Oktober war Brustkrebs-Monat. Die Frauen, die daran erkranken, werden in den USA immer jünger. Trotzdem gibt es noch immer Ärzt*innen, die junge Frauen nicht ernst nehmen und ihnen sagen, sie wären zu jung für Brustkrebs. Angelika wurde vor Kurzem mit 30 Jahren diagnostiziert.
Die Chefredaktion: Wie hast du den Moment erlebt, als du erfahren hast, dass du Brustkrebs hast?
Angelika: Es hat sich angefühlt, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Die erste Frage, die man sich stellt, wenn man Krebs hat: Wie viel Zeit habe ich noch? Nachdem man so eine Nachricht bekommt, ist man nicht in der Lage selbstständig zu handeln, man fühlt sich komplett benommen. Meine Mutter und Schwester waren damals bei mir. Das war sehr wichtig für mich, weil meine Schwester meinte, dass wir das gemeinsam schaffen, komme was wolle.
Die Chefredaktion: Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Angelika: Im Mai ist mir aufgefallen, dass ich einen Knoten oben außen in der linken Brust habe. Zuerst habe ich mir nicht wirklich Sorgen gemacht, ich dachte das geht nach meiner Periode wieder weg. Ist es aber nicht und nach zwei Wochen habe ich zufällig beim Abtasten, nachdem ich ein Ziehen in der Achsel gespürt habe, einen geschwollenen Lymphknoten entdeckt und mir sofort einen Termin beim Gynäkologen ausgemacht, der mir einen Ultraschall in einem Radiologieinstitut verschrieben hat. Ich nehme an, dass die dort zuständige Ärztin schon beim Ultraschall gesehen hat, dass es sich wahrscheinlich um einen bösartigen Tumor handelt, es mir aber nicht direkt sagen wollte, weil sie gesehen hat, wie verunsichert ich war. Am nächsten Tag konnte ich direkt einen Termin für eine Magnetresonanz machen. Das hat mir gezeigt, dass in Notfällen das Gesundheitssystem für mich persönlich greift, dass bei vielen jedoch nicht selbstverständlich ist. Es sollte in solchen Situationen nicht darauf ankommen, ob man Glück hat oder nicht.
Die Chefredaktion: Hast du ein Beispiel für einen Fall, wo die Person nicht ernst genommen wurde?
Angelika: Eine 25-jährige Frau aus dem Umfeld meiner Mutter war beim Arzt, da sie aufgrund von blutenden Brustwarzen Bedenken hatte. Der Arzt meinte, das sei zyklusbedingt und sie solle sich keine Sorgen machen. Sie hat danach weiter recherchiert und herausgefunden, dass das ein Hauptanzeichen für Brustkrebs ist. Bei einer Kontrolle musste sie direkt operiert werden, weil die Brustwarze komplett zerfressen war.
Die Chefredaktion: Hast du selber eine negative Erfahrung mit einem Arzt gehabt?
Angelika: Da war ich gerade Anfang 20 und bei meinem Gynäkologen. Ich habe ihn gefragt, ob er meine Brust abtasten könnte, doch er machte daraufhin den Kommentar, dass ich noch zu jung dafür sei. Frauen, die von Brustkrebs betroffen sind, sind normalerweise um die 60, doch die Betroffenen werden immer jünger. Zum Glück ist die Krankheit im Gegensatz zu anderen bereits gut erforscht.
Die Chefredaktion: Auf Social Media hört man oft den Begriff ,,Medical Gaslighting’‘. Vor allem Frauen berichten, dass ihre Symptome von Ärzt:innen oft heruntergespielt werden.
Angelika: Ich glaube, dass liegt vor allem an den Strukturen, in denen wir leben. Frauen gehen in der Regel verantwortungsbewusster mit ihrer eigenen Gesundheit um und werden trotzdem als hysterisch abgestempelt, wenn sie ihren Symptomen nachgehen. Meine Schwester wollte sich nach mir untersuchen lassen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist, weil sie dachte, es könnte etwas Genetisches sein. Als sie eine Überweisung für ein Brust-MRT bekommen hat, wurde sie im Institut von einer Radiologieassistentin in einem belächelnden Ton gefragt, warum sie denn einen Termin hat, wenn es keine klare Indikation für Brustkrebs gibt. Es fehlt oft an Sensibilität im Umgang bei schwerwiegenden Erkrankungen.
Die Chefredaktion: Was würdest du anderen Frauen raten, die Veränderungen an ihrer Brust bemerken und sich bei einem Arzt nicht ernst genommen fühlen?
Angelika: Man soll sich unbedingt eine Zweitmeinung holen – und so lange weitersuchen, bis man ernst genommen wird, auch wenn es vielleicht bedeutet, privat zu einem Arzt gehen zu müssen. Ich weiß selber, dass ich in einer privilegierten Situation bin, weil ich bei meiner Mutter zusatzversichert bin. Viele können sich das nicht leisten, das ist ein Problem des Systems, Gesundheit sollte kein Privileg sein.
Die Chefredaktion: Was hat dir in dieser Zeit geholfen, die Diagnose emotional zu verarbeiten?
Angelika: Ich habe sehr lange gebraucht, um das zu verarbeiten. Eine Zeit lang habe ich mich nicht getraut, meine Brust zu berühren und wollte auch nicht, dass mein Partner zu der Stelle greift. In meinem Krankenhaus wird eine kostenlose klinische Betreuung angeboten, wo ich sofort einen Termin ausgemacht habe. Nach meiner ersten Chemotherapie war ich am Boden zerstört und habe dann gemerkt, dass ich es alleine nicht schaffe und habe mich für ein Antidepressivum entschieden. Sowas ist überhaupt nicht verwerflich und man sollte keine Scheu davor haben.
Die Chefredaktion: Du befindest dich gerade in der Chemotherapie. Wie hat sich dein Alltag verändert?
Angelika: Die Chemotherapie ist immer sehr unterschiedlich. Vor meiner ersten hatte ich sehr Angst, es tut aber nicht weh. Ich hatte danach ein ,,Chemobrain” (die Bezeichnung von Denk- und Gedächtnisproblemen bei Krebspatient:innen) und war überfordert mit allem. Es war unmöglich, alleine auf die Straße zu gehen, ich hatte Taubheitsgefühle. Als meine Dosis reduziert wurde, ist es leichter geworden.
Die Chefredaktion: Gibt es etwas, das du dir von Ärzt:innen im Umgang mit jungen Patientinnen wünschen würdest?
Angelika: Ich würde mir wünschen, dass Frauen endlich ernst genommen werden. Es muss schnellstens ein Umdenken passieren, außerdem muss nicht immer alles auf den Zyklus zurückgeführt werden. Bevor man davon ausgeht, dass etwas psychisch nicht in Ordnung ist, sollte erstmal körperlich alles abgeklärt werden. Es sollte nicht immer so ein Kampf sein, adäquat behandelt zu werden.
Die Chefredaktion: Was möchtest du jungen Frauen mitgeben, die Angst vor einer Untersuchung haben oder sich nicht trauen, etwas abklären zu lassen?
Angelika: Man muss es tun, auch wenn man Angst hat. Es ist - das klingt jetzt vielleicht hart gesagt - die einzige Möglichkeit, wenn man die Chance auf ein zweites Leben haben möchte. Außerdem ist es sehr wichtig, jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann. Die Erkrankung bekämpfen kann man nur, wenn man sie rechtzeitig erkennt.
Die Chefredaktion: Was hat die Diagnose mit deinem Leben gemacht? Hast du andere Ansichten als davor?
Angelika: Mein Leben wurde zu 180 Grad auf den Kopf gestellt. Dinge, die mir früher schwer gefallen sind, habe ich auf einmal ganz klar gesehen. Ich war schon immer ,,People Pleaserin’‘ und jetzt ist das ganz anders. Ich habe eine Stimme und möchte sie für Probleme, die ich in der Gesellschaft beobachte, einsetzen und einfach ein besserer Mensch sein. Geringes Selbstvertrauen, Scham und das ewige Vergleichen mit anderen sind überhaupt kein Thema mehr. Ich denke, der Moment, der oft mit 60 kommt, wenn man sich endlich “angekommen” fühlt, sich selbst schön findet und diese Gelassenheit verspürt, ist bei mir dadurch viel früher gekommen. Es ist schade, dass die meisten dieses Gefühl nicht früher entdecken. Der Selbstoptimierungswahn auf Social Media ist ein Beispiel dafür. Man möchte sich online als perfekt inszenieren, aber warum eigentlich? Es ist doch eigentlich wichtig, sich zu fragen, was könnte ich machen, um mich wirklich besser zu fühlen? Was kann ich an meine Mitmenschen zurückgeben?
Die Chefredaktion: Was möchtest du den Leuten mitgeben?
Angelika: Dass es wirklich jeden treffen kann. Ich hatte immer Angst, an Krebs zu erkranken und habe immer auf meine Gesundheit geachtet. Ich habe mich gut ernährt, auf Fleisch verzichtet, nicht geraucht und keine Drogen genommen – und trotzdem bin ich mit 30 an Brustkrebs erkrankt. Abschließend möchte ich sagen: Natürlich ist es immer ein auf und ab, es gibt schlechte und gute Tage. Das gehört dazu. Wenn man weinen will, sollte man diese Emotionen zulassen, da es keine leichte Sache ist.
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