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Uninformierte Uninformiertheit in Zeiten des Informationsüberflusses

Oft schaffe ich es nicht, meine Kommentarspalte genauer anzuschauen, weil ich sonst den Glauben an die Menschheit verliere. Vor allem auf Facebook packt mich das kalte Grauen. Dennoch bleibe ich - anders als auf X - dort. Auch, um zu sehen, was jene antreibt, die in mir einen linksradikalen Hetzer sehen. Eine Frage, die mich umtreibt, die ich aber nicht zu beantworten vermag, ist oft jene: Handelt es sich bei manchen Aussagen aus der Konsequenz von Ignoranz oder ist eine andere Haltung im Spiel? Einige Gedanken zu Ignoranz und Dummheit.

Ein kurzer Dank

Dies hier ist mein politischer Newsletter, in dem ich offen und laut über Dinge nachdenke, die nicht, oder nur in zweiter Instanz mit Bildung zu tun haben. Meinen Bildungsnewsletter kann man hier anschauen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Mein Ziel ist es, weiter von Social-Media und den willkürlichen Algorithmen unabhängig zu werden. Aus dem Grund freue ich mich, wenn ihr diesen Newsletter abonniert.

Ein besonderer Dank gilt nicht nur den ersten 928 Abonnenten meines Bildungsnewsletters und den ersten 44 Abonnenten dieses Newsletters, sondern insbesondere Jan, Frank, Alexandra, Jasmin und Michael, die meine Arbeit als Mitglieder unterstützen. An alle, die dies mit Interesse und Gewinn lesen: Ich freue mich sehr, wenn ihr den Newsletter abonniert, teilt oder weiterleitet.

“Ich weiß nicht, dass ich nichts weiß”

Nachdem sich mal wieder tausende Kommentare unter einem Video auf Facebook gesammelt hatten, in dem ich darüber berichte, was ICE in den USA tut (also unschuldige Menschen töten, wie zuletzt Alex Pretti) und dass die AfD genau solche SA-ähnlichen Beamten in Deutschland will (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), fragte ich mich einmal mehr, wie ignorant Menschen sein können. Denn nochmal: Ich berichte, ich werte gar nicht.

Wenn ich ehrlich bin, wollte ich einen Artikel über Blödheit (bzw. Dummheit) schreiben, erinnerte mich aber daran, dass dieser Ausdruck als ableistisch gilt.

Nur kurz: Ich verstehe den Einwand und nehme ihn ernst, würde aber argumentieren, dass Blödheit oder Dummheit zunächst definiert werden könnte. Und zwar nicht als allgemeines Fehlen von kognitiven Fähigkeiten und noch weniger als Fehlen von normativem Wissen. Dummheit wäre vielmehr die bewusste Ignoranz einer notwendigen Reflexion der eigenen Begrenztheit.

Dummheit wäre vielmehr die bewusste Ignoranz einer notwendigen Reflexion der eigenen Begrenztheit.

Dies kommt der Definition des “Gebildeten” in dem wunderbaren Aufsatz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) des Philosophen Peter Bieri (1944-2023) nahe, der in unter dem Abschnitt “Bildung als Selbsterkenntnis” beschreibt:

Der Gebildete - so lautet meine nächste Definition - ist einer, der über sich Bescheid weiss und Bescheid weiss über die Schwierigkeiten dieses Wissens. Er ist einer, dessen Selbstbild mit skeptischer Wachheit in der Schwebe gehalten werden kann. Einer, der um die brüchige Vielfalt in seinem Inneren weiss.

Demnach wäre Unbildung, die zwar auch eine pejorative Konnotation hat, aber wenigstens keine ableistische, das Fehlen des Wissens um die eigene Unzulänglichkeit. Das wäre in etwa der Definition des populärwissenschaftlich weit bekannten Dunning-Kruger-Effekts. Dieser wird oft genutzt um zu erklären, dass das Fehlen von Wissen über ein Thema zu der falschen Annahme führen kann, besonders viel zu wissen. Das Selbstbewusstsein steigt also mit dem Unwissen über die Welt, das Phänomen oder das Thema. Der Effekt: Je mehr Menschen wissen, wie wenig sie wissen, desto stiller werden sie. Und andersherum. Die ignoranten Gewinnen, zumindest das Rennen um Aufmerksamkeit.

(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Hemanth Chakravarthy Mudduluru

In einem Kurzvideo, das ich nicht mehr finde und dessen Urheber ich nicht weiß, beschrieb dieser folgende, aus meiner Sicht spannende Erkenntnis:

Es gibt drei Arten von Wissen. Das Wissen, von dem ich weiß, dass ich es weiß. Das Wissen, von dem ich weiß, dass ich es nicht weiß. Und das Wissen, von dem ich nicht weiß, dass ich es nicht weiß.

Wenn meine Videos in Telegram-Gruppen geteilt und tausendfach kommentiert werden, findet sich vor allem letzteres. Und dies besonders bei AfD-Wählern. Man hat oftmals das Gefühl, dass es sich um eine kollektive Ignoranz handelt, die gleichzeitig identifikationsstiftend ist. SPD-Unterstützer kritisieren ihre Partei. Auch jene der Grünen, der Linken und sogar der CDU. Aber in einer Sekte schafft man die Reflexion ab.

Das ist nicht nur schade, weil damit jede Form von Austausch verunmöglicht wird, sondern auch gefährlich, weil in Zeiten von KI und Fake News die Ignoranz von jenen befeuert wird, die mit ihr Stimmung erzeugen oder Geld machen. Um nochmals zu Alex Pretti zu kommen: Nachdem die New York Times präzise, klar und nachvollziehbar dargelegt hatte, dass dieser ein Handy in der Hand hielt und keine Bedrohung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) darstellte, kursierten bei den ultrakonservativen Verschwörungsideologen Bilder, die nahelegen sollten, dass das Handy in Wirklichkeit eine zusammengeklappte Waffe war.

(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
@alluring auf Threads

Und während man von außen nur staunen kann über den Willen mancher Menschen, auf Teufel komm raus an eine alternative Wahrheit zu glauben und die Möglichkeit einer anderen Wahrheit gar nicht erst zuzulassen, bleibt für mich dennoch immer die Frage, ob die Menschen diese Form der uninformierten Uninformiertheit selbst reflektieren können. Mit anderen Worten: Ist diese Ignoranz selbst gewählt oder sind sie ihr schutzlos ausgeliefert. Wenn ersteres zutrifft: Könnte man von Dummheit sprechen? Oder von Unbildung? Und wenn zweiteres zutrifft, erlässt das die Menschen aus einer Schuld? Also jener Schuld, die sich daraus ergibt, auf falscher Grundlage zu beleidigen, zu drohen und zu hetzen. Ich weiß es nicht.

Ich könnte am Ende Einstein zitieren, aber wir haben den Satz über die menschliche Dummheit und das Universum wahrscheinlich alle schon zu oft gehört oder gelesen. Deshalb ende ich mit der leichten Hoffnungslosigkeit ob der uninformierten Uninformiertheit in der Kommentarspalte. Werden wir je miteinander sprechen können? Oder muss dafür die Plattform implodieren? Ich weiß es nicht.

“Ha, du weißt es nicht, du bist also gar nicht so klug, wie du denkst.”

Genau, that’s the fucking point!

Lesen und Hören

In einem Beitrag des Volksverpetzers (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) kann man lesen, wie der offizielle Account des Weißen Houses Neonazi-Content veröffentlicht. Eine erschreckende Analyse.

Wer sich dafür interessiert, wie aus einer nischigen Subkultur auf Message-Boards wie 4Chan eine Meme-Kultur gebildet hat, deren Protagonisten nun direkte Verbindungen ins Weiße Haus haben, dem empfehle ich diese Podcastfolge des Ehepaars Mr. P. und Mrs. P. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Sie sind aufgekratzt und anstrengend, arbeiten aber den Komplex #gamergate und seine Konsequenzen in zwei Stunden unterhaltsam heraus.

Wer noch tiefer in den Einfluss der Netz-Subkulturen schauen möchte, dem empfehle ich das kurze, aber informierte Buch “Kill all Normies” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Angela Nagle. Wer sich unsicher ist, kann eine kurze Besprechung im Deutschlandfunk nachhören (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

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Sujet Politische Reflexionen

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