick oder die gesamte Biographie Arendts filmisch zu erzählen. Wir würden uns im Wesentlichen auf die Jahre ihres Exils in Paris beschränken und den Einfluss dieser Lebensphase auf ihr Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" herausarbeiten. somit den Zeitraum 1933 bis 1951.

Arendt erfuhr am eigenen Leibe, was es hieß, als Flüchtling und später auch Staatenlose im Exil zu leben, zudem auch in Frankreich Antisemitismus ausgesetzt zu sein. Sie wurde in Gurs im Süden Frankreichs interniert, kam frei und rettete sich in die USA. Sie engagierte sich für zionistische Jugendhilfe-Organisationen, kommentierte als Publizistin die "Palästina-Frage" und forschte zu dem, was das Antisemitismus-Kapitel in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" werden sollte.

Es existierten schon zu Beginn der Arbeit an dem Konzept aktualisierende Filme, die ihre Thesen auf die Gegenwart anwandten und zudem Zitate Arendts auf Materialien aus dem Nationalsozialismus einsprechen ließen. Es gab schon den Kino-Film von Margarethe von Trotta rund um das Eichmann-Buch Arendts mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle. Wir ahnten, dass es noch weitere Produktionen anlässlich des 50. Todestages geben würde und schränkten gerade deshalb unser Thema ein. Die ARTE-Gremien genehmigten den Stoff, die Nord Media (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)erklärte sich – herzlichen Dank! – zur Förderung bereit, Stilmittel in der Umsetzung wurden erdacht, konzipiert und dann aufgrund zu hoher Kosten doch wieder verworfen. Über so einen langen Zeitraum habe ich an noch keinem 52-minütigen Film gearbeitet.

Relativ früh klärte sich, dass der Hannah-Biograph und Herausgeber ihrer deutschen Schriften, Thomas Meyer, mir als wissenschaftlicher Berater zur Seite stehen und auch vor der Kamera bei seinen Recherchen von uns begleitet werden würde. Ich durfte eine sehr anregende und lehrreiche Zusammenarbeit genießen, als wir in Paris, in Gurs, in New York und Stanfordville im Staate New York zusammen unterwegs waren. Ich bin Thomas sehr dankbar für das, was ich dabei lernte.

Nun ist der Film fertig. Fernsehen entsteht in Kommunikationen rund um die Dreharbeiten - so auch die zentrale These meiner Dissertation. Die Kommunikationen mit der Produktionsfirma, dem Sender, den Kameramännern (Thomas Bresinsky, mit dem ich auch das visuelle Konzept erarbeitete, und Jan Kerhart, Dankeschön!) inklusive derer, die den Ton "angeln", den unterstützenden Kräften, die Reisen und Flüge buchen und sich um die Lizensierung von Archivmaterialien kümmern, die Diskussionen im Schnitt – im konkreten Fall mit Kirsten Ottersdorf, Dankeschön! –, ebenso mit den Sprecher*innen wie auch Tongestaltern bei den Sprachaufnahmen bis hin zu den Debatten mit dem Fachmann für "Color Grading (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" , sind konstitutiv für das, was hinterher über die Bildschirme flimmern wird. Auch die mit der wundervollen Andrea Casabianchi, die in symbolischen Inszenierungen als Darstellerin von Hannah Arendt fungierte und Originalzitate einlas, mit Requisite und Kostüm. In die so intensiven Kommunikationsprozesse, die Nadja Frenz als ausführende Produzentin rund um die Finanzierung und Förderung durchlebte, bekomme ich als Autor und Regisseur dabei nur am Rande Einblick.

Medienwissenschaft und auch Medienkritik reflektieren diese Bereiche des Produzierens manchmal nicht ausreichend, denke ich. Es handelt sich um ein komplexes Teamwork, Arbeitsteilung. Jürgen Habermas hat einfach recht, dass es sich am Leitfaden von Geltungsansprüchen entfaltet. Es werden notwendig inhaltliche, normative und auch ästhetische Geltungsansprüche erhoben und debattiert, die Gründe für Handlungen bereitstellen und generieren, die im Falle journalistischer Produktionen – anders als bei rein künstlerischen Dokumentarfilmen – sich im finalen Film verdichten. An Kunsthochschulen rümpfen die Dozierenden oft die Nase, weil ja nicht free and easy der Eigendynamik des Materials gefolgt würde und so alles Visuelle und Akustische nur noch zum Beleg mutiere. Bei einem Thema wie Leben und Werk Hannah Arendts, die selbst vor allem schreibend wirkte, können rein künstlerische Zugänge aber auch ins Triviale münden und das umfangreiche Material, das ihren eigenen Forschungen zugrunde lag, gegebenenfalls durch Übersetzung in "Kunst" auch karikieren.

Für mich sind diese Produktionsphasen jedoch auch Leidensphasen.

Ich bin als Philosophiestudent in der audiovisuellen Medienproduktion eher zufällig gelandet. Das, was ich bei großartigen Lehrer*innen wie Herbert Schnädelbach, Anke Thyen, Martin Seel, Ina Lorenz und Max Miller lernte, das verschwand aber nie aus meinem Denken. Es prägte noch die Arbeit an Musikdokumentationsreihen wie "Pop 2000" und das Gerüst der zwölf Folgen oder auch "Birth of", in diesem Fall die Betrachtung des Jazz als sich der weißen “Hochsprache “, auch der musikalischen, entziehender Musik.

Bei einem Projekt wie diesem, in dem ich allenfalls die Möglichkeit habe, Kerngedanken aus dem Werk Hannah Arendts, Spotlights gewissermaßen, filmisch erzählen zu können, gerate ich immer wieder in Verzweiflung. Da fehlt doch was! Ich denke jedoch, dass es in diesem Fall gelungen ist, zumindest zentrale Motive ihres Denkens – die Unterscheidung zwischen Paria und Parvenu, das von ihr diagnostizierte Bündnis zwischen Mob und Elite, die Forderung nach dem Recht, Rechte zu haben, wie auch die Analyse der Entmenschlichung und Entindividualisierung von Personen durch totalitäre Systememit Hilfe der Interviewpartner*innen Seyla Benhabib, Martine Leibovici, Marina Touillez, Omri Boehm und natürlich auch Thomas Meyer angemessen pointiert zu haben.

Blicke ich in Arendts Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", so springen mich darüber hinaus all die Seiten an, die nicht in der Dokumentation auftauchen können – das gesamte Kapitel über Imperialismus zum Beispiel oder auch die teilweise hochkomplexen Herleitungen zur Genese eines neuen "Rasse-Antisemitismus" im 19. Jahrhundert; ebenso die zur Funktion von Juden in Nationalstaaten aus Sicht dieser Nationalstaaten, die Juden nur dann ertrugen, wenn sie sich instrumentalisieren ließen.

Thomas Meyer verweist in seiner Arendt-Biographie darauf, dass, wer einmal versucht habe, Hannah Arendt zusammenzufassen, schnell merken würde, wie ungeheuer schwierig das sei. Sie verfügte über die Fähigkeit, beinahe schon "Claims" wie "Banalität des Bösen" zu prägen – lässt man sich auf ihre Denk- und Schreibbewegungen jedoch ein, so ziehen sich diese oft über viele Seiten hin und sind dann, strukturiert oder pointiert man sie in der Zusammenfassung zu stark, nicht mehr dieselben.

Für die Dokumentation blieb mir nur die Möglichkeit, Elemente wie die Frage nach der Assimilation von Juden, die Dreyfus-Affäre und auch Passagen zu Marcel Proust aus diesem so beeindruckenden Passagen zum Antisemtismus herauszulösen.

Nun ist der Film fertig.

Er heißt "Hannah Arendt – Eine Jüdin im Pariser Exil". Die Ausstrahlung wird Anfang Dezember erfolgen.

Es ist ein beinahe befremdliches Gefühl, nun all das abgeschlossen zu haben, was zwei Jahre lang mein Leben prägte. Auf dieser Essay-Seite habe ich ja bereits viel dazu geschrieben, was diese Zeit prägte, mit welchen Erfahrungen sie sich verband, was ich erlebte. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Das Interesse an der Dokumentation ist bereits groß. Am 7. Oktober werde ich im Rahmen der Hannah Arendt-Tage in Hannover mit Thomas Meyer und der Fotokünstlerin und Filmregisseurin Franziska Stünkel auf einem Podium ein "Werkstattgespräch" führen – die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Ende November führt ARTE in Zusammenarbeit mit Vincent Productions und der ZEIT-Stiftung den Film im Hamburger Abaton-Kino auf: die Premiere. Am 4. Dezember zeigt die Volkswagen-Stiftung in meiner Anwesenheit den gesamten Film im Rahmen einer Veranstaltung zur "Zukunft der Demokratie" in Hannover-Herrenhausen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Eine der Herausforderungen bei der Gestaltung des Films war angesichts dessen, dass der Schwerpunkt auf den Pariser Jahren dazu verführen könnte, nun ausgerechnet als Deutscher mit Wehrmachts-Vorfahren hämisch über den Umgang französischer Behörden mit jüdischen Flüchtlingen zu berichten und dabei die Täter im Vollzug des Holocaust wegzuerzählen. Ich hoffe, dass wir in diesem Fall gut gegengesteuert haben.

Das Ende des Films widmet sich so einem nicht allzu bekannten Text Arendts, "Besuch in Deutschland". Arendt reiste ins Land ihrer Herkunft und traf auf Ignoranz gegenüber dem, was deutschen und nicht-deutschen Juden zuvor durch nicht-jüdische Deutsche angetan wurde. Die Deutschen gingen mit Tatsachen nun so um, als handele es sich um bloße Meinungen. Es gestehen jene Schuld ein, die in den Jahren 1933–1945 nicht allzu aktiv an der Vernichtungsmaschinerie mitarbeiteten – während die Täter das, so wörtlich, "ruhigste Gewissen der Welt haben".

"Aus der Wirklichkeit der Todesfabriken wird eine bloße Möglichkeit: die Deutschen hätten nur das getan, wozu andere auch fähig seien (was natürlich an vielen Beispielen illustriert wird) oder wozu andere künftig in der Lage wären; deshalb wird jeder, der dieses Thema anschneidet, ipso facto der Selbstgerechtigkeit verdächtigt. In diesem Zusammenhang wird die Politik der Alliierten in Deutschland oft als erfolgreicher Rachefeldzug dargestellt."

Hannah Arendt, Besuch in Deutschland, Berlin 1993, S. 27 f.

Wenn die Dokumentation auch nur ein paar Leser*innen animieren sollte, diesen Text Arendts noch einmal zu lesen, dann bin ich ja schon zufrieden. Oder die Biografie von Thomas Meyer. Oder gar "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" durchzublättern und an manchen Passagen hängen zu bleiben, um sich dem Sog des Denkens Arendts hinzugeben.

Arendt ist so viel mehr als die Instagram- und Social Media-Kacheln, die mit ihrem Foto versehen zirkulieren und manchmal auch mit Falsch-Zitaten geschmückt sind.

Ich vermute auch, dass sie nicht damit einverstanden gewesen wäre, von Markus Söder neben Franz Josef Strauß in der Walhalla aufgestellt zu werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)oder sich als Skulptur in einem Projekt von Donald Trump zu den größten Amerikanern wiederzufinden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Was sie zum Arendt-Buch Winfried Kretschmanns sagen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) würde, auch das kann man nur vermuten. Gelesen habe ich es noch nicht. Ich würde schon den Titel – "Der Sinn von Politik ist Freiheit" – so erweitern, dass die Freiheit des Politischen sich ihres Erachtens nur im gemeinsamen Handeln im öffentlichen, politischen Raum entfalten kann – in Abwesenheit jeder Gewalt. Zu der auch die Entrechtung gehört, der man Flüchtlinge aussetzt.

Aber dieser 50. Todestag wird wohl unter anderem in einem ziemlichen Gezerre enden, wer denn nun Arendt für sich in Anspruch nehmen kann.

Wenn es unserer Dokumentation auch in den Augen der Zusehenden gelingen sollte, dass in ihr Arendts eigene Sicht in Ausschnitten ihres Werkes wie auch den biographischen Bezügen, in denen es entstand, zum Ausdruck kommt – dann freue ich mich sehr.

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