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Auch Drachen sind Fabelwesen: China wird das Klima nicht retten

Screenshot aus dem Anime "Dragoncatcher": chinesischer Wunderdrache vor freundlich lächelndem Mädchen. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Auch Drachen sind Fabelwesen...

02/04/2026


Liebe Leute,

die Sexarbeit wird ja gerne als das älteste Gewerbe der Welt bezeichnet, aber ich bin mir da gar nicht so sicher – ich würde denken, dass Geschichtenerzählen das älteste Gewerbe der Welt ist. Denn während wir zwar day-to-day auch ganz gut ohne Sex überleben können, brauchen wir jeden Tag Geschichten um uns herum: Geschichten geben unseren Handlungen Bedeutung, ordnen unsere Gefühle in sinngebende Zusammenhänge ein, strukturieren unsere menschlichen Beziehungen so, dass wir im besten Fall wissen, welche wichtig sind, welche wir besonders pflegen müssen (oder in einem eher negative case scenario, glauben, dass bestimmte Beziehungen von besonderer Wichtigkeit sind, während sie doch nur vergängliche kleine Wirbel im langen Fluss des Lebens sind).

Wir brauchen, wir nutzen Geschichten, um Ereignissen, Gefühlen, Entscheidungen Sinn zu geben. Stellt Euch mal eine Welt vor, in der jedes Ereignis sinnlos in unser Leben platzen würde, keine Vor- und keine Nachgeschichte hätte... Wir würden sofort durchdrehen. Die ältesten Geschichten sind daher auch animistische Geschichten, solche, die den Lebewesen, Orten und Gegenständen, die wir im Alltag antreffen, transzendente Bedeutung zuweisen. Oder etwas kürzer: die ältesten Geschichten, die es gibt, sind irgendeine Variation dessen, was wir heute “Religion” nennen. Gods are the world's oldest brand.



Archetypen

Die Idee von Gottheiten (animistisch, poly- oder monotheistisch) und anderen übernatürlichen Wesen entsteht, wenn Menschen/Gemeinschaften vor Situationen stehen, die ihnen unerklärlich erscheinen, und/oder sie in intensive Gefühlszustände versetzen, seien diese Ehrfurcht und Staunen, oder panische Angst. Aber Gottesgeschichten sind nicht die einzigen, die wir uns gegenseitig erzählen: wer wie ich viel Zeit mit dem Hören von Horror-, Fantasy- und SciFi-Romanen verbringt, und jeden Abend 1-2 Folgen irgendeiner fantastischen Fernsehserie schaut, der wird auffallen, dass sich alle Geschichten irgendwie wiederholen.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die “hero's journey”, die immer – egal ob im Herrn der Ringe, der Odyssee oder der Bibel, in jedem superhero movie – einer bestimmten Struktur folgt: Aufbruch (“origin story”), Initiation (“Abenteuer”), Rückkehr. Ich liebe zum Beispiel Stephen Kings Romane, weil er so wunderbare, oft jugendliche “Held*innen” schreibt, in die ich, im Herzen immer noch ein alleingelassener kleiner Junge, der von einem Helden (wohl irgendwie auch einem Prinzen) gerettet werden will, mich sowohl verlieben, als auch mit ihnen identifizieren kann.

Worauf will ich hinaus? Naja, ganz offensichtlich, dass ich mal wieder mit meinem Therapeuten reden muss, aber ich hab auch nen inhaltlichen Punkt: alle Geschichten, die wir erzählen, wiederholen sich in ihrer Kernstruktur immer wieder. Ich hatte zwar leider nie die Zeit, mich mit der Arbeit des visionären Psychologen Carl Jung zu beschäftigen, aber die Idee, dass es im Grunde universelle Urbilder gibt, die in allen Geschichten auftauchen, die wir einander erzählen, um der Welt Sinn zu geben, universelle Urbilder, in denen bestimmte menschliche Grunderfahrungen verarbeitet (“aufgehoben”?) sind, erscheint mir erst einmal sehr einleuchtend – vor allem, wenn man die “großen” Geschichten der Weltgeschichte (verzeiht meine Westprägung hier, ich nehme an, die Bhagavad Gita würde hier ebenso gut reinpassen, dito andere Epen der Menschheitsgeschichte) ein bisschen miteinander vergleicht: die selben Themen, Strukturen, Funktionen rekurrieren immer wieder.



Der Retter

Eine der zentralen rekurrierenden Funktionen, Charaktäre, Archetypen in den Geschichten, die ich konsumiere, ist “der Retter” (ich gendere hier mal nicht: für mich als schwulen Mann mit more daddy-issues than you shake a stick at ist der Retter immer eine männliche Figur, please reassign their gender as per your own needs). Der Retter... nunja, rettet uns. Rettet uns aus dunklen Kellern, in denen wir gefangen sind, rettet uns aus der Einsam- und der Sinnlosigkeit, der Retter ermöglicht es der Geschichte, weiterzugehen (für Tolkien-Fans: “The Eagles are coming!”). Der Retter heilt und erlöst, der Retter (sagt mir die Google KI) “verkörpert Selbstaufopferung, Moral und Stärke”, und der Ursprung des Archetyps liegt oft in der Mythologie als göttliche Gestalt, oder, in der Literatur, als heroischer Beschützer. Was mich endlich, nachdem ich Euch eine Seite lang als Gruppentherapie genutzt (hoffentlich nicht missbraucht) habe, zum politischen Thema des Textes bringt: dass eigentlich alle nicht-kollapsbewussten politischen Geschichten, die wir über die Welt erzählen, besser mit dem Handwerkszeug der vergleichenden Religionsforschung und Jung'schen Psychoanalyse zu verstehen sind, als mit Verweis auf tatsächliche Realitäten. Offensichtlich ging es mir in diesem Text nicht nur um gegenwärtige politische Diskurse, da wurde auch einiges persönliches mit verarbeitet, aber diese Connection herzustellen, hat sich in meiner Arbeit der letzten Jahre meist als produktiv erwiesen, so bear with me, if you will.

Ich erwähnte oben kurz das kleine, junge, alleingelassene Ich, das im Keller sitzt, und gerettet werden will – ich will, ich muss gerettet werden, weil ich alleine nicht meine Einsamkeit auflösen kann (still haven't learnt that, by the way). Mittlerweile habe ich mir natürlich ne Reihe von coping strategies entwickelt, und Wolf ist der alltäglich real-existierende Retter meines Lebens, derjenige, der mich jeden Tag aus dem einsamen Keller befreit/erlöst, und die meisten meiner Dämonen verjagen kann. Aber mein Leben ist glücklicherweise nicht die Klimafrage, denn in der Klimafrage sind wir als Gesellschaft immer noch jenes kleine Kind, das allein und ängstlich im Keller sitzt, sich vermutlich sogar fragt, ob es irgendwie mit dafür verantwortlich ist, dass es so allein ist, dass draußen alles kaputt geht (ob es das tatsächlich ist, oder nicht, ist hier egal – wichtig ist, was gefühlt wird). Oben tosen die Stürme, wüten die Hungersnöte, wird alles jeden Tag immer schlimmer, und wir wissen seit Jahrzehnten davon. Aber weil wir so klein und schwach und handlungsunfähig sind, können wir auch nichts dagegen machen. Es droht das Abrutschen in die tiefe, schwärzeste Depression. Sauron hat seine Hand fast schon um den Ring.



Klimaretter

Aber dann geht irgendwo im Westen die Sonne auf, wir hören den Flügelschlag der riesigen Adler, die sowohl im Hobbit, als auch im Herrn der Ringe ständig als dea ex machina fungieren, plötzlich geht die Tür des dunklen Kellers auf, und umringt von Lichtschein steht oben der Retter. Im persönlichen Bereich hat diese Person für jede ihre eigene Struktur, im Klimafeld war es meist ein “starkes”, “fortschrittliches” Industrieland, das aus irgendwelchen Gründen anders war, als die anderen Länder. (Von der deutschen Klimajournalismus-Website, die bis vor geraumer Zeit tatsächlich den Namen “Klimaretter” trug, schweige ich hier weitestgehend – die Texte waren meist gut, der Name so cringe, das es wehtat.)

Zum Ende der Nuller Jahre, als der Hurricane Katrina und Al Gores nobelpreisprämierter Diavortrag “The Inconvent Truth” den globalen Norden ein wenig klimabewusst gemacht hatten, war die Größe der Herausforderung schon einmal klar, vielleicht klarer, als in der heute ständig zunehmenden Klimaverdrängung. Damals war die Heldin der Geschichte der heutige villain: die USA unter Obama wurden als Verkörperung universeller Rationalität und Fortschrittshoffnungen gesehen, sein “Yes We Can!” wurde eine Art globaler Slogan, der uns mitten in den Untiefen der Weltwirtschaftskrise zeigen sollte: yes, we CAN use the climate crisis to start a new round of “green growth”, Obama will save us, and everything will be well. Damals waren Saudi Arabien und China die villains, die Saudis mit ihrem bösen Öl, und China mit seiner bösen Verneinung jeglicher globalen Verantwortungsübernahme (China betonte seinen “developing country status”, der Westen grölte “AbeR DiE chINeSeN!”).

Später, um das Paris Agreement herum, war es kurz die EU mit ihren zentralen Playern Frankreich und dem angeblichen Ökochampion Deutschland, die in die Rolle der Retterin globaler Vernunft aufstiegen, aber als kurz danach Obama die Bühne verließ, und der bisherige comic relief plötzlich im Weißen Haus saß, schien die Rolle der Klimaretterin kurz verweist. Es ist meine These, dass der Raum, den die Klimabewegung Ende der Zehner einnehmen konnte, genau dieser war: die Rolle der Weltklimaretterin war verwaist, und die Klimabewegung konnte ein bisschen was von der Legitimitätsreserve abgreifen, die in der Rolle lag.

Fast forward to now: mittlerweile sind die USA in die Schurkenrolle verwiesen worden, die EU rudert immer schneller von ihren Klimacommitments zurück, und plötzlich ist es der ehemalige Oberschurke China, der jetzt in der Rolle der Retterin ist. Ich schrieb zum letzten Klimagipfel dies (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):

“China, das zwar massiv fossile Brennstoffe ausbaut, das 2024 mehr Kohlekapazität hinzugefügt hat, als in den zehn Jahren davor, das auf eine 'all of the above'-Energiepolitik (Ausbau aller profitablen Energiequellen) setzt, und darin natürlich auch viel erneuerbare Kapazität dazubaut, ist jetzt die neue Klimaheldin. Wenn also Jonas Waack in der taz schreibt: 'Danke, China! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)' ist das ein bisschen lustig und ein bisschen traurig, weil es natürlich einerseits die Fortschreibung der alten europäischen Attitüde des 'jemand anderes wird unseren Müll schon wegräumen' ist, andererseits die psychologische Dimension der Gipfelerzählungen so schön verdeutlicht. Die Klimaheldin, die bei jedem Gipfel gefunden wird, ist die dea ex machina, die es uns erlaubt, unsere Sorgen zu verdrängen, völlig unabhängig davon, was die Heldin in der Realität macht – denn es geht ja nicht um die Realität. Es geht um eine Erzählung, die uns gut fühlen macht.” (Vgl. auch diesen Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von 2010, der nach dem gescheiterten COP15-Klimagipfel genau die selbe These über den Klimadiskurs aufstellt.)



Weltretter

Dass China uns retten wird, steht übrigens nicht nur in der taz so, auch einer der für mich derzeit klügsten Intellektuellen der westlichen Welt, Adam Tooze, erzählt ständig die Geschichte, wie das Land, das gleichzeitig den größten fossilen Ausbau der Geschichte vorantreibt, die globale grüne Energiewende antreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und um das zum xten Mal zu betonen: gleichzeitig erneuerbare und fossile Energien ausbauen ist keine Energiewende. Noch mehr: jetzt hofft Tooze, dass China nicht nur das Klima retten wird, sondern er schlägt einen “blueprint for Chinese global leadership (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” vor. China, so Toozes Position, soll im Grunde die Rolle der alten USA, des alten Westens einnehmen (also die nette Rolle, nicht die reale, aber wir reden hier ja von Geschichten), globale Hegemonie errichten, die Welt stabilisieren, dafür sorgen, dass das Klima geschützt wird, dass es weniger Kriege gibt, dass... wir nicht mehr so allein im dunklen Keller sitzen müssen.

Ich habe ehrlichen intellektuellen Respekt vor Tooze, aber die psychologischen Treiber dieser “Analyse” sind erheblich offensichtlicher, als die materiell-analytischen. Niemand wird kommen, um uns zu retten: egal, ob China ein good or bad actor ist (je nach Perspektive), egal, wie brilliant oder dämlich die Pläne und Strategien der chinesischen Regierung, egal, ob wir uns mal kurz fragen, was eine globale chinesische Hegemonie bedeuten würde... gibt es den Pfad zur Rettung nicht mehr. China wird das Klima nicht retten, weil es schon kippt; China wird den Fossilismus nicht abschaffen, sondern nur ein hocheffizientes weiteres Energiesystem dazubauen, in einer Welt, deren Energiehunger schneller steigen wird, als ihre Energieproduktionskapazitäten. Und China wird nicht “die Weltordnung” retten, weil diese in einer Kombination aus Thukydidesfalle (Konflikt aufsteigender vs. absteigender Hegemon) und globalem ökologischen Kollaps zermahlen wird. Auch Drachen sind Fabelwesen.

Der Retter kommt nicht. Das Ende schon. Die Story, wie wir das Ende meistern werden: das ist die Story, die wir jetzt schreiben müssen. Daher der Plan für mein 2. Buch.

Mit spätkindlichen Grüßen,

Euer Tadzio



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